Macht und Sexualität

Herrenreiter im Wertewandel

Kommentar der anderen | 11. Juli 2011, 10:46
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    foto: der standard/steinkellner

    Andrea Roedig: "König Sex" hat ausgedient.

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    foto: ap/todd heisler

    Dominique Strauss-Kahn streichelt seine Luxuskrawatte.

Sexueller Machismo ist kein Kavaliersdelikt mehr, weil die Kavaliere von heute zum Teil Frauen sind - und weil das symbolische Kapital der Virilität längst anderswo ist: z. B. in der Wasserfalldusche von Strauss-Kahn

Die Reihe der hochkarätigen Anklagen wegen sexueller Übergriffe in diesem Jahr hat fast schon etwas von einem Menetekel. Julian Assange, Mosche Katzav, Silvio Berlusconi, Jörg Kachelmann und zuletzt Dominique Strauss-Kahn, reihenweise stolpern die prominenten Vertreter des starken Geschlechts über eine empfindliche Schwäche, die vor zehn oder auch vor fünf Jahren noch keine so große Sache gewesen wäre. Man mag die mediale Berichterstattung - gerade im Fall Jörg Kachelmanns und Strauss-Kahns - als voyeuristisch und vorverurteilend kritisieren, doch in ihr wird exemplarisch auch ein Wertewandel verhandelt, der besagt, dass das alte Herrenreiter-Modell - zumindest offiziell - ausgedient hat.

Es geht dabei nicht nur ums Juristische, sondern um die öffentliche Bewertung. Kleine Rubys schmieren oder sich mal eben nach dem Duschen am Zimmermädchen bedienen genießt auch symbolisch nicht mehr unbedingt den besten Kredit. Offenbar hat sich in den letzten Jahren etwas Wesentliches im Verhältnis von Macht und Sexualität verändert. Bisher peinlich Verschwiegenes wird öffentlich, die "Opfer" bekommen eine andere, gewichtigere Stimme, wie auch die Debatte über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche im letzten Jahr zeigte. Die Scham liegt jetzt auch auf der männlichen Seite. Vielleicht hat der britische Philosoph Kwame Anthony Appiah ja recht, wenn er behauptet, moralische Revolutionen würden nicht über Argumente ausgelöst, sondern dadurch, dass Ehrbegriffe sich ändern.

Dummerweise zeigen sich die beteiligten Damen im Spiel nicht gerade als lupenreine Protagonistinnen der moralischen Revolution. Es ist ein verkehrte Welt, denn jetzt, wo die alte feministische Forderung, bei Vergewaltigungsfällen dem Opfer Glauben zu schenken, endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein scheint, entlarven sich die Frauen als Lügnerinnen. Im Fall Kachelmann führte die fehlende Glaubwürdigkeit der Klägerin zu einem "In dubio pro reo"-Freispruch, und Strauss-Kahn darf seine Edel-Papardelle nun wieder ohne Fußfessel essen. "Das Zimmermädchen hat gelogen", titelte die Bild-Zeitung so schön.

Die Regeln des Spiels

So scheint sich ironischerweise mit den prominenten Gerichtsprozessen zugleich das alte Klischee zu bestätigen, dass die Frauen reizen, verführen, lügen und als gerissene Biester große Männer über den Vorwurf sexueller Gewalt in bodenlose Abgründe stürzen. Doch die öffentliche Diskussion ist in den meisten Fällen auch über den misogynen Affekt längst hinausgewachsen. Die Wendungen, die der Fall Strauss-Kahn ständig nimmt, von der Anklage der Vergewaltigung der Hotelangestellten über ihre Entkräftung und nun neuerliche Anklagen aus Frankreich durch die Autorin Tristane Banon, holen die Dinge nämlich auf den unordentlichen, weil immer widersprüchlichen Boden der Wirklichkeit zurück.

Ein einfaches Täter-Opfer- oder Lüge-Wahrheit-Schema hilft hier sowieso nicht weiter. Ob es nun Vergewaltigung oder nicht, Erpressung oder nicht, eine Verletzung hat in jedem Fall stattgefunden, denn im Gegensatz zur Wahrheit waren die Machtverhältnisse in der New-Yorker Hotelsuite sehr klar. Wenn ein 62-jähriger superreicher IWF-Chef mal eben ein 32-jähriges migrantisches Zimmer"mädchen" (werden Putzfrauen nicht erwachsen?) beschläft, muss man nicht lange darüber nachdenken, was mit der Formulierung "einvernehmlicher Sex" gemeint sein könnte. Sex ist ein Tauschmittel in bestehenden Klassen- und Rassenhierarchien. Dass die Frau "lügt", gehört ebenso zum Spiel wie die Tatsache, dass die Regeln des Spiels von anderen gemacht werden.

Egal, wie der Fall ausgehen wird und was er für Strauss-Kahns künftige Karriere bedeutet, die Diskussion darüber spiegelt die, wenn auch ambivalente, gesellschaftliche Abwertung eines längst überkommenen Modells von Maskulinität. Das ist gut so, lässt aber auch vermuten, dass die List der Macht schon längst woanders ist. Sexueller Machismo ist kein Kavaliersdelikt mehr, weil die Kavaliere von heute zum Teil Frauen sind, und weil die männlichen Newcomer ihre Macht anders demonstrieren. Das Protzen mit sexueller Potenz wird man über kurz oder lang den Proleten überlassen und einer alten Generation von Berlusconis. Das heißt nicht, dass real sexuelle Übergriffe weniger werden, sie gehören nur nicht mehr unbedingt zum bevorzugten symbolischen Kapital der neuen Männlichkeit.

Neues symbolisches Kapital: ein Altes

Das neue symbolische Kapital ist, wen wundert's, ein altes. Interessant an der Berichterstattung zu Strauss-Kahn war die geradezu unterwürfige Faszination, in der selbst seriöse Medien die Einzelheiten seines luxuriösen Hausarrests auswalzten. Dachterrasse, Privatkino und Wasserfall-Dusche des Gefangenen beeindruckten dermaßen, dass unschwer zu erraten ist, worin sich immer noch und fast ungebrochen männliche Macht demonstrieren kann: im Geld. Dass Ehefrau Anne Sinclair die Zeche zahlt, tut kaum etwas zur Sache, denn er, Strauss-Kahn, weiß den Reichtum phallisch zu inszenieren, und die Medien inszenieren mit. Mag der "König Sex" auch schwächeln, von Geld und Börsendotierungen als Symbolen viriler Macht werden wir uns wohl noch lange nicht verabschieden können. (Andrea Roedig, DER STANDARD, Printausgabe 9./10.7.2011)

Andrea Roedig, geb. 1962 in Düsseldorf, promovierte Philosophin, Buch-autorin und Journalistin, war bis 2006 leitende Kulturredakteurin der Wochenzeitung "Freitag" in Berlin, lebt und arbeitet seit 2007 in Wien.

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AlBundyFan
 
02
27.7.2011, 14:45
natürlich ist vergewaltigung auch weiterhin ein kavaliersdelikt

so wie auch viele andere formen von gewalthandlungen.

solange selbst überführte vergewaltiger oft mit bedingten strafen davonkommen oder mit strafen von 1,5 - 2,5 jahren ist es faktisch ein kavaliersdelikt.

vergewaltiger gehören, bei überführung, mindestens 10-15 jahre in den knast.
die gesellschaft muß hier sensibilisiert werden, daß das grausliche monster sind....

auch wenn man nicht alle vergewaltiger abschrecken könnte - eine strafandrohung, selbst bei überführung, in lächerlicher höhe macht es zu einem kavaliersdelikt.

Daniil Charms
 
12
11.7.2011, 11:33

Ich kann mich den positiven Stimmen zu dem Artikel nicht so recht anschließen. Es stimmt, dass der Artikel differenzierter ist, als es der erste Absatz vermuten lasst, aber die eigentlich gute Nachricht (sexuelle Übergriffe sind kein Kavaliersdelikt, wobei ich mich frage, ob das "die Mitte der Gesellschaft" schon weiß... man erinnert sich an die schauderhaften Epigramme eines ÖVP-Mandatars) wird mAn etwas zu undifferenziert gesehen.
Eine Schwarzweißsicht a la "böser Vergewaltiger oder durchtriebene Lügnerin" wird nur selten die Realität abbilden, vor allem aber finde ich bedenklich, wie hemmungslos im Privatleben aller Betroffenen herumgewühlt wird. Ich behaupte, dass kaum jemand ohne Trauma aus der Medienwaschmaschine herauskommt.

Heiliger Georg
24
11.7.2011, 10:19
Ein feiner und differenzierter Artikel

DANKE für dieses Gedankennetzwerk, das Sie hier auslegen. Ja, die Bewertung der Grenzen zwischen den Geschlechtern hat sich geändert. Die Frauen haben eine lautere Stimme in der Öffentlichkeit und das ist gut, aber noch lange nicht genug.

K. K. Lacke
31
11.7.2011, 10:11
prinzipiell toller Artikel

ABER sexuelle Übergriffe waren auch bisher nicht das "bevorzugten symbolischen Kapital" der Männlichkeit

Sexuelle Gewalt ist Gewalt

sexuelle Übergriffe sind nichts, womit man(n) sich brüsten könnte, nichts das er "symbolträchtig" an die Öffentlichkeit tragen könnte, keine "Leistung" die bewundert werden will

und das wäre ja der Sinn eines "symbolischen Kapitals", oder?

das finanzielle Kapital der "neuen Männlichkeit" ist längst die asexuelle Einheitswährung, die ebenso von reichen Frauen zur Schau getragen wird. siehe Fr. Mayer, Horten, Pacifico-Griffini-Grasser, Schickedanz, Ederer, etc

vielleicht täte es gut, nicht so engstirnig auf die "bösen reichen weißen alten Männer" hinzupecken, wenn sich längst eine Umverteilung abzeichnet

zauber frau
00
11.7.2011, 09:51
ja, aber einige herren (leider auch einige damen)

auf der strasse sagen, die frauen waren einverstanden und das ist eine hetze gegen str-k.

Poldi Fesch
00
11.7.2011, 12:41
wird wohl

so sein

.MS.
12
11.7.2011, 01:12
Wenn ich dieses Forum so lese

habe ich das Gefühl, dass kaum jemand den Artikel darüber ganz gelesen hat. Den finde ich recht recht diffrenziert und treffend.
Aber es geht hier nicht um Gerichtsuteile die gefallen sind oder gefordert werden, sondern um gesellschaftliche Werte und ihren Wandel.

AndreaT.
183
10.7.2011, 18:10
Ein hervorragender Artikel

denn die Kommentatorin erkennt, dass es auf die Verhältnismäßigkeit ankommt. Wenn man das Leid traumatisierter Frauen (denen zusätzlich noch nicht einmal geglaubt wird) mit den paar Jährchen vergleicht die die Männer abzusitzen haben (falls sie überhaupt verurteilt werden) erkennt man, dass es sinnvoller ist im Zweifelsfall zu verurteilen, anstatt freizusprechen. Denn das angeführte Beispiel dieser Biolehrerin (wenn das überhaupt wahr ist) ist doch eine sehr seltene Ausnahme, sodass man behaupten kann: Jeder Freispruch ist eine Einladung zu einer Vergewaltigung!

Mac Smith
00
21.7.2011, 15:51
"..dass es sinnvoller ist im Zweifelsfall zu verurteilen, anstatt freizusprechen."

Wünschen Sie sich das nur für Vergewaltigungen oder für jedes Verbrechen?

PlasticVoice
01
14.7.2011, 08:05

Ich wünsche ihnen von ganzem Herzen dass sie das nicht ernst meinen. Wenn man sich ansieht mit welch extremen Mitteln bei manchen Trennungen der Ex Partner bzw. Partnerin bekämpft wird möchte ich mir die Folgen nicht vorstellen.

Im Zweifelsfall ist es besser ein Vergewaltigungsopfer zu haben welches auf eine Täterbestrafung verzichten muss, als einem unschuldigen Menschen die Freiheit zu nehmen. Es ist leider eine Tatsache dass es kein perfektes Rechtssystem gibt aber deshalb elementare Rechtsgrundsätze zu verwerfen und mittelalterliche Zustände herbeizuführen ist definitiv keine Lösung.

x
00
13.7.2011, 01:32

...dass es sinnvoller ist im Zweifelsfall zu verurteilen, anstatt freizusprechen...

mit Verlaub: Aber so eine Aussage widerspricht nicht nur jedem Rechtsverständnis, sondern ist schlichtweg krank

Pygar
 
30
13.7.2011, 00:31

Sehr gut, Frau AndreaT.
Diese Erkenntnis teile ich!

De facto gibt es auch keinen Fall, wo ein Mann wegen Vergewaltigung unschuldig eingeperrt wurde (soweit mir bekannt).

SchneckenChecker27cm
00
13.7.2011, 10:19
...soweit Ihnen bekannt.

Und was Sie nicht kennen (wollen) existiert auch nicht?

Pygar
 
00
13.7.2011, 16:50

Du kannst hier gerne einen Fall verlinken, falls du einen finden solltest.

SchneckenChecker27cm
01
14.7.2011, 10:06

Ich musste nicht lange suchen, stand genau ein Posting weiter unten:

http://www.sz-online.de/nachricht... id=2805251

Niemand & Keiner
00
13.7.2011, 07:53

Bei und in D wurde letztens ein Biolehrer nach 5 Jahren Knast entlassen. Eine Kollegin hatte ihn beschuldigt, sie vergewaltigt zu haben. (sie hatte seinen Posten gewollt) Wie sich jetzt herausstellte, hatte sie den Vorfall frei erfunden. Es ist nur ein Beispiel von vielen. Sie sollten sich mal mit solchen Leuten über Ihr fragwürdiges "Rechtsverständniss" und Ihr einsetiges Geschlechterbild unterhalten.

fritz1004
00
11.7.2011, 22:51
dass es sinnvoller ist im Zweifelsfall zu verurteilen...

Für Sie etwas Rechtsgeschichte zum Grundsatz in dubio pro reo (im Zweifel für den Angeklagten):

"1631 Friedrich Spee von Langenfled, Jesuitenpater, begleitet währen der Prozesse die Hexen seelsorgerisch und wurde zu einem überzeugten Gegner der Hexenverfolgung. Seine Erkenntnisse hatte er in dem Buch "Cautio Criminalis" (Vorsicht im Strafprozess) zusammengefasst und aus Sicherheitsgründen nicht unter eigenem Namen veröffentlicht. In seiner Schrift formuliert Friedrich Spee zum ersten Mal den Rechtsgrundsatz „In dubio pro reo“ – Im Zweifel für den Angeklagten."
http://www.kreuzzug.de/hexenverf... gung-5.php
Ein bisserl nachdenken....

fritz1004
00
11.7.2011, 23:05
PS: Bei näherem Interesse

folgende Seminararbeit von Nicola Mattern über das Werk von Friedrich Spee von Langenfeld (die cautio criminalis) geht genauer drauf ein.
http://www.jura.uni-mainz.de/zopfs/Dat... inalis.pdf

Mirstetta Toni
02
11.7.2011, 13:49

und sonst ist alles ok bei ihnen?

AndreaT.
30
11.7.2011, 17:07
ich hätte mir ja denken können

dass Männer (vermute ich mal) mir mit Hater-Kommentaren antworten würden. Was soll frau sonst erwarten? Vielleicht, dass Männer gegen ihren eignen Vergewaltigungsfetisch argumentieren?

Niemand & Keiner
36
11.7.2011, 08:06

Bei Ihren Ansichten wünsche ich Ihnen mal zu unrecht beschuldigt zu werden. Dann werden Sie auch bei erheblichen Zweifeln eingesperrt, Sie werden gesellschaftlich geächtet und Ihr Freundeskreis wendet sich von Ihnen ab. Viel Spaß dann im weiteren Leben.

Pygar
 
50
13.7.2011, 00:36

Dieser Kommentar ist eine widerliche Frechheit!

AndreaT.
32
11.7.2011, 17:11
ich bitte Sie,

dass ist doch wohl die extreme Ausnahme und steht in keinem Verhältnis dazu wie viele Vergewaltiger frei herumlaufen dürfen. An die vergewaltigten Frauen und ihr Leid und die potentiellen weiteren Vergewaltigungsopfer wenn der Täter nicht eingesperrt ist haben Sie wohl nicht gedacht?

Poldi Fesch
00
11.7.2011, 23:05
es scheint, wie diese

Faelle beweisen, der Normalfall zu sein

Daniil Charms
 
00
11.7.2011, 19:00

ZUm einen ist das mit der "extremen Ausnahme" schon einmal ihre Vermutung, die sie hoffentlich durch Quellen stützen können.
Zum zweiten: stellen Sie sich vor, der Rechtsstaat würde ausgehebelt, indem Ihre Idee umgesetzt würde. Glauben Sie, dass es dann immer noch "die extreme Ausnahme" wäre? Dem Denunziantentum wäre Tür und Tor geöffnet.

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