Unabhängig und selbstbewusst: Bundesweite Studie zeigt Selbstkonzepte junger Österreicherinnen, die stark nach Bildung differieren
Selbstbestimmt sein und das Leben genießen sind Grundpfeiler der Lebensphilosophien junger Österreicherinnen in den 2010er Jahren, besagt eine Studie des Instituts für Jugendkulturforschung. Für diese erste bundesweite Repräsentativstudie hat das Institut 500 junge ÖsterreicherInnen zwischen 16 und 29 Jahren - 250 Frauen und 250 Männer - direkt gefragt, wie sie sich eine "moderne junge Frau" vorstellen und mit welchen Werten sie sich identifizieren.
Unabhängig, durchsetzungsfähig und genussbetont
So wird die "moderne junge Frau" von 43 Prozent der Befragten als handlungsfähige, öffentliche
Akteurin gesehen, die intellektuell unabhängig ist, sich
als eigenständig positioniert, selbstbestimmt agiert und teils auch
sehr durchsetzungsfähig auftritt. Bei politisch links orientierten jungen Frauen ist dieses
Bild der unabhängigen jungen Frau mit 53 Prozent Nennungen besonders stark
verankert.
91 Prozent der Befragten können sich gut mit Menschen identifizieren, die Entscheidungen nicht anderen überlassen, sondern selbst entscheiden, wo es in ihrem Leben lang geht. Immerhin 81 Prozent zählen sich zu jener Gruppe von Menschen, die sich nicht gerne etwas vorgeben lassen, sondern Aktivitäten selbst planen und auswählen. 86 Prozent stehen dazu, dass sie Spaß haben wollen. 91 Prozent sagen, sie seien jenen Leuten, denen es wichtig ist, das Leben zu genießen, selbst sehr ähnlich.
Alle Bereiche unter einen Hut kriegen
Lebensgenuss stehe nicht in Widerspruch zur Bereitschaft, Leistung zu erbringen, betont Studienleiterin Beate Großegger: "Junge Frauen klagen bunte Realitäten ein und haben den Anspruch, alles verbinden zu können." Die Politik sei gefordert, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Gezeigt habe sich auch, dass jene aus bildungsfernen Schichten ebenso wie jene aus bildungsnahen auf ein Schließen der Gehaltsschere drängen.
22 Prozent denken vorallem an Beruf
Knapp jede vierte junge Österreicherin
definiert die "moderne junge Frau" in aller erster Linie über
Erwerbsintegration: 22 Prozent denken an eine
junge Frau, die im Berufsleben steht und sich klar über ihre berufliche
Qualifikation definiert oder aber als junge Mutter Familie und Beruf
unter einen Hut zu bringen versucht (im bildungsnahen Segment der Befragten sind es
26,5 Prozent, im Segment "Ausbildung ohne Matura" 19,1 Prozent).
14 Prozent der jungen Österreicherinnen meinen darüber hinaus, eine "moderne
junge Frau" würde sich durch spezielle Werte und Eigenschaften wie
beispielsweise "sozial/engagiert", "spontan/flexibel", "tolerant/weltoffen", "zielorientiert/diszipliniert" oder hilfsbereit
und freundlich auszeichnen. Intellekt wie auch (gutes) Aussehen werden
nur von jeweils rund sechs Prozent als primäres
Charakteristikum genannt.
In Bezug auf Gesellschaftspolitik zeigt sich ein Widerspruch zwischen deklarierten Werten und alltäglichem Handeln: Während sich 62 Prozent sehr stark mit Menschen identifizieren, die meinen, dass die "Völker der Welt in Harmonie zusammenleben sollten", zählt sich nur ein Drittel der jungen Frauen zu jenen, die auch selbst aktiv etwas für Frieden und Harmonie zwischen allen Gruppen tun.
Selbstkonzepte differieren nach Bildung
In den gebildeten Mittelschichten zeigt sich, dass junge Frauen von der Bildungsexpansion der letzten Jahrzehnte profitiert haben. Sie wollen einen interessanten Job finden, der Entwicklungsmöglichkeiten bietet, und sie möchten für gute Arbeit auch entsprechend entlohnt werden.
Jenseits des bildungsnahen Milieus ist die Situation ein wenig anders: Bei Mädchen und jungen Frauen mit niedriger und mittlerer formaler Bildung herrscht ein hohes Maß an Verunsicherung bei gesellschaftlichen und politischen Fragen und Themen der Zeit. Kompensiert wird diese Verunsicherung häufig durch betont erlebnisorientierten Konsum, aber auch durch Rückzug in private Beziehungswelten.
Je bildungsferner, desto traditioneller
Vor allem mit formal niedrigen Bildungsabschlüssen und schlechtem ökonomischen Background haben junge Frauen heute kaum Chancen, die soziale Stufenleiter emporzusteigen und sich in der Gesellschaft Anerkennung zu holen. In bildungsfernen Milieus wird Anerkennung von jungen Frauen daher weniger in der Erwerbsarbeitswelt und im öffentlichen Leben, sondern in den privaten kleinen Welten gesucht. Die Sehnsucht nach einer fixen Beziehung, die über eine traditionelle Rollenverteilung klar geregelt ist, spielt hier ebenso mit hinein wie ein verklärter Blick auf die Sicherheit und Stabilität einer eigenen Kleinfamilie.
Bei jungen Frauen aus bildungsfernen Milieus ist heute ein lebensstilistisch zwar "modernisiertes", hinsichtlich rollenspezifischer Kernwerte aber alles in allem nach wie vor sehr traditionelles Rollenverständnis zu beobachten.
Im Hinblick auf Geschlechterarrangements bemerkt die Studie, dass vor allem abseits bildungsnaher Milieus die junge Männerwelt mit dem Frauen-Typus der unabhängigen, selbstbewussten Akteurin wenig anfangen kann: Während im bildungsnahen Segment zumindest rund jeder vierte junge Mann bei einer "modernen jungen Frau" zuallererst an eine unabhängige, selbstbestimmte Akteurin denkt, sind es in der Gruppe der jungen Männer in/mit Ausbildung ohne Matura lediglich neun Prozent. (red/APA)