Geldregen brachte keinen Kindersegen

9. Juni 2011, 18:15

Gemessen an nackten Zahlen ist die Familienpolitik gescheitert - die Wende fällt vorsichtig aus

Wien - Vorliebe für Freiheit und Unabhängigkeit, Angst vor Kosten und Karriereknick: Das sind laut einer Studie der Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen die Hauptgründe, warum viele ÖsterreicherInnen keine Familie gründen (der Standard berichtete). Sukkus: Nur eine Minderheit hält das eigene Land für kinderfreundlich.

Was hat die Politik da verschlafen? Gemessen an nackten Zahlen gar nichts. Österreich gibt mit rund drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) überdurchschnittlich viel für Familienleistungen aus. 78 Prozent davon fallen auf Geldtransfers, sieben Prozent auf steuerliche Zuckerln, elf Prozent auf Sachleistungen wie Kindergartenplätze. Doch der erhoffte Effekt blieb aus: Die Geburtenrate grundelt mit 1,4 Kindern pro Frau stabil unter dem EU-Schnitt.

Selbst ÖVP-Politikern, die den Geldsegen stets verteidigten, gibt das zu denken. Auch sie schielen mittlerweile ins geburtenstärkere Skandinavien, wo mehr in Kinderbetreuung investiert wird, um Frauen bessere Berufschancen zu geben. Philosophie: Gleichberechtigung steigere die Bereitschaft zum Kinderkriegen - weil Frauen dann nicht mehr um ihre Karrieren fürchten müssen.

Österreich hat punkto Kinderbetreuung - derzeit gibt es insgesamt 260. 000 Plätze - aufgeholt. Die von der Regierung ausgeschüttete Förderung von 15 Milliarden pro Jahr brachte einen Schub von 17.000 Plätzen in drei Jahren - im selben Zeitraum davor gab es nur ein Plus von 9000. Dennoch bleiben große Lücken. Lediglich 16 Prozent der Kinder unter drei sind in Betreuung. Die EU hat als Ziel 33 Prozent ausgegeben.

Nach langem Hin und Her hat die Regierung die Förderung nun um drei Jahre verlängert - die zuständigen Länder müssen aufdoppeln, um die Subvention zu kassieren. "Das reicht aber nicht", sagt Ingrid Moritz von der Arbeiterkammer, so sehr sie die Verlängerung auch begrüße. Um das EU-Ziel zu erreichen, bräuchte es 35.000 zusätzliche Betreuungsplätze, rechnet die Expertin vor: Um dann auch noch 70.000 bestehende Plätze mit besseren Öffnungszeiten zu versehen, müsste die Regierung 60 Millionen statt der geplanten 15 Millionen pro Jahr locker machen.

Moritz hat auch eine Idee, wo das Geld zu holen sei. 100 Millionen Euro pro Jahr kosteten die Kinderzuschläge zum Alleinverdienerabsetzbetrag - für die Arbeiterkämmerin einer der widersinnigen Anreize, die Frauen am Erwerbsleben hindern: Paare bekommen diese Leistung nur dann ausbezahlt, wenn ein Elternteil - meistens die Frau - unter einem bestimmten Einkommens- limit bleibt. Moritz' Empfehlung: ersatzlos streichen und in Kinderbetreuung stecken. Für den Staat gehe es dabei um vergleichsweise bescheidene Summen - für Mütter um Existenzfragen: "Immer noch gibt es Frauen, die sich nicht beim Arbeitsmarktservice anmelden können, weil sie keinen Betreuungsplatz finden." (Gerald John, STANDARD-Printausgabe, 10.6.2011)

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23 Postings
Dagmar Rehak Wien
 
00
11.6.2011, 00:27

Was für ein Geldregen/Geldsegen?
Hab ich was verpasst?

positiv
 
00
10.6.2011, 14:45
Förderung von 15 Milliarden pro Jahr

da koennens jedem kind einen eigenen kindergarten bauen

BlackAdder
00
10.6.2011, 21:51

58000 pro platz und jahr kommt mir allerdings auch etwas hoch vor.

guggi102
00
12.6.2011, 09:28

Darunter fallen neben den laufenden Kosten für Betrieb und Personal auch Aufwendungen für Neubau und Ausstattung, also kann ich mir das schon vorstellen.

K. K. Lacke
00
10.6.2011, 12:47
"Immer noch gibt es Frauen, die sich nicht beim Arbeitsmarktservice anmelden können, weil sie keinen Betreuungsplatz finden."

Sorry, aber das ist FALSCH.

sie können sich sehr wohl beim AMS melden, allerdings sollten sie ihre "Betreeungsverpflichtung" angeben, die sie gegenüber dem Kind haben.

sich zu MELDEN ist immer möglich. Eine Stelle anzutreten möglicherweise aufgrund der fehlenden Betreuung aber nicht.

Die Lösung wäre mMn dem AMS die Verantwortung für die Findung einer geeigneten Betreuungsstelle zu übertragen.

wenn Frau einen Job annehmen soll hat das AMS einen Betreeungsplatz ausfindig zu machen und bereitzustellen.

wenn das SO funktioniert könnten sich diese Mütter entspannen, weil sie nicht auch noch für die zu geringe Zahl der Betreuungsplätze "verantwortlich gemacht" werden und der Staat via AMS sich mehr drum kümmern müsste

BlackAdder
01
10.6.2011, 14:02

Es funktioniert aber eben nicht so, sobald frau einen angebotenen job ablehnt verliert sie alle ansprüche, da hilft ihr die angabe von "betreuungsverpflichtung" genau nüsse.

War ja sogar mal ein entsprechender fall beim volksanwalt, mutter verlor die ansprüche weil ihr das geniale AMS einen job mit nachtdienst (!!) angeboten hatte, den sie ablehnen musste weil da keine außerhäusliche betreuung für das kind zu finden war.

K. K. Lacke
00
10.6.2011, 14:21
Pressekonferenz Daniela Musiol, Familiensprecherin der Grünen

Wien, Pressebüro der Grünen
Donnerstag, 17. Februar 2010

"Einen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben Personen mit Betreuungspflichten für Kinder bis zum vollendeten zehnten Lebensjahr oder Kinder mit Behinderung, für die keine Betreuungsverpflichtung besteht, nur dann wenn sie dem Arbeitsmarkt zumindest 16 Wochenstunden zur Verfügung stehen. Ab dem zehnten Lebensjahr muss eine zeitliche Mindestverfügbarkeit von 20 Stunden gegenüber dem Arbeitsmarktservice bestehen."

es geht hier um konkret 16 bis 20 Stunden, nicht um Vollzeit.

Die Story mit dem Nachtdienst hat der VwGH bereits vor Jahren entschieden, das liegt eher NICHT aktuell beim Volksanwalt (VwGH 14.5. 2003, 2002/08/0279)

mein Vorschlag würde das Problem lösen.

BlackAdder
00
10.6.2011, 21:32

Das AMS kann aber auch keine betreuungsplätze herbeizaubern, insofern löst der vorschlag genau gar nichts.

K. K. Lacke
00
13.6.2011, 10:44
genauer lesen Kollege

nicht "herbeizaubern"

wenn das AMS einen Job nurmehr dann vermitteln kann wenn eine entsprechende Betreuung sichergestellt ist ändert das eine Menge

sie sollten wirklich genauer lesen, weniger hineininterpretieren und mehr drüber nachdenken

dann ersparen sie sich solche wenig nützlichen Kommentare

BlackAdder
00
13.6.2011, 15:45

"Wos san se ? A kollege san se ?" *zitier*

Daß sie damit eine unhaltbare ungleichbehandlung heraufbeschwören ist ihnen wohl nicht klar ?

K. K. Lacke
00
13.6.2011, 18:09
nein, erläutern sie einfach

ich bin ja argumenten gegenüber nicht abgeneigt

BlackAdder
00
13.6.2011, 19:09

Wenn eine frau das glück/pech (unzutreffendes streichen) hat vom AMS einen betrewuungsplatz vermittelt zu bekommen dann darf/muss (unzutreffendes streichen) sie einen job annehmen, oder verliert die ansprüche.

Wo das AMS keinen betreuungsplatz vermitteln kann dort kann/darf (unzutreffendes streichen) sie keinen job bekommen, und darf/muss (unzutreffende streichen) weiter arbeitslosengeld beziehen.

Es geht selbstverständlich um "das AMS kann keine betreuungsplätze herbeizaubern", denn wenn es das nicht kann, i.e. für alle anspruchsberechtigten einen betreuungsplatz garantieren, ist keine gleichbehandlung möglich.

K. K. Lacke
00
13.6.2011, 20:27
ääähm ja

die UNGleichbehandlung findet ja aufgrund der Tatsache statt, daß keine Betreuung vorhanden ist

nicht aufgrund der Tatsache daß hier Kompetenzen verschoben worden sind

ersetzen sie einfach "weiter arbeitslosengeld beziehen" gegen " ein Arbeitslosengeld in voller Höhe seines/ihres letzten gemeldeten Einkommens beziehen"

es kann NIEMAND Betreuungsplätze herbeizaubern, da spielt die Frage der Verantwortlichkeit keine Rolle, egal ob sie es selber machen oder irgendwer dafür verantwortlich ist

hingegen für die Bewertung der ZUMUTBARKEIT wäre es enorm wichtig, daß hier Rücksicht darauf genommen wird wenn keine Betreuung vorhanden ist

wieso sollte frau für den fehlenden Betreuungsplatz mit Bezug des ALG bestraft werden?

Anja Ritter
00
10.6.2011, 12:01
hmmm...

Mein Eindruck ist der, dass Kinder eigentlich in unserer Gesellschaft nicht wirklich gerne gesehen sind. Es sind eher die Ausnahmen, die sich gerne mit Kindern unterhalten und sich freuen, wenn Kinder unterwegs sind... auf Plätzen sich aufhalten, etc.
Warum um alles in der Welt braucht V ein Projekt, dass "Kinder in die Mitte" heißt, wenn Kinder schon voll und ganz mitten drinnen wären...
--> das zeigt den Zustand unser nicht sehr kinder- und jugendfreundlichen Welt!

Gernot Schandl
20
Absurd!

Der Alleinverdienerabsetzbetrag ist auch mit Kinderzuschlag weit von einer gerechten Besteuerung entfernt, weil mir Steuern von jenem Teil meines Einkommens abgezogen werden, der einen einklagbaren Unterhalt darstellt - über den ich daher nicht frei verfügen kann!

Dass jetzt der Kinderzuschlag fallen soll, um außerhäusliche Betreuung noch stärker zu subventionieren, verstärkt die Ungerechtigkeit und macht einen grundlegenden politischen Wandel noch notwendiger.

Beendet den Dirigismus, gebt uns Gerechtigkeit und Entscheidungsfreiheit!

pagat ultimo
00
10.6.2011, 11:07

kinder als außergewöhnliche belastung?

merken sie eigentlich, wie zynisch diese haltung ist?

BlackAdder
12

Bitte gern, jegliche kinderbezogene transferleistung streichen, oder ?

Mehr freiheit gibt's einfach nicht.

DV8
01
wann hört das endlich auf?

hier ein vergleich der Geburtenraten:
http://www.indexmundi.com/map/?l=de&r=eu&v=25

Skandinavien hat gegenüber Österreich trotz mehr engagement nicht wirklich höhere Geburtenraten.
Schweden zum Beispiel hat 10,13Geburten pro tausend und Österreich 8,65. Dänemark hat 10,54.
Das ist im vergleich zum Mehraufwand ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Die Überschrift des Artikels sagt alles. Geld alleine und Beutreuungsplätze bringt heute nix mehr. Das ist schon ein Kulturproblem geworden und kein reiners politisches Problem.

K. K. Lacke
00
10.6.2011, 12:58
Vergleichen sie mal die Geburtenzahlen

in Irland (16,9) kommen fast doppelt so viele Kinder auf die Welt wie in Österreich (8,65)

in den besonders bemühten skandinavischen Ländern sind wir bei 11,9 (Schweden) und 11,8 (Dänemark) bei grade mal 4(!) Kindern mehr pro 100.000 Einwohner, also nur halb so viel mehr wie Irland

die "emanzipierten" liegen also genau im Mittelfeld, was mich etwas daran zweifeln lässt, daß die Freiheit kinderlos zu sein zu einem Anstieg der Geburtenzahlen führen wird

es ist aber dennoch die einzig richtige Stoßrichtung jeder Frau die Freiheit zu garantieren sich unabhängig von Kind oder Kinderwunsch verwirklichen zu können

leider haben manche aber auch noch nicht verstanden daß der ERFOLG jener SV am Subjekt hängt und nicht vom System gewährt wird

BlackAdder
00
10.6.2011, 14:04

"pro 100.000 Einwohner" wohl kaum.

K. K. Lacke
00
10.6.2011, 16:32
korrekt, da war der Fehlerteufel am Werk

pro 1000 Einwohner muss es natürlich heissen, danke für den Hinweis

pago1
02
solange die menschen

keine vernünftige existenzsicherung bekommen werden es immer weniger kinder werden

dieWolfsmutter
01
10.6.2011, 16:08
Ja, klar.

Bedingungslose Grundsicherung!

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