Strauss-Kahn

Frankreichs FeministInnen verurteilen Komplott-Theorie

24. Mai 2011, 10:19

"Unhaltbare Vermischung von sexueller Freiheit und Gewalt gegen Frauen": Petition bereits von rund 16.000 unterzeichnet

Paris - Die Vorwürfe der versuchten Vergewaltigung gegen den ehemaligen Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, haben die Feministinnen in Frankreich auf den Plan gerufen. Sie werfen PolitikerInnen und MedienvertreterInnen vor, sich einseitig auf die Seite des Beschuldigten zu stellen und gleichzeitig das mutmaßliche Opfer, ein schwarzes Zimmermädchen des New Yorker Luxushotels Sofitel, zu vergessen. Mehrere Organisationen kritisieren in einer Petition "sexistische Reflexe", die in Frankreich typisch für einen Teil der Elite und einige Medien seien.

Dies schaffe eine "unerträgliche Konfusion" zwischen sexueller Freiheit und Gewalt gegen die Frauen, heißt es in der Petition, die bis Montag rund 16.000 BürgerInnen unterschrieben hatten. Unter den UnterzeichnerInnen sind mehrere bekannte Journalistinnen und Schriftstellerinnen. Auch einige PolitikerInnen, vor allem aus dem linken Lager, schlossen sich dem Protest an - unter ihnen die Europaabgeordnete und mögliche Präsidentschaftskandidatin der französischen Grünen, Eva Joly.

Mutmaßliche Gewalt heruntergespielt

Nach der Verhaftung und Festnahme Strauss-Kahns, der das Zimmermädchen zu Oralsex gezwungen haben soll, habe es eine Flut von "sexistischen Ausfällen" gegeben, klagt die Vorsitzende der Vereinigung "Osez le Feminisme" ("Wagt den Feminismus"), Caroline de Haas. In Internet-Foren wimmle es von "schlüpfrigen Witzen" und Versuchen, den Straftatbestand der sexuellen Nötigung herunterzuspielen.

Natürlich müsse der Grundsatz der Unschuldsvermutung gelten, meint die beliebte Fernsehjournalistin Audrey Pulvar. Dies bedeute aber nicht, dass die Aufrichtigkeit der Klägerin von vornherein in Zweifel gezogen werden dürfe. Nach der Festnahme Strauss-Kahns habe sofort die "These vom Komplott" die Runde gemacht - von dem Zimmermädchen sei hingegen nicht die Rede gewesen, kritisiert auch die frühere Jugend-Dezernentin der Stadt Paris, die Kommunistin Clementine Autain.

Partei für Strauss-Kahn

Für Empörung sorgt vor allem, dass einige prominente Vertreter der Sozialisten ihrem Genossen Strauss-Kahn, der bis zu seiner Festnahme der sozialistische Hoffnungsträger für die Präsidentenwahl 2012 war, zunächst den Rücken stärkten. Der frühere Kulturminister Jack Lang etwa wunderte sich öffentlich über die Aufregung. Schließlich habe es ja "keinen Toten" gegeben.

Gesetz des Schweigens

Die Vereinigung "Paroles de Femmes" beklagt das "Gesetz des Schweigens", das in Frankreich angesichts der "zwiespältigen Beziehungen" zwischen politischer Macht und Sex herrsche. In Frankreich wäre die ganze Angelegenheit mit großer Sicherheit vertuscht worden, meint die Vereinigung - wie bereits der Fall um die Schriftstellerin Tristane Banon.

Die heute 32-jährige Banon hatte bereits 2007 in einer Fernseh-Talkshow berichtet, wie sie 2002 Opfer einer versuchten Vergewaltigung durch einen hochrangigen Politiker wurde. Dieser habe sich wie ein "brünftiger Schimpanse" benommen. In der Talk-Show war der Name durch einen Piepton unkenntlich gemacht worden. Banon bestätigte jedoch später, dass es sich um Strauss-Kahn handelte. Auf eine Klage verzichtete sie damals - nicht zuletzt auf Rat ihrer Mutter, der PS-Regionalpolitikerin Anne Mansouret, die Strauss-Kahn und seine Familie persönlich kennt.

Dennoch wirft Mansouret ihren Parteifreunden heute allzugroße "Toleranz" vor. Sie sei "sehr schockiert" über das Verhalten einiger Sozialisten, schreibt sie in ihrem Blog. "Keiner meiner lieben Genossen hat offenbar auch nur ein Mal an das Zimmermädchen gedacht." Stattdessen werde der jungen Frau vorgeworfen, nicht den Mund gehalten zu haben - wie dies nach Meinung von Mansouret wohl jede ihrer Kolleginnen in einem französischen Sofitel-Hotel hätte tun müssen. (APA/Ag.)

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17 Postings
Bastardl
00
23.5.2011, 20:25
Unschuldsvermutung und Wahrheitsvermutung

funktioniert nicht zugleich!
Zunächst hoffe ich dass es DSK nicht getan hat, weil der Humanismus (für mich) links zu Hause ist und es die französische Linke dadurch nicht leichter hat.
Hat sie gelogen, so möge man der armen alleinerziehenden Frau verzeihen - sie hat dann halt ihre Chance auf ne Viertelstunde Ruhm (und Geld = Zukunft) gesehen.
Ist es ein Komplott, so möge F von der UMP befreit werden!
Hat er es getan, so wünsche ich ihm dass er sich mit Aids angesteckt hat und von der Gesellschaft (inkl. Frau und Kind) geächtet wird. Sowas ist kein Ausrutscher!

Cynicism
20
23.5.2011, 17:49
Wäre ja etwas ganz Neues und Undenkbares...

... dass die Anschuldigung 'Vergewaltigung' bzw. 'Sexueller Missbrauch' zweckmäßig in den Raum geworfen wird, um die Reputation eines Mannes nachhaltig zu vernichten.

... oh, Moment!

honsikversteher
00
23.5.2011, 12:51
Egal um welche Spekulation auch immer es geht

warten wir doch erstmal auf das Ergebnis der ermittlungen .. oder?

K. K. Lacke
15
23.5.2011, 11:54
angesichts der nachweislichen Existenz von Falschbeschuldigungen

ist es leider legitim davon auszugehen daß "alles möglich" ist

da den Betrachtern keine Möglichkeit offensteht die Beweise vor einem Gerichtsverfahren anhand der Medienreportage selbst zu überprüfen etc ist es theoretisch unmöglich eine sinnvolle Aussage über die Legitimation der Anklage oder den Tathergang zu tätigen

die Komplott-Verteidigung DSKs ist VERMUTLICH reinster Bull$hit, aber es wäre leider eben MÖGLICH

aus diesem Grunde ist die Vorverurteilung für diese vermutliche Ausrede ziemlich daneben (in dubio pro reo)

daß die FRANKZÖSISCHE JUSTIZ allerdings ein Problem damit hat Vergewaltigungen durch Politiker oder Wirtschaftsbosse zu verfolgen ist ein legitimer Grund zu demonstrieren

ich hoffe das kommt auch wieder zur Sprache!

kopfsalat
54
23.5.2011, 11:07
Frankreichs FeministInnen verurteilen Unschuldsvermutung

und tragen zur vorverurteilung bei.

ich glaub auch nicht, dass der dsk reingelegt wurde. aber wissen tu ichs nicht, und ich denke mal die franzoesischen feministen wissens auch nicht.

Radiolar
01
23.5.2011, 20:28

Andererseits haben sich in Frankreich einige Frauen bisher garnicht getraut, an die Öffentlichkeit zu gehen, obwohl es Vorfälle gab.

wuestenkamel
01
23.5.2011, 15:56

genauso gilt es aber für die hotelangestellte die "wahrheitsvermutung"

wuestenkamel
00
23.5.2011, 15:56

genauso gilt es aber für die hotelangestellte die "wahrheitsvermutung"

Nairobbery
02
23.5.2011, 13:45

Genauso wenig wie es ok ist zu sagen, dass DSK schuldig ist, ist es ok zu sagen, dass das Zimmermaedchen luegt oder dass sie Teil einer Verschwoerung ist - darauf wollen diese Frauen hinaus, nicht mehr und nicht weniger.

kopfsalat
11
23.5.2011, 13:51
man kann anschuldigungen erheben

aber man kann nicht unbewiesene anschuldigungen als gesichert verkaufen.

gilt natuerlich fuer beide seiten.

Nairobbery
01
23.5.2011, 14:39

genau. da aber die mehrheit der menschen in frankreich anscheinend davon ausgeht, dass DSK ein opfer einer verschwoerung ist, gehen sie damit davon aus, dass das zimmermaedchen luegt. das wird von den feministinnen kritisiert - das bedeutet fuer mich aber nicht, dass sie zur vorverurteilung von DSK beitragen, wie das der vorposter meint.

K. K. Lacke
00
23.5.2011, 15:51
moment!

DAS ist eine Interpretation

ich weiß nicht ob der Großteil der Franzosen und Französinnen DSK für unschuldig hält und ich wäre auch verdammt vorsichtig damit so etwas zu behaupten

ich vermute eher daß es um die "schwächelnde" Justiz geht, und weniger um die "öffentliche Meinung" zumal letztere nicht so einfach zu bestimmen ist

ich glaube daß hier auch die Feministinnen ein bißchen viel in die "öffentliche Meinung" hineininterpretieren...

Amy4
21
23.5.2011, 10:51
schwarzbuch zur lage der frauen / christine ockrent

ich freue mich über das engagement der franz. feministInnen - die bekannte journalistin, autorin christine ockrent hat ein "schwarzbuch zur lage der frauen" geschrieben - eine umfassende bestandsaufnahme zur wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen situation von frauen. ein meilenstein im kampf um frauenrechte.
http://www.astrid-von-friesen.de/artSchwar... Frauen.php

pcyco
02
23.5.2011, 12:28

aber eine verurteilung vor dem prozess finde ich pers. auch nicht ok.

Nairobbery
01
23.5.2011, 13:50

Das machen sie ja auch nicht - sie weisen nur darauf hin, dass es auch nicht legitim ist davon auszugehen, dass DSK Opfer einer Verschwoerung wurde und damit zu implizieren dass das Zimmermaedchen luegt.
Wenn fuer DSK die Unschuldsvermutung gilt, d.h. davon ausgegangen wird, dass er die Wahrheit sagt, dann muss fuer das Zimmermaedchen das gleiche gelten. Auch wenn natuerlich nicht beide die Wahrheit sagen koennen. Dafuer ist ja der Prozess da. Momentan ist es aber zumindest in Frankreich so, dass davon ausgegangen wird, dass DSK die Wahrheit sagt und das Zimmermaedchen luegt. Das empfinden eben diese Feministinnen nicht als legitim.

K. K. Lacke
00
23.5.2011, 14:03
Das empfinden eben diese Feministinnen nicht als legitim.

und das völlig zu Recht, die Rechte Strauss-Kahns müssen selbstverständlich auch umgekehrt gelten

es ist leider eine Gratwanderung zwischen der durchaus berechtigten Entrüstung und einer Vorverurteilung DSKs, die manche/r PosterIn nicht zu 100% schafft

Nairobbery
00
23.5.2011, 14:35

Ja, da stimme ich Ihnen 100% zu.

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