Schimpfkultur

Schleich di, Apfelsafttrinker

19. Juli 2011, 18:25
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    foto: privat

    Die Germanistin Oksana Havryliv sammelt Beleidigungen.

Oksana Havryliv erforscht die sozialen Dimensionen des Wiener Schimpfwortschatzes und stieß auf geschlechtsspezifische Unterschiede

Ganze 17 Jahre schon dreht sich bei Oksana Havryliv alles ums Schimpfen, Fluchen und Beleidigen. Und sie kann nicht genug davon bekommen - jedenfalls in wissenschaftlicher Hinsicht. Als die 1971 in Lviv (Lemberg) geborene Germanistin im Zuge eines Stipendiums des Österreichischen Austauschdienstes (ÖAD) in den 1990er-Jahre zum ersten Mal in Wien war, fand sie nicht nur Gefallen am hiesigen Dialekt, sondern stieß auch auf ein bisher wenig erforschtes Thema: die Wiener Schimpfkultur.

Zurück in der Ukraine, durchforstete sie für ihre Promotion moderne Literatur etwa von H. C. Artmann, Werner Schwab und Elfriede Jelinek - und sammelte 2000 Belege einschlägigen Vokabulars. Nach Wien kehrte sie mithilfe eines Lise-Meitner-Stipendiums für ForscherInnen aus dem Ausland zurück. In ihrem Projekt am Institut für Germanistik der Universität Wien verlegte sie sich auf die direkte Befragung von Wienerinnen und Wienern aus unterschiedlichen sozialen Schichten, um mehr über aggressive Sprechakte herauszufinden - von der Beleidigung und Drohung über Verwünschungen und Flüche bis hin zu aggressiven Aufforderungen à la "Schleich di" und "Geh scheißen".

Das Thema kann sie nun weiter ausfeilen: Anfang Juli wurde sie vom Wissenschaftsfonds FWF mit einem Elise-Richter-Stipendium für Senior-Postdocs ausgezeichnet, das ihr ermöglicht, in den kommenden vier Jahren "Verbale Aggression und soziale Variablen" zu erforschen. Das Projekt soll letztlich in eine Habilitation münden.

"Es gibt keine sozialen Unterschiede, was den Wortschatz betrifft", sagt Havryliv über die Ergebnisse, "sehr wohl aber bei Formen und Funktionen." So verwendeten Befragte ohne Matura häufiger offene verbale Aggressionsformen, während ProbandInnen mit Matura und AkademikerInnen öfter auf verdeckte Aggression zurückgriffen, also eher hinterrücks ausfällig werden. Ihre Erkundungen des Schimpfwortschatzes will Havryliv nun auf weitere Aspekte ausdehnen: "Möglicherweise wirkt sich das Geschlecht oder das Alter stärker auf verbale Aggression aus als der soziale Status", sagt die Sprachwissenschafterin. Schon jetzt habe sich gezeigt, dass es besonders in den unteren sozialen Schichten geschlechtsspezifische Unterschiede gibt.

Das bestätigte auch eine Studie mit 200 Jugendlichen, die Havryliv kürzlich durchführte: "Mädchen nannten nur vier bis fünf verschiedene Nationalschelten, also rassistische Beschimpfungen wie 'Tschusch' und 'Kanak', während Burschen bis zu 30 Bezeichnungen angaben." Als neuesten Trend identifiziert Havryliv Schimpfwörter "nach dem Warmduscher-Prinzip": "Es gibt circa 50 Ausdrücke, die für Weichling stehen." Ein Beispiel: "Apfelsafttrinker".

Fest stehe, dass Schimpfwörter Schwachstellen und Tabus in einer Gesellschaft aufzeigen. Oksana Havryliv hat allein von Berufs wegen "keine Hemmungen" im Umgang mit unflätigen Ausdrucksweisen: "Wenn mein neunjähriger Sohn ein Schimpfwort aufschnappt, erkläre ich es ihm."

Samt Ehemann und den zwei Söhnen wird Havryliv nach einer Karenz in der Ukraine wieder nach Wien umziehen. Sie freut sich schon auf das sprachliche Umfeld: "Ich finde den Wiener Dialekt sehr schön und melodisch. Auch wenn ich ihn selbst nicht sprechen kann."(Karin Krichmayr/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.7.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 28
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Moist von Lipwig
00
22.7.2011, 14:19
Der Ausdruck, der mich bisher am meisten zum Lachen gebracht hat:

"Leichtes Mädchen" = Nudelfriedhof :)

Nik M
00
20.7.2011, 17:12
Die Postings vom Larifari in seiner besten Zeit

haett sie als Grundlage fuer ihre Arbeit heranziehen sollen. In seinen Fuenf-Wort-Saetzen waren mindestens sechs Schimpfwoerter - und das waren noch harmlosen die Postings, die die Zensur passiert haben ...

armin delmenhorst
 
82
20.7.2011, 17:09
Sieht so der ausl. akad. Nachwuchs aus

denn wir so dringend brauchen? Österreichische Akademiker landen beim AMS in Idiotenkursen, ausländischer Import erklärt dem Volk dann, was deutsch und national ist. Super, nur weiter so. Neben den Türken eine Bereicherung und eine SP-Stimme mehr.

Gönne natürlich der Dame ihren Spass - Diss. dürfte bei einem SP-Professor ohnehin kein Problem sein. Nur wäre es von ihren inländischen Freunden (meine nicht die Pass-Österreicher) fair, ihr behutsam zu erklären, dass diese "Entdeckung" zwar originell ist, mit der Realität aber nichts zu tun hat. Alles unter der Prämisse, dass die Journalisten den Sachverhalt richtig wiedergegeben haben.

Tipp-Assistent
11
20.7.2011, 19:08
Ihr AMS-Betreuer ist überraschend kompetent ;-)

armin delmenhorst
 
21
21.7.2011, 13:38
Ihre menschenverachtende Gesinnung

schimmert durch die aufgeragene Camouflage der Pseudoironie durch. Sorry, aber diese Art von Abgefeimtheit ist mir fremd.

Tipp-Assistent
13
21.7.2011, 14:48
Menschenverachtung

Sie haben mich richtig eingeschätzt. Ich verachte Menschen, die so etwas schreiben:

<zitat>
ausländischer Import erklärt dem Volk dann, was deutsch und national ist. Super, nur weiter so. Neben den Türken eine Bereicherung und eine SP-Stimme mehr.
</zitat>

Normalerweise diskutiere ich mit solchen Menschen nicht und bedenke ihre armseligen Äußerungen einfach mit einem roten Stricherl.

Bei Ihnen habe ich aber eine Ausnahme gemacht, weil Sie mit dem Satz von den Idiotenkursen die Antwort quasi "aufgelegt" haben.

okami
01
10.8.2011, 17:26
Andersrum:

<zitat>
ausländischer Import erklärt dem Volk dann, was deutsch und national ist. Super, nur weiter so. Neben den Türken eine Bereicherung und eine SP-Stimme mehr.
</zitat>

Nur so als Denkmodell: es macht wohl auch keinen 'schlanken Fuß', wenn ein österreichischer Japanologe vier Jahre die japanische Schimpfkultur analysiert und dann den Japanern erklärt.
Selbst wenn ich Japanologe wäre tät ich das nicht.

keywords
10
1.12.2011, 09:47

wieso nicht?

wer hat denn ihrer meinung nach das recht, österreichische sprachkultur zu erforschen?

Tipp-Assistent
11
10.8.2011, 18:40
???

Warum soll ein österreichischer Japanologe nicht über die japanische Schimpfwortkultur forschen und publizieren dürfen?

Der rassistische Ton von Delmenhorsts Posting fällt Ihnen gar nicht auf?

okami
11
10.8.2011, 19:42
Kein Problem, wenn der österreichische Japanologe forscht.

Die eine Frage ist, ob sich Japaner seine ERkenntnisse so gerne erklären lassen. siehe Apfelsafttrinker, das mir noch nicht untergekommen ist - und das ich auch nicht als wirklich wienerisch einschätzen würde.

Die andere Frage ist, wer finanziert diese Forschung. Und zwar zu Zeiten, wo hier im Standard der Herr Rauscher das Pensionssystem und die Krankenhäuser als quasi Mitverschulder der Börsenkrise darstellt (natürlich nur implizit)
http://derstandard.at/131180307... forumstart

Sicher fällt der rassistische Ton auf. Aber rechtfertigt der alleine einen persönlichen Angriff ohne weitere Argumente?

Tipp-Assistent
10
10.8.2011, 19:58
"Sicher fällt der rassistische Ton auf. Aber rechtfertigt der alleine einen persönlichen Angriff ohne weitere Argumente?"

Meiner Ansicht nach eindeutig ja. Rassismus ist eine Form des Hasses und daher verachtenswert.

Übrigens frage ich mich, warum Sie einen mehrere Wochen alten Thread aufwärmen.

okami
01
10.8.2011, 21:13
Aufwärmen?

Ist mir halt jetzt erst untergekommen.
Machen sie keinen Urlaub abseits vom Internet?

Meiner Meinung nach rechtfertigt Rassismus keine persönlichen Angriffe. Das ändert gar nichts und man stellt sich auf eine Stufe. Es ist mindestens so sinnfrei wie Autofahrer die sich gegenseitig lautstark beschimpfen.

Intoleranz ist nicht zu tolerieren, das ja, aber die Art und Weise sollte bissl anders aussehen.

keywords
10
1.12.2011, 09:48

wie denn?

armin delmenhorst
 
00
21.7.2011, 21:14
@tipp - da muss ich mich wohl geehrt fühlen

naja, was soll's. friede.

knuuuut
02
20.7.2011, 14:40

geh bitte, welcher wiener sagt denn "du apfelsafttrinker" - der würd sich ja lächerlich machen! da muß die dame schon noch a bissl forschen, wenn aus der diss was werden soll.

Pat Conley
00
20.7.2011, 16:39

"Geh bitte, du Obibrunzer" wäre wienerischer, exisitiert aber nicht.

knuuuut
00
20.7.2011, 22:39

wer sagt, dass es nicht existiert? sie können's ja verwenden, wird sicher bald die runde machen :-)

Jupidupidu
00
20.7.2011, 16:21

es gibt halt auch einen sprachwandel in der schimpfkultur. ich hätte zumindest noch keinen jugendlichen "ungustl", "aupumpara" oder "sumpa" sagen gehört. da wird's noch einige schimpfwörter geben, die sie noch nicht kennen.

knuuuut
00
20.7.2011, 22:41

dieser sprachwandel ist dann aber kein wienerisch mehr. das wienerische schimpfen ist aber geprägt davon, dass es blumenreich und lustig ist. wer lacht schon über "apfelsafttrinker"?

der schwitzbär der schwitzt sehr
01
20.7.2011, 15:12

weil wir mit deutschen Migranten überschwemmt werden - früher hieß das "G'spritzter"

inness robins
00
20.7.2011, 14:11
Kirschgarten

Wenn ich als Mitvierziger zu einem frechen Halbstarken "Kirschkern" sage, weise ich ihn in Schranken.
Funktioniert immer-aber warum?
Das ist doch keine Beschimpfung?

Thomas Höbelt
 
11
20.7.2011, 14:06
Ohne Randgebieten der Forschung

welche zweifelsohne Ihre Berechtigung haben, zu nahe treten zu wollen. Aber, daß Maturanten und Akademiker mit zunehmender Bildung der Fäkalsprache ein wenig entsagen, und Ihre Verbalinjurien etwas geschliffener formulieren, hätte man der Dame auch ohne jahrelange Forschung sagen können. Na wenigstens sind unsere Gymnasien und Universitäten zu etwas gut :-)

hexe caracas
91
20.7.2011, 12:46
schön, daß eine "Schlüsselkraft"

mit ihrer Familie nach Wien kommt...

Newton81
05
20.7.2011, 16:02

Irrtum, fällt nicht unter die Schlüsselkraftregelung. Ich find es ja bemerkenswert, dass Du es als Ausländer oder in dem Fall Ausländerin, ja nie recht machen kannst. Hast Du einen Job, dann hast Du ihn bestimmt wem weg genommen. Hast Du keinen, dann bist SozialschmarotzerIn. Nach dem Wiener Herz ist ausländisch sein letztendlich ein widerlicher Zustand, der durch nicht wieder gut gemacht werden kann (ausser durch Abschiebung).

Mann40
01
20.7.2011, 10:30

Apfelsafttrinker?

das Wiener Herz kennt da noch ganz andere Ausdrücke ;-)

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