Gewichtsdiskriminierung

Größe Doppel X und trotzdem fit

Birgit Tombor, 9. September 1999, 00:00
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    foto: reuters/rick wilking/files

    Schlank ist nicht gleich fit: Gesund kann Frau und Mann in jeder Kleidergröße sein, konstatieren Initiativen, die der Gewichtsdiskriminierung den Kampf angesagt haben.

Vereine gegen Dickenhatz: Nicht Übergewicht, sondern gesellschaftliche Diskriminierung macht dicke Menschen krank

Dicke Menschen haben's nicht leicht - ein Kalauer, in dem viel Wahrheit steckt. Denn Übergewicht gilt nicht mehr nur als ästhetisch nicht anstrebenswert, sondern hat mittlerweile den Status einer Volkskrankheit. Davon zeugt zuletzt der "Nationale Aktionsplan Ernährung", den Österreichs Gesundheitsminister Alois Stöger heuer veranlasst hat: Nun sollen auch die ÖsterreicherInnen, so wie die Deutschen schon seit 2007, "In Form" gebracht werden. Die Aussage hinter den Initiativen, hierzulande mit zehn Millionen Euro über drei Jahre finanziert: Hauptsache "dünn", denn "fett" belastet das Gesundheitssystem zu sehr.

Dick ist gleich krank

Politische Unterfangen wie diese legitimieren verbreitete Annahmen, dass Dicke weniger leistungsfähig sind, öfters krank werden, mehr kosten und trotzdem früher sterben. Die Gleichsetzung von dick mit krank sowie die Vervolkswirtschaftung dieser angenommenen kranken, weil dicken Körper wird selbst dann in Kauf genommen, wenn neuere Studien monokausale Zusammenhänge von Übergewicht mit koronaren Herzerkrankungen kritisch betrachten (Vgl. hier, da oder dort) oder zum Schluss kommen, dass Übergewicht bei bestehenden Herzerkrankungen vorm vorzeitigen Ableben schützt, wie die Studie von Heinz Buettner). Oder wiederum andere Untersuchungen schon längst gezeigt haben, dass Abnehmen nicht gleich eine Verbesserung der Gesundheit bedeutet, im Gegenteil: Diäten den Körper viel eher ruinieren.

Kampf gegen Vorverurteilung

Mit der Kampfansage gegen Übergewicht respektive Fett hat man sich einen schon darniederliegenden Gegner ausgesucht, dem gegenüber der "gesunden Menschenverstand" annähernde Nulltoleranz aufbringt. Und konsequenter Weise auch dem dicken Menschen gegenüber: Laut Studien werden die von ihren MitbürgerInnen häufiger für dumm und faul als schlanke gehalten. Übergewichtige bieten auch genügend Projektsionsfläche für andere leichtfertige Vorverurteilungen - undiszipliniert, willensschwach, asozial -, die sie als homogene Gruppe zusammenfassen aufgrund eines äußerlichen Merkmals, und diese gipfeln in einer Unterstellung: Die/der Dicke ist ausnahmslos selbst Schuld an ihrem/seinem Zustand.

Gegen diese Stigmatisierung kämpfen Vereine wie die österreichische fat-positive ARGE Dicke Weiber, die US-amerikanische "Association for Size Diversity and Health" (ASDAH) und die deutsche Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung. Letztere arbeiten beide nach dem Prinzip "Health at Every Size" (HAES, Gesundheit in allen Größen). Bewirken will man damit vor allem zweierlei: Dass Gesundheit nicht am Gewicht festgemacht werden kann. Und der Öffentlichkeit wie politisch Verantwortlichen klarzumachen, dass nicht Übergewicht, sondern die gesellschaftliche Diskriminierung dicke Menschen krank macht.

Diskriminiert und ausgegrenzt

Die zeigt sich auf unterschiedlichen Ebenen und hat Auswirkungen auf alle Lebensbereiche: Versicherungen verlangen von stark Übergewichtigen bei privaten Kranken- und Lebensversicherungen höhere Prämien, wenn sie den Abschluss nicht überhaupt verweigern. Bei einigen Airlines in den USA sowie der Air France ist es üblich, dicke PassagierInnen für zwei Sitzplätze zur Kasse zu bitten.

Existenziell bedrohlicher wird die Sache, wenn Übergewichtige Jobs nicht bekommen, für die sie mindestens gleich qualifiziert sind wie dünnere BewerberInnen - eine häufige Praxis im Dienstleistungssektor. Generell sinken die Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, wenn das Gewicht steigt, was zur Folge hat, dass die Einkommen Übergewichtiger unter denen schlanker Menschen liegen. In Deutschland werden Menschen mit einem Body Mass Index (BMI) über 30 - der die Grenze von Übergewicht zur Fettleibigkeit markiert - im Regelfall nicht verbeamtet.

Auch die medizinische Versorgung ist für sie nicht adäquat gewährleistet, kritisiert die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung: Ärztinnen und Ärzte würden "jedes gesundheitliche Problem auf das Übergewicht des Patienten reduzieren", und "dabei die eigentlichen Ursachen der Erkrankung übersehen". Und dann wäre da noch die soziale Ausgrenzung, unter der Übergewichtige zu leiden haben: Als Kinder finden sie schwerer FreundInnen, als Erwachsene seltener EhepartnerInnen.

"Fett" kann gleich "fit" sein

Diese Ausschlussmechanismen dürften nicht ausgespart werden, wenn über die Gesundheitsbelastung von Dicken diskutiert wird: Sie schränken die Betroffenen oft mehr als die Anzahl ihrer Kilos ein, psychisch wie physisch. Dabei ist Aktivität - und nicht Gewicht - in Form von Bewegung tatsächlich ein Faktor, der Gesundheit maßgeblich bestimmt. Im aktuellen Österreichischen Frauengesundheitsbericht wird deshalb auch festgehalten, dass "die Betrachtungsweise (von Übergewicht in Zusammenhang mit Erkrankungen, Anm.) von der Ernährung auf die Frage der ausreichenden Bewegung zu verschieben" sei.

Weil sich aber in den Köpfen hartnäckig festgebissen hat, dass "fett" und "fit" nicht zusammengehen, überlagert der Aspekt des Gewichts den der körperlichen Aktivität in den öffentlichen Debatten noch zu oft. Zwar hat Gesundheitsminister Stöger auch angekündigt, in einer weiteren Phase des Aktionsplans die Bewegung ins Spiel zu bringen - aber erst, wenn der Speck weg ist. (bto/dieStandard.at, 1.8.2011)

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Captain Smoker
00
Finde ich die Ironie nicht?

Zuerst beschwert man sich daraüber, dass Leute mit einem BMI über 30 in Deutschland nicht beamtet werden, Leute die zwei Sitzplätze brauchen auch für zwei bezahlen müssen, extrem Übergewichtige schwieriger eine Lebensversicherung bekommen, von privaten Krankenversicherungen abgelehnt werden, ... und dann schreibt man direkt darunter ""Fett" kann gleich "fit" sein"??? Jetzt zeigt mir bitte auch nur einen Person mit einem BMI über 30 die halbwegs fit ist. Sorry, aber wie soll man so was ernst nehmen können?

raffzahn
00
Und hat sich schon mal jemand gefragt,..

...was für einen BMI zb Sportler wie Arnie haben?

raffzahn
00
Hat sich hier schon mal einer gefragt,

warum Süßstoffe in der Schweinemast verwendet werden und nicht Zucker?

Hirmgespinst
01
Erschreckend

viele Gedankengänge hier. Verständnis und Hilfe Fehlanzeige. Übergewicht heißt Krankheit. Krankheit wird nicht mit Worten geheilt, schon gar nicht mit verletzenden, welche manche Krankheitssymptome noch verstärken. Bei Magersüchtigen, Alkoholikern, Drogenabhängigen etc. wird nach der Ursache des Suchtverhaltens gefragt. Bei Übergewichtigen wird meist gesagt, iss halt weniger und beweg dich mehr. Der Hintergrund ist uninteressant. Dabei ist hier auch häufig Essen ein Ersatz für etwas Fehlendes. Der Grund, der Mensch, und nicht statistische Zahlen sollten relevant sein. Ist der Grund gefunden, kann entgegengewirkt werden. Nicht jeder schafft es aus einer Sucht selbständig raus. Auch Sport kann zur Sucht und somit gesundheitsgefährdend werden.

MeiBierIstDeppat
00

Also erstens ich finde es auch nicht erstrebenswert dick zu sein. Aber es gibt sie, die dicken fitten Leute. Ich war jetzt schon zweimal als Zuseher bei einem Ironman dabei und jedesmal waren da auch ein paar eher dickere Menschen die den ganzen Ironman absolvierten. Ich konnte es eigentlich selber garnicht so recht fassen.

meinrad
00

die haben aber sicher auch wieder nicht 50 kg übergewicht gehabt, nehm ich mal an.

Rene Stangeler
03
Ja klar, die sportlichen (wie sonst wird man fit?)und fitenFetten

Komisch nur dass ich keine der Fettschwabbel z.b. im Prater laufen sehen,im Fitnessstudio am Laufband oder Ergometer sehe.

Diskriminierung wenn ich kein fettes Mädel anspreche?
Tut mit leid, ich mag es nicht wenn eine dicke Frau neben (oder unter oder auf mir) im Bett liegt. Zaundürr muss ja nicht sein,aber Dick, Danke nein!

Zum "angeblich faul" sein, also die Dickerln welche ich kenne sind alle sehr sehr gemütlich unterwegs, nur ja keinen Schritt, keinen Handgriff zu viel machen.

ps:es braucht keine Diäten zum Abnehmen, einfach weniger (die Hälfte) essen, keine Limonade literweise in sich hineinschütten, den Kühlschrank nicht um Mitternacht plündern und täglich mindestens eine Stunde Bewegung anstatt vorm TV mit Chips herumliegen

raffzahn
00
Die Hälfte essen...

...bedeutet auch die Hälfte der Vitamine, Mineralstoffe etc zu sich zunehmen...

meinrad
00

das reicht aber bei unseren futtermengen immer noch locker.

raffzahn
00
Genau solche Vorurteile...

...gehören ausgerottet: Fett sein ist nicht gleich fett essen...
Wieso sollten sich Übergewichtige die Gelenke ruinieren, indem sie im Prater ihre Runden laufen? Es gibt auch genug andere Möglichkeiten...

hinweis4
01
Laufen bei Übergewicht ist nicht so gut für die Gelenke, Schwimmen und Radfahren sind da besser - und tanzen!

pottery
01

Also, ich hatte mal eine Vorturnerin im Fitness-Studio, kugelrund war die und hat die schlanken Mädels an die Wand geturnt (und ich meine jetzt nicht uns Nachturner/innen, sondern ihre Trainer-Kolleginnen). Die war fit, nicht ohne.
Ich weiß ja nicht, was Sie genau unter "fett" verstehen, aber auf der Donauinsel (dort lauf ich) begegnen mir genügend Leute laufend, die sicher nicht unter BMI 26 (das gilt meines Wissens als die Grenze zum Übergewicht) haben.

manto bamminger
01
nicht kiffen macht paranoid

sondern die gesellschaft

hinweis4
13
Naja, eigentlich bestätigen viele von den Postings nur, was im Artikel stand...

... und Nein, liebe PosterInnen, ihr habt es nicht verstanden: Es geht nicht darum, dass Übergewicht nicht negative Folgen haben kann. Es geht darum, dass der Umgang der Gesellschaft mit Fettleibigen nachweislich mehr Schaden anrichtet als für Übergewicht selber nachgewiesen werden kann....

Fritz Meyer
12
Ich finde es wieder besonders interessant...

wieviele Forenteilnehmer hier sich mit einem einzigen Posting als dumme, geschmacklose und oberflächliche Chauvinisten outen. Der Dolm steht heuer gut im Fett scheint mir.

Probleme werdet's ihr vermutlich nur dann bekommen, wenn die Damen eurer Wahl evtl. auch einmal Ansprüche an den Charakter stellen.

Aber das merkt's ihr dann schon, wenn's soweit ist. Und wenn die Trauben zu hoch hängen, dann waren's eh zu sauer, gell?

Beth Ditto hat man in Grossbritannien übrigens vorgeworfen ein "schlechtes Vorbild" zu sein.

Seltsam, dass es mit den Magersüchtigen, Rauchern, Säufern und Drogenabhängigen in dieser Szene dieses Problem ansonsten nicht zu geben scheint.

Aber Dicke kann man wohl noch am leichtesten stigmatisieren.

Ein Mann
20

Sie haben das Ganze hier in genau den richtigen Kontext gesetzt: Dicksein ist eine Volkskrankheit, genau so wie Rauchen und Saufen.
Der Unterschied ist nur: wir haben den Marlboro-Mann aus dem Fernsehen verbannt. Stattdessen wollen uns nun diese Leute erzählen, wie toll und fit man doch als Übergewichtige/r sei? Bitte! Nein!

Fritz Meyer
01
Dummerweise ist es nicht so einfach.

Denn im Gegensatz zum Rauchen fügt das Dicksein der Umgebung keinen Schaden zu.

Die Ungesundheit wollen wir mal stehen lassen, auch wenn früher oder später die Frage gestellt werden MUSS, ab WANN jemand "zu dick" ist und eine "Belastung für die Allgemeinheit" darstellt und wie weit man ihn deshalb "zu seinem Besten" beschimpfen, abwerten und entmündigen darf.

Denn auf das läuft das Ganze im Endeffekt immer hinaus.

Entfesselter Prometheus
21
Steht eine etwas beleibte Frau vorm Spiegel und sagt:

"Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land???"

Darauf der Spiegel: "Geh mal zur Seite, ich seh ja nichts!"

Ein Mann
01
das ist doch alles gar nicht wahr!

natürlich ist nachgewiesen, dass übergewicht massiv ungesund ist und auch das sterberisiko ab leichtem übergewicht sprunghaft ansteigt. woher hat die autorin bitte schön diese zahlen und behauptungen!?

"Das erhöhte Sterberisiko bei Übergewicht, ja sogar Fettleibigkeit bis zu einem gewissen Grad (bei Frauen BMI 37), ist bislang nicht nachzuweisen"
BMI 37 ist schon lange kein Übergewicht mehr sondern ausgewachsene Adipositas! Zum besseren Verständnis: BMI 37 entspricht einer 165cm großen Frau mit 100kg!

raffzahn
00
Und wo....

...sind die empirischen Daten zu ihrer Behauptung?

Buzz Lightyear
00
Yeah, jetzt ist endlich auch dieser Trend über den großen Teich zu uns rübergeschwappt.

Roy Bär
31
Außerdem werden sie eh oft mit Respekt und Würde behandelt:

http://youtu.be/I43cfS3LOYc

Wer kann nach solch einem Kunstwerk noch behaupten, man würde durch die Gesellschaft krank werden?

the comedian
 
41
wer sich ständig vollfrisst

soll nachher nicht um nachsicht betteln...
fettleibigkeit kann fast immer vermieden werden.

raffzahn
01
Wer bettelt hier...

...um Nachsicht schon gar nicht, und dann womöglich auch noch von Typen wie Ihnen????

Dr. 2Much
42
Rettet die Wale?

Oder überlaßt sie besser sich selbst?
Also wenn ich wegen einer Hautfarbe diskriminiert werde, kann ich herzlich wenig an dieser Farbe ändern, aber ich bin der lebende Beweis: einst 120Kg, alles andere wichtiger als die eigene Gesundheit, dann das Krankenhaus, jetzt dutzendfacher Marathonfinisher und wirklich LEICHTathlet (nur zu groß - unveränderbar).
Weshalb ich mich keinesfalls zu Mitleid mit Dicken aufschwingen kann. Wer will, kann daran was ändern. Wer nicht will, sollte in Ruhe gelassen werden. Da bin ich Realist genug, um zu sagen: manche sind vif genug, rechtzeitig die Reißleine zu ziehen; einige sind trotz Masse erstaunlich fit; und wieder andere werden eben ein Opfer der Evolution. Fragt die Dinos, wenn Ihr es mir nicht glaubt.

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