Tagung

Wie die Unterschicht ins Fernsehen kam

Beate Hausbichler, 15. Juni 2011, 07:00
  • Artikelbild
    foto: ap/rahoul ghose

    Hilfe aus dem Fernsehen, oder: Das "Susi"-Prinzip

Eine medienwissenschaftliche Tagung in Wien beschäftigte sich mit der Frage, inwieweit Fernsehen Klassenverhältnisse produziert

Die Klassengesellschaft feiert in Diskussionen um TV-Formate ein Revival. Zwar zeugen die vielen Anführungszeichen von einem gewissen Unbehagen beim Gebrauch von Bezeichnungen wie Unterschicht, dennoch scheint bei Formaten wie "Saturday Night Fever" oder "Die Lugners" ohne diese Kategorisierung nichts mehr zu gehen. Harald Schmidt sprach im Zuge seines Wechsels zur ARD (2004) salopp vom "Unterschichtsfernsehen" der Privat-Sender und prägte somit einen Begriff, der mittlerweile aus den Feuilletons nicht mehr wegzudenken ist.

Die Tagung "Klassenproduktion: Fernsehen als Agentur des Sozialen", die vom 9. bis 11. Juni vom Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien veranstaltet wurde, befasste sich mit Phänomenen wie der Rede vom "Unterschichtenfernsehen" im Speziellen, und mit Fernsehkonsum und seine Rezeption im Allgemeinen. Andrea Seier und Thomas Waitz konzipierten die Tagung, die besonders auf die Untersuchung von Fernsehen als Instrument sozialer Differenzierung fokussierte.

Zu einem solchen Differenzierungsprozess gehören auch die bereits angedeuteten Debatten zwischen selbsternannten QualitätsverfechterInnen und TV-ProduzentInnen, so Seier und Waitz in ihrem Einführungsvortrag im Wiener Depot. "Unterschicht" oder "neue Armut" spielen für Bewertungen bestimmter Formate zunehmend eine Rolle und bilden auch wichtige Bezugspunkte für verschiedenste Qualitäts-Zeitungen, die sich auf Seiten des guten Geschmacks positionieren. Dabei bezieht man sich auf "Geschmacksurteile, die auf scheinbar selbstverständliche kulturelle Werthaltungen rekurrieren", erklärte Waitz diesen Prozess der Festigung sozialer Differenzen. Die besorgten VerfechterInnen von Niveau und Qualität brauchen in diesem Prozess somit die immer öfter als Unterschicht Markierten dringend, um sich und andere ihres besseren Platzes in der Gesellschaft zu versichern. Dabei kann das Vokabular auch schon mal etwas ruppiger werden: So sprach etwa Jens Jessen in "Der Zeit" von der "bezahlten Verblödung für das Volk" und Michael Jürgs, Autor des Buches "Seichtgebiete", redete gar von "der Blödheit derer da unten", konkret würde er damit "fettarschige Legginsmädchen" meinen. 

"Die sind nun mal so" 

Was macht eine solche Beschwörung einer Verblödung, an der das Fernsehen schuld sein soll, so attraktiv? Für diese Frage hat Waitz bereits in der Tagungseinleitung einige Erklärungen: Um sich auf sozialer Ebene von anderen zu distanzieren und sie auf ihre (schlechteren) Plätze zu verweisen. Dem Fernsehen kommt dabei eine wichtige Rolle zu: Es bildet die sozialen Differenzen nicht nur ab, sondern bringt sie auch hervor und lässt sie als naturgegeben, selbstverständlich und unveränderbar erscheinen.

Von der neuen Klassengesellschaft ist aber nicht bloß unter diesen Vorzeichen die Rede, betonte Andrea Seier und sprach somit den Titel der Tagung an, der sich auch der "Klassen" bedient. Der sprachliche Rückgriff auf die Klassengesellschaft wird derzeit unter divergierenden politischen Vorzeichen geführt, so Seier. Während SozialwissenschafterInnen sich für den Begriff der sozialen Klassen einsetzen, weil sie sich damit eine Repolitisierung struktureller Benachteiligung erhoffen, verwenden ihn andere, um soziale Unterschiede zu festigen. Die TagungsmacherInnen wollen ihren Umgang mit Begriffen wie Schicht oder Klasse als Diskurseffekt des Sprechens über Fernsehen verstanden wissen.

In diesem Sinne gab es in den zweieinhalb Tagen einiges zu besprechen. Den Eröffnungsvortrag bestritt die britische Medienwissenschafterin Charlotte Brunson (Autorin von "The Feminist, the Housewife, and the Soap Opera"), die über "Digital housework and the changing aesthetics of television" sprach.

"Susi" und die Sorge um sich selbst

Rolf Nohr referierte über die von ihm so genannten "Susi"-Formate. "Susi" verwendete Nohr als Kurzformel eines Zitates von Michel Foucault, der "Sorge um sich selbst", die an die Stelle der Kontrolle von Herrschenden tritt und als Kontrollmechanismus hervorragend funktioniere. Konkret meint Nohr damit eine mediale Kontrollinstanz, die in der Figur des/der BeraterIn auftaucht, wie etwa der Schuldenberater Peter Zwegat aus dem Reality-Format "Raus aus den Schulden". Für ähnliche Sendungen interessierte sich auch Uwe Wippich in seinem Vortrag zur Verhandlung des Medial-Sozialen "Ich sehe was, was Du (noch) nicht siehst", indem er den mitunter absurden Kreislauf der beratenden Reality-Formate und ihre widersprüchlichen Anforderungen aufzeigte: Zuerst werden - wieder bei Schuldenberater Peter Zwegat - die Finanzen in Ordnung gebracht, dann kann zur emotionalen Arbeit übergegangen werden. Die/der PartnerIn wird gesucht und gefunden, die Kinder erzogen ("Die Super-Nanny"), der (gemeinsame) Garten wird tip top gemacht, das Auto getuned , die Figur in Form gebracht und anschließend wäre es wieder Zeit für Peter Zwegat.

Nur der soziale Abstieg macht Angst

"White trash" war das Thema von Ralf Adelmann in seinem Vortrag "Whatever ... frak!". Er thematisierte darin die Repräsentationen von "white trash" in US-amerikanischen Serien, die er unter anderem in Fragmenten wie intensiver TV-Konsum, großporiger Haut, toupierte Haare oder in sprachlichen Ausdrucksweisen verankert sieht. Auch das Wohnmobil oder der Trailer-Park ist nicht weit, wo "white trash" gezeigt werden will. Besonders interessant ist "white trash" vor allem in Hinblick auf die Abstiegsangst der in Serien immer häufiger vertretenen oberen Mittelschicht. So erinnert sich etwa Don Draper aus "Mad Men" in besonders brenzligen Momenten an seine Kindheit in einer sehr armen Farmersfamilie, ein Status, der das einzige ist, was dem smarten Don Angst einzujagen vermag.

Geschlossen wurde die Tagung von Andrea B. Braidt und Nicole Kandioler, die die Frage nach "Echten Lesben?!" und nach der klassenspezifischen Adressierung im reality/quality Queer TV stellten. Braidt und Kandioler fokussierten auf die Verschränkungen von Klassenproduktion und Queer TV anhand der fiktionalen Serie "The L-Word" und des Reality-Formats "The real L-Word". Letztere beansprucht "echte Lesben" in einem "echten L.A." zu zeigen und unterscheidet sich gegenüber "The L-Word" auch darin, dass die Protagonistinnen ihre unterschiedliche soziale Herkunft durch ihre kulturellen Präferenzen zum Ausdruck bringen, während soziale Schichten in der fiktionalen Serie keine Rolle spielen.

Ohne chauvinistische Erklärungsmuster

Die gut besuchte Veranstaltung zeugt von einem regen Interesse an einer Auseinandersetzung mit Fernsehen jenseits vereinfachter und chauvinistischer Erklärungsmuster über Konsum, KonsumentInnen und die Funktionen von Fernsehen. Der Ansatz der TagungsorganisatorInnen, Fernsehen als Diskursmaschinen statt als Blödmaschinen und somit als Teil des Sozialen zu verstehen, stellte sich als weitaus interessanter heraus. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 15. Juni 2011)

Kommentar posten
24 Postings
die rote baronin
01
16.6.2011, 11:28
Bezogen auf den TV-Konsum (auch Inhalte) ist die Unterschicht aber auch da, wo man zumindest die Mittelschicht vermuten würde.

ecologyst
00
22.6.2011, 19:11

und wo würde man die mittelschicht vermuten?

Heinz Anderle
 
00
16.6.2011, 06:25
"Ein Weltfeind, wen dieser Fortschritt verdrossen:

Der Wiener Hausmeister an den Kosmos angeschlossen!"

(Karl Kraus)

pago1
00
15.6.2011, 18:12
so mancher schönheitschirurg

profitiert ja nicht schlecht davon ist der jetzt unterschicht oder nur primitiv?

a gulasch und a seidl bier
00
15.6.2011, 16:38

Wieso ist denn dieser Artikel in "diestandard.at"? Sollte der nicht bei "Etat" oder so zu finden sein?

ecologyst
12
15.6.2011, 15:18

unterschichtfernsehen gibts, weil sich die unterschicht nun fernsehen leisten kann.

jetzt haben manche unterschichtfamilien mehr fernseher in ihrer kleinen wohnung als oberschichtfamilien in ihrem großen haus.

Nennt mich Loretta
 
00
16.6.2011, 12:56
Weil sich die Unteschicht erst seit gestern einen Fernseher leisten kann?

ecologyst
00
17.6.2011, 14:14

mit einem fernseher alleine reißens nichts.

in deutschland sind zwar die privatsender gratis, an vielen orten muss man aber für den kabelzugang zahlen. oder man braucht geld für die sat-anlage. ist in österreich nicht anders.

mit der digitalisierung und möglichen abopflicht kommts ja wieder dazu. die, die sichs leisten wollen und können, zahlen, die anderen nicht nicht. man wird sehen, ob sich schund-tv durchsetzt.

in den usa bestellen nicht wenige ihr kabel ab und wandern zu netflix.

AlBundyFan
 
01
17.6.2011, 11:32
du wirst es kaum für möglich halten

aber erst in den 60igern verbreitete sich die fernseher so, daß zumindest fast jeder österreicher einen haushalt kannte, in dem ein fernseher steht.

mitteder 80iger war der fernseher erst in der mittelschicht flächendeckend beinahe vollständig im haushalt vorhanden
und anfang der 90er breitet er sich auch in unterschichten aus.

das heisst erst seit 20 jahren ist tv-konsum erst das massenphänomen, das es heute ist....und auch vor ca. 20 jahren fingen die ersten sender mit trashformaten an.

anders and
 
00
15.6.2011, 17:14

weil der Unterschichtenfamilie spazierengehen und in der Bibliothek Bücher ausleihen zu teuer ist?

ecologyst
05
15.6.2011, 21:04

machens eine umfrage bei den ihnen bekannten unterschichtenfamilien.

zum lesen braucht man zeit, geduld und einen freien kopf. als unterschichtenfamilie hat man soviel stress, dass kein ruhiger leserahmen möglich ist. im gegenteil, man fängt noch mehr über die eigenen probleme zum nachdenken an, was beim berieselnden tv nicht sein muss.

die tv-fetzen (halbe stunde, stunde pro folge) bieten eine gute möglichkeit für einen kontinuierlichen geistigen ausstieg.

haben studien schon ausreichend bewiesen. tv erfordert weniger gehirnaktivität als das anstarren einer wand.

AlBundyFan
 
00
17.6.2011, 11:33
also ich lese meist am abend

und da vorm schlafen gehen eine halbe stunde oder auch mal eine stunde....und da kommen pro jahr unzählige bücher zusammen.

also sagens mir nicht, daß das ein zeitproblem ist - diese leute haben einfach keine bildung und deshalb auch kein verlangen nach information.

Spucks
00
17.6.2011, 09:49

Ich glaube das hat bei diesen Schichten eher weniger mit Stress und ruhiger Umgebung zu tun, als mit der weit verbreiteten Bildungsfeindlichkeit.

Heinz Anderle
 
10
16.6.2011, 06:34
Mit solchen Kreisen habe ich weder Umgang noch Erfahrung,...

... und einen Fernsehapparat gibt es seit acht Jahren bei mir auch nicht mehr. Das Intellektuellenfernsehen wie z. B. "Kunststücke" ist leider schon lange Geschichte, weil es die heute unverzichtbare Trottelquote niemals erreicht hätte.

Es wird nur mehr Ö1 gehört und ein Filmprogramm nach meinem Geschmack auf DVD zusammengestellt. Damit meinen Ganglien dabei aber nicht fad wird, schaue ich englischsprachige Filme auf DVD in der Originalsprache mit englischen Untertiteln an - Untertitel- statt Unterschichtenfernsehen eben.

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

Empfindlich
00
20.6.2011, 09:52
Pfuh, jetzt wissen wir's aber wieder

Gott-sei-Dank sind Sie ja so was von intellektuell, dass Sie sich selber nicht mehr brauchen. Diese ganzen Arte-schauenden, Nietsche-lesenden, Ö1-hörenden Intellektuellen sind so klasse, dass sie sich nur noch die besten US-Serien vorab schon über DVDs im Original reinziehen. Komisch nur, dass der landesübliche TV-Schauer oder Radiohörer diese Intellektuellen nie erreicht, außer im Standard-Forum, wo sie unbedingt Ihre Hose offen tragen müssen. Eigenartig nur, dass diese Spezies dann prinzipiell "zufällig" einmal Topmodel, Lugners uä Formate gesehen hat.
Bitte langweilen Sie doch mit Ihrem kulturellen Intellekt jemand anderen!

AlBundyFan
 
00
17.6.2011, 11:34
und wo siehst du dir die dvds an?

am computermonitor?

also da bleibt aber vom filmerlebnis nicht grad soviel übrig....

Hefeweizerlbier
01
16.6.2011, 18:33

Bei den Kabelbetreibern sind in den letzten Jahren eine Reihe neuer Sender dazugekommen:

arte
BR alpha
Discovery channel
Planet
History channel
Biography channel
National geographic
ZDF Dokukanal
phoenix
...

Manchmal ist man einfach zu müde um zu lesen.

Fernsehen muss nicht zwangsweise verblöden.

nachtigaller
 
02
15.6.2011, 18:54
bibliotheken?

wenn die zum teil schrottreifen leihbüchereien gemeint sind, in denen zola mit sodala verwechselt wird, ist "bibliothek" fehl am platz. kinderbücher kann man ohnedies nicht verleihen, weil die g'schrappen wie in schulbücher überall reinschmieren und alles zerreissen (auch die kleinen "johannes"erln mit designerjean und "ich ess aber nuhr proschutto"). otto bauer ist zu lange tot, als dass man sich noch seiner worte rund um gläser und bücher entsinnt, was hätte der über den fernschrott gesagt? spazieren? wenn man den migris ausweichen kann, die parks in müllkippen aus golden archesfetzen und kebabpappe machen und jede(n), der(die) nicht dunkel genug ist, anstänkern, he alla sack, he hurdu - okay, auf in die biblio u dann aufs parkbankerl.

Heinz Anderle
 
00
16.6.2011, 06:21
Darf ich um das Otto Bauer-Zitat bitten?

Dr. Heinz Anderle, Sozialdemokrat und Freigeist

fussgängerüberführung
00
15.6.2011, 14:45
Hu? Sie besitzen immer noch einen Fernseher zuhause?

Wieso denn das?

*Kopfschüttel*

andreas weissnicht
01
15.6.2011, 13:46
Bitte, das heißt "Präkariat"

damit die Unterschicht nicht weiss, dass sie gemeint ist ;)

Er staunt
02
15.6.2011, 19:35
Ähh, genau genommen heißt das "Prekariat".

Die Präkariösen sind hingegen eher potentielle Zahnarztkunden... ;-)

andreas weissnicht
00
15.6.2011, 21:13

Hehe, ich wusste, dass mich jemand verbessert ;)

ulli52
 
00
15.6.2011, 13:04

die frage nach der henne und dem ei ist schwer zu beantworten....

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.