Bezahlter Abbruch auf österreichisch

Sandra Ernst Kaiser
7. April 2011, 07:00
  • "Flieger" heißt die Skulptur von Klaus Schwendner, die 2001 in Abendsberg installiert wurde. Eine lebensgroße Figur aus Kunstharz 
fliegt mit weit ausgebreiteten Armen und Beinen durch die Luft, 
knallt mit dem Kopf gegen eine Mauer und bleibt darin stecken. Die Mauer soll tradierte Wertvorstellungen
 symbolisieren, Regelungen, 
Vorschriften und Bürokratismus, durch die der Mensch gebremst
 wird.
    foto: apa/ stefan kiefer

    "Flieger" heißt die Skulptur von Klaus Schwendner, die 2001 in Abendsberg installiert wurde. Eine lebensgroße Figur aus Kunstharz fliegt mit weit ausgebreiteten Armen und Beinen durch die Luft, knallt mit dem Kopf gegen eine Mauer und bleibt darin stecken. Die Mauer soll tradierte Wertvorstellungen symbolisieren, Regelungen, Vorschriften und Bürokratismus, durch die der Mensch gebremst wird.

Die Stadt Wien unterstützt sozial Schwache bei Abbrüchen, möchte aber nicht dafür "werben" - Als Bedingung wird eine Beratung gefordert

Für Frauen, die in Wien ihren Erstwohnsitz gemeldet haben und ein monatliches Nettoeinkommen von 754 Euro nicht überschreiten, kann bei einem Schwangerschaftsabbruch eine Kostenübernahme durch die Stadt Wien erfolgen. Diese Frauen müssen bei der Familienplanungsstelle der Magistratsabteilung (MA) 40 ihre gesamten Einkünfte und Ausgaben, etwaige Alimente-Zahlungen und die Wohnsituation (Anzahl der im Haushalt lebenden Personen) offenlegen und vorweisen, dass sie sich einer Familienberatung unterzogen haben. Elke Graf von pro:woman am Fleischmarkt in Wien bedauert, dass die Frauen durch die Antragsstellung der Kostenübernahme ihre in privaten Einrichtungen gewährte Anonymität verlieren.

Die Stadt Wien stellt allerdings einen Ausnahmefall in Österreich dar. Frauen müssen in Österreich für die Kosten eines Schwangerschaftsabbruches nämlich selbst aufkommen und auch auf die Übernahme für Verhütungsmittel konnten sich PolitikerInnen bisher nicht einigen. In den meisten europäischen Ländern ist das anders: Sowohl die Abbrüche ungewollter Schwangerschaften als auch Verhütungsmittel werden von Krankenkassen und/oder staatlichen Einrichtungen übernommen.

Im Westen keine Abbrüche in öffentlichen Krankenhäusern

Die Kosten für einen Abbruch, unabhängig von der Methode des Abbruchs, rangieren in privaten Instituten in Österreich zwischen 430 und 600 Euro. In Krankenhäusern der Stadt Wien betragen sie 301,81 Euro. Dabei werden lediglich in Krankenhäusern der Stadt Wien, Linz sowie Salzburg Abbrüche ungewollter Schwangerschaften überhaupt angeboten und vorgenommen. Für den Gynäkologen und Betreiber des gynmed-Ambulatoriums Christian Fiala hängt diese Tatsache mit der politischen Ausrichtung der jeweiligen Bundesländer zusammen.

Vorbedingung: Familienberatung

Die Stadt Wien hat ein Interesse daran, die Frauen im Falle einer Kostenübernahme in einem Krankenhaus der Stadt unterzubringen, was aber aufgrund des Termindrucks und der oft überfüllten Krankenhäuser meistens nicht gelingt. Offenbar um möglichst wenige Abbrüche durchführen zu müssen, verlangen jene sechs Wiener Spitäler (Krankenhaus Hietzing, Rudolfstiftung, SMZ Süd, Semmelweis-Klinik, Kaiser-Franz-Josef-Spital, Krankenhaus Lainz und das Wilhelminenspital), von den durch die Stadt Wien unterstützten Frauen eine Beratungsbescheinigung einer Familienberatungsstelle für den Eingriff.

Dies erstaunt, denn in Österreich wird - im Gegensatz zu Deutschland - vor einem Schwangerschaftsabbruch eine Familienberatung per Gesetz nicht gefordert. Dass die MA40 diese Beratungsbescheinigung von den sozial Bedürftigen verlangt, erklärt Renate Christ von der MA40 damit, dass "die Abtreibung eine Ultima Ratio sein soll. Die Frauen werden von MitarbeiterInnen der MA11 beraten". Zudem, so Christ weiter, "wollte die MA40 nie in den Verdacht kommen, einer Frau einen Schwangerschaftsabbruch nahe zu legen. Die Familienberatung stellt eine jahrelange Praxis dar und soll sicherstellen, dass die Frau alle Möglichkeiten bedacht hat".

"Schwer zu sagen: Komm abtreiben"

Die MA40 fordert die Bescheinigung nur, weil sie "verantwortungsvoll mit Steuergeld umgehen müssen". Zudem spricht die Mitarbeiterin der MA40 von der "Optik, die verheerend ist, wenn wir eine Frau unberaten eine Abtreibung bezahlen". Dass ihre Bedingung keine gesetzliche Basis habe, sei ihnen jedenfalls klar. Nachsatz: "Einfach nur Geld hinlegen und sagen: Da hast, geh abtreiben - das ist geschmacklos".

Im Falle des Abbruchs in einem privaten Institut - etwa pro:woman oder Venus-Med - werden die Kosten der bedürftigen Patientin zwar übernommen, aber nur zum Teil. Die Stadt Wien zahlt lediglich 260 Euro. "Den Restbetrag zu den tatsächlichen Kosten übernehmen wir dann aus unserem internen Sozialbudget", erklärt Elke Graf von pro:woman. Im vergangenen Jahr haben 477 Frauen den Kostenübernahme-Antrag bei der MA40 eingereicht, 440 davon wurden bewilligt.

Die Anfrage von dieStandard.at, warum diese Unterstützung in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist - etwa auch auf der Internetseite der MA40 nicht angeführt ist -, bleibt vom Wiener Krankenanstaltenverbund unbeantwortet. Renate Christ von der MA40 jedoch meint: "Ich tu mir schwer dafür zu werben und zu sagen: Kommt abtreiben. Ich würde das für geschmacklos halten".

"Gebärzwang als Monarchie-Überbleibsel"

pro:woman versucht bei Frauen, die an sie herantreten, auch "die finanzielle Situation ein wenig abzutasten". "Wenn wir merken, dass eine Frau finanzielle Unterstützung benötigt, verweisen wir sie zur MA40 und klären sie auf, wie sie zur finanziellen Unterstützung kommen können", so Elke Graf. Christian Fiala leitet finanziell schwache Frauen auch zur MA40 weiter, will aber "keine Zwei-Klassen-Medizin schaffen". Er sieht die Abtreibungspolitik auf Bundesebene gefordert.

"Die Kosten dafür müssen endlich von den Sozialversicherungen übernommen werden. Es kann nicht sein, dass Frauen von der Sozialversicherung derart im Stich gelassen werden. Selbst in traditionell katholischen Ländern wie Spanien, Portugal und Italien werden die Kosten vom Staat übernommen", mahnt Fiala. "In Österreich gilt noch immer die mittelalterliche Überzeugung: Frauen müssen gebären. Dieser Gebärzwang ist sozusagen ein Überbleibsel aus der Monarchie", summiert der Gynäkologe die österreichische Abtreibungspolitik. (Sandra Ernst Kaiser, dieStandard.at, 7.4.2011)

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@Artikel

Ich denke, dass jede Frau ihre Gründe hat einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen. Ich selbst musste dies aus diversen Gründen auch machern und mir war es wichtig, dass ich mich in gute Hände begebe und dafür war und bin ich auch bereit etwas zu bezahlen. Ich war bei Woman&Health und ich wurde von sehr kompetenten Ärzten behandelt. Die Klinik ist wunderschön und gerade bei so einem Eingriff, sollte man nicht an der falschen Stelle sparen.
Wen es interessiert, hier der Link: www.ungewollteschwangerschaft.at

zweierlei maß:

in vitro-fertilisationen werden bezahlt (der fonds wird zur hälfte von den gesetzlichen krankenversicherungen gespeist, obwohl der oberste gerichtshof geurteilt hat, dass sie dafür eigentlich gar nicht zuständig sind) - abbrüche nicht.

wir sind halt immer noch ein katholisches land.

warum das überhaupt noch einer diskussion wert ist?

oder wollen die gegnerInnen wieder den zwei klassenabbruch einführen? die, die sichs nicht leisten können, ab zu den engelmacherinnen?

Wien ist anders ... :-(

was nicht bezahlt wird

Toll. Dafür muss man als Schwangere das sinnvolle Organscreening in der 25. Woche selber zahlen (oder bleiben lassen).

Sinnvoll ?

"Das Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung in der Schweiz untersuchte in einer Studie (ZfTA, 2001, S. 124) das Verhältnis von Verdachtsdiagnosen während der Schwangerschaft und tatsächlichen Fakten nach der Geburt. Festgestellt wurde, dass bei statistisch gesehen 75 von 100 Kindern mit unterschiedlichen im Ultraschall auffällig gewordenen Entwicklungsstörungen sich diese letztlich nicht bestätigen und die Kinder ohne Auffälligkeiten geboren werden. So kann gesagt werden, dass es in der Mehrzahl der Fälle von pränatal ausgesprochenen Verdachtsdiagnosen zu einer mitunter starken Beunruhigung, Verunsicherung und psychischer Belastung der Schwangeren kommt, die sich im Endeffekt als unbegründet herausstellt."

Ich würde gerne anregen anstatt kindisch rote stricherl zu verteilen mir zu erklären ob (und vor allem warum) eine methode mit 75% fehlerquote und den daraus resultierenden belastungen wirklich als "sinnvoll" einzustufen sein kann.

ich denke, löwenmaul war vergrätzt, dass sie einfach so mit rationalen fakten daher kommen.

da müssen sie auf die antwort von fachleuten hoffen. finde ihren einwand o.k. führt aber vom thema weg. was meinen sie dazu?

zum thema "schwangerschaft ist keine krankheit":

"Gesundheit des Menschen ist laut Weltgesundheitsorganisation „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen."

unter "gesundheit" fällt eine unerwünschte schwangerschaft dann ja wohl eindeutig nicht - andererseits: wenn jemand die kostenübernahme bei abbrüchen mit dem argument "schwangerschaft ist keine krankheit" ablehnt, dann müßte er konsequenterweise auch die kostenübernahme bei sämtlichen schwangerschafts-vorsorgeuntersuchungen und bei geburten ablehnen.

sozialen Wohlergehens

was verstehen sie daran nicht?

Gerade eine Schwangerschaft kann das soziale Wohlergehen massiv einschränken, wenn nicht gar verhindern.

Keine Frau wird gezwungen schwanger zu werden - Ausnahme "es" passiert bei einer Vergewaltigung. Sonst hat auch Frau einen freien Willen!!! Wenn sie sich für Sex entscheidet, hat sie eben auch mögliche Folgen (ev. alleine, wenn es keine feste Beziehung ist) zu tragen.

könnten sie nicht bitte wenigstens einmal ihre reaktionäre klappe halten?

Aha es ist also resktionär wenn man Verantwortung fordert?! Interessant. Wer poppen kann muss halt auch Verantwortung uebernehmen. Im Zeitalter von zig Verhütungsmitteln wird niemand ungewollt schwanger!!

hm? hab ich das angedeutet?

wohl eher im gegenteil.

@komischerVogel

Da meine Antworten auf ihren Beitrag nicht ankommen, hier:

Aus ihrer letzten Antwort gab es einen Absatz der mir sehr gut gefallen hat. Leider wird er hier nicht angezeigt, ich hab ihn aus der notification-mail herauskopiert:

Zitat: "Ob es nach diesem Leben für solche Taten eine Wiedergutmachung gibt/geben muss, ob "nur" eine Möglichkeit genommen wurde oder tatsächlich ein Leben, ob der Geist, die Seele zum Zeitpunkt der Abtreibung noch nicht inkarniert war oder doch - wir werden´s erfahren."

Sehen Sie, genau das sind die Fragen die auch mich beschäftigen. Und ich bin mir weiters sicher, das jemand der sich mit solchen Fragen bereits einmal beschäftigt hat, keine Abtreibung mehr befürworten wird.

In diesem Sinne, auch ihnen alles Gute.

Abgesehen davon, dass diese "Inkarnationstheorie" recht schwurbelig ist. Sucht sich der Geist oder die Seele halt einen anderen Körper um sich zu materialisieren

- das kann in diesem Gedankenschema dann doch wohl keine Problem sein.

BTW ganz besonders schräg finde ich auch die Karma-Geschichte. Das ist so ähnlich als würde ich im vorherigen Leben auf die Herdplatte greifen und im nächsten eine Blase auf der Hand bekommen.

Wenn das ein Grund sein sollte einer Frau zu ermöglichen eine ungewollte Schwangerschaft sicher und nicht bei einer obskuren Engelmacherin zu beenden, dann frage ich mich, wie Menschen, die ein Lebensrecht eines Embryos höher einstufen als das einer erwachsenen Frau und dazu noch Theorien bemühen, die es zuhauf gibt, weil der Mensch offensichtlich einen Sinn sucht, wo es keinen gibt.

Na dann. Ist ja für Sie alles klar, und Sie verspüren bestimmt keinen Drang der Rechtfertigung für Ihre Taten.

Nein, denn ich bin nicht katholisch verseucht.

Was nicht bedeutet, dass ich mir meine Handlungen überlege und sozial handle. Aber eben nicht aus Angst vor Bestrafung oder einem karmabehafteten nächsten Leben, sondern aus meinen menschlichen Fähig- und Möglichkeiten heraus und weil soziales Verhalten mehr Freude und Rückhalt bietet als asoziales.

Das ist für mich einer der abstossendsten aspekte an religionen, die überheblichkeit nur die eigene (pseudo)moral und "ethik" als maßstab und allgemeingültig zu sehen, und allen oktroyieren zu wollen.

Nicht mal der kleinste zweifel beschleicht "gläubige" daß alle, die den (jeweils eigenen) glauben nicht teilen, keinesfalls verantwortungsvoll und moralisch handeln können.

drum heisst es ja ChristenDumm... ;-) , aber richtig,

SO dumm sind die gar nicht, die Führer dieser Bewegung.

Stimme Ihnen da vollkommen zu.

morpheus

bei der fristenlösung geht es aber nunmal nicht um "befürwortung von abtreibung", sondern lediglich darum bedingungen zu schaffen unter denen frauen nicht ihre gesundheit und ihr leben riskieren müssen bei einem abbruch - und zwar nicht vom ideal ausgehend, sondern von der realität, in der es abbrüche immer gegeben hat und auch heute noch gibt.

die einzige frage ist: wollen wir - als gesellschaft - daß frauen (vor allem frauen mit wenig geld) bei illegalen abbrüchen verrecken - oder eben nicht?

Ich würde es als gesellschaftlichen Kompromiss bezeichnen.

Was anderes kann es auch nie sein.

genauso

war die fristenlösung von anfang an gemeint. ein kompromiß, um eine (vorher) unhaltbare situation in den griff zu kriegen.

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