dieStandard.at-Test

Gerecht schreiben leicht gemacht?

Bericht | 27. Juli 2011, 07:00
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    Im dezenten Grau markiert das Add-In falsche Formulierungen.

Ein Tool für MS Office soll beim geschlechtergerechten Schreiben helfen – dieStandard.at hat’s getestet und festgestellt: Den guten Willen ersetzt es nicht

Lästig, umständlich und viel zu zeitaufwändig. Wer sich bisher geschlechtergerechtes Formulieren mit dem Argument "Arbeit" vom Leib hielt, muss sich seit Mitte Juni auf ein neues Gegenargument gefasst machen: Installier doch das weltweit erste Office-Tool für geschlechtergerechte Sprache! Das Bundeskanzleramt und das Frauenministerium präsentierten das von Microsoft entwickelte Add-In im Juni und versprachen damit einen Schritt in Richtung "verändern durch gendern", so Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek. 

Aber kann so ein Tool einen bewussten Umgang mit Sprache erleichtern oder gar ersetzen? Können oder sollen sich Fragen wie "Wen will ich ansprechen und wie will ich das tun" durch Automatismen beantworten?

Das rund herum nicht vergessen

Für die Bereiche Verwaltung, für elektronische Serviceleistungen oder für Betriebe lässt sich letztere Frage sicher mit Ja beantworten. Ein Text kann mit dem Tool schnell gegengecheckt werden und durch Markierungen wird ein dort und da vergessenes Femininum sichtbar. Das Add-In, eine Funktion, die sich leider auf Microsoft beschränkt, fügt sich nach Installation in die Funktionsleiste im Word ein. Für die vorgeschlagenen Verbesserungen sind standardmäßig sowohl die Vollformen, also Studentin und Student, oder das Binnen-I festgelegt, wobei frau sich auch für eine der beiden Möglichkeiten entscheiden kann. Ein großer grüner Pfeil führt die UserInnen zur Textprüfung, in der sehr einfachen Anwendung kann somit praktisch nichts schiefgehen. Obacht ist aber geboten, nachdem das Tool die entsprechenden Stellen ausgewiesen hat und Änderungsvorschläge übernommen wurden. Denn selbst wenn aus "jeder Arbeiter", "ArbeiterIn" wurde, bleibt die Grammatik rund herum unmarkiert. So können die Vorschläge für eine präzisere Bezeichnung zwar rasch und einfach übernommen werden, dennoch muss der Satz als Ganzes nochmal genau gelesen werden. Hier ist wieder Hirnschmalz gefragt, denn keine Funktion erinnert an den noch bestehenden Handlungsbedarf.

Der Minister im Wort Ministerin

Bei einem Probelauf mit diversen Artikeln aus Online-Zeitschriften markiert das Tool mit einem dezenten Grau vor allem Wörter im Nominativ: Der Geschäftsführer, Wiener, Nachbar, Politiker, die Sozialdemokraten oder Bürger werden zum Beispiel zur Korrektur vorgeschlagen. Der bestehende Wörterkatalog, aus dem die Vorschläge geholt werden, kann von den UserInnen erweitert werden. Ein guter Überblick über die möglichen Baustellen im Text bezüglich geschlechtergerechte Sprache wird allerdings durch die Markierung von Abschnitten in einem Wort beschränkt. So wird zum Beispiel im Wort Frauenministerin der Abschnitt "minister" markiert, dadurch werden selbst in korrekten Texten ein Wulst an Markierungen ausgespuckt, die nochmal überfolgen werden müssen. 

Der Test mit den Texten zeigt also, dass es sich meist um sehr einfache Personenbezeichnungen handelt, die ganz rasch um die weibliche Form ergänzt werden könnten. Es wären keine schwierigen neuen Satzstellungen oder originelle Einfälle nötig, um einem "Deutsch als Männersprache", wie die bekannte feministische Sprachkritikerin Luise F. Pusch ihr Buch nannte, entgegenzuschreiben. Und es wäre schon erst recht nicht nötig, dass eine Zeitung wie "Die Zeit" die kürzlich von Helmut Schmidt verfassten Zeilen so veröffentlicht: "Ich teile die Menschheit deshalb [Anm.: Schmidt schrieb in dem Artikel vom 15. Juli über die unanständigen Gehälter der "Bänker"] in drei Kategorien ein. Die erste Kategorie, das sind die normalen Menschen. Wir alle haben sicher als Jungs mal Äpfel geklaut, aber dann sind wir doch anständige Kerle geworden...". 

Das möge man Helmut Schmidt verzeihen, der doch schon ein älterer Herr ist und der sich für aktuellere sprachkritische Erkenntnisse, nämlich dass Menschen oder "wir alle" nicht nur männlichen Geschlechts sind, nicht mehr weiter interessieren muss. Dass aber jene Zeitungen, die sich sonst so gern gerade durch Sprache den bildungsnahen Schichten als Zielgruppe versichern, dieses Wissen tunlichst ignorieren, erstaunt viele immer wieder. 

Beschränkte Zielgruppe

Das Add-In für geschlechtergerechte Sprache ist sicher praktisch für jene, die Texte verfassen müssen und dabei die Auflage haben, dies in einer gendersensiblen Art und Weise zu tun. Das Tool beschränkt sich allerdings auf UserInnen, die dieser Diskussion gelassen gegenüberstehen und bereit sind, dort und da nachzubessern, ohne eine Diskussion über Ästhetik in der Sprache vom Zaun zu brechen. Allen anderen wird es aber wenig nützen. Das sind einerseits jene, die sich bestens mit Binnen-I, dem Unterstrich oder sonstigen Möglichkeiten auskennen und ihre Texte auch sonst so gestalten, dass Diskriminierungen vermieden werden. Und auf der anderen Seite wird das Tool für die keine Rolle spielen, die für sich das Recht beanspruchen, anderen zu sagen, wann sie sich angesprochen fühlen dürfen: Lesben müssen sich so etwa zur "Schwulenparade" dazudenken oder Frauen müssen es da schon mal aushalten, nicht zu den Menschen gezählt zu werden. Dort wie da wird sich wohl das Gendering Add-In nicht hin verirren. (beaha, dieStandard.at, 27.7.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 225
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Felix Kuttinger
 
00
25.4.2012, 08:06

Und, ist das Tool schon auf allen Rechnern im Bundesdienst installiert? Meines Wissens weiß keine MenschIn, dass es das gibt.

Liberté toujours
00
19.8.2011, 18:25
bei dieser geballten Kompetenz

Frauenministerium + BKA + M$ da kann ja gar nichts mehr schief gehen. Innen&Aussen.

carpediem99
 
00

dank firefox belästigt dieser beitrag nur marginal...

Kleines Sumpfhuhn
01
30.7.2011, 17:38

Endlich, das lange Warten hat ein Ende.

Pantera
20
28.7.2011, 21:34

Am Deutschen lässt sich nicht mehr viel rütteln. Eine neue Sprache braucht das Land!

N. Dot. Irrung
11
28.7.2011, 23:02

Das wäre wohl das beste, denn es gibt auch Wörter die sich gar nicht ordentlich gendern lassen. Beispiel:
der Verständige. Wird das in der MZ zu "VerständigInnen" oder bleibt das e: "VerständigeInnen"?
Ausserdem ist mir die Bildung mit "In" suspekt. Wenn aus "Bäcker" dann die "Bäckerin" als weibl. Form oder "BäckerIn" als beide umfassende Form wird, so ist das "in/In" ja quasi nur ein Anhängsel der männl. Form "Bäcker". Das erinnert etwas ans Bibeldeutsch wo aus "Mann" die "Männin" wird.
Daher sollte man sich wirklich was ganz neues überlegen:
der Bäcker
die Bäckin
das Bäcka (als neutrum umfasst dann beide Varianten).

genmanipulated
00
12.8.2011, 08:40

Das Beispiel 'der Verständige' hinkt etwas...Gendergrechte Sprache bedeutet nicht, dass zwanghaft überall ein -In oder -Innen angehängt werden muss, sondern dass man darauf achtet, beide Geschlechter zu erwähnen. Da eine weibliche Verständige eben eine 'Verständige' ist (also das Nomen in beiden Fällen gleich ist), muss einfach 'der/die Verständige' geschrieben werden. Die grundlegende Grammatik wird durch gendergerechte Sprache ja nicht verändert.

N. Dot. Irrung
00
12.8.2011, 19:01

>Das Beispiel 'der Verständige' hinkt etwas.
Hmm..stimmt.
Ich weiß nimmer genau was ich mir bei diesem Beispiel eigentlich gedacht habe, womöglich war es genau das Problem, dass es (bisher) keine Mehrzahl für dieses Wort gibt, mit welchem sich ausdrücken läßt dass eine Gruppe von "Verständigen" nur aus Männern oder Frauen besteht. Dieser Mangel scheint nicht beheben zu lassen.

N. Dot. Irrung
12
28.7.2011, 23:08

Noch verzwickerter ist der Fall von zusammengesetzten Wörter (Kochlehrling) oder wo eine Flexion (Koch/Köchin) vorkommt:
K(o)(ö)chInnenLehrlingInnen??
hmmm.
Mit einer neuen sprache läßt sich das besser lösen:
der Koch
die Köch
das Kocha
somit:
KochaLehrlinga

Cpt. Willard
00
11.1.2012, 23:37
Phettberg

Hermes Phettberg hat vor vielen Jahren diese Variante vorgeschlagen: Der Leser, die Leserin --> das Lesy. Und aus der Anrede DUHSUB (Damen und Herren, Schwestern und Brüder) konstruierte er --> das Duhsuby.

Nennt mich Loretta
 
03
28.7.2011, 21:22
Ist das Innen-Minsterium eigentlich geschlechtsneutral?

Erich Stainfels von Grufensholm
00
29.7.2011, 10:29
brahahahaa....

der ist gut ! (sorry: die ist gut.)

Nennt mich Loretta
 
08
28.7.2011, 17:05
Wenn ich gleichzeitig Binnen-I be gone installiert habe, explodiert dann mein PC wegen des Geschlechterkampfs in seinen Schaltkreisen? ;-)

carpediem99
 
00

passt schon, gehört zu meiner grundausstattung...

El Bulli
04
28.7.2011, 13:43
da gibts ein viel besseres tool

binnen-i be gone installieren und der schwachsinn mit dem zicken-i hat ein ende und die intenet-texte werden wieder leserlich

Inglib summoned
04
28.7.2011, 15:56
Super

binnen-i be gone: habs gerade ausprobiert, jetzt muss ich endlich nicht mehr darüber nachdenken ob frauen oder männer gemeint sind.

M L3
12
28.7.2011, 14:50
Mist - du bist mir zuvorgekommen :-)

Du hast meinen Gedanken geklaut.

·Übermorgen·
04
28.7.2011, 14:09

Fragwürdig bleibt, ob solch blind-ideologischen Texte überhaupt unkritisch gelesen werden sollte. Das 24 Stunden Heftl der Wiener Stadtwerke wandert jedenfalls seitdem sie mit dem Gendergewäsch angefangen haben ungesehen in den Mistkübel.

knurrhoernchen
101
28.7.2011, 15:53
Altersfehlsichtig?

Wurdest du als Kind verspottet?
"Mit der Brille auf der Nas,
schaut er aus,
wie Osterhas"

Erich Stainfels von Grufensholm
02
28.7.2011, 13:12
Gutaussehender Gendering Add

sucht ebensolche Gendering AddIn zur gemeinsamen Sprachgestaltung. Raum Wien bevorzugt. Nur mit Bildzuschrift.

TRex30M
08
28.7.2011, 09:58

Wie gelangweilt bzw. wie minderwertig muss man sich fühlen, um so einen Schwachsinn wie Gendern zu erfinden?
Frauen sollen lieber an wichtigen Fronten kämpfen, um sich in der Gesellschaft durchzusetzen.
Nur durch andere Schreibweisen wird das Ziel nicht erreicht.

Clarice369
00
28.9.2011, 00:49
da bin ich aber froh,

Nevim
72
28.7.2011, 10:39

Angesichts der Tatsache, wie stark der Widerstand in dieser Sache ist, liegt die Vermutung nahe, dass diese "Front" so unbedeutend nicht ist.

Sprache bildet Realität nicht nur ab, sie erschafft auch Realität.

silverfinger
00

ja eine andere ... mehr nicht!

Cerulean Warbler
00

KonstruktivistIn?

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