Schwangerschaftsabbruch

Die Offenbarung des ewiggestrigen Österreich

Kommentar | Sandra Ernst Kaiser, 4. August 2011, 16:20
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    foto: christian fischer

    Aus dem Archiv: AbtreibungsgegnerInnen in den 1990er Jahren vor dem Ambulatorium am Fleischmarkt.

Argumente aus dem vorigen Jahrhundert - Heute wie damals: Reaktionäre Männer wollen über Frauen bestimmen

"Es wird ja eine ganze Personengruppe, nämlich die Frauen, nicht ernst genommen, wenn es in ganz Westösterreich kein Angebot [zum Schwangerschaftsabbruch; Anm.] gibt. Das geht nicht." Nein, das ist keine Aussage aus den 1970er Jahren, sondern wurde diese Woche von Gesundheitsminister Alois Stöger getätigt. Er fordert die Krankenhäuser im Westen Österreichs auf, endlich Schwangerschaftsabbrüche anzubieten und koppelt dies an die Finanzen im Zuge der Spitalsreform. Chapeau!

Was sich in den 1970er Jahren, als die Fristenlösung von Autonomen- und den SPÖ-Frauen errungen wurde, in den politischen Arenen und den Straßen Österreichs abspielte, findet erneut in den heimischen Amtsstuben, Sakristeien, aber auch im Forum von dieStandard.at statt. Es ist, um im Jargon der AbtreibungsgegnerInnen zu sprechen, keine Offenbarung, dass die Argumente heute wie damals die Gleichen sind.

Parallelen zum letzten Jahrhundert

Familienminister Reinhold Mitterlehner lässt wissen, dass der "Vorstoß" von Gesundheitsminister Stöger ein "falsches Signal" ist. Es gehe ihm vielmehr darum "Mut zum Kind" zu machen. Nachdem die Fristenlösung 1975 durchgesetzt wurde, bemühten sich Frauen darum, entsprechende Strukturen auch in den westlichen Bundesländern aufzubauen. Von einem "Vorstoß" zu sprechen ist nicht nur jenseitig, sondern lächerlich. Einen treuen Mitstreiter findet der Familienminister übrigens in Bischof Küng, der ebenso von "falschen Signalen" spricht. Und ÖVP-Klubobmann Karlheinz Kopf, selbst aus dem Westen Österreichs, fügt ganz unverfroren hinzu, dass "Abtreibung keine staatliche Aufgabe ist". Die Parallelen zum vergangenen Jahrhundert sind erstaunlich.

Ebenso wie in den 1970er Jahren sind Frauen im Zuge von Abbruchsdebatten auch heute Nebendarstellerinnen oder eben potentielle Mörderinnen. Begriffe wie Zygot und Fötus werden durch die Begriffe "Leben" und "Kinder" ersetzt. Ein Charakteristikum der AbtreibungsgegnerInnen ist zudem das Unsichtbarmachen der Frauen und das Bestimmen von Männern über Frauen. Der Kinderwunsch gilt dabei nach wie vor als "normaler" und "natürlicher Lebensinhalt" der Frauen.

...die seelischen Folgen

Im Forum von dieStandard.at wiederum äußern sich UserInnen über "die schlimmen seelischen Folgen" eines Schwangerschaftsabbruchs. Auch die Propaganda der 1980er Jahre stieß in dieses Horn. Nicht nur die ProtagonistInnen von "Aktion Leben" sondern auch MedizinerInnen, JuristInnen und PolitikerInnen schwadronierten, dass jede Frau nach einem Abbruch einen psychischen Schock erleiden würde, den sie nicht überwinden könne. Wissenschaftlich konnte diese Behauptung bis jetzt nicht bestätigt werden. Aber: Diese Propaganda setzt sich in den Köpfen der Frauen fest, sodass viele Frauen erwarten, dass es so sein wird.

AbtreibungsgegnerInnen griffen in Westösterreich in den 1980er Jahren zum Film "Der stumme Schrei". In allen Schulen wurde dieser Film, in dem propagiert wird, dass der Fötus während der Abtreibung schreit, gezeigt. Wenn es darum geht, ein selbstbestimmtes Leben von Frauen zu verhindern, spielt "Aktion Leben" seit jeher eine zentrale Rolle. In Tirol feierten sie ihren Auftakt mit der Ausstellung "Laß mich Leben" - diese nahm 1972 in Innsbruck ihren Ausgang und wurde schließlich in allen Tiroler Bezirken gezeigt. 1973 rief "Aktion Leben" zu einem Schweigemarsch auf, an dem sich 10.000 TirolerInnen beteiligten, darunter auch der damalige Landeshauptmann. Mit beinahe 900.000 Unterschriften waren sie per Volksbegehren gegen die Fristenlösung aktiv - 100.000 Unterschriften davon allein aus Tirol.

Reaktionäres Klima

Im Gegensatz zu Restösterreich herrscht im Westen ein besonders katholisch geprägtes Bewusstsein, das alle gesellschaftspolitischen Bereiche durchdringt. Die nach wie vor von konservativen Kräften geführte Ärztekammer etwa, nimmt dabei eine bedeutende Rolle ein. Denn exponiert sich eine Ärztin/ein Arzt als BefürworterIn, muss sie/er mit Karrierebrüchen oder anderen Schwierigkeiten rechnen. An der Medizinischen Fakultät der Universität Innsbruck wurde in den 1970er Jahren ein Beschluss gefasst, dass grundsätzlich keine Schwangerschaftsabbrüche im Sinne der Fristenlösung durchgeführt werden dürfen. Dieser Beschluss gilt bis heute.

Ewiggestrige in Rage

Dadurch wird ein Klima geschaffen, das die Kontrolle über weibliche Sexualität und Generativität verstärkt. Es geht ihnen dabei darum, Frauen zwingen zu können, Kinder zu bekommen, auch wenn sie selbst es nicht wollen. Denn haben Frauen das Selbstbestimmungsrecht, entscheiden Frauen selber und das bringt die Ewiggestrigen in Rage. Frauen keine öffentliche Einrichtung für Abtreibungen anzubieten und sie dadurch in andere Bundesländer oder ins Ausland zu verweisen ist reine Heuchelei.

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass bereits in den 1990er Jahren - freilich nur für Heterosexuelle - die In-vitro-Fertilisation auf Kosten der Krankenkassen eingeführt wurde. Diese kostet um ein Vielfaches mehr als eine Abtreibung. Hingegen bleibt Abtreibung bisher Privatsache - an eine Bezahlung durch die Krankenkassen ist in diesem reaktionären Klima gar nicht zu denken. (Sandra Ernst Kaiser, dieStandard.at, 4.8.2011)

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Posting 1 bis 25 von 998
Ndugu
00
8.12.2011, 09:57
Die Autorin hat recht:

Es hat sich nix geändert in den letzten 30, 40 Jahren; traurig, aber wahr.
Ich frage mich wirklich: Was wäre, wenn Männer die gebärfähigen Menschen wären?
Ob sie dann noch so vehement gegen Selbstbestimmung wären?

again and again
00
8.12.2011, 23:22
Dabei fragt sich aber genauso

was wäre wenn Frauen nur dann Kinder haben könnten, wenn sie auch den gebärenden Mann dazu nehmen müßten und die Kinder kaum bis gar nicht mehr sehen würden, sobald sich der selbstverwirklicht.
Oder sie nur eine, sehr unpraktische und unsichere Verhütungsmethode hätten. Dazu weder die Möglichkeit einer Abtreibung, noch Babyklappe oder Adoption.
Ob sie das dann Selbstbestimmung nennen würden?

tignosa
00
12.10.2011, 11:39
dass "Aktion LEben" mittlerweile einigermaßen vernünftig geworden ist und sich ehrlich bemüht, zu helfen, verschweigt der Artikel natürlich

den Platz haben inzwischen andere eingenommen, HLI, die"Lebensbewegung", pro life und wie sie alle heißen.

Dr Stänkerer
11
Ein Land das der katholische Kirche und ihren erzkonservativen Repräsentanten...

...unzählige gesetzliche und steuerliche Privilegien einräumt, darf sich nicht wundern, wenn die Wundergläubigen sich anmassen, Frauen noch immer das Gebärmaschinendasein vorschreiben zu müssen!
Schluss mit den ewiggestrigen Kirchenprivilegien!!!

Die Ente Lippens
12
31.8.2011, 23:09
Einseitiger Beitrag.

aqualung
14
31.8.2011, 21:39
ausgewogenheit - auch bei diesem thema!

mir kommt es vor, als wäre die diskussion zu diesem thema von extremen geprägt - auf beiden seiten.
schockierend, dass wie in-vitro-fetilisation von den kassen bezahlt wird, aber abtreibung noch immer nicht überall möglich ist!
persönlich könnte ich mir nicht vorstellen, eine schwangerschaft abzutreiben. ich bin aber sicher, dass viele frauen - wie schon seit generationen - in situationen kommen, wo das für die der einzige ausweg ist. sie sollten die möglichkeit haben, diesen ausweg unter medizinischer aufsicht und ohne gesundheitsrisiko zu gehen.
bei der diskussion fehlt aber ein anderer aspekt: verantwortungsvoller umgang mit sex. tragisch ist, wenn frauen einfach nicht verhüten, weil sie eh abtreiben können!

red15rose1096
00
25.9.2011, 18:11

Wahre Wörter.

noirc80
11
tragisch ist, wenn frauen einfach nicht verhüten, weil sie eh abtreiben können!

deppert ist es, anzunehmen, dass es das geben würde.

tignosa
00
12.10.2011, 11:42
dass auch Männer verhüten können, dürfte Ihnen entgangen sein

PS: nachdem eine Abtreibung nicht einfach so was ist wie Wimmerlausdrücken, wird kaum eine so deppert sein, sie als "Verhütungs"methode in Erwägung zu ziehen. In welcher Welt leben Sie?

Verdammt Coole Schreckschrauwe
00
was kostet denn ein Schwangerschaftsabbruch? Is a bissl teuer, oder

Mynnia
00
24.8.2011, 12:16
Es ist übrigens auch möglich...

...eine Diskussion über Abtreibung zu führen, die nicht in persönliche Beleidigung ausartet.

Wenn man vermeidet, irgendwelche Rückschlüsse von den Antworten auf die Personen hinterm Rechner zu ziehen, ist die Diskussion freier.
Wenn man aufhört, Fehler bei anderen zu suchen, bleibts sachlicher.
Wenn man bei Aussagen schlicht und ergreifend bei sich bleibt, fühlen sich andere nicht so leicht angegriffen. Nicht immer, aber häufiger. Wenn man einen gemeinsamen Nenner braucht oder sich nicht einig ist, was dies oder jenes Wort bedeutet, ist das doch völlig normal.

Halbgebildet sind wir alle, oder weiß hier wer alles und kann mir das beweisen? :D

Pino1952
 
52
18.8.2011, 10:57
Schwangerschaftsabbruch ist eine schwer wiegende Entscheidung

... die den Frauen in Österreich zu Recht ermöglicht wird. Für wesentlich weniger schwerwiegende Eingriffe (z.B. Zahnkorrektur, Kuraufenthalt) reisen Durchschnittsbürger bis nach Ungarn oder Indien.

Daher spinnt Stöger, wenn er verlangt, dass jedes Bundesland Abtreibungskliniken einrichten muss.

Besser: kostenlose Beratung und Reisekosten-Ersatz, aber nur zwei hochspezialisierte Spitäler in Österreich, in denen kompetente Ärztinnen und Ärzte das richtig angehen und wo die Frau vorher und nachher psychologisch optimal betreut wird.

keywords
00
29.8.2011, 10:48

was?

sie haben keinen zahnarzt in ihrer nähe? im ganzen bundesland nicht?

seien wir nicht kindisch. gezwungen dazu ist keiner ins ausland zu fahren, denn die leistungen, die krankenkassen übernehmen, kann man im inland auch sorgenfrei beziehen.

allerdings kann ich ihrem vorschlag für spezialisten etwas abgewinnen.

noirc80
44
18.8.2011, 20:04

klasse! dann klär das gleich mal mit den arbeitgebern, dass die bitte aber trotzdem weiterhin frauen einstellen sollen und diese nicht nur nicht wegen potentieller schwangerschaft nicht einstellen sollen, sondern auch sich davon, dass die frau hin und wieder eine woche zwecks abtreibung gratisurlaub nehmen wird, nicht abschrecken alssen sollen...

keywords
00
29.8.2011, 10:48

was denken sie denn, wie oft eine frau in ihrem leben abtreibt?

und für kur darf man schon eine woche nicht da sein?

noirc80
10
31.8.2011, 05:26

jaja, vor allem ist das ja so toll, mit der frist, hey arbeitgeber, ich bin dann mal morgen eine woche weg, länger kann ich nicht warten, sonst ist die frist verstrichen, übrigens, wie siehts mit fahrtkostenpauschale aus? so ein tripp weiter weg ist ja durchaus vor allem ohne frühbucherrabatt etwas teurer...

echt, wie deppert muss man sein.

verinus
52
19.8.2011, 13:02

sollte sowas öfters vorkommen, dann wär ich ohnehin dafür eine solche person nicht einzustellen- der würd ich nämlich das vermögen verantwortungsvoll zu handeln absprechen. dass mal was passiert kann immer vorkommen, aber öfters? sicher nicht.

Mynnia
15
24.8.2011, 12:19

Das finde ich schade, dass Sie einer mehrfach abtreibenden Frau ohne Ansicht der Gründe die Urteilsfähigkeit absprechen würden, aber das ist dann vermutlich eine willkommene Ausrede, die ist eh schon sehr oft gebraucht worden gegen Abtreibung.

Ich würde mir eher ihre Arbeitsleistung anschauen. Außerdem ginge es mich als Vorgesetzte ihre medizinische Historie nichts an.

verinus
13
26.8.2011, 21:08

wie schon geschrieben, glaub ich, dass es leicht mal vorkommen kann, dass was passiert und man aus welchen gründen auch immer gerade kein kind möchte.

aber mehrmalige abtreibung halte ich in der tat für über die maßen verantwortungslos.

Mynnia
11
27.8.2011, 12:37

Angenommen, jemand treibt ein Mal ab, weil Rhesusfaktorprobleme...wird ohne Schuld noch einmal schwanger (it happens! Trotz Kondom und Pille oder Spritze kanns passieren) und muss noch einmal abtreiben, ist diese Person dann a) für Sie verantwortungslos, weil sie Sex hat oder b) hat Ihnen das alles zu erklären, damit Sie das Urteil "verantwortungslos" nicht haben?

Ich persönlich spekuliere nicht, warte auf Erklärungen und überlege mir, wenn ich eine brauche, mehrere Varianten...macht mir das Leben leichter :D

Freigeistin1
10
31.8.2011, 15:13

Sterilisieren!

tignosa
00
12.10.2011, 11:50
sorgt für Eileiterschwangerschaften

Freigeistin1
00
12.10.2011, 12:36

Beim Mann?

nix do
01
31.8.2011, 13:40
Rhesusfaktorprobleme

sind aber absolut kein Grund, abzutreiben!!

tignosa
00
12.10.2011, 11:50
Krankheiten sind per se ein schlechter Grund

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