Vollschleier-Verbot

Wer bestimmt, was selbstbestimmt ist

19. April 2011, 07:00
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    foto: reuters/gonzalo fuentes

    Seit 12. April ist ein solcher Ganzkörperschleier (Niqab) verboten. Kenza Drider (im Bild) reiste an diesem Tag zu einer Demonstration nach Paris um gegen das Verbot zu protestieren und wurde festgenommen. Allerdings nicht wegen des Schleiers, sondern weil die Demonstration nicht angemeldet war.

Die einen sehen sie als Opfer, andere als souveräne Provokateurinnen – Ein Vollschleier-Verbot wird mit beiden Annahmen nicht gerechtfertigt

Seit letzter Woche ist in Frankreich das Verbot von Vollschleiern in der Öffentlichkeit Realität. Geldstrafen, Nachhilfe in Staatsbürgerkunde und für jene, die Frauen unter einen Vollschleier zwingen, kann es auch Freiheitsstrafen setzen. Die Diskussionen über die Sinnhaftigkeit eines solchen Gesetzes flackern seit Inkrafttreten des Vollschleier-Verbotes erneut auf. Pragmatische Überlegungen zur Umsetzung des Verbotes, Auswirkungen des Gesetzes auf Burka- oder Niqab tragende Frauen oder gefährliche Signale in Richtung rechter Parteien sind die zentralen Themen, denen sich die KommentatorInnen widmen.

Wer legt den Schleier an?

Doch egal welche konkreten Probleme GegnerInnen oder BefürworterInnen ins Feld führen – ihre Argumentationen werden meist von deutlichen Vorstellungen über die Autonomie der betreffenden Frauen begleitet. Der Staat Frankreich tritt in dieser Sache nicht nur als Verteidiger eines liberalen Rechtsstaates auf, in dem der Entscheidungsfreiheit seiner BürgerInnen ein hoher Stellenwert eingeräumt wird. Frankreich positioniert sich auch als Beschützer von Frauen, die bestimmter Freiheiten beraubt werden. Ein Ganzkörperschleier schließe Frauen aus dem öffentlichen Leben aus und mache sie minderwertig und dies sei mit den Werten der Republik nicht vereinbar, so argumentierte Innenminister Claude Guéant. Demnach hätte das Gesetz die Aufgabe, Frauen zu befreien und sie vor jenen zu schützen, die sie daran hindern, selbst über ihr Leben und ihr Auftreten in der Öffentlichkeit zu bestimmen.

Provokateurinnen

Obwohl sich die französische Philosophin und Feministin Élisabeth Badinter ebenfalls klar für das Vollschleier-Verbot ausspricht, gelten für sie völlig andere Voraussetzungen. Sie geht nicht von Frauen aus, die sich unterwerfen müssen. Trägerinnen von Vollschleiern sind für sie radikale Gläubige, die Badinter auch nicht einer Religion zurechnet, sondern vielmehr einer Sekte – Handlungen, wie das Tragen einer Burka oder eines Niqab, hätten zudem mit der Mehrheit der islamisch-gläubigen Menschen nichts zu tun. In einem Interview im STANDARD ("Diese Frauen isolieren sich") spricht sie von Provokateurinnen, denen nicht durch Pädagogik, sondern nur mehr durch ein Gesetz Einhalt geboten werden kann. Diese Frauen nehmen sich das Recht "die Identität anderer zu sehen, während sie ihre eigene verbergen. Das ist der Gipfel der sozialen Unsittlichkeit." Und auf die Frage, ob Frauen durch ein Verbot nicht in ihre Wohnungen oder Häuser verbannt werden, rekurriert sie wieder auf völlig autonome Individuen. "Diese Frauen isolieren sich doch selbst, in dem sie den Blickkontakt verweigern! Na dann bleiben sie eben zu Hause."

Gezielte Aktionen

Müsste man sich für eine Argumentation der VerfechterInnen des Verschleierungs-Verbotes und somit auch für eine Haltung gegenüber den Trägerinnen von Vollschleiern entscheiden, so wäre wohl Innenminister Claude Guéant auf dem Verliererposten. Denn in seinem Beschützergestus agiert er genauso wie religiöse Fundamentalisten, die Frauen Entscheidungsfähigkeit und Durchsetzungskraft absprechen und glauben, das für sie übernehmen zu müssen. Die Trägerinnen von Vollschleiern werden zu Objekten während Frankreich und Islamisten, die letzte Woche Frankreich wegen des Gesetzes mit Anschlägen gedroht haben, sich gegenseitig die Muskeln zeigen.

Aber auch Badinters Annahme der radikalen Schleierträgerinnen reicht nicht für die Argumentation eines Verbotes aus. Eine klare Trennung zwischen Zwang und freien Entscheidungen ist hier, wie auch bei vielen anderen Praktiken, nicht so einfach zu ziehen. Zu viele gesellschaftspolitische Faktoren mischen sich da ständig ein. Die Handlung, einen Vollschleier zu tragen, auf Provokation und die bewusste Verletzung der "sozialen Sittlichkeit" zu reduzieren, greift auch zu kurz.

Profane Umsetzungsschwierigkeiten

Ob Provokateurinnen, radikale Sektenangehörige oder bezwungene Individuen, die als Protagonistinnen keine Rolle spielen – beides sind nur diffuse Ideen davon, wer oder was mit diesem Verbot bekämpft werden soll. Das allein sollte aber für die Installation eines Verbotes nicht reichen dürfen.

Und selbst die profanen Umsetzungsschwierigkeiten sprechen alles andere als für ein Verbot von Vollschleiern: Werden Frauen, denen ein Vollschleier aufgezwungen wird, ihre Ehemänner, Väter oder Brüder – also ihre engsten Verwandten – anzeigen? Werden Frauen, die sagen, dass sie den Schleier freiwillig tragen, diesen auf der Straße lüften? Letztlich darf in Hinblick auf die Plausibilität des Gesetzes auch nicht unerwähnt bleiben, dass es sich in Frankreich um geschätzte 2.000 Frauen handelt, die einen Vollschleier tragen.

Alles andere als gute Gründe. Ein populistischer, politisch-strategischer Zug und ein Ringen um die Gunst konservativer und rechter WählerInnenstimmen ist vielleicht auch eine sehr einfache Antwort auf die Frage, warum dieses Gesetz eingeführt wurde. Sie klingt aber dennoch schlüssiger. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 19.4.2011)

Kommentar posten
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aqualung
00
25.6.2011, 15:36
danke, guter artikel

Sie haben die Sachlage sehr gut analysiert. Es muss einen trifitgeren Grund geben, um wegen geschätzten 2.000 Frauen ein neues Gesetz zu formulieren. Schade, dass in immer mehr europäischen Ländern die Möglichkeit, mehr Wähler anzusprechen, der triftigste Grund für Reformen jeglicher Art zu sein scheint!

singing princess
13
12.5.2011, 09:56
bitte mehr qualität!

es wäre fein, wenn wolche analysen jemand schriebe, der sich in frankreich und seinem politischem diskurs auskennt - so geht das einfach nicht, liebe freundinnen von der standard-redaktion, das ist einfach platt und peinlich.

Frauenzimmer
10
12.5.2011, 17:02
.singing, dem schließe ich mich anvor allem der letzte satz ist billigste grünenpolemik, mit der die grünen (ich bin selbst "noch" sympathisantin) jedes feministische argument totschlagen.

es ist eagl, ob diese frauen das aus provokation tragen, oder ob sie al quaida-sympathisantinnen sind, oder ob sie gewzungen werden: die ganzkörperverhüllung verletzt die würde der frau, nicht nur der trägerin, sondern aller frauen, die in den augen der muslimischen männer unverschleiert schamloses freiwild sind. letzthin in 3 sat: in afghanistan und pakistan ist eine taliban-frau 5 schafe wert und geht mit dem verkauf in das eigentum des mannes über.

El Zorro
25
22.4.2011, 00:41
Eigentlich ist es ganz einfach

Ein Verbot bringt das Risiko mit sich, Frauen die *frewillig* Vollverschleierung tragen *wollen*, in ihrer Freiheit einzuschränken.

Kein Verbot bringt das Risiko mit sich, Frauen die *gezwungen* werden Vollverschleierung zu tragen, nicht zu helfen.

Je nach Weltanschauung kann jeder Mensch entscheiden, was das kleinere Übel ist.

Verblüffend ist nur, dass dieStandard.at das erste Risiko bevorzugt....

dieWolfsmutter
43
23.4.2011, 07:50
Sei nicht naiv.

Das hat rein gar nix mit Hilfe zu tun. Es hat mit Kontrolle zu tun.

El Zorro
11
23.4.2011, 08:56
Sei nicht kompliziert

Wenn du in einer unangenehmen, dir aufgezwungenen Situation bist und jemand dich befreit, dann ist dir geholfen worden, oder?

dieWolfsmutter
43
24.4.2011, 04:01
Schätzchen,

Kleidungsverbote sind ebensowenig "Befreiung" wie Kleidungsgebote.
Ergo: das hilft nur den Veranstaltern.

Slarti Bartfass
 
33
23.4.2011, 09:38

Wenn es der Glaube (welcher auch immer, und sei er eingebildet) ist, der jemanden zwingt und Sie verbieten das, dann haben Sie niemanden befreit, dann haben Sie ihn unterdrückt.

Wenn jemand das Zeig freiwillig trägt, dann haben Sie ihn nicht befreit, sondern die Freiheit beschnitten.

Wenn Sie von jemand anderem zu etwas gezwungen werde, dann reicht es bestehende Gesetze (Nötigung) zu exekutieren.

Wenn eine Frau ohne dem wie eine Prostituierte fühlt (weil sie es in ihrem Kulturkreis eben so gelernt hat) dann fühlt sich auch so, wenn sie Verhüllung nicht trägt, weil sie nicht darf.

Wenn es ein politisches Symbol ist, dann ein ändert ein Verbot die Einstellung auch nicht.

aqualung
00
25.6.2011, 15:40
treffend formuliert

umso unverständlicher ist, das so viele das nicht verstehen, und dann mit argumenten wie "der würde aller frauen" daherkommen. das klingt für mich einfach nicht ernsthaft, und genauso kommt es aus dem mund von vorzeige-feministen wie strache, winter u Co

El Zorro
11
23.4.2011, 09:48
Wir reden hier über den dritten Punkt

"Wenn Sie von jemand anderem zu etwas gezwungen werde, dann reicht es bestehende Gesetze (Nötigung) zu exekutieren. "

Es gibt etliche Frauen, die berichten, dass sie gezwungen wurden sich zu verschleiern --> anscheinend haben die bestehenden Gesetze nicht gegriffen.

Um die Diskussion zu verkürzen: Wenn Sie glauben, dass so etwas nie vorkommt, werden wir nur Zeit vergeuden wenn wir länger diskutieren.

Slarti Bartfass
 
32
23.4.2011, 15:17

Käme Zwang nie vor, bräuchte man kein Gesetz dagegen.

"Natürlich" werden Menschen zu etwas gezwungen. Das geht von ein Kind dazu zu zwingen Spinat zu essen über Zwänge in der Ehe (und das dürften bei weitem mehr Fälle sein als es Verhüllte in Österreich gibt) bis zu jemandem, der gezwungen wird jahrelang im Keller zu leben.

Sollten Spinat, Ehe und Keller Ihrer Meinung nach nun auch verboten werden?

Fritz Wunderlich
00

sind sie völlig plemplem?
es ist verboten, leute in kellern gefangen zu halten
wollen sie das abschaffen??
zwang, spinat zu essen? wollen sie essen abschaffen?
nur in der überflussgesellschaft kann man kindern eine auswahl anbieten, sonst regiert der, wie marx mal sagte, naturwüchsige zwang

ehe? wer will, der kann, muss aber nicht
sie wollen die einführung von zwangsehen?

DasLebenhinkt
05
21.4.2011, 13:36

Tatsache ist, dass in den letzten Jahren die Zahl der Kopftuch/Ganzkörperschleierträgerinnen stark gestiegen ist. Jetzt gilt es heraus zu finden warum das so ist und was die Beweggründe sind.
Und dann kann man wenn es notwendig ist, Maßnahmen dagegen beschließen.

Timagoras
 
08
21.4.2011, 00:17
man/fra ersetze in dieser diskussion einfach "frauen" duch "farbige" oder "andersgläubige" ...

... und schon wird die ganze perversion dieser ultrareaktionären und erzpatriarchalischen ideologie offensichtlich.

aber solang's "nur" um frauen geht, drückt auch so manche scheinfeministin gerne mal ein auge zu, nicht wahr?

beliar
131
21.4.2011, 10:33

wegen geschätzter 2000 frauen die in frankreich einen vollschleier tragen rege ich mich nicht auf. ich rege mich auch nicht über nonnen auf

Chien de Pique
15
21.4.2011, 14:12

Heutige Nonnen tragen auch keine Vollschleier mehr, abgesehen davon dass eine Nonne, i.U. zur Ordensfrau allgemein, per definitionem praktisch nicht öffentlich auftritt (Klausur).

DasLebenhinkt
14
21.4.2011, 13:37

Rot von mir wegen Ihrer Nonne

Timagoras
 
011
21.4.2011, 12:51
"wegen geschätzter 2000 frauen die in frankreich einen vollschleier tragen rege ich mich nicht auf. ich rege mich auch nicht über nonnen auf"

.
wer regt sich auf?

ein berechtigtes verbot eines menschenverachtenden unsinns wurde erlassen. das ist alles.
hier regen sich einzig diejenigen auf, die dieses vermummungsverbot ablehnen.

so what?

abgesehen davon (nur als beispiel, nicht als vergleich):
es gibt sicher nur sehr wenige menschen in Europa, die sich sklaven halten. und nur weil's wenige sind, soll es kein sklavenhaltungsverbot geben dürfen?

Slarti Bartfass
 
91
21.4.2011, 13:25

Sagens, wie oft wollens diesen unnötigen Vergleich mit den Sklaven noch bringen?

Ja, Sklavenhaltung ist verboten. Auch jemanden zu zwingen sich zu verschleiern ist bereits verboten.

Sie dürfen Sich aber jederzeit in einen BDSM Club begeben und sich zum Sklaven machen. So, wie sie es sich hoffentlich auch aussuchen dürfen sich zu verschleiern.

Und ich bin überzeugt davon, jetzt fällt Ihnen ein ganz anderer Grund ein, warum das Verbot doch sinnvoll ist.

Timagoras
 
08
21.4.2011, 16:13
"Sagens, wie oft wollens diesen unnötigen Vergleich mit den Sklaven noch bringen?"

wer lesen kann, ist klar im vorteil:

zitat timagoras:
"(nur als beispiel, nicht als vergleich)"

und jetzt zu IHREM vergleich ("Sie dürfen Sich aber jederzeit in einen BDSM Club begeben und sich zum Sklaven machen"):

wenn Sie Ihre sm-praktiken auf einem öffentlichen platz oder in einer bankfiliale ausüben, werden Sie halt nicht nur aufmerksamkeit erregen, sondern auch probleme mit den ordnungshütern bekommen.
ob Ihnen das nun gefällt oder nicht, das ist so (und die überwältigende mehrheit der bevölkerung hat damit auch kein problem).
wenn Sie mit solchen gesellschaftlichen usancen oder gesetzen probleme haben, müssen Sie halt ein volkbegehren oder dergleichen initiieren - das steht Ihnen doch frei.

Slarti Bartfass
 
51
23.4.2011, 09:27

Sie bringen ein ganz neues Licht in die Sache.

Ich dachte bisher halt immer, Sklavenhaltung sei verboten, weil man dabei jemanden anderen (den Sklaven nämlich) zu etwas zwingt und ihn unterdrückt.

Nach Ihrer Aufklärung vermute ich ja, daß es gar nicht darum geht, sondern daß die vorwiegend dunkle Hautfarbe der Slaven nicht unserem Kulturkreis enspricht, weil es bei uns ja jahrhunderlange Gepflogenheit ist, weiss zu sein.

Slarti Bartfass
 
50
21.4.2011, 13:21

Oh, die röm. kath. Kirche wurde verboten?

Hurrrraaaaaa.

Endlich keine Kinder mehr denen man ein Glaubensbekenntnis abnötigt.
Endlich ist Schwulsein keine Krankheit mehr.
Endlich darf man Kondome gegen HIV verwenden.

Das ist ja mal eine gute Nachricht.

Wie, nicht der Glaube wurde verboten, weil es ein Menschenrecht ist, sich den Glauben aussuchen zu dürfen?
Aber dann wurden doch wenigstens die Symbole dieser menschenverachtenden Religion verboten?
Was, auch nicht, weil das bei uns Kulturgut ist?

Was bitte wurde dann verboten?

Timagoras
 
06
21.4.2011, 16:15
"Oh, die röm. kath. Kirche wurde verboten? Hurrrraaaaaa."

.
irgendwie scheint Ihnen diese diskussion nicht gut zu bekommen.

oder Sie scheinen postings zu verwechseln und auf ganz andere zu antworten, als Sie eigentlich wollen.

oder was auch immer ...

auf jeden fall werden Ihre sinnfreien beiträge zunehmend abstruser und langweiliger ...

Slarti Bartfass
 
10
21.4.2011, 18:11

Irgendwie kamen Sie bisher eigentlich immer recht intelligent rüber ...

an kog
05
21.4.2011, 19:09

Ich glaube nicht, dass Timagoras oder sonst wer auf Ihre diesbezügliche Einschätzung Wert legt.

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