Nur 4,5 Prozent der KindergeldbezieherInnen sind derzeit Männer - obwohl laut einer Studie gern zwei Drittel für einige Zeit bei ihren Kinder bleiben wollen würden. Im Weg stehen für die meisten Geld- und Karrieresorgen
Wien - Martin Schelm verdient, wie er selbst sagt, "zum Glück nicht zu viel Geld, um in Karenz zu gehen". Bei drei seiner vier Kinder blieb der Sozialpädagoge zu Hause - zwei Sprösslinge liegen altersmäßig so knapp beieinander, dass beim geplanten Karenzantritt seine Frau bereits wieder in Mutterschutz war. Sein Umfeld, sagt Herr Schelm, habe sein Engagement bei der Kinderbetreuung mit "wohlwollendem Erstaunen" wahrgenommen. "Die meisten Männer sagen: Hey, cool dass du das machst. Sie freuen sich für mich, viele sind fast ein bisschen neidisch. Gleichzeitig fällt jedem von ihnen mindestens ein Grund ein, warum sie selbst nicht zu Hause bleiben können. Insgesamt ist Väterkarenz aber schon noch etwas Exotisches."
Tatsächlich ist das größte Hindernis für Männer der drohende Einkommensverlust. Laut einer Studie im Auftrag des Landes Niederösterreich und der niederösterreichischen Wirtschaftskammer verdienen nur acht Prozent der Befragten weniger als ihre Partnerin. 62 Prozent der Männer könnten sich zwar grundsätzlich vorstellen, in Karenz zu gehen, gleichzeitig fürchten aber viele, dass die Auszeit den beruflichen Aufstieg hemmen könnte.
Dass er auf seinen Arbeitsplatz zurückkehren kann, stand für Martin Schelm, der in einer Caritas-Wohngemeinschaft minderjährige Flüchtlinge betreut, nie infrage. Er hat dort nebenher geringfügig gearbeitet, weil es ihm "ein Anliegen war, mit den Jugendlichen in Kontakt zu bleiben", und gleichzeitig eine Ausbildung zum Mediator gemacht.
Beratung für Bauhackler
Von den über 4000 Euro Kurskosten übernahm 2700 Euro der Wiener ArbeitnehmerInnen-Förderungsfonds (waff). 97 bis 98 Prozent der Personen in Karenz, die sich an den waff wenden würden, seien Frauen, schätzt Theresia Pirklbauer, die das Beraterteam leitet. Die Männer, die kommen, seien großteils ohnehin bereits hochqualifiziert, viele seien über ihre Frauen auf den waff gestoßen. "Wir würden gerne auch Bauarbeiter beraten", sagt Pirklbauer, "aber anscheinend gehen aus dieser Gruppe nicht besonders viele in Karenz."
Tatsächlich gibt es in der Gruppe der Selbstständigen mit 21,9 Prozent aktuell den größten Anteil an Männern, die bei den Kindern zu Hause bleiben, gefolgt von den Bauern (19,4 Prozent). Beamte und Arbeiter liegen mit über acht Prozent knapp vor den Studenten (7,1 Prozent), das Schlusslicht bilden die Angestellten mit 2,3 Prozent. Insgesamt ergibt das eine Männerkarenzquote von 4,5 Prozent. Im Bundesländervergleich führen die Wiener Väter mit 8,5 Prozent, Schlusslicht sind die Vorarlberger (4,5 Prozent).
Diese Zahl soll die Kampagne "Echte Männer gehen in Karenz" des Frauenministeriums erhöhen. Auch die Studie aus Niederösterreich legt nahe, die "hohe Bereitschaft zur Kinderbetreuung (...) politisch-strukturell aufzugreifen". In Deutschland gelang es etwa, zwischen 2006 und 2008 den Anteil der Karenzväter von 3,5 auf 16 Prozent zu erhöhen.
Prioritäten setzen
Ob ein Mann bei seinen Kindern bleibt, sei nicht zuletzt eine "Frage der Prioritäten", meint Martin Schelm: "Wir waren seit zehn Jahren nicht mehr im Urlaub, trotzdem möchte ich die Erfahrungen mit meinen Kindern keinesfalls missen." Er würde die Väterkarenz überhaupt gesetzlich verpflichtend vorschreiben. Gleichzeitig vermisst er die Wahlmöglichkeiten: "Viele Eltern, vor allem Alleinerzieher, werden gezwungen, schnell wieder in den Job zurückzukehren." (Andrea Heigl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.12.2010)