"Guerilla Girls" auf Österreichisch: Die "Quotenschoten" wollen mehr als freiwillige Selbstverpflichtung zu höherem Frauenanteil in Unternehmen - Mitinitiatorin Susanne Riegler im Gespräch
Am Dienstag wird die Frauenquote voraussichtlich im Ministerrat behandelt. So spannend wird das nicht werden, meint Journalistin und Quoten-Aktivistin Susanne Riegler, weil man sowieso "grob" wisse, "was rauskommt": Bis 2013 wird eine Steigerung des Frauenanteils in Aufsichtsräten von 25 Prozent angepeilt, aber nur in staatsnahen Betrieben und ohne gesetzliche Verpflichtung. Bis 2014 sollen es dann noch mehr Frauen werden - ob jetzt 30 oder 40 Prozent, darüber herrscht zwischen den Koalitionspartnern noch keine Einigkeit.
Unverkrampft und hochpolitisch
Für Riegler ist weder die eine noch die andere Zielvorgabe genug: "Es gibt kein stichhaltiges Argument, warum nicht gleich eine 50-Prozent-Frauenquote eingeführt wird", meint sie im Gespräch mit dieStandard.at.
Riegler ist eine, die sich als "Quotenschote" bezeichnet. Schließlich
hat sie ein gleichnamiges Projekt mit auf die Beine gestellt - und es
hat laufen gelernt. "Das ist zur Selbstläuferin geworden. Für eine
politische Sache finde ich das super." Worum es den "Quotenschoten" im Klartext geht? "Frauenquoten in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst sind Pflicht, solange intransparente Männercliquen Männerdomänen besetzen, unqualifizierte Manager im Nadelstreif abkassieren und der Allgemeinheit die Kosten hinterlassen, solange globale Weltwirtschaft Ausbeutung und schnelle Gewinne für wenige bedeutet, und solange nachhaltige, regionale Wirtschaft ein Orchideenthema ist."
Entstanden ist die Idee 2009 im
Rahmen des feministischen Grundstudiums.
"Dort leite ich das Medienmodul, in dem wir uns zur Aufgabe gemacht
haben,
eine Aktion zu entwerfen, die einen politischen Inhalt kommuniziert -
etwas, das den PolitikerInnen selbst abhanden gekommen ist", erklärt
Riegler. Just zu dieser Zeit hat Frauenministerin Heinisch-Hosek einen allerersten
Vorstoß in Richtung 40-Prozent-Frauenquote gemacht, "und
Wirtschaftsminister Mitterlehner hat ihr - von den Medien genauso
mitkommuniziert - eine 'Abfuhr' erteilt", erinnert sich Riegler. "Daran haben wir uns arg
gestoßen: Wie kann er die Ministerin derart abkanzeln?" Das neue Zugeständnis Mitterlehners für eine bescheidene Frauenquote ist nicht zuletzt vor diesem Hintergrund für Riegler Augenauswischerei: "Aus tiefstem Herzen heraus: Ich ärgere mich wahnsinnig", sagt sie zu dem Bekenntnis für die kleine Quote. "Heinisch-Hosek hat damals nicht einmal Schützenhilfe
von Faymann und Co. bekommen. Sie stand allein da mit einer Forderung,
hinter der eigentlich viele, viele Frauen stehen. Da haben wir uns
gedacht: Wir tun selbst was. Etwas, das von der Basis kommt,
unverkrampft, direkt und lustvoll ist."
Schneeballsystem mit Multiplikatorinnen
Also haben sich die Feministinnen bei ein paar Glaserln Rotwein zusammengesetzt. "Wir wollten so etwas
machen wie die Guerilla Girls (lacht): Die haben einen
Bananensticker überall dort aufgeklebt, wo im Kultur- und Kunstbereich keine
Frauen vorkamen. Zuerst haben wir eine Chilli-Schote im Aug' gehabt als Motiv, aber da ist uns diese öffentlich-rechtliche Belästigung
namens Dominik Heinzl mit seiner 'Chilli'-Schote dazwischen gekommen,
und so ist es dann
die Erbsenschote geworden." Konsequent haben die Frauen das politische mit dem Privat-Vergnügen verbunden und
gesagt: "So, wir drucken jetzt ein paar tausend Pickerl. Auf eigene
Kosten. Und die sind uns förmlich aus der Hand gerissen worden!", freut sich Riegler.
Die Folge des Erfolgs: Die Aktivistinnen haben eine Homepage erstellt, auf der sie die Pickerl-Druckvorlagen
als Open Source zum Download bereitstellen. "Theoretisch kann
sich's jede/r runterladen und ausdrucken. Es sind mittlerweile
zigtausende Pickerl unterwegs." Das sei nicht zuletzt den SPÖ-Frauen zu schulden, die sich via Webseite großzügig mit Quotenklebern versorgt haben. Autonom sei man aber geblieben, betont Riegler: "Alle Frauen, die die Pickerl aufkleben oder verteilen sind 'Quotenschoten'. Die Organisatorinnengruppe hat nur den Anstoß gegeben."
"Wollen sich nicht in die Karten schauen lassen"
Zusätzlich präsentieren die "Quotenschoten" auf ihrer Webseite etliche "Quotenbotinnen", "die auch prominenter sind" und im Gegensatz zu anderen in der Öffentlichkeit präsenten Frauen und Männern voll hinter der Quotenforderung stehen. Warum sich so viele gegen selbige stellen, sieht Riegler in einer Angst vor Machtverlust begründet: "Wenn tatsächlich 50 Prozent Frauen in den Aufsichtsräten sitzen würden,
hieße das nicht nur Postenbesetzung neu, sondern dass frühere
Außenstehende Einblick in diese Strukturen erhalten. Und die können dann
sogar mitbestimmen, über Geld- und Kapitalflüsse! Das will das
Patriarchat, wollen die Konzerne nicht. Darum auch diese versteifte
Idee, die Quote nur in den halbstaatlichen Betrieben zu installieren. Wo man sich nicht in die Karten schauen
lassen will, sind die Großkonzerne, wo viel Geld dahinter steckt." Für das geltende System scheine die Quote etwas Gefährliches zu sein, meint Riegler: "Und darum passiert das Ganze in so kleinen Schritten."
Nicht gerade erst von den Bäumen heruntergeklettert
Das Argument, dass sich nicht genug qualifizierte Frauen für die Top-Posten finden würden, weist Riegler bestimmt zurück: "Mittlerweile gibt es mehr weibliche als männliche
HochschulabgängerInnen, der qualifizierte Nachwuchs ist da. Ich finde es präpotent und zynisch, dass Mitterlehner und
Geschlechtsgenossen so tun, als wären Frauen gerade erst von den Bäumen
heruntergeklettert, als wären sie nicht imstande, solche Posten
auszufüllen. Das ist eigentlich ein Skandal."
Als Frechheit bezeichnet Riegler auch die Idee, speziell Frauen fürs "Führen"
zu schulen. Wirtschaftskammer, Industriellenvereinigung und Wirtschaftsministerium bieten im Rahmen des Projekts "Zukunft.Frauen" eigens Kurse für Frauen an, damit diese überhaupt einmal fähig werden, Aufsichtsratsposten
auszufüllen. "Da gibt es Rhetoriktraining und
Führungskräfteschulungen - ich frage mich, welcher Mann muss einen
Rhetorikkurs besuchen, bevor er in einen Aufsichtsrat kommt?"
Hier sieht sie alte, eingeübte Ausschlussmuster greifen: "Männer haben ihre
Spielregeln, die sie so gestaltet haben, dass Frauen nicht so leicht
mitmachen können." Die Frauen würden als "Spielverderberinnen" gefürchtet: "Das ist unangenehm, das
will man nicht." Auch die EU nicht, meint Riegler, sei die doch Schutzherrin dieser
Konzerne und Spielregeln: "Da tut sich auch eine Viviane Reding
schwer, wenn sie auch beherzt an die Sache geht. Aber würde sie aufs Ganze gehen und tatsächlich die Macht der Männer brechen wollen, wäre sie nicht dort, wo sie gerade ist".
Kein nachrangiges "Eliten"-Thema
Insofern zählt Riegler auch zwei weitere Argumente von QuotengegnerInnen unter die Kategorie Ab- und Ausgrenzung. "Die Quote wird oft
abgetan als ein nachrangiges Thema. Es gäbe ja immer größere, wichtigere Probleme, Bürgerkriege, Umweltkatastrophen, um die man sich kümmern muss - aber dass genau
das die Folgen und Auswüchse dieser zementierten Systeme sind, wird unter den Teppich gekehrt." Die Quote rüttle sehrwohl an den Grundfesten dieser Machtverhältnisse, glaubt Riegler fest.
Nicht gelten lässt sie zudem das ebenfalls gern gegen die Quote ins Feld
geführte Kontra, dass sie eine elitäre Forderung sei und "den Frauen da
unten" nichts bringe. "Das ist eine antifeministische Schutzbehauptung.
Man spaltet die
Frauen damit: 'Passt's auf, die Elitenfrauen schieben sich Posten zu!'" Dabei ändere sich durch die Quote auch für die Mehrheiten
etwas, ist Riegler überzeugt: "Sitzen die bislang Ausgeschlossenen 'oben', dann
könnte sich zum Beispiel ändern, dass die Pflegeberufe und andere
schlecht bezahlte Arbeiten nicht mehr länger fast ausschließlich von
Frauen erledigt werden - weil wir die Männer irgendwo
unterbringen müssen, die nicht automatisch nach 'oben' gespült werden, und die kommen dann
auch mehr in diesen Berufsfeldern an."
"Die Emanze geht aufs Ganze"
Dass sich diese Einsichten herumsprechen und aus mehr Menschen "Quotenschoten" machen, könnte auch durch die große Frauendemonstration am 19. März passieren: "Da gehen wir mit einem Transparent: 'Die Emanze geht aufs Ganze. 50 Prozent und nicht weniger.' Wir wollen unsere Präsenz zeigen, so wie andere Frauengruppen auch, und damit diese Forderung, vor der das Patriarchat sehrwohl Angst hat, weiter auf die Straße tragen."
Ohne den Druck der Straße geht es nach Ansicht Rieglers auch gar nicht: "Ich befürchte, dass die Quote in der institutionellen Politik die nächsten zwei Jahre abgefrühstückt ist. Was ich aber nicht glaube: Dass die Frauen locker lassen. Da hoffe ich auf die Aufbruchsstimmung der letzten Wochen, in denen immer mehr Frauen aufgewacht und immer mehr bereit sind, sich Sachen erkämpfen zu wollen, nicht zuletzt wir", kündigt Riegler an: "Wir werden überhaupt keine Ruhe geben, ganz im Gegenteil." Denn die Quote als schlichte, klar verständliche Forderung habe das Zeug, Großes zu bewirken: "Weil es um mehr geht als nur Postenvergabe. Weil sie dem Patriarchat ans Mark geht." (bto/dieStandard.at, 14.3.2011)