"Frauen beraten Frauen" feiert 30-jähriges Jubiläum und brachte aus diesem Anlass das Buch "In Anerkennung der Differenz" heraus – dieStandard.at sprach mit Mitherausgeberin Bettina Zehetner
"Frauen beraten Frauen" wurde als erste
Wiener Frauenberatungsstelle gegründet und bietet Beratung, Psychotherapie und gezielte Weitervermittlung an
spezialisierte Einrichtungen. Zum 30-jährigen Jubiläum dieses Jahr gab der Verein den Sammelband "In
Anerkennung der Differenz" heraus, mit dem feministische Beratung und
Psychotherapie "aus dem Nischendasein befreit und einer breiteren
Öffentlichkeit zugänglich gemacht"
werden soll, so die "Frauen beraten Frauen"-Mitarbeiterinnen Traude
Ebermann und Bettina Zehetner im Vorwort. Beate Hausbichler sprach mit Bettina
Zehetner über einen kollektiven Streik von Versorgungsarbeiterinnen, die
steigende Nachfrage von Online-Beratung und die nur wenig veränderten Problemlagen
der Frauen.
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dieStandard.at: Was kann man sich unter
feministischer Beratung und Psychotherapie vorstellen?
Bettina Zehetner: Aufgrund er Vielfalt ist es etwas schwierig
von "einer" feministischen Psychotherapie oder Beratung zu sprechen. Was
allerdings alle Richtungen verbindet, ist die gesellschaftskritische Haltung.
Wir wollen daran arbeiten, dass sich der Umstand, dass Frauen noch immer unter
schlechteren Verhältnissen leben, endlich ändert. In den einzelnen Methoden
gibt es dann sehr viele Unterschiede.
dieStandard.at:
Die Autorinnen beschreiben frauenzentrierte Beratung unter anderem auch so,
dass dabei die Wünsche von Frauen auch dann zu unterstützen sind, wenn diese
lauten, dass eine Frau zum Beispiel zu ihrem gewalttätigen Partner zurück will.
Wir geht das mit einem Frauen bestärkenden Anspruch zusammen?
Zehetner: Dazu muss man sagen: Frauen wollen nicht in
einer gewalttätigen Beziehung bleiben, sondern sie wollen die Beziehung ändern
und dass die Gewalt aufhört. Nur – sie hoffen oft sehr lange auf Veränderungen,
die leider nicht eintreten. Aber es ist de facto so, dass die Frau uns den
Auftrag gibt. Wenn sie sich nicht trennen will, müssen wir sie bei der
Veränderung der Beziehung unterstützen. Wenn ich aber sehe, dass sich da nichts
tut, muss das auch offen angesprochen werden und geklärt werden, was sich die
Frau von der Beratung erwartet.
Die Ansage "du solltest dich trennen" bekommen diese Frauen ohnehin überall zu hören. Für
die einzelne Beraterin ist das aber eine enorme Belastungsprobe. Ich habe auch
im Frauenhaus gearbeitet und wenn eine Frau nach einem längeren
Beratungsprozess dann doch wieder zurückgeht, ist das nicht einfach.
dieStandard.at:
Wie sieht es denn mit feministischen Positionen oder Gender Studies in der
Ausbildung für PsychotherapeutInnen oder AnalytikerInnen aus?
Zehetner: Das gibt es noch nicht im verpflichtenden
Curriculum. Es ist aber mittlerweile zumindest möglich Seminare zu frauen- oder
genderspezifischen Themen zu machen. Somit braucht es aber noch immer das
Engagement von Einzelnen, die diese Haltung und dieses Wissen in die Beratung
einbringen.
dieStandard.at:
Der Verein "Frauen beraten Frauen" feiert sein 30-jähriges Bestehen. Haben sich
die Anliegen und Probleme von Frauen in den letzten dreißig Jahren verändert?
Zehetner: Für uns ist dramatisch, dass sich leider nicht
viel verändert hat. Meine Kollegin Margot Scherl, eine Gründerin des Vereins,
bedauert auch immer sehr, dass von den Anfängen bis heute die Themen nach wie
vor sehr ähnlich sind.
Armut ist
ein wichtiges Thema und ist in den letzten Jahren wieder verstärkt aufgekommen.
Scheidung und Trennung sind die häufigsten Themen – immer noch. Wir haben
allerdings den Eindruck, dass sich heute mehr Frauen trauen, Informationen zu
suchen und das auch früher tun. Es wird nicht mehr so lange gewartet, wie noch
vor zwanzig Jahren. Dennoch stellen wir fest, dass viele Frauen kaum über ihre
Rechte und Ansprüche etwa innerhalb einer Ehe informiert sind. Auch machen sie
sich relativ wenig Gedanken, bevor sie diese Lebensform für sich wählen und
fragen sich nicht "was heißt das eigentlich für mich?". Psychosomatische und psychische Erkrankungen
aufgrund von Anpassungen an krankmachende Verhältnisse sind auch heute wie vor
vielen Jahren ein starkes Thema.
dieStandard.at:
Sie haben im Buch einen Beitrag über Online-Beratung geschrieben. Wie kann Beratung
auf dieser doch sehr unpersönlichen Ebene gelingen?
Zehetner: Es gelingt sehr gut. Das ist einer der am
schnellsten wachsenden Bereiche bei uns. Wir haben 2006 mit etwa 250
Online-Beratungen pro Jahr angefangen, dieses Jahr hatten wir bis jetzt schon 1.200
Online-Beratungen. Man stellt sich diese Beratung vielleicht weniger emotional
vor, als sie es dann tatsächlich ist. Die Frauen kommen mitunter viel schneller zum
Punkt als in der Face to Face- Beratung. Dabei ist die Anonymität ein wichtiger
Faktor und die Frauen erzählen Dinge, die sie etwa am Telefon nie erzählen
würden. Es ist auch eine tolle Erfahrung, dass wir damit ganz neue Zielgruppen
erreichen. Der Prozess des Schreibens
ist auch wichtig, viele meinen, dass allein durch das Schreiben schon vieles
klarer und leichter wurde.
dieStandard.at:
Im Sammelband wird auch feministische Paarberatung angesprochen. Wie viele
Männer gehen mit ihrer Partnerin zu einer Beraterin, die sich explizit einer
feministischen Praxis verpflichtet sieht?
Zehetner: Das ist sicher für viele Männer eine suspekte
Sache. Auch ist es für die Therapeutin schwierig, weil diese parteiliche
Haltung in der systemischen Arbeit (Anm.: Eine systemische Beratung lenkt die
Aufmerksamkeit auf das System der Teilnehmenden, bzw. auf das Familien- oder Paarsystem) nicht hinhaut. Es müssen natürlich auch
Männer zu Wort kommen, es soll ja auch ausgewogen sein. Ich glaube auch, dass
in Fällen von Gewalt systemische Paarberatung nicht wirklich greift, viele Frauen
trauen sich da einfach nicht, etwas zu sagen. Für diese Frauen ist ein geschützter
Rahmen ganz wichtig. Aber in anderen Fällen stelle ich schon fest, dass sich
auch Männer für feministische Beratung interessieren – nachdem sie ihre Skepsis
geäußert haben.
dieStandard.at:
Die Frauenberatungsstelle will den Fokus auf das "eigene" Leben richten.
Gibt es bei jungen Frauen wirklich noch viele, die sich in erster Linie nach
dem Leben des Partners orientieren?
Zehetner: Bei den Frauen, die zu uns in die Beratung
kommen, leider schon sehr oft. Ich unterrichte auch auf der Uni und denke, dass
dort die Frauen doch mehr auch auf ihr eigenes Leben bedacht sind. Aber sobald
Kinder kommen wird es auch dann ganz häufig wieder traditionell. Die Karriere
des Partners wird in den Vordergrund gestellt und die Frauen machen die
unbezahlte Arbeit. Im Ausbildungszeitraum haben Frauen und Männer oft noch
gleiche Chancen und Möglichkeiten, mit der Familiengründung verändert sich das
aber.
dieStandard.at:
Die feministische Beratung beschäftigt sich offensichtlich sehr viel mit
Problemen, die in heterosexuellen Beziehungen entstehen. Beraten Sie auch
Frauen, die in lesbischen Beziehungen leben und ähnliche Probleme haben?
Zehetner: Bei zwei Frauen kommt vielleicht weniger diese
Hierarchie von außerhalb in die Beziehung rein. Aber auch Frauenpaare, gerade
solche mit Kinderwunsch, haben Schwierigkeiten mit den Strukturen von
bezahlter/unbezahlter Arbeit. Damit geht auch Gewalt einher im Sinne "die, die
das Geld nach Hause bringt, schafft an". Es ist nicht sehr häufig, aber ab und
an habe ich hier schon ähnliche Muster wie in heterosexuellen Beziehungen
festgestellt.
Wir haben
schon auch dezidiert den Wunsch, lesbische Frauen einzuladen und sie sind auch
auf unserer Homepage als Zielgruppe angesprochen. Ich hoffe, dass es sie auch
erreicht. Auch bei unseren Beraterinnen schauen wir, dass Vielfalt
gewährleistet ist.
dieStandard.at:
Sie haben im Buch ihre persönliche Vision einer feministischen Zukunft
formuliert. Damit sich etwas verändert, haben sie einen "kollektiven Streik der
Versorgungsarbeiterinnen" vorgeschlagen. Wie könnte es dazu kommen?
Zehetner: Es gibt eine große Macht, die ungenützt
bleibt, weil die unbezahlten Versorgungsarbeiten so bereitwillig geleistet
werden. Es ist aber in der Praxis sicher schwer, weil es dann die eigenen
Kinder oder die älteren Angehörigen betrifft. Aber es würde relativ schnell zum
Chaos führen, das dann Handlungsbedarf erzeugen würde und es wäre eine Bremse
in diesem schneller werdenden kapitalistischen System.
dieStandard.at:
Sie schreiben in ihrer feministischen Vision auch davon, dass das klassische
Modell der Erstfamilie nur eine Form des Zusammenlebens neben vielen anderen
sein wird. Welche politischen Voraussetzungen müssten dafür geschaffen werden?
Zehetner: Es ist wichtig, dass man für jede gewählte
Lebensform auch bestimmte Rechte erwerben kann. Es müssen verschiedene Wahlmöglichkeiten zur
Disposition gestellt werden. Langsam geht es ja in diese Richtung, da gibt es
zumindest mal die eingetragene Lebenspartnerschaft – allerdings wurde das recht
halbherzig umgesetzt, es gibt zum Beispiel kein Adoptionsrecht. Mehr
Flexibilität bei den Rechten und Ansprüchen sind aber notwendig. (Beate
Hausbichler, dieStandard.at, 4.11.2010)
BETTINA ZEHETNER ist Philosophin, psychosoziale Beraterin, zertifizierte Laufbahn- und Onlineberaterin und unterrichtet am Institut für Soziologie an der Universität Wien. Zehetner arbeitet seit elf Jahren für "Frauen beraten Frauen" und für das angeschlossene Institut für frauenspezifische Sozialforschung.
Link
Frauen beraten Frauen
Lesung
Anlässlich der 16 Tage gegen Gewalt an Frauen
"Gewalt gegen Frauen: Viel erreicht! Wenig verändert?"
Karin Macke liest den gleichnamigen Artikel von Agnes Büchele aus dem Buch:
"In Anerkennung der Differenz. Feministische Beratung und Psychotherapie"
Anschließend Diskussion zum Thema mit Margot Scherl
Termin: Donnerstag, 2.12.2010 19:30 Uhr
Ort: Verein Frauen beraten Frauen, Lehárgasse 9/2/17 , 1060 Wien, Eintritt frei