Menschenrechts-Gerichtshof

Polen wegen verweigerter Abtreibung verurteilt

27. Mai 2011, 14:39

Eine Schwangere hatte acht Wochen bei 16 MedizinerInnen um Genanalyse ersucht - Polen muss nun Schadenersatz und Gerichtskosten zahlen

Warschau - Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg hat Polen zu einer Schadenersatz-Zahlung von 45.000 Euro an eine Mutter verurteilt, der über Wochen die pränatale Untersuchung ihres Kindes verweigert wurde. Außerdem muss Polen die Gerichtskosten von rund 15.000 Euro tragen. Polen habe gegen den Artikel 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention verstoßen, der Folter und unmenschliche Behandlung verbietet, so der Gerichtshof.

Die heute 38-jährige brachte 2002 ein Kind mit dem Turner-Syndrom, einem Gen-Defekt, zur Welt, woraufhin ihr Mann sie verließ. Schon nach der Ultraschall-Untersuchung in der 18. Schwangerschaftswoche war sie auf diese Gefahr hingewiesen worden. Die Frau versuchte acht Wochen lang bei insgesamt 16 Ärzten, eine Genanalyse vornehmen zu lassen. Einer der Mediziner verweigerte die Untersuchung mit dem Hinweis, er wolle nicht einem Schwangerschaftsabbruch Vorschub leisten. Als die Ergebnisse einer Genanalyse die Krankheit des Kindes bestätigten, verweigerten Ärzte die Abtreibung mit Hinweis auf die fortgeschrittene Schwangerschaft.

Der Gerichtshof fällte seine Entscheidung im Hinblick auf das polnische Abtreibungsrecht, das einen Abbruch in bestimmten Fällen zulässt, darunter bei einer schweren Behinderung des Kindes. Die RichterInnen erklärten außerdem, die MedizinerInnen hätten die Frau über den Zustand des Kindes informieren müssen - gleich, welche Entscheidung sie danach fällen würde. "Bei uns ist Abtreibung zwar in manchen Fällen zulässig, aber es gibt keine Regeln zur Überprüfung, wann ein solcher Fall vorliegt", kommentierte Ireneusz Krzeminski von der Akademie der Wissenschaften gegenüber der Zeitung "Rzeczpospolita". (APA)

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Igypop83
40
30.5.2011, 10:22

Ich hoffe, man nimmt der Frau das Kind weg. Stellt euch mal vor, eure Mutter klagt den Staat, weil ihr geboren wurdet! Ich könnte mir nicht vorstellen, bei so einer "Mutter" aufzuwachsen und sie zu respektieren!

noirc80
01
30.5.2011, 13:07

ich schon. hoffentlich denkt da niemand so wie sie.

Igypop83
20
30.5.2011, 23:11

Also sie hätten gern eine Mutter, die Sie lieber abgetrieben hätte und die Schadenersatz vom Staat will, weil Sie leben? Na Mahlzeit...

fersuchung
00
ich weiß

daß meine mutter mich nicht bekommen hätte, wenn sie gewußt hätte, was sie mir vererbt (und damit für mein ganzes leben aufbürdet).

und ich versteh das sehr gut.

wäre meinen eltern klar gewesen, was ihre genetische kombination für die nachkommen bedeutet, und sie hätten TROTZDEM kinder in die welt gesetzt, hätte ich sie verachtet.

Mahnende Stimme
00
24.7.2011, 00:14

Na immer noch besser als einen verblendeten Fanatiker.

Gernot Schandl
01
30.5.2011, 09:10
Turner Syndrom

Nachdem sich die Wenigsten etwas darunter vorstellen können, hier ein Beispiel eines Mädchens, das vom Turner-Syndrom betroffen ist.

http://www.novonordisk.co.uk/documents... _Katie.asp

Auch Wikipedia schreibt: "Mädchen/Frauen mit Turner-Syndrom können ein normales Leben führen und sich durch Hormonbehandlungen ab dem 12. Lebensjahr weitgehend regelgerecht entwickeln."

Wenn allerdings durch eine Behinderung ein unzumutbarer Mehraufwand für Eltern besteht, halte ich es für angebracht, diesen in der Gesellschaft solidarisch zu tragen. Dass Eltern nur dann finanziell unterstützt werden, wenn sie eine Abtreibungsabsicht nachweisen, halte ich für zynisch.

BlackAdder
01

Geld ist nicht alles, sollte sich langsam bis in den letzten winkel herumsprechen.

milk & honey
03
29.5.2011, 15:33

Rückständige Gesellschaft, wahrlich nicht europareif...

Hofer1002
2110
28.5.2011, 10:36
Kenne

eine tolle Frau die dieses Turner Syndrom hat,sie ist relativ klein, sehr intelligent, selbstbewusst und erfolgreich.Dieses Syndrom mit schwerer Behinderung in Verbindung zu bringen finde ich eine Frechheit. Aber wirklich zornig bin ich über die Mutter. Wie kann man einem neunjährigen Kind das antun, wie erklärt man ihm, dass man alles versucht hat es abzutreiben, es leider nicht funktioniert hat und man jetzt Schadenersatz dafür will das sie da ist. Und laut Gericht war es eine unmenschliche Behandlung der Mutter das man das Kind nicht früher getötet hat. Armes Kind, und der Mutter wünsche ich dass sie die 45000 glücklich machen...

Tipp-Assistent
00
30.5.2011, 11:04
Nicht schwere Behinderung?

Lesen Sie einmal den englischen Wikipedia-Artikel.
Dort sind die körperlichen Symptome viel ausführlicher beschrieben als im deutschsprachigen.

http://en.wikipedia.org/wiki/Turn... r_syndrome

Chien de Pique
00
30.5.2011, 22:48
Ich finde das auch nicht so dramatisch, dass man deswegen jemandem den pränatalen Tod wünschen müsste. "While most of the physical findings are harmless, there can be significant medical problems associated with the syndrome" - die

ergeben sich hauptsächlich aus den möglichen Herzproblemen. Die Nieren funktionieren auch bei Fehlbildungen meist normal, Schilddrüsenunterfunktion ist so gut und leicht behandelbar wie nichts sonst, und dann ist da noch ein etwas erhöhtes Diabetes-, Adipositas-, Mittelohrentzündungs-, Glaukom- und Osteoporose- Risiko. Geringe Aufmerksamkeitsstörungen. Und all das _kann_ auftreten, aber tritt jeweils nur in manchen Fällen auf. Aortendissektion schon eher selten. Das sind auch definitiv keine schweren Behinderungen, sonst würde fast jeder ältere Mensch als schwerbehindert gelten müssen!
Das einzige dramatische Problem (neben der Unfruchtbarkeit) sind die Herzleiden. Die mittlere Lebenserwartung beträgt trotzdem schöne 70 Jahre.

BlackAdder
01

Ändert nichts daran daß es nicht an ihnen ist, und auch nicht an der gesellschaft insgesamt, anderen vorzuschreiben was sie sich zutrauen auf sich und auf ihr kind zu nehmen.

ecologyst
315
28.5.2011, 15:52

Für eine "nicht-schwere" Behinderung ist die 98%ige Sterblichkeit während der Schwangerschaft nicht gerade gering.

An die Mutter denkens wohl auch nicht. Eine Fehlgeburt kann gesundheitsgefährdend für die Mutter sein.

Chien de Pique
00
30.5.2011, 22:50

Die treten aber in aller Regel früh in der Schwangerschaft auf, ich weiß nicht, ob da der Unterschied in der Belastung so riesengroß ist.

Beim Barte des Proleten!
01
30.5.2011, 10:48
Die Intelligenz von Mädchen oder Frauen mit Turner-Syndrom entspricht dem Durchschnitt. Auch die Lebenserwartung ist nicht herabgesetzt.

Umsomehr hat Sie es verdient zu leben wenn sie zu den 2 % gehört die es geschafft haben.

Im Übrigen gibt es eine sehr hoche sterblichkeit bei normalen Embryonen wo viele Frauen nichts bemerken.

ecologyst
00
30.5.2011, 22:58

Für eine "normale" Körperentwicklung braucht man aber trotzdem eine regelmäßige Hormonbehandlung. Die erhalten Kinder wohl oft nur, wenn die Eltern vermögend sind oder der Staat die Behandlung zahlt.

Da wäre es interessant zu wissen, wie es in Polen ist.

darvin
01
30.5.2011, 09:18

das argument mit dem gefahr für die mutter finde ich jetzt doch etwas seltsam... wenn ich das richtig verstehe, sollte jede schwangerschaft sicherheitshalber abgebrochen werden - es besteht ja auch bei einem normalen verlauf die gefahr eines abortes...

bitte auch nicht falsch verstehen... die frau hat natürlich ein recht darauf, sich informationen über den gesunheitszustand ihres ungeborenen kindes einholen zu lassen...

ecologyst
01
30.5.2011, 11:17

die frau wird wohl selbst entscheiden dürfen.

will sie ein kind, weil sie noch kinderlos ist, wird sie das risiko der schwangerschaft auf sich nehmen.

hat sie bereits fünf kinder, wird sie eine sechste schwangerschaft eventuell abbrechen, weil sie ihre fünf kinder nicht zu waisen machen will.

Hofer1002
85
28.5.2011, 16:26
Ich

kritisiere nicht eine mögliche Abtreibung, ich kritisiere den Umgang der Mutter mit einem neunjährigen Kind. Wie würden sie sich fühlen wenn ihre Eltern ihnen erklären: wir wollten dich eigentlich Abtreiben aber leider hat der Staat das nicht zugelassen, darum verklagen wir ihn jetzt.

Widukind
110
29.5.2011, 12:28

Ja. Und das macht Sie zu einem guten Menschen. Und die Mutter zu einem schlechten Menschen.

Wie einfach es ist, ein guter Mensch zu sein. Nicht wahr?

Mango68
03
29.5.2011, 14:07
@gut

es ist ein Leichtes, gut zu sein, solange man nicht vor derart schwierigen Entscheigungen steht. Lebenslänglichen Entscheidungen.

ecologyst
08
28.5.2011, 20:50

Haben Sie deren Wohnung verwanzt oder woher wissen Sie wie die Mutter mit dem Kind umgeht?

Ich hoffe doch, das Kind bekommt von der Klage nicht allzuviel mit und die Mutter tritt als anonyme Klägerin auf. Finde es von der Mutter auf alle Fälle sehr mutig sich gegen das ganze Land zu stellen. Man darf auch hoffen, dass sie keine weitere Repressalien erfahren wird.

Die 45.000€ sind für das Kind jedenfalls ein guter finanzieller Polster für das weitere Leben.

Regina26
29
28.5.2011, 19:30

und was ist mit dem Vater? Der hat die Frau und Kind verlasssen, weil es behindert ist. (laut Artikel) Die Mutter kümmert sich wenigstens um die Kleine.

Ich finde es eher eine Schweinerei, dass die Ärzte den Test und die Abtreibung verweigert haben, obwohl sie dazu verpflichtet waren.

die rote baronin
01
30.5.2011, 12:57
"Ich finde es eher eine Schweinerei, dass die Ärzte den Test und die Abtreibung verweigert haben, obwohl sie dazu verpflichtet waren."

Und ich fände es gut, wenn solche Aussagen nicht gemacht werden würden, wenn da schon ein Kind vorhanden ist.
Die Kleine ist wohl schon arm genug dran. Dann zu meinen, es sei eine Schweinerei, dass sie doch nicht abgetrieben wurden ist sowas von letztklassig und wahnsinnig unmenschlich.

noirc80
110
28.5.2011, 17:54

genau so! und dann würde ich dem kind noch sagen, dass wir davon dann seine zukunft finanzieren und ich es lieb hab:)

bei mir würd es allerdings nicht so weit kommen, da ich jeder frau das recht zugestehe, über ihren körper selbst zu entscheiden und glücklicherweise sieht das gericht das auch so.

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