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Verflechtungen von persönlicher und historischer Geschichte: die in Wien lebende Südtirolerin Sabine Gruber.
"Vergessen empfand ich wie etwas, das einem weggegessen wird", sagt Clara, die nach dem Tod ihrer besten Freundin Ines ihre Wohnung in Rom auflösen soll und ihren Kühlschrank öffnet. Claras Reise nach Rom ist auch eine Reise in die eigene Vergangenheit, aber weil sie eine "Lebenszeugin" verloren hat, verselbstständigen sich ihre Erinnerungen, und das ist, "als würde man ein bisschen sterben".
Clara und Ines sind beide im fiktiven Südtiroler Ort Stillbach geboren und haben gemeinsam das Gymnasium besucht. Ines studierte nach der Matura Germanistik und Kunstgeschichte in Österreich und übersiedelte dann nach Rom, wo sie als Übersetzerin und Nachhilfelehrerin lebte. Clara studierte "Lingue e Letterature Straniere" in Venedig und ging anschließend nach Wien. Sie ist mit einem Arzt verheiratet, hat eine erwachsene Tochter und arbeitet an einem Buch über Liebespaare in Venedig, als Ines' Tod ihr Leben zu verändern beginnt.
Sabine Gruber verknüpft in ihrem neuen Roman Stillbach oder die Sehnsucht äußerst kunstvoll drei Lebens- und Familiengeschichten von Frauen zwischen Südtirol, Rom und Wien. Erzähltechnisch gestaltet Sabine Gruber den Zeitsprung von der Gegenwart zur Vergangenheit so, dass sie in die Rahmenhandlung des Aufenthalts von Clara Burger in Rom den über 200 Seiten langen Roman, an dem Ines bis zu ihrem Tod gearbeitet hat, schiebt. In diesem Roman verknüpft Ines in abwechselnden Kapiteln ihre eigene Geschichte als Zimmermädchen mit jener ihrer damaligen Chefin Emma Manente, die Jahrzehnte vor ihr von Stillbach aufgebrochen ist, um in Rom ihr Glück zu finden.
Diese Glückssuche hat Tradition. Die Arbeitskraft der deutschsprachigen Mädchen aus Südtiroler Dörfern war bei römischen Familien, vor allem aber in der Gastronomie äußerst willkommen. Sie galten als tüchtig und ideales Servicepersonal für die deutschsprachigen Rom-Touristen. Von der Zwischenkriegszeit bis in die Siebzigerjahre verdienten sich viele im Sommer oder für längere Zeit als Dienst-, Kinder- oder Zimmermädchen ihr Geld und hofften auf ein "anderes, besseres Leben" als jenes, das in Südtirol auf sie wartete.
Emma Malente, die im Jänner 2011 in einem römischen Altersheim starb, wie Sabine Gruber im Anhang vermerkt, war also eine der Südtirolerinnen, die "wie Schwalben" in die italienischen Städte ausgeflogen sind. Ihr Südtiroler Freund Johann, den sie heiraten wollte, wurde 1944 bei einem Partisanenanschlag in der römischen Via Rasella getötet. Als Vergeltung wurden daraufhin von den Deutschen in den Ardeatinischen Höhlen mehr als dreihundert Menschen erschossen.
Kurz darauf wird Emma schwanger, Vater ihres Kindes ist der Sohn des Hoteliers. Emma wird von ihrer Familie in Stillbach verstoßen, von der italienischen Familie aber aufgenommen. Remo heiratet Emma, die das Hotel Manente auch nach dem Tod ihres Ehemannes weiterführt.
Die hier kurz skizzierte Geschichte des aufgefundenen Romans wird mit der Geschichte von Clara und Paul verknüpft. Paul ist eine Figur, die manche Leser schon aus Grubers Roman Die Zumutung kennen, er ist Experte für die Differenzen zwischen deutschem und italienischem Faschismus, für "Kriegsgreuel, Massaker, Folterknechte", die in der italienischen Nachkriegsgeschichte bis heute verdrängt sind. Wie spannend sich die Erzählfäden nun in diesem Roman zwischen Clara, Paul, Ines und Emmas Sohn Francesco verknüpfen, soll hier nicht verraten werden.
Dass Personen als Haupt- und Nebenfiguren in verschiedenen Romanen von Sabine Gruber auftauchen, liegt wohl daran, dass sie gesellschaftlich brisante Themen aufgreift und aus verschiedenen Perspektiven weitererzählt. Sabine Grubers Schreiben ist eine fortwährende literarische Erkundungsreise. "Ich will mir selbst Klarheit verschaffen", schreibt sie in ihrem Essay Die Neuerfindung des Privaten. In ihren Romanen Aushäusige (1996), Die Zumutung (2003), Über Nacht (2007) und Stillbach oder die Sehnsucht (2011) verwandelt sie, ausgehend von eigenen Erfahrungen und Recherchen Wirklichkeit in Kunst.
Wie ein roter Faden durchzieht die Auseinandersetzung mit ihrer Herkunftsregion Südtirol ihre Bücher: "Das Stillbacherische sei nicht zu leicht einzuordnen, hatte Ines in einem Brief geschrieben. Das Stillbacherische sei zwischen den Stühlen zu Hause, da sitze man ohnehin besser und bequemer. Die österreichische Monarchie, der Faschismus mit seinem deutschen Sprachverbot und schließlich die Schulbücher und Touristen aus der Bundesrepublik hätten ihre Spuren hinterlassen."
Wie komplex die Geschichte Südtirols mit dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus verknüpft ist und wie diese dunklen Flecken die gegenwärtige Politik Italiens und die Lebensschicksale der Menschen bis heute bestimmen, davon erzählt Sabine Grubers Roman auf beeindruckend poetische Weise. Sie schafft Figuren, die vermitteln, wie politische Verhältnisse individuelles Glück, Liebe und Sehnsucht bestimmen. Wer zählt wann und wo zu den Opfern, wer zu den Tätern? Wie kann man die Ereignisse des Jahres 1978 verstehen, in dem Aldo Moro von den Brigate Rosse ermordet wurde?
Sabine Gruber reflektiert ihr literarisches Verfahren der Vermischung von Fakten und Fiktion sehr genau. Selten erfährt man so viel über die Bruchstellen der italienischen und österreichischen/ deutschen Geschichte wie in diesem Roman.
Und dass Erich Priebke, SS-Führer und maßgeblich an den Erschießungen in den Ardeatinischen Höhlen beteiligt, über Südtirol zunächst nach Argentinien fliehen konnte und seit 1998 in Rom lebt, zwar verurteilt, aber nicht im Gefängnis, sondern unter gelockertem Hausarrest, empört wohl nicht nur die Romanfiguren. 2010 war er darüber hinaus noch als Präsidentschaftskandidat der bundesdeutschen NPD im Gespräch.
Sabine Gruber gelingt in ihrem Roman Stillbach oder die Sehnsucht in der Verflechtung von persönlicher und historischer Geschichte ein in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seltenes Kunststück, das große Literatur ausmacht: politische Zeitgenossenschaft. (Christa Gürtler, DER STANDARD/Printausgabe, Album, 2./3. Juli 2011)
Sabine Gruber, "Stillbach oder die Sehnsucht". Roman. € 20,60 / 379 Seiten, C. H. Beck Verlag, München 2011
Hinweis
Sabine Gruber liest am 7. Juli zur Eröffnung des
O-Töne-Festivals im Haupthof des Wiener
Museumsquartiers aus dem besprochenen Roman. Die Autorin liest ab 21
Uhr, ab 20 Uhr Konzertauftakt mit Meaghan Burke, Chello. Moderation:
Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid.
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