"Mitverantwortung kann man nicht verordnen"

Birgit Tombor, 10. Februar 2011, 07:00
  • Dr.in Barbara Stekl ist Juristin beim Verein "Frauen beraten Frauen" mit Schwerpunkt Ehe und Familienrecht, Vortragende und Seminarleiterin, Co-Beraterin am Bezirksgericht Mödling und Autorin beim Magazin "scheidung".
    foto: privat

    Dr.in Barbara Stekl ist Juristin beim Verein "Frauen beraten Frauen" mit Schwerpunkt Ehe und Familienrecht, Vortragende und Seminarleiterin, Co-Beraterin am Bezirksgericht Mödling und Autorin beim Magazin "scheidung".

Bessere außergerichtliche Möglichkeiten müssen her, denn Automatismus hilft nicht weiter, meint Juristin Barbara Stekl, die Obsorgestreitigkeiten aus der Praxis kennt

Die aktuelle Stoßrichtung politischer Bemühungen in Österreich zielt darauf ab, beide Elternteile mit gleichen Rechten und Pflichten zu versehen. Das soll nicht nur über die Väterkarenz in bestehenden Beziehungen passieren, sondern auch nach etwaiger Trennung über die automatische gemeinsame Obsorge, geht es nach ÖVP, BZÖ und FPÖ. Eine Neuregelung im Sinne von partnerschaftlicher Teilhabe an der Kindererziehung kommt einer sich verändernden Rolle von Elternschaft, besonders vor dem Hintergrund der Doppel-/Dreifachbelastung und Problemen für Frauen mit der Vereinbarkeit, entgegen. Eigentlich. Das letztwöchige EGMR-Urteil könnte dieser Agenda weiteren Aufwind geben, auch wenn es im anlassgebenden Fall um den Kampf ums alleinige Sorgerecht des Klägers gegangen ist - und nicht um die gemeinsame Obsorge. 

Dass sich mit dem Automatismus die Streitereien ums Kind nicht beseitigen lassen und sich auch die Erziehungsarbeit dadurch nicht "automatisch" partnerschaftlich verteilt, ist sich eine sicher, die es aus ihrer juristischen wie praxisorientierten Arbeit mit Betroffenen wissen muss: Barbara Stekl berät beim Verein "Frauen beraten Frauen" 500 bis 600 Klientinnen im Jahr zu Fragen rund ums Thema Scheidung und Sorgerecht. In ihrer Funktion wurde sie in die ministerielle Arbeitsgruppe zur Obsorge berufen - aber auch schnell wieder hinaus bugsiert, so wie auffallend viele andere Frauenvertreterinnen.

Verfahrensflut zu befürchten

Stekl sieht die Pläne Bandion-Ortners durchaus kritisch: "Dadurch kommen Fälle, in denen sich die Eltern anderweitig einigen würden, vor Gericht. Ich befürchte, dass die Zahl der Verfahren stark ansteigen würde. Wir haben ohnedies schon eine Verfahrensflut, und kommen noch mehr dazu, dauern die Prozesse noch länger." Dass die Pflegschaftsprozesse in Österreich noch mehr in die Höhe schießen, könne nicht im Sinn der Betroffenen sein, schon gar nicht im Sinn der Kinder, so Stekl: "Solche Verfahren sind eine unheimliche Belastung. Manche ziehen sich über Jahre. Am Ende sind die Kinder fast erwachsen." Insofern sieht Stekl in der aktuellen Debatte die Rechte der Väter über die der Kinder gestellt.

Wo bleibt dann das Kindeswohl?

Zwar wird das Argument des Kindeswohls immer wieder ins Feld geführt wird, wenn für den Automatismus plädiert wird. "Natürlich hat ein Kind das Recht auf beide Elternteile", betont Stekl. Aber: "Sehr viele Mütter berichten, dass sich der Vater nicht um das Kind kümmert. Dass sie vergebens warten, dass er das Kind zu den vereinbarten Besuchszeiten abholt. Dann lautet die Frage oft: Was kann ich da rechtlich tun? Und ich muss dann sagen: Es gibt keine Verpflichtung, das Besuchsrecht tatsächlich einzuhalten. Das wurde vom Obersten Gerichtshof (OGH) seinerzeit so ausjudiziert. Da frage ich mich: Wo bleibt in diesem Punkt das Recht des Kindes?"

"Schlagartig scheinbares Interesse"

Die jetzige Debatte setze voraus, dass alle Väter auch kümmernde Väter sind. In den meisten Fällen ließe sich sagen: "Wo's funktioniert, funktioniert's." In der Hälfte der einvernehmlichen Scheidungsfälle in Österreich werde sowieso die gemeinsame Obsorge ausverhandelt. Aber wo Probleme da sind, sind die Fälle stark konfliktbeladen. Und hier ortet Stekl, dass "erst mit dem Sorgerechtsstreit oftmals schlagartig ein scheinbares Interesse" von Seiten der Väter entstehe. "Aber es geht nicht nur ums Recht haben, es geht vor allem darum, Verantwortung zu teilen."

Fälle, in denen es nicht funktioniert

Dem Lamento der Väterrechtler, dass Mütter Obsorge als Druckmittel missbrauchen und Väter davon abhalten, sich um die Kinder zu kümmern, hält die Juristin ihren Erfahrungsschatz aus der Beratungspraxis entgegen: "Die Frauen wollen in der Regel wieder verstärkt in ihre Berufe einsteigen, wollen, dass die Väter Mitverantwortung übernehmen - nur ist das zum Großteil nicht die Realität. Untersuchungen haben ergeben, wenn die Wahl aufs alleinige Sorgerecht der Mutter fällt, das oftmals von Seiten der Väter vorgeschlagen wird." Außerdem werde in der aktuellen Debatte das Thema Gewalt an Frauen ausgeblendet, obwohl "das eine große Thematik in unserer Beratungspraxis ist. Da geht keine gemeinsame Obsorge."

Derzeitige Wahlmöglichkeit bestes Modell

Was lässt sich also machen, um die Situation zwischen SorgerechtsstreiterInnen zu entspannen? "Die derzeitige Regelung passt an sich. Die Wahlmöglichkeit der Modelle ist meiner Meinung nach das Beste." Man sollte woanders ansetzen: "Bei Schlichtungsstellen, wie es von Justizministerin Bandion-Ortner versprochen wurde, und bei umfassender Beratung, auch psychosozialer, psychologischer Art. Besonders Männer müsste man verstärkt dazu animieren, weil meiner Erfahrung nach gerade Väter dem Angebot einer Mediation eher skeptisch gegenüberstehen."

Auch der Ministerratsbeschluss vom Sommer letzten Jahres, dass unverheiratete Eltern beim Standesamt informiert werden müssen über die Möglichkeit, das gemeinsame Sorgerecht zu beantragen, hält die Juristin für sinnvoll: "Denn viele denken gar nicht an daran." Leider wurde der Ministerratsbeschluss noch nicht umgesetzt.

"Mitverantwortung nicht gesetzlich zu verordnen"

Die Einspruchsfrist beim Automatismus, die jetzt angedacht ist, sei dagegen wieder eine Form der Prüfung am Gericht. "Meine Devise: Nicht in Richtung Verfahren arbeiten, sondern außergerichtliche Möglichkeiten schaffen." Oder den Kinderbeistand verstärkt zu bestellen, den Stekl "sehr, sehr positiv" findet: "Dieses Modellprojekt ist ein Schritt in die richtige Richtung, nämlich Kinder in diesem ganzen Prozess mehr zu unterstützen. Das hätte im Verfahren einen Effekt: Dass Eltern, die nur noch in einem Krieg miteinander stecken, wo es nur noch um die eigenen Interessen geht, endlich merken: Es geht um unser Kind, dass ihnen bewusst wird, wie sehr das Kind leidet." Das sei der richtige Weg. Weil: "Man kann Harmonie und Mitverantwortung nicht gesetzlich verordnen." (bto/dieStandard.at, 10.2.2011)

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bin dafür

dass endlich die männer die gesamte verantwortung übernehmen, von der schwangerschaft bis zur grossjährigkeit!

RICHTIG

"Die Wahlmöglichkeit der Modelle ist meiner Meinung nach das Beste."
Sollte eine Einigung während einer Scheidung nicht möglich sein dann müsste die Mediation zwingend vorgeschrieben werden. Ohne Einigung keine einvernehmliche Scheidung. Manchmal muss man zerstrittene Ehepaare zwingen, an das Kindeswohl zu denken.

Wenn kein einvernehmen hergestellt werden kann gibt's doch heute schon mediationsversuche der scheidungsrichter, ich seh da das grundlegend neue nicht.

Und was genau soll das ziel dieser mediation "im sinne des kindeswohls" sein ?

meinst etwa mediation "im sinn des vaterwohls ?" *lol*

mediation sollte nicht vom richter erfolgen, sondern von einem geschulten sozialtherapeuten. Und da sollte es sehr wohl um das kindswohl gehen, zum beispiel dass den eltern klar gemacht wird, dass ihr kampf und streit ums kind dasselbige enorm schädigt, für sein leben! und im übrigfen spielt bei dem ganzen ja auch die bisherige situation eine rolle: die obsorge sollte bei dem partner sein, der schon bisher die hauptlast der erziehung und versorgung geleistet hat. das kind sollte nicht unnötig einem ständigen hin-und her der eltern bei gemeinsamen sorgerecht ausgesetzt sein. natürlich müssen die zeiten, in denen der andere partner das besuchrecht wahrnimmt zufriedenstellend geregelt werden.

Genau deshalb verbleibt ja heute die obsorge in der mehrheit der fälle auch bei der mutter.

"Ohne Einigung keine einvernehmliche Scheidung" klingt zwar recht nett, aber wenn man sich nicht einigen kann, wird mann dann "schuldig geschieden" ? Und wem wird dann die schuld zugewiesen ? Was ist die konsequenz daraus ?

nun, ich denke, dass dann ein scheidungsverfahren mit verschuldensfrage in gang gesetzt wird, wobei dann letztlich die entscheidung, wo ein kind besser aufgehoben ist, über ein psychologisches gutachten laufen wird. deshalb denke ich, dass die wahlmöglichkeit bei einer einvernehmlichen scheidung ein legitimes druckmittel auf die eltern ist, sich des kindeswohls zu besinnen.

Was zwangsläufig zu mehr strittigen scheidungen und langwierigen verfahren führen wird, das soll im interesse des kindeswohls sein ?

bei solchen egoisten ist es wahrscheinlich, dass sie sich auch nach der einvernehmlichen scheidung weiterstreiten, dann aber mit noch härteren bandagen, wenn sie beide das gemeinsame sorgerecht haben, und dann NUR auf dem buckel des kindes.

und dann gibt es noch die Superväter, die die Kinder zwar abholen und dann die Betreuung der Kinder der neuen Frau/Lebensgefährtin überlassen und die ganze Zeit irgendwo sind - nur nicht bei den eigenen Kindern

wenn die Neue dann auch noch eigene Kinder im selben Alter hat, dann braucht sie sich auch gar nicht um die eigenen Kinder kümmern, weil die haben dann eh gleich super Spielkameraden und sie muss sich ebenfalls nicht um die Kids kümmern.

Das ganze nennt sich dann VäterrechtlerPatchworkFamilie und ist keineswegs frei erfunden, sondern bittere Realität.

Aber mit der Zeit fällt das auch den Kindern auf, dass das nicht der Sinn und Zweck des Väterbesuchswochenendes ist.

In der Hälfte der einvernehmlichen Scheidungsfälle in Österreich werde sowieso die gemeinsame Obsorge ausverhandelt.

Und wieviel % der Scheidungsfälle sind einvernehmlich?

Über 90% im schnitt, in wien z.B. fast alle, in tirol so um die 90%

bei der Thematik "gemeinsame Obsorge" ist die Dame leider eine ewig gestrige

Einmal hätte ich gerne so hervorragende "argumente" wie sie - kann man die irgendwo kaufen ?

Irrtum! Sie ist am Puls der Zeit!

Ein Mann, der Kinder in die Welt setzt...

...ist selbst schuld. Er kennt ja die hiesige Gesetzeslage und deren Konsequenzen sowie die Handhandhabung bei Gericht und Jugendamt, und die Aussichtslosigkeit, daß sich daran etwas ändert. Mitgehangen, mitgefangen.

Selbst schuld?

Naja, richtige Kerle sind so "Schnippt das Weibe mit dem Finger, dann steht der Gentleman auf!" :)
Dieses "selbst schuld" würde ich als "Golferweisheit" ablegen. Steif in der Hüfte ... aber sonst geht nichts ohne Zwangswürgung der wesentlichen Elemente ;-)

"Aber: "Sehr viele Mütter berichten, dass sich der Vater nicht um das Kind kümmert. Dass sie vergebens warten, dass er das Kind zu den vereinbarten Besuchszeiten abholt"

.
und deshalb muss man vätern, die sich um ihr kind kümmern wollen, die das kind zu den vereinbarten besuchszeiten abholen, die einfach zeit mit ihrem kind verbringen wollen, das leben schwer machen?

OT:
ein rat an frau Dr.in Stekl:
das photo ist von monumentaler albernheit!

Ihre Sorgen möcht ich haben.

Wenn das Foto einen blöd grinsenden Mann dargestellt hätte, wäre es ihnen nicht einmal aufgefallen.
Sexistischer und dümmer gehts wohl nicht mehr.

Abgesehen davon, grundlos macht keine Frau ihrem Ex das Leben schwer.
Eher umgekehrt, wenn ich mir so mein Umfeld betrachte.

"Wenn das Foto einen blöd grinsenden Mann dargestellt hätte, wäre es ihnen nicht einmal aufgefallen"

.
http://de.wikipedia.org/wiki/Voru... l#Merkmale

darf ich vermuten, dass Sie sehr oft "enttäuscht" worden sind, und daher derart irrational-aggressiv reagieren? oder gibt es dafür eine andere erklärung?

http://de.wikipedia.org/wiki/Attr... ychologie)

Timagoras fehlen die argumente

Legen sie das, was sie mir unterstellen doch bitte auf ihr eigenes Verhalten um.
Warum die völlig sinnlose Bemerkung über das Foto?

Ich weiß auch nicht, was sie mit "enttäuscht" meinen.
Fast jeder Mann, der im dieStandard schreibt,schleppt einen Frauenhaß mit sich herum, der einem Angst machen müßte, wenn man nicht wüßte, daß deren Frauen sowieso schon längst die Flucht ergriffen haben.

Nur damit sie ruhig schlafen können:
Ich bin seit Jahrzehnten mit ein und demselben Mann verheiratet, meine Enttäuschung im privaten Bereich hält sich also in Grenzen.;-)

Mit ihrem Weltbild...

...welches vollkommen frei zu sein scheint von Disparitäten, lebt es sich sicher sehr bequem, keine Frage.

Dafür mußten sie jetzt eine Woche nachdenken, oder haben sie einen Ghostwriter?

"Fast jeder Mann, der im dieStandard schreibt,schleppt einen Frauenhaß mit sich herum"

Ich zum Beispiel schleppe keinen Frauenhass mit mir herum (ob Sie das nun glauben oder nicht, spielt keine Rolle).
Und ich bezweifle heftig, dass hier "fast jeder" einen Frauenhass mit sich herum schleppt.
Das passt vielleicht in Ihr Weltbild, aber der realität entspricht es wohl eher nicht.

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