Marjan Kalhor hat bei den Olympischen Winterspielen 2010 als erste Skifahrerin ihr Land vertreten - Ihr Ziel: Ein Doktorat und vor allem noch einmal bei Olympia dabei sein
Dizin - Dass sie sich mitten im Sommer auf Skiern eine grüne Piste hinunter stürzt, ist nicht das einzig Bemerkenswerte an Marjan Kalhor. Sie ist eine Olympionikin und damit eine Seltenheit in Iran, wo Sport eine eindeutige Männerdomäne ist.
Zwei Autostunden von Teheran entfernt, trainiert sie in Dizin, das im Winter neben SkisportlerInnen auch nach Ruhe und Natur suchende HaupstadtbewohnerInnen anzieht. Im Sommer aber, wenn das Thermometer gut und gerne auf über 40 Grad Celsius klettert, gehört die Region ganz den Menschen wie Kalhor, die ihr Leben dem Sport verschrieben haben. Die 22-Jährige hat Dizin auch zu ihrer Heimatstadt gemacht.
Diesen Winter hat sie als erste iranische Skifahrerin überhaupt ihr Land bei den Olympischen Winterspielen vertreten. Sie liebe ihren Beruf, sagt Kalhor, trotz der Tatsache, dass sie - wie viele andere iranische SportlerInnen auch - keinerlei staatliche finanzielle Unterstützung erhält. "Bei Olympia habe ich mir die Kniee verletzt, aber nachgefragt, wie es mir geht, hat niemand. Ich habe die aus der Verletzung entstandenen Kosten allein getragen."
Ein Sportskollege, Mahdi Solghani, nickt: Das Leben sei schwer für iranische AthletInnen, für Frauen wie Männer. "Das einzige, das der iranische Ski-Verband für mich gemacht hat, war, mich zu Trainingscamps einzuladen", berichtet der in Iran erfolgreiche Skifahrer. "Dieses Jahr habe ich mir meine gesamte Ausrüstung selbst bezahlt, und die ist 4.000 Euro wert." Die Leidenschaft sie es, die ihn weiter an der Stange halte, denn Sport sei ein Beruf, bei dem man nichts verdiene. Zu den finanziellen Sorgen und der anstrengenden Suche nach Sponsoren kommt auf Mahdi Solghani noch ein weiteres Problem zu: Nächstes Jahr muss er seinen Militärdienst, der obligatorisch für alle Männer in Iran ist, leisten.
Marjan Kalhor muss als Frau mit anderen Hürden kämpfen. In einem Land, in dem es Frauen nicht erlaubt ist, Fußballspiele von Männern mitzuverfolgen und weibliche Spieler nur ganzkörperverhüllt kicken dürfen, war Skifahren für Frauen lange ein Tabu. Aber die Zeiten haben sich verändert, meint sie: "In der Vergangenheit gab es eine sehr neagtive Einstellung gegenüber Skifahrerinnen, aber im Laufe der Zeit konnten Frauen zeigen, dass sie etwas zu sagen haben und dass sie erfolgreich sein können."
Als sie heuer beim Olympischen Riesentorlauf in Vancouver 21.75 Sekunden langsamer als die Siegerin ins Ziel kam, trug auch Kalhor einen Skianzug und einen Helm ähnlich denen ihrer Kolleginnen aus aller Welt. "Anders wäre es zu gefährlich. Deshalb werden auch meine Ski-Outfits so designt, dass sie mich nicht behindern und gefährden. Auch in Iran trage ich exakt diese Ausrüstung wie ich sie beim Olympischen Rennen anhatte."
Bei der Eröffnungsfeier durfte Kalhor die iranische Fahne tragen. Sie sieht sich als neues Role Model für die nächste Generation: "Ich bin wirklich glücklich, dass ich anderen weiblichen Skifahrern zeigen konnte, dass solche Großereignisse für uns möglich sind. Ich hoffe, das bleibt auch so."
Sie will ihre Karriere als Sportlerin weiter treiben, und hat auch sonst hohe Ziele: Während des Trainings für Olympia 2014 will sie ihr Doktorat in Sportmedizin machen und Universitätsprofessorin werden. "Ich wünsche mir, dass ich noch einmal bei den Olympischen Spielen dabei sein kann." (Reuters/red)