Sexualdelikte im medialen Sumpf

Beate Hausbichler, 18. Mai 2011, 07:00

Haltlose Charakter-Einschätzungen und die Vermischung von Sex und sexueller Gewalt machen die Berichterstattung des Falls Strauss-Kahn aus - zum Schaden aller Opfer von sexueller Gewalt

Der Fall Julian Assange ist noch gar nicht lange her und schon wieder sieht sich eine "linke Hoffnung" mit dem Vorwurf des sexuellen Missbrauchs konfrontiert. Der Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, war der Hoffnungsträger der Französischen Sozialisten, ihm hätten sie bei den Präsidentschaftswahlen 2012 eine erfolgreiche Kandidatur zugetraut.

Männer, die die Welt ein bisschen verändern hätten können - wäre da nur nicht die strafrechtliche Verfolgung wegen sexueller Belästigung, versuchter Vergewaltigung oder minder schwerer Vergewaltigung. Assange und Strauss-Kahn haben nicht nur die strafrechtliche Verfolgung wegen einem dieser Delikte und den Status "Very Important Person" gemeinsam: Beim einen wie beim anderen interessieren sich die Medien für die Herrschaften als "Schürzenjäger" oder "Schwerenöter" und für ihre Anklägerinnen als potenzielle Sexpartnerinnen - auch wenn der sexuelle Kontakt von ihnen selbst als erzwungen beschrieben wird.

Moralische Vorverurteilungen

Von "Sex-Eskapaden" oder "Sex-Affäre" ist, wie schon bei Assange, auch bei Strauss-Kahn die Rede. Der Lebensstil des Angeklagten wird in den Fokus gerückt, mit wem er "unpassende" Affären hatte, dass es viele waren und überhaupt ließ er hin und wieder den Ungustl raushängen. Das alles bringt natürlich keine Sympathiepunkte ein, trägt aber zur tragischen Vermischung zwischen moralischen Urteilen - die völlig unterschiedlich und subjektiv sein dürfen - und einem klaren Straftatbestand bei, dem unbedingt nachgegangen werden muss. Auch die Seite der Klägerin wird mit moralischer Vorverurteilung behaftet. Der VIP-Faktor der Beschuldigten scheint der Glaubwürdigkeit der Klägerin abträglich zu sein.

Ein Sexualdelikt ist kein Sex

Aus einer Anzeige eines Sexualdeliktes wird so eine Verschwörung, aus erzwungenem Oralsex wird eine "Sex-Affäre", aus einem  Vergewaltiger ein "Schwerenöter" - alles Kraut und Rüben, drunter und drüber. In der Berichterstattung über Sexualdelikte haben jedoch moralische Statements gegenüber dem Lebensstil von Opfern und Tätern, Psychologisierungen und Charaktereinschätzungen sowie Analogien zu einvernehmlichem Sex nichts zu suchen. Was nicht heißen soll, dass in den Medien nicht andere Opfer von sexuellen Übergriffen des Beschuldigten zu Wort kommen sollen. Die Journalistin Tristane Banon beschuldigte 2007 in einem TV-Interview Strauss-Kahn (sie bestätigte aber erst später, dass es sich dabei um ihn handelte, im Interview sprach sie nur von einem hochrangingen Politiker) der Vergewaltigung. Das ist keine Vorverurteilung, sondern eine konkrete Beschuldigung und somit Sache der Justiz.

Vorverurteilungen mit unterschiedlichen Konsequenzen

Der öffentliche Umgang mit Sexualdelikten zieht unterschiedliche Konsequenzen nach sich. Menschen, die ein Sexualdelikt zur Anzeige bringen, implizit oder explizit einer Lüge zu bezichtigen, sendet fatale Signale an alle, die jemals Opfer von sexuellen Misshandlungen geworden sind. Die Gleichsetzung von Nötigung, Belästigung oder Vergewaltigung mit "Sex" suggeriert außerdem schon eine MittäterInnenschaft. Der Ruf eines Mannes, der Frauen gegenüber immer wieder zu weit ging, hat aber Strauss-Kahn zumindest karrieretechnisch bisher nicht geschadet. Kurz nach dem Vergewaltigungsvorwurf von Banon wurde er Generaldirektor des Währungsfonds. Derartige Vorwürfe haben für mächtige Männer wie Strauss-Kahn oft wenig bis keine Konsequenzen, weil sie nur schwer zu beweisen sind. Trotzdem sollen sich Opfer von sexueller Gewalt nicht davor fürchten müssen, sexuelle Übergriffe zur Anzeige zu bringen, ob sie letztendlich nachgewiesen werden können oder nicht - auch sie dürfen keinen Schaden durch eine Anzeige erleiden.

Schlussendlich darf auch nicht vergessen werden, dass die strafrechtliche Verfolgung von sexueller Gewalt eine enorm wichtige menschenrechtliche Errungenschaft ist. Im jüngsten Fall gerät sie aber einerseits als "Störaktion" von Seiten einer Frau, andererseits als Grenzüberschreitung eines "Schürzenjägers" völlig aus dem Blick. Zu gunsten reißerischer Medienberichte und zu ungunsten aller Opfer von sexueller Gewalt. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 18.5.2011)

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Die Kehrseite der Unschuldsvermutung

Erst einmal Danke für diesen Kommentar.
Der Satz: "Es gilt die Unschuldsvermutung" soll mutmaßliche Täter_innen vor einer Vorverurteilung schützen, belastet aber das indizierende Opfer bis zur rechtskräftigen Entscheidung im Sinne einer "Schuldsvermutung". Im Falle von Gewaltverbrechen prolongiert und verstärkt dies das Trauma Betroffener.
Im Übrigen bin ich dennoch kein Gegner der "Unschuldsvermutung". Ich würde mir nur viel mehr so differenzierte Artikel wie diesen wünschen und weniger Geschiele auf effektvolle Schlagzeilen. Leider kann ich auch den Standard da auch nicht gänzlich "freisprechen".

die vergewaltigungs- opfer sind die verliererinnen

frau hausbichler hat absolut recht!!"die berichterstattung z.b. wie im fall kachelmann könnte psychologinnen zufolge vergewaltigte frauen von der anzeige abhalten. aus schamgefühl und angst zeigten bereits viele frauen eine vergewaltigung nicht an, so die leiterin des notrufs "frauenhorizonte" in freiburg. die berichterstattung und öffentl. zweifel a.d. glaubwürdigkeit könnte frauen nun noch mehr daran hindern, zur polizei zu gehen. das schreckt ab. sie haben ohnehin angst, dass ihnen keiner glaubt. "
für frauen, die sexualisierter gewalt ausgesetzt sind, kann der weg durch die `instanzen` die hölle bedeuten. so geht die körperl. gewalt weiter i.d. strukturelle über, gerichtsprozesse werden zu einer art zweiten vergewaltigung...

was mich wundert ist die mediale inszenierung des falles

es gab und gibt genügend andere prominente menschen, denen sowas vorgeworfen wird oder die sowas gemacht haben.

warum nimmt gerade der fall strauß-kahn, von dem ich mir sicher bin, daß 99% der österreicher den namen nichtmal kannten vorher, so eine mediales echo ein?

wann ist es schon passiert, daß ein prominenter sofort in u-haft genommen wurde und garnicht darüber diskutiert wurde, ob das notwendig ist oder nicht?

ganz abgesehen von schuld/unschuld -warum verfährt man nicht mit jedem prominenten bei dieser anschuldigung genau gleich?
meist wird ja alles unter den teppich gekehrt von "freunden"-warum hat dieser straus-kahn keine die das für ihn richten?

Der Artikel ist Wischiwaschi

Ein schulaufsatzhaftes Einerseits und Andererseits, sodaß man am Ende fragen muß: Was ist jetzt eigentlich die Meinung des Autors.

ich habs verstanden, lesen sie doch einfach nochmal drüber.

Ich bin wirklich froh, dass Strauss-Kahn von dem NYPD in Gewahrsam genommen wurde, bevor er nach Europa entwischen konnte!

Danke, NYPD!

In Europa muss man leider sagen, dass sie noch viel lernen müssen. Man sehe sich die Fälle Polansky, Assange und auch Kachelmann an. Die Medien hetzen gegen die Opfer, die Justiz hofiert ihnen und am Ende kommen sie ungeschoren davon. Wie jedenfalls bei Polansky bereits geschehen.

Die Frage kann gar nie sein, ob jemand in der Hierarchie weit oben steht, einer bestimmten politischen Richtung angehört oder einer bestimmten Religion. Wenn ein Mann Gewalt oder sexuelle Gewalt gegen eine Frau ausübt, muss er konsequent zur Verantwortung gezogen werden!

Assange ??????

der hatte doch einvernehmlichen Sex!
Geht jetzt die Vernunft völlig in den persönlichen Kränkungen unter? Wird irgendwann nur der coitus interuptus erlaubt sein?

Möge Assange seine gerechte Strafe erhalten!

Und all jene thumben Kerle die die Worte von Frau A. A. (Assanges Vergewaltigungsopfer) nicht glauben, sollen ihm an dem Platz, wo Assange hingehört, Gesellschaft leisten!

Bei Roman Polansky ist die Sache aber schon komplizierter. Es geht seit Jahrzehnten nicht mehr um die Schuldfrage, sondern ob der Verfahrensablauf korrekt war.

Polansky hatte sich für schuldig erklärt, nachdem der Staatsanwalt ihm einen Deal angeboten hatte. Natürlich war dieser für heutige Verhältnisse und Moralvorstellungen lächerlich. Aber: der Richter hatte zuerst zugestimmt, Polansky gestand und DANACH änderte der Richter das Urteil auf 99 Jahre.

Was in die andere Richtung ein lächerliches Urteil darstellt. Da Polansky aber bereits verurteilt ist, gibt es auch keine Verjährung oder ähnliches.

In Europa ist es nicht legal, einem Angeklagten mit falschen Versprechen im Gerichstsaal ein Schuldeingeständis herauszulocken.

Wen interessieren patriarchal-juristische Schachzüge?

Der Massstab sollte Justitia sein. Da dies offenbar nicht so ist, soll es nun ein Fall für die Erinyes sein!

Dieser Mann wurde bereits vor Jahren als Täter entlarvt:
http://www.youtube.com/watch?v=Y-edGLZCrhI

Umso schlimmer ist es, dass er in Europa nie zur Rechenschaft gezogen wurde.

Sehr schöner, relativierender Artikel.

Ein Rechtsstaat muss Opfer schützen, Opfer von sexueller Gewalt UND Opfer von medialer Vorverurteilung

Frauen (& auch Männer, aber weniger) werden Opfer von sexueller Gewalt, dabei steht die Machtausübung des Täters (es gibt selten auch Täterinnen) im Vordergrund.

Sexuelle Gewalt ist ein Gewaltakt & nicht das gleiche wie eine sexuelle Beziehung, die beide Partner wollten (die consenting adults).

Es gibt auch das rechtsstaatliche Prinzip, dass niemand vor seiner Verurteilung als schuldig bezeichnet werden darf.

Eine mediale Vorverurteilung, bei der Gerüchte & Unbewiesenes über das frühere Leben des Beschuldigten zum Herstellen eines öffentlichen Klimas verwendet werden, damit dieser Beschuldigte eher verurteilt wird, ist auch eine (soziale) Vergewaltigung.

Afrikanische Zuwanderinnen gehören sicher zu den Schwächsten der US-Gesellschaft.

Und genau da hat Europa von den USA noch einiges zu lernen, denn in Europa ist der Focus rein auf den Täter gerichtet. Das Opfer wird kaum beachtet oder im Falle von Frauen, die sich gegen sexuelle Gewalt wehren sogar noch mit einer üblen Schmutzkampagne überzogen.

Obwohl ich Ihen zum groessten Teil zustimme, habe ich mit dem Ausdruck "soziale Vergewaltigung" Probleme. Den Ausdruck Vergewaltigung fuer alle moeglichen anderen Zuwiderhandlungen zu verwenden halte ich fuer nicht richtig (angefangen von Ihrer Verwendung bis zu "fraped" auf facebook). Auch damit wird die Schwere des Delikts verharmlost, meiner Meinung nach.
Klar sollte eine mediale Verurteilung nicht passieren und alle moeglichen Geruechte verbreitet werden (aus verschiedenen Gruenden), obwohl ich bei DSK diese mediale Verurteilung nicht so wahrnehme, es wird auch vielen Stimmen Raum gegeben, die ihn verteidigen. Das aber mit dem Ausdruck Vergewaltigung zu versehen halte ich fuer falsch.

Den vorletzten Satz versteh ich nicht. Gerade die Amerikaner haben ja den Aspekt der sexuelle Gewalt in den Vordergrund gerückt.

(In Frankreich wär alles unter den Tisch gekehrt worden. Wie gehabt.)

Ich glaube die Autorin bezieht sich hier auf die Medien und nicht auf die Untersuchung des Delikts.

Seit langem der lesenswerteste Artikel auf dieStandard!

Finden Sie wirklich? Also mich lässt der Artikel ein wenig ratlos zurück.

könnte man/frau vielleicht endlich einmal abwarten bis klar ist was war?

Worauf soll man noch warten? Brauchen Sie erst eine Verurteilung, um zu verstehen, dass man den Vorwirf einer Vergewaltigung nicht verharmlosend als sexaffaire bezeichnen kann? Vielleicht zur Erläuterung: Tiger Woods hatte Sexaffairen, Lothar Matthäus. Sexaffaire bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass BEIDE Partner freiwillig dabei waren. Das ist beim Borwurf einer Vergewaltigung nicht gegeben.

Das ist die übliche Masche. Es wird wehgeklagt, man dürfe nichts sagen oder äussern, bis ein Gericht ein rechtskräftiges (!) Urteil gesprochen hat. Wohlgemerkt, gilt das immer nur für den Täter. Gegen das Opfer wird gehetzt (siehe Causa Kachelmann).

Wird dann ein Täter seiner Verbrechen schuldig gesprochen, dann kommen seine "Jünger" mit dem Vorwurf der Kampagne, die die "Gegenseite" gemacht haben soll und mit Verfahrensfehlern und angeblichen Ungereimtheiten (siehe Causa Tauss).

Sehen Sie es mal so:

Sollte vor Gericht(und dann in der Öffentlichkeit) nur der geringste Verdacht entstehen, dass es eventuell doch einvernehmlich war, schadet dies all jenen Frauen/Männer/Kinder, die Opfer eines Sexualdeliktes wurden.
Auch darf man nicht vergessen, dass es wirklich Fälle gibt, wo Männer unschuldig so einer Tat bezichtigt wurden/werden. Was das für diese Männer(hin und wieder auch Frauen)beduetet, können sie wohl ahnen.
Dieses Thema ist zu sensibel, als dass man es einfach so in der Öffentlichkeit breittreten sollte. Aufklärung ist auch hier wichtig - sieht aber anders aus, als es medial bei diesem Fall grad passiert. Auch dürfen nicht die Medien und deren RezipientInnen in die Position kommen, über sowas zu urteilen. Dafür gibts Gerichte.

das ist der punkt: etwas von dem man keine (klare) kenntnis als IRGENDWAS bezeichnen und daraufhin wild darüber zu spekulieren usw.

Es geht in diesem Kommentar ueber die Berichterstattung in den Medien, die sexuelle Affairen oder sexuelle Eskapaden mit einer versuchten Vergewaltigung gleichsetzen. DSK ist nunmal wegen versuchter Vergewatigung angezeigt worden, ob er es war oder nicht. Die Autorin kritisiert, dass dieses Delikt durch die Vergleiche in den Medien verharmlost wird.

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