Böses Wort bleibt böses Wort?

Birgit Tombor
21. Juni 2011, 07:00
  • Trifft "gut gemeint" auch auf die Aufmachung der Protestbewegung zu? Kritikerinnen meinen Ja.
    foto: reuters/olivia harris

    Trifft "gut gemeint" auch auf die Aufmachung der Protestbewegung zu? Kritikerinnen meinen Ja.

Viel Aktivismus, viel Medienecho, viel Widerspruch: Feministische Debatten um den Begriff "Slut" flankieren die Protestbewegung gegen sexuelle Gewalt

"Besser nicht wie eine Schlampe rumlaufen, wenn man nicht Opfer werden will." Das Gegenteil von gut ist "gut gemeint" und das dürfte der kanadische Polizist, dessen vielkolportierter Ratschlag an Frauen eine neue Protestbewegung gegen sexuelle Gewalt entzündet hat, begriffen haben. Die Lektion wurde von einem kanadischen Uni-Campus aus in die Welt getragen und schlägt medial so hohe Wellen, auch weil sich die Bewegung nicht "Anti-Sexismus"- oder "Anti-Gewalt"-Marsch nennt, sondern griffig "SlutWalk".

Kampf gegen Täter-Opfer-Umkehr

Als "Schlampen" demonstrieren vorwiegend junge Frauen für ihr Recht, zu tragen, was auch immer sie wollen, ohne dass sie das für Männer zu Freiwild macht. Hinter diesem augenscheinlichen Anliegen geht es den Aktivistinnen um den Kampf gegen die Täter-Opfer-Umkehr und gegen die Ohnmacht, Opfer zu sein. Es ist den SlutWalk-Initiatorinnen Sonya Barnett and Heather Jarvis samt Team auch gelungen, diese Botschaften in außeruniversitären und außerfeministischen Zirkeln zum Thema zu machen. Sicher spielt hier auch der hungrige Zeitgeist eine Rolle, der durch jüngste Fälle prominenter Männer, denen sexuelle Gewalt vorgeworfen wird, auf Spur gebracht wurde.

Zurückfordern, was einer nie gehörte?

Aber die neue Protestbewegung hat neben einem großen Bekanntheits- und Partizipationgrad auch einen schweren Stand bei geübten Frauenforscherinnen und Feministinnen. Das Wort "Schlampe" ist das Problem. Die SlutWalk-Aktivistinnen versuchen, diesen Begriff für sich einzunehmen, zu "reclaimen", also zurückzufordern. Ein Argument gegen diesen affirmativen Prozess lautet: Man könne nichts zurückfordern, was einer nie gehörte. "Schlampe" sei und bleibe ein verbaler Angriff auf Frauen, um sie zu beleidigen, zu verletzen und zu objektivieren.

Wenn sich schon Frauen selbst als "Schlampen" bezeichnen, legitimiere das eine verbreitete gesellschaftliche Haltung, sie auch als solche zu behandeln, meinte die britische Wissenschafterin Gail Dines im Streitgespräch mit Jarvis. Mit der Verwendung des Begriffs spiele man erst einer pornofizierten Sichtweise auf Geschlechterverhältnisse in die Hand. Andere feministische Stimmen aus dem angloamerikanischen Raum kritisieren den SlutWalk als unreflektiert und gegenüber vergangenen feministischen Bewegungen blind, denn seit den 70ern hätten die sich darin versucht, die Machtverhältnisse auch über sprachliche Neubesetzungen zu verändern - was nie geklappt hätte.

Demoform der weißen Mittelschicht

Ein weiterer Vorwurf richtet sich gegen eine vermutete Homogenität der Protestierenden: Sie könnten sich als privilegierte weiße Westlerinnen mit hohem Bildungsniveau leicht "Schlampe" auf die Körper malen, aber alle Anderen müssten derartige Statements am eigenen Leib ausbaden.

Und wieder ein anderer Einwand lautet, dass sich der SlutWalk überhaupt unter den falschen Bedingungen artikuliert: Nicht die "Schlampen" sollten im Mittelpunkt stehen, weil die eine Erfindung des Patriarchats sind und gar nicht existieren. Sondern die Täter, die es sehrwohl gibt, und denen es ganz egal ist, wie sich die Frau, die sie sich greifen, kleidet.

Zweck heiligt die Mittel?

Die Organisatorinnen selbst machen keinen Hehl daraus, vor ihrer Initiative nicht politisch oder organisiert aktiv gewesen zu sein und etliche Implikationen nicht miteinbedacht zu haben. Ihre Namenswahl rechtfertigen sie - denn das müssen sie mittlerweile - nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel. Mitbegründerin Jarvis selbst ist "Überlebende" sexueller Gewalt. Von "Opfer" will sie nicht mehr sprechen müssen - wieder eine sprachliche Veränderung, an der sie festhält. Die Aktivistinnen glauben daran, etwas verändern zu können; dass ihnen Ähnliches gelingt wie der LGBT-Community, die das Wort "queer" denjenigen entrissen hat, die es gegen sie verwendet haben. 

Dieses hoffnungsvolle Anliegen sollte man bei verständlicher Einforderung der Berücksichtigung des gesellschaftlichen Kontexts, in dem es formuliert wird, nicht zuschütten mit Lektionen von Wenn und Aber. Schon gar nicht so früh. Was prä Internet seine Zeit gehabt hätte, sich zu entwickeln, wird heute schnell aufgegriffen, besprochen und kritisiert, und mit all diesen Inputs sind die Aktiven wiederum unmittelbar konfroniert. Das kann nicht nur Chancen bedeuten, sondern auch Overkill. Die Wenns und Abers kommen meist von ganz allein, und bis sie da sind, kann sich bereits etwas verändert haben. Bei einigen zumindest. Darum geht's doch auch den Kritikerinnen. Die sollten die SlutWalks nicht schon unter der Kategorie "gut gemeint" ablegen und die "Schlampen" ihrer Wege ziehen lassen. (bto/dieStandard.at, 21.6.2011)

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Irgendwie ist den meisten Kommentierern (und den Kritikern) der Ur-grund der Slutwalks abhanden gekommen:
"Die einzige richtige Art, Vergewaltigung zu vermeiden, ist niemanden zu vergewaltigen."
Wie man sich anzieht, sollte NIE als "Mitschuld" gewertet werden (wie es leider vA in den USA oft der Fall ist).
Habe ich denn Mitschuld, wenn ich mit einer Rolex am Arm spazieren gehe, und mit einem Messer bedroht und ausgeraubt werde? "Sie hätten sich halt nicht so reich anziehen sollen"?

;)

Natürliche Instinkte

In der Natur erregt alles auffällige und unangepasste natürlich Aufsehen und wird von seiner Umgebung beobachtet und dementsprechend behandelt. Und wenn die Slutbewegung mit dem Kopf gegen die "Naturwand" rennen will, soll sie es weiter tun, es gibt auf der Welt immer mehr Unbelehrbare die aus Fehlern nichts lernen wollen. Den unbelehrbaren Tussis empfehle in die kalifornische Klapperschlangenverseuchte Wüste mit modischen Sandalen zu gehen und sie sollen dann mit der Schlange diskutieren warum Sie die Schlange mit ihrem unagepassten Schuhwerk nicht beissen soll, wenn sich die Schlange bedroht fühlt. Kurzum : Mann und Frau sollten sich ihrem Umfeld dementsprechend anpassen um nicht unangenehme Überraschungen zu erleben.

um mal einen theoretischen input zu liefern:

ich finde den begriff "slut" großartig, wenn ich daran denke, was im laufe der zeit mit dem begriff "queer" passiert ist: war zuerst eine beschimpfung gegen schule, lesben und alle, die nicht in sexuelle normen passen (wollten), heute ist queer zu sein nicht nur hipp und stylisch, sondern nach wie vor ein politischer kampfbegriff, ebenso wie eine wissenschaftliche richtung, welche sich in der queer theory äußert.

m.E. ist es gut, sich schimpfwörter anzueignen und sich selbstbewusst damit zu bezeichnen (eben so wie mit queer), um quasi die schimpfwörter den gegner_innen "wegzunehmen".

"wissenschaftlich"

argumentieren kannst dus klarerweise nicht, weils unumstritten ist, dass queer, bzw. feminismus, bzw. queer-feminismus wissenschaftlich ist.

Aha, an welcher Uni kann man das denn studieren? ;-)

in wien...

...an der Uni Wien gibt es ein MA-Staudienfach, welches sich "Gender Studies" nennt....
es gibt auch in der Kultur- und Sozialanthropologie (und auch in der Soziologie, glaub ich) ein Fach namens Queer-Studies...zumindest ein Freifach bzw. Vorträge zu diesem Thema.
Aber in den Gender Studies wird sehr intensiv darüber diskutiert etc.

Wir könnten es ja so handhaben:

Frauen ziehen an/aus, was sie lustig sind.
Männer auch: Knackarsch-outfit, oder was auch immer geil rüberkommt - der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Aber wir tun so, als säßen wir uns im businessdress gegenüber! Keine Mine! Und wehe, da kommt ein leiser Zungenschnalzer, ein Mädchenkichern oder gar eine unabsichtliche Berührung am knackigen Popo! "Sex ist something people do together, not something you do to someone else", meine Dame. Also zupf dich, aber dalli! Wie ich ausseh, geht dich nix an!

Richtig

Männer müssen sich, oder ziehen sich meistens, korrekt-konservativ an; businessdress ist häufig Pflicht. Aber sie sind in der Kleidungsart auch viel konservativer als Frauen.

Bei Frauen ist der Kleidungskodex häufig nicht so streng, und für die weibliche Attraktivität gelten andere Gesetze. Bei Frauen gilt als z.b. als attraktiv, wenn sie ihre Beine herzeigen. Lange Beine, also High Heels. Auch Figurbetontes. Dagegen ist beim Mann (häufig ohne Grund) der Short-Look nicht gefragt.

komisch, wer so einen artikel kommentiert

es scheint sich bei den kommentatoren großteils um männer zu handeln, die anscheinend ihr leben land zu unterdrückt und diskriminiert wurden, und deshalb ihre frauen- und feministinnen-verallgemeinerungen hier loswerden müssen...

Ja deshalb wurde ja auch der posting-freie Dienstag gegründet. Immer wieder kommt das gleiche raus: Männer vs. Frauen. Dabei sollte es ja Männer + Frauen = Menschen heißen ....

aber das ist doch ganz normal hier!

je frauenpolitischer das thema, desto mehr häufen sich misogyne kommentare, die sich gegenseitig an niveau untertreffen möchten. deshalb ist es gesünder, so wenig wie möglich die postings zu lesen.

ich mag es, wenn afro-amerikan people

sich gegenseitig scherzhaft das n-wort sagen, einem "weißen" aber die go hauen würden, tät der sie so nennen!

wörter inflationär zu verwenden, um ihnen so die potenzielle gewalt zu nehmen, finde ich gut!

jedem typen in die weichteile zu treten, wenn er eine frau so nennt, auch!!

slut, please...

ja vielleicht in der unterschicht. nicht aber in einer klassischen mittelstandsfamilie.

Schwere Körperverletzung als Reaktion auf eine Beleidigung?

Naja...

in die weichteile treten?

und wo darf man frau dann hineintreten wenn eine Männer abwertende Formulierung aus dem weiblichen Munde entfleucht?

wollen sie wirklich Gewalt gutheissen, oder haben sie nicht kapiert daß die NIEMANDEM zusteht, weder verbal noch physisch?

Er fällt wesentlich schwerer, der Hieb, - die Hiebe, die gewalttätige Handlung,

wenn Mann Frau haut, tritt, zu vergewaltigen versucht, als umgekehrt. Also fühl' dich bitte deiner Eier wegen nicht gar so empfindlich. Und wegen eines dahingeworfenen Postings schon gar nicht. Er hat ja nicht ernsthaft und "innerhalb eines feministischen Seminars" (;)) dazu aufgerufen; sondern die Sprache von manchen im Forum ist einfach ziemlich grob.

unlängst auf Ö1

eine Medizinerin spricht in der "Kinderuni" über das Herz und im Kontext Herzinfarkt...

Zitat "...und wenn man... äh... oder auch Frau..." usw. usf...

die Dame hat dabei leider übersehen, daß Mann mit zwei "n" geschrieben wird und eigentlich als Kürzel für "jemand" steht...

muß für die sprachliche Gleichberechtigung jetzt auch zB "jefraud" eingeführt werden?

ich bin sehr für jegliche Gleichberechtigung, aber gegen Schwachsinn...

erschütternd, daß das auch noch auf dem Kultursender schlechthin im Land ausgestrahlt wurde...

erschütternd! eine medizinerin, die versucht hat sich richtig und als vorbild für die kinder korrekt auszudrücken (und dabei eben diesen mann/man fehler gemacht hat)- na und? und das erschüttert Sie, srsly?
meine güte, was für probleme!

was wäre daran "richtig und als vorbild für die kinder korrekt" ausgedrückt gewesen?

es überrascht mich, dass Feministinnen es normal finden, wenn sexuell umtriebigere Frauen gesellschaftlich geächtet werden -

obwohl: beim zweiten mal Nachdenken ist das eigentlich gar keine Überraschung mehr!

treffend beobachtet.

I love Feminist Sluts!
? ? ?

"Das Gegenteil von gut ist 'gut gemeint'"

Bei aller Zustimmung zu einer differenzierten Kritik an der ganzen Slutwalkerei - wer Gottfried Benn ("Kunst ist das Gegenteil von 'gut gemeint'") nachmacht oder verfälscht oder nachgemachte oder verfälschte Gottfried-Benn-Zitate in Umlauf bringt, wird mit Daniel Glattauer nicht unter drei Büchern bestraft.

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