Wer nicht hören will, soll zahlen

Sandra Ernst-Kaiser, 19. Oktober 2010, 18:00
  • Was für die einen sexistisch ist, interpretieren andere als humoristische Darstellung. "Ein Spiel mit der eindeutigen Zweideutigkeit", konstatiert etwa Gabriele Heinisch-Hosek.
    foto: apa

    Was für die einen sexistisch ist, interpretieren andere als humoristische Darstellung. "Ein Spiel mit der eindeutigen Zweideutigkeit", konstatiert etwa Gabriele Heinisch-Hosek.

Bei der internationalen Fachtagung in Wien wurde der juristische State of the Art diskutiert: Sanktionen gegen entwürdigende Werbung im Strafgesetz "per se nicht ausschließen"

Hirter-Bier, Axe, Hofer, Lego, die FPÖ - sie alle haben, um nur einige, wenige Beispiele zu nennen, die Negativ-Auszeichnung "Zitrone" für sexistische Werbung oder Aussagen von dieStandard.at verliehen bekommen. Dabei begeht dieStandard.at jedes Mal auf das Neue eine Gratwanderung: Will man diesen Firmen und/oder Personen zusätzlich Öffentlichkeit bieten, oder sollen derartige Diffamierungen tot geschwiegen werden? Auch diese Frage wurde bei der "Internationalen Fachtagung - Sexismus in der Werbung" am Montag im Bundeskanzleramt erörtert.

Fokussiert wurden bei der Fachtagung folgende Fragen: Welche rechtlichen Bestimmungen bezüglich Sexismus in der Werbung gibt es in Europa? Wie können Kommunen sexistischer Werbung und die damit verbundene Entwertung und Diffamierung vor allem von Frauen begegnen? Und: Mit welcher Rechtslage haben wir es in Österreich diesbezüglich zu tun?

Sexismus hier und da: Europäischer Vergleich

Ingibjörg Elíasdóttir vom isländischen Zentrum für Geschlechtergleichheit schilderte, dass sich Island besonders darum bemüht, traditionelle Wahrnehmungen und Stereotypen bewusst umzugestalten. Nach dem Gender-Gap-Report des World Economic Forum liegt Island in Sachen Gleichstellung der Geschlechter an erster Stelle. Elíasdóttir bemängelte, dass Frauen in Island nach wie vor weniger verdienen als Männer. In Island jedenfalls gilt sexistische Werbung als Strafbestand, ist also illegal. Sexistische Werbung kann bei der Polizei angezeigt werden. Diese wendet sich an das Zentrum für Geschlechtergerechtigkeit, das unter anderem zuständig ist für die Überwachung und Umsetzung von geschlechtergerechter Werbung. Das Zentrum für Geschlechtergerechtigkeit wiederum wendet sich an die jeweilige Firma und an das Medium, das die Werbung publiziert hat. Gibt es keine Einsicht bei den WerberInnen, wird eine Geldstrafe verhängt.

In Norwegen hingegen ist eine Ombudsstelle für die Überwachung und Umsetzung von geschlechtergerechter Werbung zuständig. Das Sexismus-Verbot ist im Gegensatz zu Island, wo das Gesetz im Strafgesetzbuch verankert ist, durch das Marketing-Kontroll-Gesetz geregelt. Der/die VermarkterIn beziehungsweise der/die WerberIn muss darauf achten, dass Menschen nicht dazu benutzt werden, um abwertende Bilder zu produzieren. Diese Ombudsstelle kann Einfluss auf Handelstreibende ausüben, um den Bestimmungen des Paragrafen nachzukommen. Mona Larsen-Asp vom Nordic Gender Institute erklärte, dass das Gesetz Männer und Frauen gleichermaßen schütze. Der Fokus ist dennoch auf Frauen gerichtet, da Männer auch in Norwegen in vielen Bereichen besser gestellt sind als Frauen.

Auch die kroatische und luxemburgische Situation wurde durch die Referentinnen Gordana Lukač Koritnik aus Kroatien und Isabelle Wickler aus Luxemburg dargestellt. Offenkundig wurde hierbei ein Nord-Süd-Gefälle in der Gleichstellungsdebatte und in der Ausformung des Patriarchats und/oder des Machismo insgesamt. Sexismus gibt es hier und da, doch was darunter zu verstehen ist, scheint aufgrund unterschiedlicher Emanzipationsgrade nur schwer vergleichbar. Einig waren sich die internationalen Referentinnen, dass es in Europa insgesamt manifeste patriarchale Strukturen gibt, die man sich vor Augen halten muss, will man über Sexismus in der Werbung nachdenken.

Rechtliche Verbindlichkeiten für Österreich

Österreich hat etwa die UN-Frauenrechtskonvention CEDAW unterzeichnet. Diese verpflichtet das Land eigentlich, jegliche staatliche und private, rechtliche und tatsächliche Diskriminierung zu beseitigen, und zwar für alle Frauen. Durch diese Konvention hat sich Österreich auch dazu verpflichtet, Vorurteile und stereotype Geschlechterrollen durch geeignete Maßnahmen zu eliminieren, Medien und Werbung sind hierbei eingeschlossen.

Auf europäischer Ebene wurde durch die Lissabon-Strategie festgehalten, dass Mitgliedsstaaten durch die Gleichstellungsverpflichtung sexuelle Belästigung und Diskriminierung - Werbung ist hierbei ebenso eingeschlossen - unterbunden werden muss. Sexistische Werbung wurde im EU-Parlament im Rahmen zweier Entschließungen auf das Tapet gebracht. Für die Juristin Karin Tertinegg vom Verein österreichischer Juristinnen ein positiver Befund, zumal dem Thema so wenigstens Beachtung geschenkt wurde. Dennoch, so ihr Fazit, werden sowohl internationale als auch europäische Entschließungen und Rechte von den jeweiligen Nationalstaaten weder eingehalten noch umgesetzt.

Das österreichische Recht bietet keinen Schutz vor Sexismus in der Werbung. Selektive Regelungen, wie etwa im ORF-Gesetz, gibt es allerdings. Im Strafgesetzbuch ist festgehalten, dass pornografische Darstellungen von Minderjährigen und die Aufforderung oder das Gutheißen von strafbaren Handlungen verboten ist. Gerade aber die Bewerbung von Prostitution ist in Österreich nicht verboten und stellte für die Juristinnen am Podium einen Graubereich dar.

Schließlich gibt es in Österreich noch den Werberat, der als selbstregulierende Instanz der Werbe-Industrie zwar gegen sexistische Werbung vorgehen kann, allerdings über keine Sanktionsmöglichkeiten verfügt.

Kommunale Strategien gegen Sexismus

Die deutsche Stadt Pforzheim hat durch einen Gemeinderatsbeschluss ihre Pachtverträge für Werbeflächen geändert. Dabei werden die VertragsnehmerInnen auf eine Vorprüfung der Werbung verpflichtet, wobei die Letztentscheidung über ein Sujet bei der Stadt liegt. Die Frauenrechtsorganisation Terre de Femmes aus der Schweiz etwa schreibt einen Preis für geschlechtergerechte Werbung aus. Und in Graz wurde die Watchgroup gegen sexistische Werbung initiiert. Diese beobachtet Werbungen, stellt bei sexistischer Werbung eine Analyse anhand eines Kriterienkatalogs an, bewertet diese und leitet sie an den Werberat weiter. Alle kommunalpolitischen Vertreterinnen beklagen aber, dass der Handlungssspielraum sehr eingeschränkt ist, da es keine bundesweiten und einheitlichen Gesetze gegen sexistische Werbung gibt. Lösungsansätze sehen sie vor allem in der Sensibilisierung sowohl der Werbefachleute als auch der Bevölkerung.

Was tun?

Die Juristin Tertinegg plädierte für eine bundesweite Regelung und Klarheit für alle Werbebereiche. Die Beurteilung von Werbung soll von ExpertInnen, die in der Frauen- und Geschlechterforschung angesiedelt sind, vorgenommen werden. Prävention könne etwa durch einen Pre-Check, wie es ihn derzeit vom Werberat für seine Mitglieder kostenlos gibt, vorgenommen werden. Zudem sollen in das Gesetz alle Diskriminierungsgründe aufgenommen werden - etwa Alter, Rassismus, sexuelle Orientierung, ethnische Zugehörigkeit - und bei Verstoß Sanktionsmöglichkeiten vorhanden sein. Geht es nach der Juristin Terginegg und ihrer Kollegin von der Gleichbehandlungsanwaltschaft Elke Lujansky-Lammer, soll ein Sexismus-Verbot in der Werbung im Gleichbehandlungsgesetz verankert werden, zumal hier bereits die notwendige Expertise vorhanden ist, wobei sie das Strafgesetz per se nicht ausschließen.

Elisabeth Holzleitner von der Universität Wien plädierte in der abschießenden Podiumsdiskussion, das Verbot sexistischer Werbung durchaus in das Strafgesetz aufzunehmen, da die Gleichbehandlungskommission mit wenig Macht ausgestattet ist und das Gleichbehandlungsgesetz keine Sanktionsmöglichkeiten bietet. Der Werberat solle außerdem nicht nur kommerzielle Werbung sondern auch politische Werbung beurteilen können, vor allem aber transparenter werden. Eine Aufnahme von Menschenrechtsorganisationen und Gender-Expertise in den Werberat, die Erweiterung des Gleichbehandlungsgesetzes und damit verbundenen gerichtlichen Schritte und Sanktionen scheinen für Holzleitner unerlässlich. Wobei sie daran erinnerte, dass "Recht kein Allheilmittel ist, Sexismus jedoch auf eine andere Ebene heben kann". Auch die Journalistin Ina Freudenschuß sprach sich für ein klares Verbot, gekoppelt an Sanktionen, aus. Um in der "Gleichstellungsdebatte voran zu kommen, ist das notwendig", so Freudenschuß. Der Präsident des österreichischen Werberats, Michael Straberger, sieht keine Notwendigkeit für ein derartiges Verbot und befindet den Werberat als ausreichende Instanz.

Die Bundesministerin Gabriele Heinisch-Hosek will jedenfalls einen "Kurswechsel herbeiführen und Sexismus in den Medien generell hinterfragen", so hielt sie es in ihrer Eröffnungsrede der Fachtagung fest. Gespräche über ein Sexismus-Verbot in der Werbung sollen bald aufgenommen werden, schließlich gilt Werbung für sie als "Spiegelbild gesellschaftlicher Verhältnisse". (Sandra Ernst-Kaiser, dieStandard.at, 20.10.2010)

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Gratulation dem Standard übrigens zur Kika-Werbung "Bei Kika schneit's Geschenke" mit der leichtbekleideten Dame auf dem roten Sofa. Gewissermaßen eine Ansichtssache, noch dazu eine bezahlte.

Mein grösster Wunsch wäre

das die DDB endlich zeigt was sie kann.

Mein größter Wunsch wäre

das nicht in jedem 4. Werbespot über Verdauung geredet wird. (Noch dazu in diesem unfassbar lächerlichem Stil). Leider ist es mir aus diesem Grund nicht möglich bestimmte Produkte zu kaufen.

Mein 2. größter Wunsch wäre, dass jemand diese völlig hysterische Heidi Clum beseitigt. Ich verstehe zwar, dass man wenn man so einen tollen Typen wie den Seal jede Nacht hat als Frau sehr gut drauf ist, aber ich wills nicht mehr sehen.

Weiters sollte man die Mon cherie Werbung verbieten, weil so dumm ist dann doch keine.

eine erfreuliche entwicklung

wie im artikel erwähnt, sind verbote nicht das alleinige allheilmittel. sensibilisierung muss v.a. natürlich verstärkt in der bevölkerung erreicht werden; ein notwendiger schritt wäre so ein gesetz aber allemal - hin zu einer aufgeklärten emanzipierten gesellschaft. (die hoffnung stirbt zuletzt.)

völlig verdrittelt.

sexistische Werbung ins Strafrecht aufnehmen.

klingt nach Afghanistan.

Und wo ist die Zitrone für die neue Hirterwerbung (diesmal mit halbnackten Männern)?

Wer A sagt, muss auch B sagen!

aha

Mich erstaunt ja wesentlich mehr, dass sich Menschen darüber aufregen, dass sich andere leute gestört oder unangenehm berührt fühlen durch sexistische Werbung. Mir gehts auch oft so, dass ich mich über gewisse Werbungen fürchterlich aufregen kann, udn der Sexismus läßt sich ganz einfach messen, da braucht man(n) net versuchen, etwas wegzureden. Ich würd mal meinen, manche Herren fühlen sich durch die Kritik an den Werbungen "erwischt" in ihren voyeuristischen Träumen/Tätigkeiten/Hoffnungen. Keiner hat nämlcih Neid auf die schönen Körper, wie ich schon gelesen habe, zumindest ist das nicht der Nährboden der Kritik. Bleibt nur die Frage: warum schon wieder so aggressiv bei diesen Themen??, gestellt von Elvira Schnee

Sie können sich aufregen worüber Sie wollen - das ist Ihr gutes Recht. Daraus die Legitimität für ein Verbot abzuleiten ist einer demokratischen Gesellschaft nicht würdig.

Ihre Vermutung, dass sich irgendjemand "erwischt" fühlt, ist, gelinde gesagt, eigenartig. Kenn Sie leicht Männer, die nicht zugeben, den Anblickt von schöne, halbnackten Frauen zu genießen?

Als erwachsener, reifer Mensch muss man halt lernen mit dem scheinbaren Widerspruch zwischen sexuellen Gelüsten und Gleichwertigkeit der Geschlechter umzugehen.

Wie misst man Sexismus?

Ich reg mich nicht darüber aus...

...das sich andere von etwas gestört fühlen, weil ich fühl mich auch von vielen Dingen gestört.

Ich erwarte aber nicht vom Staat der er mit einem Verbots- bzw. Reglementierungswahn gegen die Dinge vorgeht, die mich stören, sondern vermeide diese selbst.

Das nennt man eigenverantwortliches Leben.

Es gehört einfach zur Biologie des Mannes

insoferne ist das, was sie als voyeuristisch bezeichen auch normal, um nicht zu sagen sogar gesund.

In Zeischriften, in Filmen, im Theater, im Museum, im Freibad, in der Sauna, ... überall gibt es das zu sehen.

Bleibt die Frage: warum muss frau (man?) gerade bei Werbung derart viel Wind machen?

Entwertung und Diffamierung

Hmm, ist sowas gemeint:
http://diestandard.at/1196091157525

Quelle:
http://www.aoef.at/cms/index... 44&lang=de

Ich finde es sehr positive dass endlich eine Sensibilisierung stattfindet.

Scheinbar fehlt es einigen Frauen ganz dramatisch an ernsthaften und richtigen Problemen in ihrem Leben. :-)

Anders kann ich mir nicht erklären, wie man sich über Werbespots und Ähnliches wirklich ärgern kann.

anscheinend fehlt es manchen leserInnen ganz dramatisch an ernsthaften und richtigen problemen in ihrem leben :-)

Anders kann ich mir wirklich nicht erklären, wie man zu Sexismus-Analysen, die man nicht versteht, posten kann.

Och, das geht ganz einfach: Sie betätigen die "Kommentar posten"-Schaltfläche unter dem Artikel, geben Ihren gewünschten Text ein und drücken dann auf "posten". ;-)

Was es an der Analye nicht zu verstehen geben sollte, müssen'S mir aber dennoch erklären.

Weil mir das schon öfters aufgefallen ist: Wieso ist Lego verlinkt, nicht aber Hirter, Axe, Hofer und die FPÖ?

vielleicht zahlt lego einfach genug :)

in vielen agenturen ist es mittlerweile einer der erfolge einer kampagne wenn sie die zitrone kriegt ... (!) ... das ist natuerlich zusaetzliche aufmerksamkeit die vermarktet wird oder - wie es langsam aber sicher passiert - bewusst erwirkt wird um sie vermarkten zu koennen ... schwierige gschicht ... ;-)

glaub ich

ungschaut

also ehrlich gesagt finde ich jede...

waschmittelwerbung in der die frau als "blöde" putze dargestellt wird sexistischer als eine mäßig "innovative" bierwerbung mit drei leicht bekleideten damen! oder ähnliche von den selbsternannten sexismuswächter_innen angeprangerte werbung!

was muß man äh frau eigentich studiert haben um als sexismusexpertin zu gelten? biologie? publizistik wird es ja wohl nicht sein?

politikwissenschaften,

soziologie, publizistik, philosophie, germanistik und psychologie bieten sich auch noch an! ;)
scherzerl beiseite. alles wichtige studien. ich glaub eher, es liegt an der persönlichkeit einiger- wohlgemerkt nur einiger- damen. die sehen ja hinter allem eine sexistische tendenz. leider ist halt diese minderheit recht laut!

naja irgendwer muß sich ja auch um die wirklich wirklich wichtigen probleme der welt kümmern.

siehst ja was bei dem meisten supermodels, die durch das tragen von kleidung bestimmt für die kritiker des sexismus ihr geld verdienen, rausskommt.

alles arme mädchen. und dann die armen schauspielerinnen erst. 15 millionen dollar nur um ihre seele zu verkaufen.

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