Rezension

Frauen als Heilsbringerinnen?

Dagmar Buchta, 02. September 2010 07:00
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    Frigga Haug ist Herausgeberin der Zeitschrift "Das Argument".

Frigga Haug und andere Wissenschafterinnen widmen sich im neuen Heft "Das Argument" dem gegenwärtigen Diskurs über die Stärken von Frauen - und bleiben in alten Dualismen gefangen

Sich auf die Spuren und Fährten nach Stärken von Frauen zu begeben, gleicht der Suche nach dem Gral, schreibt die Philosophin und Soziologin Frigga Haug in ihren Werkstattnotizen zur neuen Ausgabe der Zeitschrift "Das Argument". Nicht, dass es diese Stärken angesichts der Jahrhunderte langen Festschreibung der Schwächen von Frauen nicht aufzufinden gäbe, doch ihre Erörterung erweise sich als Gratwanderung durch unterschiedlichste Kraftfelder. Vom Spiegel der gängigen Diskurse geht die Suche nach individuell starken Frauen durch Erfahrungen und Praxen des weiblichen Geschlechts zu Fragen des Gemeinwesens, um schließlich zu dem Punkt zu kommen, an dem "Selbstveränderung und Veränderung der Umstände in eins" fallen.

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"Frauen, das schwache Geschlecht". Theologen, Philosophen, Ärzte und andere Wissenschafter predig(t)en seit Jahrtausenden die ewig gleiche Leier. Doch wie schaut es im heutigen Diskurs eigentlich mit der "weiblichen" Stärke aus? Wenn Frigga Haug die "Stärken von Frauen" unter die Lupe nimmt, sieht sie sich mit einigen Problemen konfrontiert. Denn der Begriff zeigt sich nicht nur subjektiv ambivalent besetzt und historisch-ideologisch vor allem im Faschismus zu Herrschaftszwecken missbraucht, er ist auch "tagespolitisch als Klage von Männern gegen das Eindringen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt medial ausgeschlachtet", schreibt sie.

Seit Jahren behaupten verschiedene Medien, dass Frauen gesellschaftlich im Vormarsch seien, ja mancherorts sogar, dass sie die Macht bereits ergriffen hätten. Wenn jedoch schon das Auftauchen einzelner Frauen auf entscheidenden Posten als allgemeines Signal weiblicher Machtergreifung gedeutet wird, so sei dies ein Indiz dafür, dass es um die gesellschaftliche Definition von Frauenstärke nicht gut bestellt ist.

Weg von der Opferhaltung und Schwäche

Obwohl die Gleichstellungspolitik notwendigerweise auf die vielfältigen Benachteiligungen von Frauen antwortet, erweist sich der Prozess der Veränderung bekanntlich als unendlich langsam. Daher erscheine es nötig, die andere Seite der Medaille zu untersuchen. Also jenseits des Diskurses, dass Frauen "Opfer der Verhältnisse und der Männer sind", von dem zu sprechen, was Frauen können, was ihre Stärken ausmacht. Es gehe um die Suche nach politischen Praxen von Frauen, schreibt Haug. Denn nur diese seien Voraussetzung für Veränderung.

Sie nimmt Anleihe bei Virginia Woolf, die in ihrem Essay "Drei Guineen" (1938) zu dem Schluss gekommen ist, dass nichts gewonnen wäre, lebten die Frauen den Männern gleich, weil sie sich so unweigerlich dem "Tanz ums Eigentum" anschließen würden. Woolf ortete die Stärken der Frauen dort, wo sie als Gattungssubjekt in der kapitalistisch-patriarchalischen Gesellschaft nicht zum Zuge kommen. "Aus tradierter Geringschätzung des Weiblichen zieht sie die Möglichkeit, durch Karriere und deren äußere Zeichen nicht bestechlich zu sein und aus der Freiheit, Macht nicht repräsentieren zu sollen, schließt sie auf eine Haltung, die von Nationalismus, Chauvinismus nicht einzunehmen ist, die gegen 'Überheblichkeit, Egoismus und Größenwahn gefeit ist'", fasst Frigga Haug Woolfs Ausführungen zusammen.

Aus der Marginalisierung von Frauen über Jahrhunderte ein Potenzial für Soziales zu denken bzw. aus der Position der Schwäche heraus den Stoff für eine alternative Gesellschaft zu gewinnen, diesen Standpunkt vertrat auch Jean Baker Miller in ihrem Buch "Die Stärke weiblicher Schwäche" (1976). Die amerikanische Psychoanalytikerin sah in den Frauen entscheidende Stärken verkörpert, welche die heutige männlich-orientierte Gesellschaft bisher nicht erkannt hat: eine schöpferische Kraft, die von lebensnotwendiger Bedeutung für das gesamte Gesellschaftssystem sein könnte. Bindungen eingehen und die Bereitschaft zu intensiver Zusammenarbeit seien solche Stärken, denn das "Schicksal unserer Welt" würde sich in den Beziehungen der Menschen untereinander entscheiden.

Zusammenhalt auf die Gesellschaft übertragen

Die Bindungsfähigkeit und das Stiften von Zusammenhalt, das Frauen aufgrund ihrer "Schwäche" zu Stärken entwickelt haben, dürfe jedoch nicht auf kleine Gruppen wie die Familie beschränkt bleiben, um ihre Wirksamkeit zu entfalten, gibt Haug zu bedenken. Aus "care" müsse Solidarität werden und das Potenzial sich auf große Kollektive der Gestaltung erstrecken. Für die Gegenwart müsste, so Frigga Haug, gefragt werden, "ob und wie die in der Familie tradierte Haltung, Zusammenhalt zu organisieren, ins Große von Gesellschaft übertragbar ist".

Als Voraussetzung nennt sie die Notwendigkeit, allen Menschen genug Zeit einzuräumen, "Menschlichkeit, als Sorge für sich, andere und die Natur als Lebensbedingung zu entfalten. D.h. auch einen Rahmen zu schaffen, in dem die Einzelnen sich ungeachtet ihrer Verschiedenheit entwickeln können ... Fähigkeiten von anderen zu fördern, zu bejahen, zu unterstützen, statt sie gegeneinander zu richten. Strukturen zu schaffen, in denen das miteinander Kooperieren als alle bereichernd und genussvoll erfahren werden kann". Frauen könnten "solche Menschlichkeit" einklagen, schreibt Haug. Als Beispiel nennt sie die Forderung nach der sogenannten "Vier-in-einem-Perspektive": das Leben tendenziell so einzurichten, dass je ein Viertel der Erwerbsarbeit, ein Viertel der Sorge um die Reproduktion von Leben und Lebensbedingungen, ein Viertel der Selbstentwicklung und ein Viertel der politischen Gestaltung der Gesellschaft gewidmet ist.

Es gehe nicht darum, alle Frauen naturgegeben als stark zu denken, schließt Haug. Frauen könnten ihre Stärke aber dazu nutzen, zur Durchsetzung einer anderen Kultur beizutragen. "Solche Stärke wäre ansteckend und selbst Perspektive".

Ein altes Herrschaftskonzept im "neuen" Diskurs

So großartig Frigga Haugs Thesen auf den ersten Blick manch einer/m scheinen mögen, so kleinmütig erweisen sie sich bei genauerem Hinsehen. Die Forderung, Frauen seien dazu berufen, die Gesellschaft im Kleinen als auch im Ganzen zusammen zu halten und somit die Welt zu verbessern, sind weder neu noch fortschrittlich, sondern im Gegenteil obsolet und politisch nicht ungefährlich. Das kollektive Kleinhalten der Frauen als Gruppe, subsumiert unter dem Titel "schwaches Geschlecht" ist doch von jeher genau jenes Herrschaftskalkül, das deshalb aufgehen konnte, weil aus dieser "Schwäche" wesentliche soziale Attribute abgeleitet werden. Denn wenn diese für die Gesellschaft lebensnowendigen sozialen Fähigkeiten, die Unterdrückte unter anderem gerade aufgrund ihres Opferstatus ausbilden, für das Kollektiv fruchtbar gemacht werden sollen, gehen Frauen ein weiteres Mal den Herrschaftsstrukturen auf den Leim. Sie werden erneut geopfert. Was nützt es ihnen, wenn sie daraufhin anstelle von "schwach" als "stark", als Weltverbesserinnen tituliert werden?

Wenn also Frigga Haug meint, Frauen sollten "aus der Geschichte der Unterdrückung nicht bloß den Wunsch ... erben, nach oben zu kommen, selbst zu herrschen oder zumindest Nutznießerin von Herrschaft zu sein, sondern die große Aufgabe, die Welt wohnlich umzubauen, aus den Praxen in Unterdrückung das Beste nach vorn zu bringen und zu verallgemeinern", dann schießt sie sich selbst und alle Frauen ins Abseits. Frauen werden seit Jahrtausenden darauf trainiert, hilfreich und gut zu sein, sich aufzuopfern für andere, den Zusammenhalt und das Wohlergehen zu sichern. Währendessen werken die Herrschenden gegenpolig Bindungen und notwendige Zusammenhänge aufspaltend vor sich hin. Was soll daran neu sein?

Was unsere Gesellschaft global brauchen würde, ist nicht eine Ausweitung des Mutter-Teresa-Syndroms, sondern eine verantwortungsvolle und uneigennützige Teilnahme aller, besonders des "starken Geschlechts", der Männer. Dann müsste nicht mehr hochtrabend und nichtsbringend über Stärken und Schwächen philosophiert werden.
(Dagmar Buchta/dieStandard.at, 02.09.2010)

Stärken von Frauen
Das Argument 287
Heft 3/2010
Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften
hg. von Frigga Haug, Wolfgang Fritz Haug, Peter Jehle

Frigga Haug, Jahrgang 1937, ist deutsche Soziologin und Philosophin. 1958 gründete sie die Zeitschrift "Das Argument". Sie war Mitglied im Frauenbund, einer Gruppe, die sich 1968 als Aktionsrat zur Befreiung der Frau gebildet hatte. Diese spaltete sich in eine Gruppe, die sich fortan Brot und Rosen nannte und eine zweite, die zunächst weiter den alten Namen trug, sich aber 1970 in Sozialistischer Frauenbund Westberlin umbenannte. Dieser Frauenbund bestand bis etwa 1980. Haug ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac und Vorsitzende des Berliner Instituts für kritische Theorie.

Kommentar posten
12 Postings
marantana
02.09.2010 15:29
mamamia

"Für die Gegenwart müsste, so Frigga Haug, gefragt werden, "ob und wie die in der Familie tradierte Haltung, Zusammenhalt zu organisieren, ins Große von Gesellschaft übertragbar ist".

ich frage mich: hat dies frau noch nie etwas von sexueller und häuslicher gewalt gehört? innerhalb der familie finden die meisten gewaltdelikte statt, vor allem von männern an frauen und kindern! frauen schaffen es sehr schwer, dies im kleinen zu unterbrechen und wie dies in der gesellschaft in der frauen nur ein drittel des lohnes erhalten, 2/3 der arbeit machen und 1 prozent des besitzes haben, gelingen sollte?

Nennt mich Loretta
 
03.09.2010 15:03
PS: Warum nicht gleich in den Raum stellen, dass Frauen nur 5 % des Vermögens besitzen und dabei 90 % der Arbeit leisten.

Klingt doch viel besser, oder?

Schauen Sie sich doch mal um. Wieviel "weilbiche" Arbeit steckt wohl in unseren Häusern, Straßen, Autos, Möbel....

John Bello
03.09.2010 06:47
soviele vorurteile

in einem posting habe ich auf diestandard.at schon lange nicht mehr gelesen

Ein_Mann
03.09.2010 02:19
vor allem von Frauen an Kindern...

Mike 23
02.09.2010 14:08
Teilweise sehr gut

Ich stimme der Ablehnung Frigga Haugs Thesen vollkommen zu. Sie bringen die Frauen in meinen Augen nicht weiter.

Andererseits glaube ich nicht daran, dass sich eine Gesellschaft global verändern kann, so wie im letzten Absatz angedacht. "Eine verantwortungsvolle und uneigennützige Teilnahme aller" ist einfach illusorisch.

Die Stärken der Frau zu definieren erscheint mir in etwa so sinnlos und chauvinistisch, wie der Versuch, die Stärken des Mannes festzuschreiben. Stärken und Schwächen ergeben sich in meinen Augen immer nur aus spezifischen Biographien und können nicht für die Allgemeinheit geltend gemacht werden.
Michael

pox vobiscum
02.09.2010 13:37

Ja,ja die größte Stärke der Frauen ist, dass sie Menschen sind, ja, und auch Männer sind Menschen, was widerum deren größte Stärke ist. Und eine Gemeinsamkeit haben wir jetzt auch gefunden. Ach, die Erde könnte so schön sein ohne diese vielen lästigen Menschen. Ähm, jetzt ist mir der Faden gerissen, ´tschuldigung:-)

Silvio Lackner
02.09.2010 13:23
Was jetzt?

Wie kann es sein, dass immer dann, wenn es um Schule oder Interessen oder Berufe oder Sport oder Familie oder Sexualität geht, alles gleichgegendert ist - aber wenn es um die Rettung der Welt geht, sich die selben Protagonistinnen auf die naturgegebenen weiblichen Stärken berufen? Ist das selektive Wahrnehmung? Es ist fällt ja auch nicht auf, dass nie von den SexualtäterInnen, VerbrecherInnen, DrogenbossInnen, AlkolenkerInnen die Rede ist. Also bei "gut" und "böse" gibt es kein gender mainstreaming, da sind die Geschlechterrollen zementiert?

buggi
03.09.2010 20:29

wahrscheinlich liegt es daran, dass die meisten Sexualstraftäter Männer sind. Zu denken sollte es uns auch geben, dass für diese Straftaten nur ein paar lächerliche Monate Haft zu erwarten sind.
Die meisten Sexualstraftaten von Männer an Mädchen kommen gar nicht mehr an die Öffentlichkeit, weil es schon so häufig passiert.
Selbstverständlich sind auch Frauen Täter.

Wieviel Demokratie ist es bitte?
02.09.2010 11:12
Oh?

Differenzen im Lager?

*giggles*

BK W. Shoyssel
02.09.2010 10:01
mal kurz zusammengefasst:

am weiblichen Wesen soll die Welt genesen.
Darauf laufen die Argumente der Frigga ja hinaus, von denen die Redakteurin als so "großartig Frigga Haugs Thesen auf den ersten Blick manch einer/m scheinen mögen" zunächst berührt ist.

Aber über den Thilo regen sich alle ganz doll auf.

Mike 23
02.09.2010 14:12
Stimmt nicht ganz

Frigga Haugs Thesen werden im letzten Abschnitt abgelehnt, da sie damit "sich selbst und alle Frauen ins Abseits" schießt.
Michael

merz1
 
05.09.2010 13:54

wir sind mit einer rückkehr von biologismen konfrontiert...irre sowas.
differenzen im lager? ja unbedingt! die idee von einem "wir", in dem unterschiedliche diskurse ein no-go sind-is eh mehr als bedenktlich!

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