Adele bleibt sitzen

  • Eine hübsche junge Frau auf ihrem Stühlchen: Das Management ist heute, wo Adele Millionen Alben verkauft, schlauer und wirbt mit einem neuen Frauenbild in der Musikindustrie.
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    Eine hübsche junge Frau auf ihrem Stühlchen: Das Management ist heute, wo Adele Millionen Alben verkauft, schlauer und wirbt mit einem neuen Frauenbild in der Musikindustrie.

Seit langem gilt ein "sexy Image" als Erfolgsvoraussetzung für Frauen im Pop. Die britische Soul-Sängerin Adele stellt hier eine Ausnahme dar

Die junge, britische Soul-Sängerin Adele ist der neue große Star der Insel: Ihr zweites Album "21" ist nicht nur ein großer Erfolg in Europa und den USA, nein, das Album hat in Großbritannien auch einen neuen Poprekord aufgestellt: Sie stieß Madonna nach 21 Jahren vom Thron jener Popsängerinnen, die mit einem Album (Ms. Ciccione schaffte dies recht unspektakulär 1990 mit der Hit-Compilation "The Immaculate Collection") die britischen Albumcharts am längsten hintereinander anführten. 

Kein sexy Girl

Die etwas pummelige Adele Adkins verteidigt nun schon seit über zehn Wochen die Chart-Spitze des popverliebten Großbritanniens. Dementsprechend rege wird dort die Diskussion geführt, wie es diesem braven Mädchen mit der großen Soul-Stimme denn gelungen sei, den Olymp des Pop zu bezwingen. Und das, obwohl sie doch auf alles verzichtet, womit andere erfolgreiche Pop-Soul-R'n'B-Sängerinnen ausgestattet sind: einen "heißen Body" samt aggressiver Vermarktung ihrer weiblichen Sexualität.

Es sind Superstars wie Britney Spears, Christina Aguillera, Lady Gaga, Beyoncé und Rihanna (um nur die Bekanntesten zu nennen), die sich nun schon seit Jahren der Inszenierung von "selbstbestimmtem" weiblichen Sex bedienen und dabei jedes Mal aufs neue Tabu-Brüche provozieren - ja müssen, weil ihre Darbietungen sonst nicht mehr wahrgenommen würden. So räkeln sich weibliche Popstars heute wie selbstverständlich in Schlammwasser, weil sie es "dirty" mögen, inszenieren Gruppen-Sex (Lady Gaga) oder Sado-Maso-Fantasien (die gereifte Aguillera und jüngst Rihanna) und halten dabei die seit Madonna so vielbeschworene befreite weibliche Sexualität hoch.

Neue Sichtweise auf Künstlerinnen?

Nun gibt es aber den überwältigenden Erfolg von Adele, der das Credo der Musikindustrie, wonach Musikerinnen ohne Sex-Vermarktung niemals Superstars werden können, deutlichst in Frage stellt. Ihr Label "XL Recordings" reagierte prompt: auf MTV würden nur noch Künstlerinnen zu sehen sein, die in ihren Videos pornographische Inhalte verbreiten. Adele hingegen hätte das Potential, die Art und Weise zu verändern, wie Frauen in der Musikindustrie gesehen werden, indem sie den Fokus wieder mehr auf die Musik und weniger auf die Sexualität der Künstlerin richten.

Die Ansichten des Label-Gründers Richard Russels in Ehren, aber sie sind wohl um einiges zu optimistisch. Adele ist schließlich nicht die erste Künstlerin, die es ohne Model-Maße zu dauerhafter Chartspräsenz schaffte. Weder Missy Elliott noch Beth Ditto haben in der Vergangenheit mit ihren körpergewaltigen Performances die dominanten Images der Popindustrie ins Wanken gebracht. Sie bleiben Ausnahmen, die wegen ihres jeweiligen "Super-Talents" neben den herkömmlichen Norm-Körpern geduldet werden.

Und dann stellt sich auch noch die Frage, ob Adeles Performance wirklich so herausragend anders ist, wie ihr Management betont. Prinzipiell erfordert es natürlich Mut, sich als Frau, die nicht den erwarteten Körperbildern entspricht, auf die Bühne zu stellen, ja überhaupt in der Öffentlichkeit das Wort zu ergreifen. Bei der Betrachtung von Adeles Video zur Hit-Single "Rolling in the deep" kann man sich allerdings des Eindrucks nicht erwehren, dass wir hier schon weiter waren. Beth Ditto zelebriert ihren Körper in hautengen Schlauchkleidern und ruft in ihren Auftritten zur Neuinterpretation von sexuellen Codes auf. Adele Adkins hingegen sitzt mit ihren 21 Jahren als Diva verkleidet auf einem Stuhl, den sie bis zum Ende des Videos nicht verlässt. Vorzuwerfen ist ihr nichts, aber schade bleibt es trotzdem, dass sich dieser Körper offenbar nicht zeigen durfte - aus Angst vor der sexistischen Verwertung. (dieStandard.at, 31.5.2011)

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