Verstümmelungen, Vergewaltigungen und Tod als Strafe für Frauen: Pakistans Stammesgerichte urteilen der "männliche Ehre" gerecht
Multan - Am 14. April betraten zwei Männer Asma Firdous' Haus, hackten ihr sechs Finger ab, zerschnitten ihre Arme und Lippen und schnitten ihr die Nase ab. Bevor sie gingen, sperrten sie ihr Opfer ein. Asma, die einem ärmlichen Dorf im Süden Pakistans lebt, wurde verstümmelt, weil ihr Ehemann sich mit seinen Verwandten zerstritten hatte, und die wollten Rache.
Ihr Schicksal teilt sie mit vielen anderen Frauen in den abgelegenen, von feudaler Landwirtschaft geprägten Gebieten des Landes. Frauen werden zum Kuhhandel bei Familienfehden benutzt, und die Gewalt gegen sie nimmt an Häufigkeit und Brutalität zu.
Im Spital in Multan, einer nahegelegenen Stadt, sitzen Asmas Eltern an ihrer Seite am Krankenbett. Geschockt versuchen sie, Reuters zu erklären, wie es um die Zukunft ihrer nun entstellten Tochter bestellt ist: "Ich weiß nicht, was mit ihr passieren wird, wenn sie das Krankenhaus verlässt", sagt Asmas Vater Ghulam Mustafa. Der Geruch von Desinfektionsmitteln und Blut hängt im Raum, den Asma mit anderen Frauen teilt, die von Verwandten oder DorfbewohnerInnen mit Säure oder Kerosin übergossen wurden, und ebenso einer unsicheren Zukunft entgegensehen. Auf die Frage, ob Asma wieder zu ihrem Ehemann zurückkehrt, schweigt ihr Vater nur.
Gefährliches Land für Frauen
Pakistan ist das für Frauen drittgefährlichste Land der Welt, nach Afghanistan und der Demokratischen Republik Kongo, besagt eine Studie der "Thomson Reuters Foundation".
Die Menschenrechtskommission Pakistans legte in ihrem letztjährigen Bericht dar, dass 2010 800 Frauen Opfer von "Ehrenmorden" wurden. 2.900 Vergewaltigungen wurden berichtet - fast acht pro Tag. Die Mehrheit, fast 2.600 davon, passierten allein in Punjab, der bevölkerungsreichsten Provinz des Landes.
Und die Zahlen steigen: Medienberichten zufolge ist die Verbrechenrate gegen Frauen im Vergleichszeitraum Mai 2010 bis Mai 2011 um 18 Prozent in die Höhe geschnellt und die Menschenrechtskommission geht davon aus, dass ihre eigenen Daten nur einen Teil der Gewaltdaten im Land widergeben.
Symptom der Selbstjustiz
Farzana Bari, Vorstand des Insituts für Geschlechterforschung an der Quaid-e-Azam Universität, bezeichnet die Diskriminierung von Frauen in Pakistans patriarchaler Gesellschaft als akzeptiert, vor allem in ärmeren und ungebildeteren Familien. Diese Einstellung beeinflusse auch Behörden und Justiz, die sich gegenüber "Ehrenmorden" und Vergewaltigungen als "Strafe" für Frauen blind stellen. "Ehrenmorde sind ein Symptom der Selbstjustiz", sagt sie, "und Selbstjustiz geschieht in einem Umfeld, in dem der Staat sich mit seinen Gesetzen nicht durchsetzen kann."
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