Jill Ellen Abramson ist die erste Frau, an der Spitze der New York Times
Tough und unprätentiös tritt Jill Ellen Abramson auf. In Strickjacke und bequemen Sandalen leitet sie Redaktionskonferenzen, lehnt sich nur selten in ihrem giftgrünen Sessel im fensterlosen Raum zurück, ist ihren Gesprächspartnern zugewandt. Bevor sie Entscheidungen trifft, was auf das Titelblatt der New York Times kommt, trifft, hakt sie nach.
Dass die 57-Jährige Bill Keller nachfolgt, war für die wenigsten im Newsroom eine Überraschung. Keller bot der damaligen Washingtoner Büro-Chefin 2003 einen der beiden Stellvertreterposten an, sie vertrat ihn in den vergangenen Monaten immer öfter wegen Kellers häufiger Auslandsreisen. Beide kamen in ihre Funktionen, weil der damalige Chefredakteur Howell Raines im Zuge der Plagiatsaffäre des Reporters Jayson Blair abtreten musste.
Erstaunlich war vielmehr der Zeitpunkt des Rückzugs Kellers, der 62 Jahre alt ist. Keller begründete den Schritt damit, dass die New York Times ökonomisch wieder stabil und die Digitalstrategie umgesetzt sei.
Seit Ende März verlangt die Zeitung Gebühren für die Nutzung von nyt.com , mehr als 100.000 sind bereits Abonnenten. Mit Jahresbeginn haben die Ressortleiter der Printausgabe die Verantwortung für Onlinekollegen und -inhalte übernommen, der Online-Newsroom wurde aufgelöst. Der Entscheidung vorausgegangen war ein sechsmonatiger Aufenthalt von Jill Abramson bei den Online-Kollegen. Ihre Erfahrungen dürften den Ausschlag gegeben haben.
Sie hat sich auch als investigative Journalistin einen Namen gemacht. Vor ihrem Wechsel zur New York Times war sie elf Jahre beim Wall Street Journal. Schon während des Studiums arbeitete die Tochter irischstämmiger Einwanderer für das Time-Magazin, später für juristische Zeitschriften. Ihr Studium der Geschichte und Literatur an der Harvard University schloss sie 1976 mit summa cum laude ab - ein besserer Abschluss als jener ihres Mannes Henry Little Griggs, den sie 1981 heiratete und mit dem sie die Kinder Cornelia und Will hat.
Den Chefredakteursposten, den sie im September offiziell übernimmt, nannte die gebürtige New Yorkerin einen "Traumjob". Ausdrücklich bedankte sie sich bei ihrer Vorstellung bei "ihren Schwestern" im Verlag, die ihr dabei geholfen hatten. Mehr als ein Dutzend nannte sie namentlich. In der 160-jährigen Geschichte der New York Times ist sie die erste Frau an der Spitze. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Printausgabe 4./5.6.2011)