Quote

Diskriminierung ist immer kollektiv

28. Februar 2011, 18:16
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    foto: privat

    Jens Kastner ist Soziologe und Kunsthistoriker und lehrt an der Akademie der bildenden Künste Wien.

Replik auf Georg Schidlhammers Kritik an der "Quotenpflicht"

In seinem Kommentar "Platon meets Gender-Mainstreaming" (Standard ,18. 2 .) stellte Georg Schildhammer Frauenförderung als moralisch illegitim dar. Argumentiert wird, bei gleicher Qualifikation sei die Bevorzugung der Frau dem einzelnen Mann gegenüber ungerecht und daher nicht zu vertreten. Schildhammer geht dabei jedoch wie die meisten Gegner von Quoten- und anderen Ausgleichsregelungen von falschen Prämissen aus. Denn:

Diskriminiert werden wir nicht als konkrete Individuen, sondern als Teil einer sozialen Gruppe. Solche Gruppen sind immer auch "vorgestellte Gemeinschaften". Man muss sich weder persönlich kennen noch gemeinsam um ein Lagerfeuer sitzen, um dazuzugehören. Man identifiziert sich und/oder wird identifiziert. Dass Frauen in den gleichen Jobs immer noch ein Drittel weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, liegt nicht daran, dass es dreißig Prozent individuell böse Entscheidungen gibt und auch nicht an einem Drittel frauenfeindlicher Chefs. Es ist auf soziale Strukturen zurückzuführen, die bestimmte Gruppen, hier eben Frauen, tendenziell benachteiligen und andere begünstigen. Denn die sozialen Gruppen stehen immer in historisch gewachsenen, von Macht durchzogenen, hierarchischen Beziehungen zueinander.

Sicherlich gibt es weder "die Frauen" noch "die Männer", "die Schwarzen" noch "die Weißen". Die Unterschiede innerhalb einer solchen Kategorie sind häufig größer als die Gemeinsamkeiten. Identitäten bestehen, wie der Cultural-Studies-Theoretiker Stuart Hall bemerkte, aus Ähnlichkeiten und Differenzen. Aber Identitäten lassen sich nicht beliebig wechseln. Sie sind zwar imaginär, vorgestellt, aber dennoch äußerst wirksam. Sie basieren auf machtvollen Zuschreibungen. Mitglieder sozialhierarchisch untergeordneter Gruppen können sich, weil ihnen die gesellschaftlich legitimierte Macht fehlt, dieser Zuordnung nur schwer erwehren: Die Transgender-Person wird von Mitgliedern der Dominanzgesellschaft als "anders" eingeordnet und aufgrund dieser Einordnung tendenziell benachteiligt, da kann sie noch so sehr betonen, wie österreichisch, erfolgreich, männlich, angepasst etc. sie ist. Der Taxifahrer wirft die schwarze Sängerin zwar ad personam, aber nicht als Individuum aus seinem Wagen. Sondern als Schwarze, so wie der Nazi-Schläger sein Opfer als Schwarze/n und nicht als Individuum verprügelt. Die "Black Panther Party" hieß deshalb mit vollem Namen "for Self-Defense".

Peter und Sabine, die von Schildhammer konstruierten gleich gut qualifizierten Bewerber auf eine Stelle, sind eben niemals "in der gleichen passiven Situation." Auch wenn es die Frauen nicht gibt, werden Menschen als Frauen wahrgenommen, eingeordnet, klassifiziert. In den von Männern dominierten Chefetagen hat das einen strukturellen Rückstand zur Folge. Dieser kann, auch das ist klar, individuell durchaus auf anderen Ebenen ausgeglichen werden. Leistung kann eine solche Ebene sein, soziale Herkunft noch viel mehr. Männern hingegen wird in dieser Situation das zuteil, was der Soziologe Robert W. Connell als "patriarchale Dividende" bezeichnet hat: Die Teilhabe an der Gewinnausschüttung historisch durchgesetzter Vorteile dank Zugehörigkeit. Es gibt keine gleichen Ausgangspositionen. Chancengleichheit ist nicht vorhanden, sondern vielmehr erst das Ziel emanzipatorischer Politik.

Mittlerweile machen in Österreich mehr Frauen als Männer einen Uni-Abschluss. Im Wissenschaftsbetrieb gilt aber dennoch, was fast für alle Berufsgruppen Gültigkeit hat: Je höher die Hierarchiestufe, desto geringer der Frauenanteil. Bei den Professuren liegt er weit unter 20 Prozent. In diesem Prozentsatz ist die Geschichte von (zunächst) Ausschluss und (später) Benachteiligung abgelagert. Um diesen Prozentsatz zu erhöhen, müssen soziale Kämpfe geführt werden. Diese Kämpfe um Gleichberechtigung können sich auch in systematischen Maßnahmen niederschlagen, beispielsweise in Quoten und Gender Mainstreaming.

Bei Fragen wie der, ob Frauen an der Uni bei gleicher Qualifikation zu bevorzugen sind, Arbeiterkinder in der Schule zu fördern und Menschen mit Migrationshintergrund bei ihrer Karriere zu unterstützen sind, geht es nicht um isolierte Einzelschicksale (Peter vs. Sabine). Es handelt sich um politische Entscheidungen. Es geht wie bei jeder affirmative action um Ausgleichsmaßnahmen für strukturell Benachteiligte. Strukturen zu leugnen, reproduziert sie nur. (Jens Kastner, DER  STANDARD/Printausgabe 1.3.2011)

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Posting 1 bis 25 von 34
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Colette
00
31.3.2011, 15:14
sehr guter artikel!

aber ich finde leider den artikel, auf den dieser eine replik darstellt, nicht mehr...

F.B.
 
00
10.3.2011, 23:26
diesequoten argumention ist jedes mal der gleiche hokus-pokus

1. nur weil JETZT mehr frauen uni abschluss machen heisst es nicht dass automatisch gleich viele frauen in den höchten positionen auf der uni sein müssen da - und jetzt aufpassen hier kommt mathematik - diese in relation zu ihrem jahrgang gemessen werden müssen

2. frauen sind großteils konzentriert an unis zu finden namentlich phychologie, architektur, soziologie, lehramtsstudien

so zu extrapolieren mehr uni absolventen ergo müssten in aufsichtsräten auch gleich viele frauen sein ist mickey mouse denken

in 30 jahren wenn die uni absolventinnen von heute probleme haben im vergl. zu ihren jahrgangskollen DANN kann man davon reden es gäbe benachteiligung. im moment ist einfach die relation von mann:frau zu hoch; btw telematik: m:f ~300:10

Hafniumcarbid
00
"Mittlerweile machen in Österreich mehr Frauen als Männer einen Uni-Abschluss."

Und was schließt der Autor daraus? Handelt es sich hierbei demnach um eine Diskriminierung des Kollektivs der Männer, wie aus dem Artikel zu schließen, und es bedarf folglich spezieller Förderungen derselben im Bildungsbereich, inklusive Quote? Oder sind Männer einfach dümmer als Frauen und das ist zu akzeptieren und nicht weiter zu hinterfragen?

Der Unkurze
00

Spielt es wirklich eine Rolle, ob ich nun eine Person direkt diskriminiere, oder eine ganze Personengruppe (aufgrund eines natürlichen Merkmals)?

Wieso sollte, was im Fall des Einzelnen eindeutig Ungerecht ist, im Falle von 50% der Menschheit aufeinmal gerecht sein?

Laandaks
12
Da sieht man, wie klug die DDR gehandelt hat, als sie Angehörigen früher dominierender Schichten Bildungszugang verweigerte: Sie wollte Kollektive positiv fördern, die früher diskriminiert wurden...

... Allerdings: Wo ist die DDR jetzt?

Da man hier plötzlich schreiben kann, folgendes verspätet: Mit diesem Kollektivgelaber erklärt man ja auch die Kollektivschuld, ja legitimiert sie sogar. Ob aber K. bewußt ist, daß damit auch Rassismus u.a.m. "verständlich" gemacht wird?

Kollektive sind tatsächlich Konstrukte - und statt sie zu gendern, könnte man sie auch sozialisieren: Quoten im Parlament der Schulbildung der Bevölkerung entsprechend, nicht nur dem Geschlecht. Quoten nach Geburtsort, nach Alter, nach Migrationshintergrund, nach Einkommen, nach Lastern und was weiß ich noch.

Merke: Besser als "historisch" ausgleichen zu wollen, wäre die Bewertung nach individueller Leistung ohne Kollektivgeschwafel. Man denke an die DDR...

froilein froilein
01
10.3.2011, 14:54
Ihr "Merke" beißt sich argumentativ in den Schwanz

Genau darum geht es: dass die individuelle Leistung eben durch die Gruppenzugehörigkeit nicht zum Zug kommt.
Die Diskriminierung durch die Gruppenzugehörigkeit gehört eben gesellschaftspolitisch beseitigt, damit die individuelle Leistung überhaupt ausschlaggenbend sein kann. Dafür braucht es gesetzliche Rahmenbedingungen.

Some Clarity
12
28.2.2011, 23:42
Es ist unfassbar

"Dass Frauen in den gleichen Jobs immer noch ein Drittel weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen..."

Es ist unfassbar, dass solche Lügen immer wieder GEDRUCKT werden. Spätestens ab dieser Entgleisung wird der restliche Artikel vollkommen wertlos, Jens.

Lern mal Logik Jens, dann wäre dir klar, dass solche Unterschiede unmöglich sind, da keine Firma mehr Männer anstellen würde, wenn Frauen es um ein Drittel günstiger machten. Ganz abgesehen von der konsequenten Faktenverweigerung natürlich, denn man WEISS ja auch bereits, dass solche Behauptungen nicht stimmen.

Colette
00
31.3.2011, 15:18

"keine firma mehr männer einstellen würde"
das unterstellt, dass firmen rational entscheiden, was aber nicht stimmt.
weiters spricht gegen die einstellung von frauen aus der sicht des arbeitgebers selbstverstnldich auch, dass sie schwanger werden können.

Richard Ebner
00
Der ganze Feminismus lebt doch mittlerweile ...

... nur mehr von Statistikfälschungen.
Kein einziges behauptetes Fakt hält einer Überprüfung stand.

Georg Schildhammer
03
28.2.2011, 23:40
Platon strikes again

Im mittelalterlichen Universalienstreit standen sich die Anhänger des Realismus ("universalia ante rem" / Platon), Nominalismus ("universalia post rem" / Ockham) unf einer mittleren Position ("universalia in re" / Aristoteles) gegenüber. Die Platoniker, daher der Titel meines Kommentars, behaupteten die Existenz der Allgemeinbegriffe vor bzw. außerhalb der Individuen. Man kann Ockhamist sein oder Aristoteliker, Platoniker nicht. Es muss immer ein konkretes Individuum geben, das ad personam diskriminiert wird. Sabine hat dieselbe Chance wie Peter. Sie wurde bis hierher nicht diskriminiert, so wie er. Warum sollte sie nun bevorzugt werden? Die Frauen, die diskriminiert wurden, erlitten dieses Schicksal davor. Dort hätte man eingreifen sollen.

Georg Schildhammer
02
28.2.2011, 23:52
PS

Die Frage, was als Förderung und was als Benachteiligung bzw. Diskriminierung angesehen werden kann, hängt stets von der Perspektive ab. Wenn Sie ihren Kommentar mit Georg Schildhammer stellte "Frauenförderung als moralisch illegitim" dar beginnen, klingt das zwar gut, ist aber dennoch falsch. Ich wehre mich nicht gegen "Frauenförderung", stelle mich aber gegen "Männerdiskriminierung". Wie gesagt: Das Los soll bei gleicher Qualifikation entscheiden. Damit wird weder die Frau (Sabine) diskriminiert, noch der Mann (Peter) - und zwar weder "ad personam" noch, wenn es denn unbedingt Platon sein muss, als VertreterIn der Universalie "Frau" bzw. "Mann".

The man
11
28.2.2011, 23:24
Was mich eher verwundert

ist die tatsache dass es den meisten frauen in führungspositionen total an sozialer kompetenz fehlt. sprich, das berufsleben wird "kälter" werden wenn mehr frauen ganz oben sind. Tatsache.

Aguirre74
 
01
28.2.2011, 23:50

Wir haben eine Frau in der Führungsetage und unter ihren Mitarbeitern gibt es bei weitem die meisten Kündigungen. Jede Frau UND jeder Mann, die bei ihr arbeiten versucht krampfhaft versetzt zu werden oder kündigt. Wahrscheinlich wieder nur die Ausnahme, aber mir kann keiner erzählen, dass Frauen irgendwie auch nur annähernd mehr soziale Kompetenz als Männer aufweisen.

Jesse Custer
00
28.2.2011, 23:07
führungsetagen

vielleicht würde auch mal jemand drüber nachdenken, _wann_ die männer in die führungsetagen kommen. die paar wenigen, die überhaupt dort ankommen, wohlgemerkt.
für einen vorstandsposten ist man normalerweise zumindest mitte vierzig, und das durchschnittsalter liegt sicherlich jenseits der fünfzig.
wenn wir also davon reden, frauen in vorstandspositionen zu bringen, muss man wohl eher darauf schauen, wer 1980 seinen universitätsabschluss gemacht hat. erheblich weniger frauen als heute natürlich. dann zählen wir nur jene, die was karrieretechnisch vernünftiges studiert haben, die viel und karriereorientiert gearbeitet haben UND keine kinderpause gemacht haben. so. und jetzt ist noch jemand verwundert?

Andreaskreuz
21
28.2.2011, 22:18

geht es wirklich um eine Gleichberechtigung?

darf ich -männlich- auch meine Tage haben?

Frauen sind klug und auch Weise (muss man nutzen)
aber wenn sie Ihre Tage haben, sind sie launisch,
was ja nicht das Problem ist

Es gibt Frauen die auch Frau sein wollen!
Müssen wir alle funktionierende Arbeitstiere werden?

Colette
00
31.3.2011, 15:22
Müssen wir alle funktionierende Arbeitstiere werden?

gute frage.
von etwas leben müssen wir alle. darauf von einem mann leben zu können sollte frau sich lieber nicht verlassen.

Die Denkerin1
11
28.2.2011, 22:18
super kommentar

da hat einer verstanden, worum es wirklich geht.
denn wer glaubt schon, dass sich der männerüberhang in den führungsetagen damit erklären lässt, dass sie alle objektiv qualifizierter waren.

Andreaskreuz
10
28.2.2011, 22:27

haben sie schon einmal ein weibliches Wesen gesehen
welche immer behütet und beschützt wurde

wo sich ein ganz graziler Körper und Wesen geformt hat
Sanftmütig und Edel

Hafniumcarbid
02
28.2.2011, 21:54
"Mittlerweile machen in Österreich mehr Frauen als Männer einen Uni-Abschluss."

Das heißt also laut der Argumentation des Autors, daß Männer im Bildungsbereich als Kollektiv benachteiligt werden und deswegen quotiert werden müssen. Seh ich das richtig? Oder will der Autor etwa suggerieren, daß Männer einfach dümmer seinen und das so schon passt? Fragen über Fragen...

Neuer Nick neues Glück
04
28.2.2011, 19:57

"Dass Frauen in den gleichen Jobs immer noch ein Drittel weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, liegt nicht daran[...]"

Ab da habe ich dann nicht weitergelesen - aus 8% gleich 33% zu machen, die Zahl also mal eben zu vervierfachen, zeigt entweder Ahnungslosigkeit oder die Bereitschaft zur Lüge.

pepitschek1
00
lieb.

wie wäre es, wenn's uns einen link posten, damit wir ihnen Glauben schenken dürfen?

evolution hunter
12
28.2.2011, 19:33

Was ich noch ergänzen wollte: es zeigt sich hier auch schön, wie gekünstelt man bereits argumentiert, um die Quote nur irgendwie in ein gutes Licht rücken zu können. Diesen argumentativen Turm zu Babel kann jedoch jeder Mensch mit gesundem Hausverstand locker mit wenigen Sätzen zum Einsturz bringen. Die Widersprüche entziehen dem Fundament den festen Boden.

@dieStandard Redaktion: ich rechne gar nicht mehr damit, dass ihr meine Postings veröffentlicht. Es zeigt sich aber, wie traurig das schon alles ist. Gut argumentierenden Kritikern wird ein Maulkorb verpasst.

Tullner Liebe
11
28.2.2011, 19:21
Teilweise kann ich zustimmen,

aber er sieht nur den patriarchalen Anteil. Die Erklärung durch die "Präsenz"-Kultur halte ich für viel zutreffender!
Leider tritt der Komentator wieder das Märchen von den 30 Prozent Differenz breit - das macht ihn tatsächlich unglaubwürdig!

evolution hunter
13
28.2.2011, 19:10

So viel argumentativen Leerlauf habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Wir werden (zumeist) als Teil einer sozialen/ethnischen etc. Gruppe diskriminiert, unbestritten. Der Künstlerin Angel Blue wurde als Schwarze die Taxifahrt verwehrt. Aber: als Individuum fühlte sie sich danach extrem verletzt. Und das ist der Punkt: Sie sprechen von strukturellen Benachteiligungen, patriarchalen Dominanzen etc...als ob dies auch nur im Geringsten etwas daran ändern könnte, einzelnen Menschen Unrecht zu tun!!! Jeder EINZELNE Mensch soll die Chance haben, das Beste aus seinem Leben zu machen. Davon sind wir weit entfernt, ich weiß. Wenn Sie nun aber Männer als Gruppe diskriminieren, nähern Sie sich diesem Ziel keinen Millimeter! Ein bisserl nachdenken...

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