Österreichs Bundeshymne soll geschlechtergerecht werden, zumindest teilweise: Neben den Söhnen sollen die Töchter darin vorkommen - SPÖ, ÖVP und Grüne ziehen einen Schlussstrich unter eine jahrelange Debatte
Wien - Es ist eine nie gehaltene Rede, die letztlich zu einer Gesetzesänderung führte: Maria Rauch-Kallat (ÖVP) hatte geplant, in ihrer Abschiedsrede aus dem Nationalrat einen gemeinsamen Gesetzesantrag von ÖVP, SPÖ und Grünen auf Änderung des Textes der Bundeshymne einzubringen - was der ÖVP-Klub zu verhindern wusste. Ein männlicher Mandatar nach dem anderen ließ am Pult Endlosreden über den Süßstoff Stevia oder Mastschweine los. Für Rauch-Kallat blieb keine Redezeit.
Doch die öffentliche Aufregung darüber war groß, der ÖVP-Klub geriet unter Beschuss. Die Frauen der Parteien nahmen die Sache in die Hand und kamen zu einem Ergebnis. Die Bundeshymne soll geschlechtergerecht umgeschrieben werden. SPÖ, ÖVP und Grüne sind sich schon einig - das BZÖ soll mit an Bord sein und zustimmen, die FPÖ sicher nicht.
Lautete die vierte Zeile der Hymne bisher "Heimat bist du großer Söhne", soll die Textpassage um das Wort "Töchter" erweitert werden. Das erklärten die Frauensprecherinnen der drei Parteien, Gisela Wurm (SPÖ), Dorothea Schittenhelm (ÖVP) und Judith Schwentner (Grüne), bei einer Pressekonferenz am Mittwoch.
Wie genau sich der Text ändern wird, ist unsicher. So könnte die Zeile künftig "Heimat bist du großer Töchter, Söhne lauten", allerdings ergibt sich dadurch ein Taktproblem. Experten sollen nun in einem parlamentarischen Ausschuss die Politiker beraten, wie Text und Melodie übereinstimmend geändert werden können.
"Brüderchöre" bleiben
Ihr würden jedenfalls schon verschiedene Varianten auf die Mobilbox gesungen, sagte Schittenhelm. Auch in Internetforen wird die Änderung heftig diskutiert.
Ernst wird es im Herbst, da soll die Gesetzesänderung beschlossen werden, mit 1. Jänner 2012 könnte die neue Bundeshymne bereits gesungen werden. Der ÖVP-Klub scheint nach einer internen Aussprache und einem Machtwort von Parteichef Michael Spindelegger auf Linie. Bei der Wahl dürften die meisten für eine Änderung stimmen - die Frauensprecherinnen wünschen sich eine namentliche Abstimmung.
Leichter Widerstand kommt von ÖVP-Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle. Als Literaturwissenschafter sei er in dieser Frage befangen, erklärte er. Er habe Bedenken, Änderungen eines poetischen Textes einer Künstlerin zu befürworten.
Das geschlechtergerechte Umschreiben endet indes nach der ersten Strophe: Die "Brüderchöre" in der dritten Strophe sollen stehenbleiben. Eine komplette Neufassung der Hymne wurde von Gisela Wurm und Dorothea Schittenhelm abgelehnt.
"Es ist besser, eine kleine Änderung durchzubringen, als einen großen Wurf anzukündigen und damit zu scheitern", sagte Wurm. Da gebe es eher Handlungsbedarf bei den Landeshymnen, die müsste man sich genauer anschauen. Die Grünen würde eine Gesamtänderung nicht stören, sie seien aber froh, wenn zumindest die zentrale Strophe geändert werde, sagte Judith Schwentner. (Saskia Jungnikl, DER STANDARD, Printausgabe 14.7.2011)