Fast 40 Prozent der Frauen sind Opfer physischer Gewalt - 13 Prozent sind von sexueller Gewalt betroffen, 58 Prozent belästigt
Grado - Ein enormes Problem, oft unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der Gesellschaft: häusliche Gewalt. Ein hoher Prozentsatz der Frauen dürfte auch in Österreich Opfer von physischer bzw. psychischer und/oder sexueller Aggressionen werden. Gewalt in der Familie - das sind zumeist wiederholte Attacken, die in den meisten Fällen Frauen und Kinder betreffen. Dies waren am Donnerstag Hauptaussagen bei einem Seminar zu diesem Thema bei den Österreichischen Ärztetagen in Grado (bis 4. Juni).
"Unter dem Begriff 'Häusliche Gewalt' wird in erster Linie Gewalt in Ehe und Partnerschaft bzw. männliche Gewalt gegen Frauen im sozialen Nahraum verstanden. Trotz der augenscheinlichen Neutralität des Begriffes handelt es sich fast immer um eine geschlechtsbezogene Gewalttat an Frauen, die in enger persönlicher Beziehung zu den männlichen Tätern stehen. (...) Häusliche Gewalt ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein System von Misshandlungen, das auf Macht und Kontrolle abzielt", stellten die Wiener Gerichtsmedizinerin Andrea Berzlanovich bzw. Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins der Autonomen Frauenhäuser in Österreich, in der Zusammenfassung ihres Seminars fest.
Keine wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema
Wie auf vielen anderen Gebieten im medizinischen und sozialen Umfeld mangelt es an Austro-Daten. Die Expertinnen: "Für Österreich gibt es keine wissenschaftlichen Arbeiten, die das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen auf Basis einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage aufzeigen. Prävalenzstudien auf europäischer Ebene liefern konkrete Daten, die Rückschlüsse auf Österreich zulassen." Herausragend und wohl auch für Österreich aussagekräftig sei eine Umfrage bei 10.264 Frauen ab 16 Jahren, die vor einigen Jahren in Deutschland durchgeführt wurde:
- 37 Prozent der befragten Frauen hatten zumindest einmal in ihrem Leben körperliche Gewalt (von Ohrfeigen bis hin zu Verprügeln und Waffengewalt) erlitten.
- 13 Prozent der Befragten hatten zumindest einmal Sex-Attacken in strafrechtlich relevantem Ausmaß erlitten.
- 58 Prozent der Frauen waren schon einmal sexuell belästigt worden.
- 42 Prozent aller Frauen hatten psychische Gewalt (von Einschüchterung bis hin zu Psychoterror) erlitten.
Für Österreich gibt es aktuelle Behördendaten, die ganz klar für ein erhebliches Problem sprechen: Vergangenes Jahr verfügte die Exekutive exakt 6.759 Wegweisungen wegen Gewalt in der Familie, es gab 2.534 Anzeigen nach dem Anti-Stalking Gesetz. Die Expertinnen: "In Österreich passieren mehr als die Hälfte aller Morde im Familien- und Bekanntenkreis. Die Opfer sind mehrheitlich Frauen und Kinder. Im Jahr 2010 wurden 157 Morde auf ihre Opfer-Täter-Beziehung hin untersucht. In 111 Fällen lag ein Verwandtschafts- bzw. Bekanntschaftsverhältnis vor. Das sind 70 Prozent." 1.733 Frauen suchten mit ihren 1.715 Kindern im Jahr 2010 Zuflucht in einem der 26 autonomen österreichischen Frauenhäuser. Die Gewalttäter als Auslöser waren zu 83 Prozent die Ehemänner bzw. Lebensgefährten, nur in vier Prozent der Fälle die Ex-Partner.
Leiden und hohe Kosten
Die Leiden der Opfer häuslicher Gewalt sind riesig und sollten allein deshalb zu vermehrter Aufmerksamkeit sorgen. Doch es sind auch die Kosten, welche eigentlich zum Handeln zwingen müssten. Gerichtsmedizinerin Andrea Berzlanovich und Frauenhaus-Expertin Maria Rösslhumer: "Eine Kostenermittlungsstudie legt die jährlichen Folgekosten von häuslicher Gewalt in Österreich unter Einbeziehung des Aufwandes für Polizei, Gericht, Strafvollzug, Gesundheitsversorgung, Sozialhilfe, Opferhilfe etc. auf rund 78 Millionen Euro (im Jahr, Anm.) fest. Mit allen wirtschaftlichen Folgekosten könnten bis zu 5,3 Milliarden Euro pro Jahr entstehen."
Für Beschäftigte im Gesundheitswesen als potenzielle AnsprechpartnerInnen bzw. als "Personal", das auf jeden Fall "hinsehen" müsste und nicht "wegsehen" oder "übersehen" dürfte, wäre eine entsprechende Aus- und Bewusstseinsbildung notwendig. Deutliche Warnsignale sind unter anderen:
- Verletzungen, die nicht mit der Erklärung ihres Entstehens übereinstimmen oder Verletzungen in unterschiedlichen Stadien der Ausheilung.
- Verzögerungen zwischen Zeitpunkt der Verletzung und Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe.
- Chronische Beschwerden, die offenbar keine physischen Ursachen haben.
- Physische Verletzungen während der Schwangerschaft bzw. spätes Beginnen mit der Schwangerschaftsvorsorge.
- Häufige Fehlgeburten
- Suizidversuche und Suizidgedanken
Die Expertinnen plädieren im Zweifelsfall für einfühlsames gezieltes Nachfragen von Ärzten und anderen im Gesundheitswesen Tätigen im umklaren Fall: "Wie aus verschiedenen Studien bekannt ist, empfinden viele Frauen Erleichterung, wenn sie vorsichtig und gezielt befragt werden." Damit könnten wenigstens mehr bereits erfolgte Fälle häuslicher Gewalt früher aufgedeckt werden. (APA)