Erziehung

Geschlecht unbekannt

Bericht | Sandra Ernst Kaiser, 3. August 2011, 07:00

Eine in Kanada lebende Familie verheimlicht das biologische Geschlecht ihres dritten Kindes

"Wir haben uns dafür entschieden, das Geschlecht von Storm nicht bekannt zu geben. Es ist ein Tribut an die Freiheit und an die Wahl", so der Inhalt der E-Mail von Kathy Witterick und David Stocker nach der Geburt ihres Kindes Storm an ihre FreundInnen und Angehörige. Der/die inzwischen siebenmonatige Storm, so die Idee der in Kanada lebenden Familie, soll sich das Geschlecht einmal selbst aussuchen. Über das biologische Geschlecht Storms wissen bisher nur die Eltern, die beiden Geschwister und jene Personen, die bei der Geburt dabei waren, Bescheid.

Als erstes, so erzählen es die Eltern gegenüber der Zeitung "Toronto Star", wurde diese E-Mail mit Schweigen quittiert. Schließlich jedoch prasselten die Reaktionen auf sie ein. Storms Großeltern etwa antworteten unterstützend, nahmen dem Paar jedoch übel, dass sie ihren FreundInnen und ArbeitskollegInnen erklären müssen, dass sie ein "geschlechtsloses" Enkelkind haben. FreundInnen der Familie hingegen warfen dem Paar vor, einem Baby deren Ideologie aufzuoktroyieren. Ebenso wurden sie mit der Frage konfrontiert, was denn sei, wenn Storm in die Schule oder in den Kindergarten kommt. "Kinder können doch so grausam sein" bekamen die unkonventionellen Eltern zu hören.

Ist es ein Bub oder ein Mädchen?

"Die erste Frage, wenn ein Kind geboren wird - selbst von Menschen die einem sehr nahe stehen - lautet stets: 'Ist es ein Mädchen oder ein Bub?'", ärgert sich Witterick. Und der Kindesvater fügt hinzu: "Wenn Sie jemanden kennenlernen, fragen Sie auch nicht, was er oder sie zwischen den Beinen hat". Witterick und Stocker gehen von der konstruktivistischen Annahme aus, dass das Benennen des Geschlechts den Rest des Lebens maßgeblich beeinflusst. Durch ihr Experiment dekonstruieren sie eines der zentralen Identitätsmerkmale: Sie wollen, dass Storm die Frage des Geschlechts selbst treffen kann und wird.

Jazz und Kio, die beiden älteren Kinder von Witterick und Stocker, wissen über ihr biologisches Geschlecht Bescheid, entscheiden aber selbst, wann und wie sie ihre Haare geschnitten haben wollen und ob sie lieber "Mädchen-" oder der "Buben-Kleider" tragen. Der fünfjährige Jazz etwa trägt gerne rosafarbige Kleidung und seine Haare lang - am liebsten geflochten -, weil es ihm gefällt. Kio (zweijährig) mag rot und trägt sein Haar ebenfalls lang.

Geleitet durch die Wissbegierde von Jazz

Jazz beschloss außerdem nicht in die Schule zu gehen, sondern zuhause zu bleiben und dort zu lernen. Kathy Witterick meint dazu, dass sie sich durch die Wissbegierde ihres Kindes, nicht aber von einer Liste an Unterrichtsmaterial und Tests leiten lässt. Die Eltern unterrichten die Kinder zuhause, zumal Storms Vater ausgebildeteter Lehrer ist.

Ob so eine "Geschlechtsverheimlichung" funktionieren kann, hängt offenbar sehr stark davon ab, in welchem Ausmaß die Kinder in Institutionen außerhalb der Familie untergebracht werden. Wenn Kinder in Österreich zum Kindergarten oder zur Krippe angemeldet werden ist es Pflicht, Name und Geschlecht des Kindes anzugeben. Welche Konsequenzen eine Geschlechtsverheimlichung vor den Behörden hätte, ist unklar, denn dieser Fall sei noch nie eingetreten ist, meint dazu die Sprecherin der zuständigen Magistratsabteilung, Sabine Cizek, gegenüber dieStandard.at.

Die an der Johannes-Kepler-Universität tätige Juristin Elisabeth Greif präzisiert, dass die Angabe des Geschlechts eines Neugeborenen in Österreich durch das Personenstandsgesetz geregelt ist und durch die Personenstandsverordnung ergänzt wird. Diese gesetzliche Regelung gibt vor, dass das Geschlecht des Kindes aufgrund der Anzeige der Krankenanstalt oder der Geburtsbestätigung einzutragen ist. Da in Österreich bei Kindergarten- bzw. Schulanmeldungen Dokumente, wie auch die Geburtsurkunde vorgelegt werden müssen, sei es demnach faktisch unmöglich das Geschlecht eines Kindes zu unterschlagen.

..."weil er ein Bub ist"

Die Familie Witterick ruft indes auch im kanadischen Alltag genügend Echo hervor. "Die meisten Menschen glauben, dass unsere Buben Mädchen sind. Eine Verkäuferin etwa weigerte sich, Jazz eine rosa Lederboa zu verkaufen, 'weil er ein Bub ist', so Witterick gegenüber dem "Toronto Star". Die Eltern erwidern solche Verhaltensweisen üblicherweise nicht und überlassen es den Kindern, etwaigen Reaktionen zu begegnen. Klarerweise, so Witterick, sprechen sie mit ihren Kindern über Geschlecht und Geschlechterrollen.

Grund der Verheimlichung

Aber was soll sie schon erklären? Sie sind Buben und mögen die Farben rosa und lange Haare. "Schließlich werden wir alle irgendwann über unsere Äußerlichkeiten beurteilt", resümiert die dreifache Mutter. Allerdings waren die Reaktionen auf ihren Erziehungsstil, der ganz und gar nicht den traditionellen Vorstellungen der Gesellschaft entspricht, ausschlaggebend dafür, das biologische Geschlecht von Storm nicht zu verraten.

Dieser Entschluss braucht mehr Energie als sich dem traditionellen Geschlechterkonstrukt anzupassen, erzählen sie. Der Plan des Paares ist, das Geschlecht von Storm so lange geheim zu halten, so lange sich Kio und Jazz dabei wohl fühlen. "Jede/r fragt uns, wann wir endlich damit aufhören", so Witterick. "Und wir weisen die Frage immer zurück: Ja, wann wird es aufhören, dass Menschen nicht selbst entscheiden können, wer sie sind?" (dieStandard.at, 3.8.2011)

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growing_troll
01
19.9.2011, 20:42
das biologische und das psychologische geschlecht sind nicht identisch.

in unserer gesellschaft wird dennoch "so getan" und so erzogen, als wären sie das. nennt sich heteronormativität. das verursacht bei einigen ziemlich viel leid.
http://de.wikipedia.org/wiki/Hete... vit%C3%A4t

diese kinder haben zumindest einen enormen rückhalt in der familie, so zu sein, wie sie sind. die eltern lieben sie und versuchen, ihrer erfahrung gemäß das beste zu machen. es gibt genug eltern, die ihre kinder schlagen und misshandeln - wenn das dieselbe empörung hervorrufen tät wie 2 freidenker, die ihr kind einfach anders erziehen, dann würden wir vielleicht in einer besseren welt leben.

nix do
11
31.8.2011, 14:34

Dümmer gehts anscheinend immer

Rosenholzer
03
18.8.2011, 15:13

Selbstverwirklichung der Eltern auf Kosten der Kinder

derjungeroemer
00
13.8.2011, 08:56
irgendwie witzig und eigentlich total harmlos

die eltern haben zwar einen ziemlichen poscher, aber schaden tut das dem kind in keinster weise;
die kinder - in liebe aufgezogen und das dürft eh der fall sein - gehen sowieso ihren eigenen weg

nix do
01
31.8.2011, 14:36
na wenn das Kind kan "Poscher" kriegt ^^

stellen Sie sich vor, das Kind erhält als Antwort, wenn es selber mal wissen will, was es ist: "das kannst du dir aussuchen"

däääääääääääääämlichst

Peter Griffin13
01

Der/Die Arme, es ist bestimmt nicht leicht als Mensch "ohne Geschlecht" aufzuwachsen, aber dann noch Heimunterricht auch noch. Die sozialen Probleme und Phobien kann er/sie dann mit einem Therapeuten lösen versuchen.

obibiber
00

"Die sozialen Probleme und Phobien kann er/sie dann mit einem Therapeuten lösen versuchen."

zum einen: soziale probleme und phobien sind nicht zwangsläufig folge dieser erziehung oder dieser nicht-erziehung zu geschlecht.
zum zweiten: die therapie brauchen sie in erster linie aufgrund einer gesellschaft, die nach geschlecht erziehen will und nicht umgekehrt, weil das kind den schaden hätte, der liegt nämlich woanders...

Kuehlschrank .
 
00

Drittens happert es mit seinem Text-Verständnis, denn das Kind das den Heimunterricht erhält ist nicht Storm sondern Jazz.

Der Kluge
14

Vielleicht geht ja das durch die Gender-Zensur:

http://de.wikipedia.org/wiki/David_Reimer

Der Eintrag ist noch sehr verharmlosend geschrieben.
Wer weiter googelt, erkennt die Tragweite dieses Verbrechens, dieser Demütigung, die einem jungen, freundlichen, männlichen Menschen angetan wurde.
Natürlich ist der Fall hier harmloser, da keine Geschlechtsorgane verstümmelt werden, die seelische Strapazen sind dennoch enorm. Mutwillige werden Identitätsstörungen verursacht. Wacht auf aus eurer Gender-propaganda!

Nevim
01
17.8.2011, 07:00

Man kann den Fall Reimer - der zweifellos ein tragisches Schicksal ist - unterschiedlich lesen. Für mich ist es ein Beispiel dafür, dass es Unsinn ist, ein Kind in eine (egal welche!) Geschlechterrolle zu zwingen und es nicht selber entscheiden (oder eben nicht entscheiden) zu lassen.

Der Kluge
00

"Bruce und Brian Reimer wurden als eineiige Zwillinge geboren. Im Alter von sechs Monaten stellte man bei beiden eine Vorhautverengung fest und knapp zwei Monate später, erfolgte eine Operation bei Bruce. Die Beschneidung missglückte jedoch und sein Penis wurde irreparabel beschädigt. Seine Eltern entschieden sich daher auf Rat des bekannten Sexualwissenschaftlers John Money, das Kind als Mädchen aufzuziehen. Im Alter von 22 Monaten wurden Bruce die noch vorhandenen Hoden entfernt (Kastration) und aus der Haut seines Hodensacks rudimentäre Schamlippen geformt. Bruce wurde ab diesem Zeitpunkt Brenda genannt. Darüber hinaus wurde das Kind etwa ab dem 12. Lebensjahr mit weiblichen Hormonen behandelt. [weil er sich wie ein Bursch benahm]

Elisa B
31
schrecklicher Menschenversuch

schrecklich, die glauben wohl sie sind Eigentümer ihres Kindes und können machen was sie wollen. Hoffentlich greift der Staat ein!

obibiber
12

beeindruckend

Schaloo
11
Was ich mich frage

Dieses "ach so lustige" Experiment auf Kosten der Kinder findet ja ohnehin ein abruptes Ende wenn der/die/das Kind draufkommt, dass man im Frühling komische Gefühle bekommt und auf einmal auf anderes Spielzeug steht.
Wird dann ein Partner/eine Partnerin gesucht? Oder ein anderes Neutrum?
Sorry, aber die Menschen sind wie sie sind. DAS hat nix mit Gleichheit oder Ähnlichem zu tun.

noirc80
42

falsch, du verstehst nicht, worum es in dem arikel geht: das kind wird sein biologisches geschlecht erfahren. es geht um das sozial konstrurierte geschlecht. musst du dich ein bisschen in die materie einlesen.

krank ist es, einem kind ein kleidungsstück oder ein spielzeug nicht verkaufen zu wollen, "weil das ist nichts für einen bub".

leonardo1452
15

Ich kann mein Geschlecht nicht selbst bestimmen, das legen in den meisten Fällen die Chromosomen fest, ich kann jedoch meine sexuelle Ausrichtung, Lebensart, etc. ab einem gewissen Alter selbst bestimmen. Das den so intelligenten freidenken wollenden Postern ins Stammbuch geschrieben, die meinen, alles müsse frei sein und kann selbst bestimmt werden. So was kann man wirklich nur im Standard finden.

noirc80
42
rosa mögen und lange haare haben wollen steht auf den chromosomen?

es geht um das sozial konstruierte geschlecht, nicht um das biologische!
allerdings, ja, so viel unwissenheit und unfähigkeit sich zu informieren findet man hier häufig.

Captain Smoker
00
10.8.2011, 18:18

Oh mann, wie kann jemand nur so arrogant und überheblich sein. Ich bereue jede Minute die ich investiert habe um Ihnen meinen Standpunkt zu erklären. Das war ja mehr als verlorene Zeit...

Citizen357
22

Ich hab mir jetzt die headliner von "diestandard" durchgelesen und ich glaub ich spinn. anders kann ich nicht sagen. wäh. weg. da kann ich gleich die fpö post lesen, die ist halt in andere richtungen voreingenommen. wäh. wähwähwäh. und nein, mir ist gleichbe*recht*igung SEHR wichtig. über pflichten wollen wir aber nicht reden, oder?

bla702
01

nehmen wir an das geschlecht ist wirklich nicht eindeutig - stichwort hermaphroditen - dann ist es doch ganz gut, dass das kind sich sein geschlecht selbst aussuchen kann und dem kind weder eine soziales geschlecht noch ein körperliches geschlecht verordnet / operiert wird. ich empfehle hierzu den dokumentarfilm "tintenfischalarm" ....

rundumeckig
01
dankeschön!

also, wenn diese meldung hier nicht stehen würde, hätte ich sie jetzt selbst gepostet. danke! und der film ist echt klasse!

zusätzlich entsteht beim durchlesen der bisherigen kommentare bei mir der eindruck, daß es nicht nur an wissen in diesem bereich mangelt, sondern extrem viele menschen einfach verunsichert oder orientierungslos sind, wenn ein mensch vor ihnen steht, der sein geschlecht nicht bekannt gibt oder eben tatsächlich auch körperlich nicht eindeutig zuordenbar ist. hat ja auch niemand von uns gelernt, damit umzugehen. ich glaube, daß weniger die betroffenen kinder damit das problem haben, sondern deren umfeld es zum problem macht. dadurch haben es dann eventuell auch die betroffenen kinder schwer.

Captain Smoker
24
"soll sich das Geschlecht einmal selbst aussuchen"

So ein Quatsch. Das geht doch nicht mal in der Theorie. Man ist doch schon mit der Geburt in 99,9% der Fälle ein Junge oder Mädchen. Eine freie Entscheidungsmöglichkeit ist nie möglich. Es gibt nur die extrem komplizierte, teure und sich über Jahre ziehende Möglichkeit sich umoperieren zu lassen.

noirc80
101
du hast nichts verstanden:)

googel "gender" oder "soziale konstruktion von geschlecht"

rasenmähermann
00

Als ob reine Ideologie ein haltbares Argument wäre...

noirc80
20

haltbar ist definitiv nicht, dass man einem kind sagt "das ist nichts für einen bub" das ist ein kleidungsstück oder ein spielzeug nur für mädchen, ja:)

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