Studie hat bislang unterbeleuchtetes Thema untersucht: Hilfe wird, wenn überhaupt und sehr spät, wegen körperlicher Gewalt gesucht
Wien - Es gibt kaum Statistiken darüber und die Fälle werden nur selten publik: Ältere Frauen, die Gewalttaten durch ihren Partner erfahren und diese aufgrund ihrer Biografie häufig auch tolerieren. Oft ist die Angst um das Leben ausschlaggebend dafür, um den Schritt an die Öffentlichkeit oder zur Trennung vom Ehemann zu wagen, sagte Birgitt Haller vom Institut für Konfliktforschung (IKF) bei einer Studienpräsentation zu diesem Thema am Donnerstag in Wien.
Die Ergebnisse veranlassen Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek und Sozialminister Rudolf Hundstorfer (beide SPÖ) Aktionen zu setzen, die auf Sensibilisierung und Information der Betroffenen und deren soziales Umfeld abzielen.
Hilfesuche bei körperlicher Gewalt
Es gibt kaum Studien, die sich mit Gewalt gegen ältere Menschen befassen, sagte Haller. Vage Schätzungen gehen von 200.000 bis 500.000 Betroffenen aus, die Gewalt durch ihr nahes soziales Umfeld erleben. Den Aggressionen des Ehepartners seien die Frauen oft jahrzehntelang ausgesetzt. Ökonomische Abhängigkeiten spielen häufig eine Rolle, um beim Partner zu bleiben.
Wenn ältere Frauen Hilfe suchen, dann vorwiegend wegen körperlicher Gewalt. Andere Formen wie verbale Beschimpfungen, sexuelle Übergriffe oder finanzieller Druck, fallen für ältere Generationen häufig nicht unter den Begriff Gewalt. Warum betroffene Frauen Gewaltbeziehungen so lange aufrechterhalten, hat häufig ganz pragmatische Gründe. "Ökonomische Verhältnisse haben Frauen bereits in jungen Jahren gehindert, den Partner zu verlassen", ergänzte Helga Amesberger vom IKT. Frauen über 60 haben in jungen Jahren kaum Lebensperspektiven jenseits von Kindern und Familie entwickelt.
Einem traditionellen Frauenbild entsprechen
Eine Strategie, um mit der Belastung umzugehen, ist laut der Studie Unterordnung, um dem aggressiven Partner keine Angriffsfläche zu bieten. Das entspricht dem traditionellen Frauenbild, sagte Amesberger. Andere Frauen "suchen Flucht in die Krankheit oder Sucht und nehmen Psychopharmaka, um mit ihrer Angst umgehen zu können."
Es dauert sehr lange, bis die Opfer Hilfe suchen. Oft gelingt das nur mit Unterstützung Dritter. Sensibilisierung sei auch bei den ÄrztInnen gefordert, die meist sehr lange abwarten, bevor sie Anzeige erstatten. "Sie verschreiben häufig jahrelang Psychopharmaka, ohne die Ursache zu ergründen", betonte Amesberger.
Stärkere Einbindung der SeniorInnenverbände
Die Frauenministerin will verstärkt über dieses Thema informieren. "Wir wollen Senioren- und Pensionistenverbände stärker einbeziehen", sagte Heinisch-Hosek. Vor allem Frauen auf dem Land müssen intensiver informiert werden. Zudem sollen Opferschutzeinrichtungen zukünftig mehr beworben werden. Sozialminister Hundstorfer kündigte weitere Studien zu diesem Thema an: "Wir wollen uns ansehen, welche Konzepte es in Europa gibt, um mit diesem Themen umzugehen", betonte er.
Die Seniorenrats-Präsidenten Karl Blecha und Andreas Khol kündigten in Reaktion auf die Ergebnisse bereits Schritte von Seiten der Seniorenorganisationen an: "Besonders betroffen
macht die Tatsache, dass weniger als zehn Prozent der Kontaktaufnahmen in
Gewaltberatungszentren und bei Telefonnotrufen von Frauen erfolgen, die
älter als 60 Jahre sind. Ein klarer Hinweis, dass nur eine Minderzahl
der älteren Frauen überhaupt Hilfe sucht", so Blecha. Khol verkündete den Enschuss des Seniorenrats, sich am vom BMASK initiierten Projekt
"Regionale Beratungskompetenz" zu beteiligen, um einen leichteren Zugang
von älteren Menschen zu Beratungsstellen zu gewährleisten. (APA/red)