Wissenschaft trifft Kunst

"Das Unvorhersehbare macht den Reiz aus"

25. Februar 2011, 18:38
  • Artikelbild
    foto: der standard/corn

    Netzhautforscherin Ursula SchmidtErfurth (li.), die die größte Uni-Augenklinik Europas leitet, und Künstlerin Dorothee Golz vor ihren fotografisch und digital bearbeiteten Versionen von Vermeers "Mädchen mit dem Perlenohrring", da Vincis "La belle Ferroniere" und Holbeins "Anna von Kleve".

Augenspezialistin Ursula Schmidt-Erfurth und Künstlerin Dorothee Golz über Einstein, die reichste Frau der Welt, alte Rollen und neue Karrieren

Standard: In ihren "Digitalen Gemälden" nimmt Frau Golz historische Frauenporträts, etwa Vermeers "Mädchen mit dem Perlenohrring", und setzt sie mit zeitgenössischem Habitus in einen modernen Kontext. Was auf den ersten Blick irritiert, eröffnet dann einen neuen Blick auf Gender-Klischees. Hatten Sie, Frau Schmidt-Erfurth, schon mal das Gefühl, als Frau in der Medizin sprichwörtlich "im falschen Bild" gelandet zu sein?

Schmidt-Erfurth: Ich habe bald gemerkt, dass die Erwartungen an Frauen andere waren. Als ich mich an der Universität München für ein Stipendium in Harvard beworben habe, war mein Chef ganz irritiert: Sie müssen das doch nicht mehr machen, Sie sind doch schon verheiratet und haben Familie. Es ist nicht absichtliche Diskriminierung, aber für die männlichen Kollegen ein gewohntes Bild, dass sie in wissenschaftlichen Kommissionen unter sich sind, und wenn neue Mitglieder zu benennen sind, fallen ihnen in erster Linie wieder Männer ein, weil sie die besser kennen. Das sind keine Stammtische, sondern eher Clouds, die zusammenhängen und sich gegenseitig anstoßen wie Molekularbewegungen.

Standard: Frau Golz, welche Erfahrung haben Sie als Künstlerin?

Golz: In meinem Curriculum gibt es ganz deutlich einen Einbruch von dem Zeitpunkt an, wo ich Kinder hatte. Es gibt gewisse Muster in der Verteilung der Aufgaben in der Familie. Die Berufstätigkeit des Mannes hat traditionellerweise einen höheren gesellschaftlichen Stellenwert als der der Frau. Erfreulicherweise kommt es in den letzten Jahren aber zu einem Neuentwurf männlicher und weiblicher Rollen. Männer bringen sich mehr in Kindererziehung und Haushalt ein. Frauen gewinnen an Selbstvertrauen und streben wichtige Positionen in bisher männlich dominierten Berufsfeldern an.

Schmidt-Erfurth: Die gesellschaftlichen Fortschritte sind wirklich groß. In der Wissenschaft ist es aber doch noch so, dass Männer mit Familie in ihrer Karriere mehr Fortschritte machen, während bei Frauen, sobald sie eine Familie gründen, der messbare Erfolg wesentlich geringer wird. In dieser kleinen privaten Zelle werden unterschiedliche Weichen gestellt, also muss man da ansetzen. Neben der individuellen Dimension gibt es aber auch eine gesellschaftliche: Mütter, die Zeit für den Beruf investieren, stehen weniger intensiv für die häusliche Schulroutine und Bildungsvermittlung zur Verfügung. Diese Aufgaben muss ein modernes Bildungssystem mit abdecken, etwa mit Ganztagsschulen, damit die Gesellschaft ein gutes Bildungsniveau halten kann. Der Einsatz lohnt sich aber, da wir wissen, dass Unternehmen mit viel weiblicher Beteiligung effizienter arbeiten. Man braucht also keine "Sozialaktion" zur Integration von Frauen , sondern muss verstehen, dass Diversity für alle nützlich und auch machbar ist.

Standard: Sie haben einander kennengelernt durch den Molekularbiologen Guilio Superti-Furga, den Leiter des CeMM (Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Akademie der Wissenschaften), der einen "Science & Art"-Thinktank mit KünstlerInnen und WissenschafterInnen initiiert hat. Wo sehen Sie beide Ähnlichkeiten zwischen dem wissenschaftlichen und dem künstlerischen Produktionsprozess?

Golz: Beide wollen wir etwas verstehen, wissen, wie die Welt funktioniert. Nicht von Ungefähr habe ich nach dem Abitur zwischen einem Physik- und dem Kunststudium geschwankt. Vielleicht denken die meisten, dass eine Wissenschafterin/ein Wissenschafter analytischer und methodischer vorgeht als eine Künstlerin/ein Künstler, und dass die Arbeit einer Künsterlin/eines Künstlers vergleichsweise mehr auf Intuition und Kreativität beruht. Aber sowohl WissenschafterInnen als auch KünstlerInnen wollen Neuland betreten. Um das zu können, müssen sie zunächst einmal eine Ahnung haben, dass es dieses Land überhaupt gibt, und ein ungefähres Gefühl dafür, wo dieses Neuland liegen könnte und welcher Weg eventuell dahin führt. Dazu müssen KünstlerInnen und WissenschafterInnen Methoden entwickeln, unkonventionelle Überlegungen anstellen und noch nie unternommene Versuchsanordnungen aufbauen. Uns beiden geht es um eine Art Raumerweiterung - eine Arbeit am Rande des bisher Gewussten, Gedachten, Formulierten, erfahrbar Gemachten.

Schmidt-Erfurth: Das Unvorhersehbare, Unerwartete macht in Kunst und Wissenschaft den Reiz aus. Es gibt keine ausgetretenen Pfade oder bewährte Gebrauchsanweisungen. Schon in der Fragestellung herrscht große Autonomie, hinzu kommt die Wahl der - vermutlich - geeigneten Methoden. Jedes Ergebnis, jede Antwort wirft neue Fragen auf. Wissenschaft ist deshalb bei weitem weniger objektiv als man allgemein vermutet. Im Gegenteil, gerade hochwertige Forschung ist geprägt von einer enormen Subjektivität. Es gibt eine kontinuierliche Dynamik von Hypothese zu Hypothese, alte Ideen müssen verworfen werden. Ein guter Wissenschafter wird sich in seiner Entwicklung auch selbst widerlegen können, wenn neue Techniken und neue Informationen verfügbar sind. Das sind unübersehbare Ähnlichkeiten zwischen Kunst und Wissenschaft.

Standard: Ein Bild von Frau Golz heißt "Wissenschaftliche Analyse eines nicht gelungenen Tages". Darauf sind vier Herren mit Krawatte und weißem Kittel, im Hintergrund eine Frau, die auf eine DNA-artige rote Struktur starren. Wie "liest" die Wissenschafterin dieses Bild?

Schmidt-Erfurth: Die vielen Herren empfinde ich als besonders authentisch, auch die Bezeichnung "nicht gelungen". Ich denke, dass eine männlichgeprägte Gesellschaft sehr ergebnisorientiert und auf Superlative aus ist: Der reichste Mann der Welt ist Bill Gates. Wer fragt nach der reichsten Frau der Welt? Das ist eine Chinesin, Zhang Yin, die aus Altpapier ein Riesenvermögen gemacht hat. Weiß kein Mensch, Gates kennt jeder. Herr Einstein gilt als größter Wissenschafter. Wer wäre sein weibliches Pendant?

Golz: Im Kunstbetrieb ist es ähnlich. Im Ranking der 100 bekanntesten Künstler sind zwölf Frauen. Karrierestrategisches Vorgehen von Männern findet eine breite gesellschaftliche Akzeptanz und wird gewisserweise sogar von ihnen erwartet. Als Künstlerin befasse ich mich mit dem Auflösen eingefahrener Muster, die der gesellschaftlichen Entwicklung oft im Weg stehen.

Standard: Verfolgen Frauen andere Karrierestrategien oder haben sie meist gar keine?

Schmidt-Erfurth: Frauen rechnen in ihrem Tun allgemein weniger damit, großen Erfolg zu haben oder einen bestimmten Titel zu erreichen, weil es für sie statistisch einfach unwahrscheinlicher ist. Wissenschafterinnen veröffentlichen insgesamt auch quantitativ weniger, aber im Durchschnitt oft etwas, das mehr Qualität hat und in höher zitierten Journalen gelistet ist. Herren sagen eher: Look at me, ich kann das.

Golz: Im Kunstbetrieb ist das auch so. Es gibt viele Künstler, aber natürlich auch Künstlerinnen - das ist weniger eine Genderfrage -, die sagen, ich mache so viele Ausstellungen wie möglich, weil das meinen Bekanntheitsgrad steigert. Für mich ist eine Ausstellung nicht vordergründig ein Mittel für die Karriere, sondern ein gelungener Abschluss einer künstlerischen Auseinandersetzung, die ich dann kommunizieren möchte.

Schmidt-Erfurth: Bei Frauen ist es meist nicht geplant, in die Chefetage einzuziehen. Im günstigsten Fall ist es eine Begleiterscheinung. Was von außen aussieht wie eine Karriere, empfinde ich als physiologische Entwicklung und zunehmende Differenzierung als Person. Typisch bei dieser Debatte ist, dass wir zwar über Wissenschaft und Kunst reden, aber vor allem Frauenrollen diskutieren. Es wäre gerade für uns Wissenschafterinnen eine große Erleichterung, nicht immer mit diesem Thema identifiziert zu werden.

Golz: Ja, das ist interessant, dass die Genderdebatte so viel Raum einnimmt, wenn zwei Frauen über ihre Berufe befragt werden. Für mich als Künstlerin steht sie eigentlich nicht im Vordergrund.

Standard: Apropos Beruf: Unlängst wurden hier zwei Männer aus Wissenschaft und Kunst - Josef Penninger und Erwin Wurm - zum Kanzler "ernannt". Was würden Sie als Kanzlerin zuerst angehen?

Schmidt-Erfurth: Eine Kanzlerinernennung würde ich mir nicht wünschen. Aber ich würde einer Kanzlerin, einem Kanzler vor allem Nachhaltigkeit empfehlen. Nur so kann es eine individuelle und auch gesellschaftliche Entwicklung geben - unabhängig von Gender, Nationalität und Weltanschauung, alles Einengungen, die Wachstum behindern.

Golz: Ich würde es grundsätzlich befürworten, wenn auch mal eine Frau an die Regierungsspitze kommt, denn ich glaube, dass Frauen in ihre Arbeit andere, neue Qualitäten einbringen. Lieber wäre ich allerdings Bildungsministerin. Bildung halte ich für sehr, sehr wichtig, auch dass man die Gesellschaft zur Verantwortung erzieht und zum Nachdenken, zum demokratischen Denken führt. WissenschafterInnen und Kulturschaffende erschließen dabei neue Möglichkeiten für unsere zukünftige gesellschaftliche Orientierung und sollten daher mit allen Mitteln gefördert werden. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe 26./27.2.2011)

Dorothee Golz, geb. 1960 in Mülheim an der Ruhr, absolvierte die Ecole Supérieur des Arts Décoratifs de Strasbourg und studierte Kunstgeschichte und Ethnologie in Freiburg. International bekannt wurde sie durch die Teilnahme an der documenta X (1997), bei der ihre Skulptur Hohlwelt zu den herausragenden Arbeiten gehörte. Seit 1988 lebt die Künstlerin, die auch mit Fotografie und Zeichnungen arbeitet, in Wien. 2009 schuf sie das Memorial für die Opfer der NS-Medizinverbrechen in Maria Gugging.

Ursula Schmidt-Erfurth, geb. 1960 in Würzburg, studierte Medizin in München, forschte in Harvard und ist Inhaberin mehrerer wissenschaftlicher Patente auf dem Gebiet der Netzhautforschung (mehr als 200 Publikationen). 2004 kam sie von Lübeck nach Wien und wurde Vorstand der Uni-Klinik für Augenheilkunde und Optometrie an der Med-Uni Wien. Seit November 2010 ist sie im Medizinischen Ausschuss des Österreichischen Wissenschaftsrats und Vizepräsidentin des Europäischen Forums Alpbach.

Kommentar posten
12 Postings
Das Urmel
00
26.2.2011, 22:01
Es gibt kein weibliches Pendant zu Einstein,

weil bis jetzt (zumindest in der Physik) noch keine Frau einen derart wichtigen Beitrag geleistet hat. Das ist zwar schade - aber ganz einfach Tatsache.
Bis heute gibt auch nur 2 (!) Nobelpreisträgerinnen der Physik.
Also mein Vorschlag:
Liebe Frauen, studiert Physik (und nicht erst wieder Kunst oder Germanistik und dann jammern wie die da oben)!!
Der Frauenanteil bei uns im Studium ist zum weinen!!

sljudanka
00
28.2.2011, 11:01
Bei den Erfindungen schauts noch ärger aus

99% aller Erfindungen (in dieser Liste) wurden von Männern getätigt:

http://de.wikipedia.org/wiki/List... _Erfindern

Lt. Meinung von FeministInnen müssten Männer ja unglaubliche Fähigkeiten haben:
haben alle Erfindungen gemacht, alle Entdeckungen, und nebenbei noch die Frauen diskriminiert und vom ERfinden und Entdecken (kurzum von der Umsetzung weiblicher Genialität) abgehalten...

Eine gewaltige Leistung, wenn das stimmen würde, was FeministInnen behaupten!!

vray
00
26.2.2011, 23:15

http://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Curie
Anteiliger Physiknobelpreis und
Physikerin mit Chemie Nobelpreis...auch nicht schlecht.

Im Übrigen finde ich es völlig egal wer jetzt einen Preis bekommt oder etwas erfinden bzw. erforscht.
Manchen ist sogar das Geld wurscht, siehe Grigori Perelman.

Das Urmel
01
26.2.2011, 23:57

Ich verstehe leider überhaupt nicht, was das mit meinem Post oder dem Artikel zu tun hat.
Dass es 2 Trägerinnen gibt hab ich ja geschrieben und sie haben jetzt halt eine davon aufgezählt... nur im Vergleich zu 184 Nobelpreisträgern ist das halt verschwindend wenig und das war mein Punkt.

lizboa, don
00
26.2.2011, 12:52

ein unglaublich inspirierendes interview. die genderdebatte nimmt zu viel raum ein, wie wahr. und noch vieles andere wahre wurde gesagt. das macht richtig freude.

Geraldine van Swieten
00
27.2.2011, 19:57
Klingt ja alles gut: ABER leider ist nicht alles Gold was glänzt...

Frau Professor Schmidt beispielsweise hängt auschliesslich an ihrer eigenen Karriere (die übrigens nicht so blütenweiss ist wie es uns der Standard weismachen will).

Weibliche Professorinnen haben es unter Frau Schmidt an der Augenklinik aber gar nicht leicht. Oder ist es an anderen Uni-Kliniken auch üblich, dass innerhalb von 5 Jahren so viele habilitierte Frauen die Klinik verlassen (müssen) und eine Kassenpraxis (!!) übernehmen ??

Da schrillen doch alle Alarmglocken !

Aber mittlerweile spricht ja ganz Wien schon über die untragbaren Zustände an der Augenklinik, die nur deswegen nicht behoben werden, weil die MUW dann auf eine Quotenfrau verzichten müsste !!

Nur der Standard lobhudelt sich wieder mal eine Seite zusammen...

bystander
00
26.2.2011, 13:37
tschänder

Ich finde es hingegen sehr sehr schade, dass zwei Frauen, die beruflich wirklich tolle Dinge machen (Golz ist eine wirklich interessanteste Künstlerin, kein Bruhaha wie Wurm) wieder mal bis zum Überdruss das G-Thema durchkauen mussten. Dafür genügt doch jede beliebe Feministin, da brauch ich doch nicht eine Wissenschaftlerin und eine Künstlerin für.

Vayav indrasca
20
26.2.2011, 18:28

lieber Freund aus Deutschland, das heißt bei uns:

"da brauch ich doch nicht eine Wissenschaftlerin und eine Künstlerin DAfür"

bystander
00
27.2.2011, 13:38
echt toller beitrag

Mann, sind Sie aber auch international und weltoffen. Gratuliere!

Vayav indrasca
00
27.2.2011, 17:36

was man von Ihnen nicht behaupten kann

lizboa, don
01
26.2.2011, 14:04

eben gerade eine wissenschaftlerin und eine künstlerin braucht man dafür, weil die zur abwechlung mal keinen primär politischen blickwinkel haben. und sie sagen: das gender-thema spielt für ihre arbeit keine rolle, es wird nur durch den medialen/politischen fokus so präsent. für eine feministin hingegen ist das thema programm, und das kann als leserin auf dauer frustrierend werden.

Frauenzimmer
20
26.2.2011, 07:39
Danke Frau Schmidt-Erfurth und Frau Golz

Sie sprechen mir aus der Seele. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, dann bekommen Sie bald wütende Männerproteste aus dem Leserbriefforum zu hören.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.