Flexibel arbeiten

Führungskraft in Teilzeit - ja, es geht

20. August 2011, 08:00

Flexible Arbeitszeitmodelle für Chefs, das hat Seltenheitswert - Führung in Teilzeit - davor haben Unternehmen noch immer Angst und sagen: "Geht nicht"

Die Errungenschaften flexibler Arbeitszeiten werden - wenn ausgeschöpft - meist nur für die Nichtführungsränge gepriesen. Das Bild, dass Chefs nur rund um die Uhr ihrer Führungsrolle gerecht werden können, sitzt fest. Und ist definitiv maskulin geprägt - und es braucht jemanden im Hintergrund, der die Familie "schupft", der seine Zeit so einteilt, dass der Vollzeitchef einer sein kann; das sind überwiegend Frauen.

Auch wenn nun schon alle über die Knappheit Qualifizierter auf dem Arbeitsmarkt reden, sich um die Demografie Sorgen machen und die Limitierung ihres Geschäftes durch mangelnde "Humanressourcen" beklagen - radikal haben erst ganz wenige Unternehmen umgedacht, um das Potenzial - etwa der Frauen - auszuschöpfen. Der Pharmariese Baxter hat es getan. Frauen zeigen dort vor, dass auch Führung in Teilzeit klappt, wenn das Unternehmen dies ermöglichen möchte: 38 Prozent Frauen in Führungsposition in Österreich (zwei Drittel mit technisch-naturwissenschaftlicher Ausbildung) - eine ganze Reihe davon nicht Vollzeit.

Ulrike Weiß, Direktorin Human Resources (HR), war selbst die erste Teilzeit-Direktorin im Unternehmen: "Als ich meinen Vorgesetzten von meiner zweiten Schwangerschaft informiert habe, hat er mir im Gespräch von meiner bevorstehenden Beförderung zum Director HR berichtet", erzählt Weiß. Schwangerschaft und anstehende Karenz waren kein "Karrierehindernis".

Man wolle "hervorragend ausgebildete" MitarbeiterInnen in der Führungsebene eben auch dann erhalten, wenn Lebensumstände Vollzeitarbeit erschweren. Keinesfalls sollen Frauen in die Situation gedrängt werden, sich zwischen Beruf und Mutterrolle entscheiden zu müssen.

Theoretisch könnten sich Männer also auch für "sowohl als auch" entscheiden - vielleicht braucht es noch ein wenig Zeit, bis da eine kritische Masse sichtbar wird. Die Infrastruktur würde es erlauben: Betriebskindergarten von 5.30 bis 18.00 Uhr geöffnet, auch während der Schulferien. Weiß: "Teilzeitmodelle stehen und fallen mit der vorgesetzten Person, die solche Konzepte prinzipiell fördert. Und mit einem Team, das akzeptiert, dass Vorgesetzte nicht immer anwesend sind." Eine Frage der Unternehmenskultur.

Für diese wurde Baxter schon 2004 mit dem Bundespreis für den familienfreundlichsten Betrieb ausgezeichnet.

Wenn beide Seiten wollen

Gabriele Gold, verantwortlich dafür, dass in der Wiener Betriebsstätte alle Prozesse, Anlagen und Räume den Vorschriften und Richtlinien entsprechen, führt ein 44-köpfiges Team, darunter ein Mann in Karenz und zwei teilzeitarbeitende Mütter. Sie selbst hat zwei Kinder und arbeitet Montag bis Donnerstag - oder die 41-jährige Absolventin der Universität für Bodenkultur tauscht bei Bedarf ihre 34 Stunden gegen andere Tage ab: "Die Voraussetzung ist ein gegenseitiges Commitment. Die Führungsebene hat dafür den Boden bereitet - das macht für mich einen sehr großen Teil meiner Loyalität zum Unternehmen aus, diese Möglichkeiten sind nicht selbstverständlich."

Jeder Tag müsse aufs Neue organisiert werden, beschönigt Anita Rehberger (39), ebenfalls Absolventin der Bodenkultur, ihren 30-Stunden-Führungsjob nicht. Die Alleinerzieherin ist Chefin des Qualitätsmanagements im Baxter-Werk Orth an der Donau: "Aber eine gläserne Decke war für mich nie wahrnehmbar, dazu trägt auch bei, dass ich an eine Vorgesetzte berichte, die Frauen schon immer stark ermutigt und gefördert hat." Wer sich für Kind plus Karriere entscheide, der bekomme Befriedigung von beiden Seiten, sagt Rehberger. Was zentral sei? "Es geht in erster Linie um Selbstvertrauen, man muss wissen, dass man nicht weniger wert ist als ein Vollzeitmanager. Meiner Erfahrung nach ist der Output auch gleich - wer diese Arbeit so ausübt, ist jemand, der weiß, wie man bestmöglich Effizienz erzielt." Und die Männer? Rehberger: "Ich sehe uns auch als Role-Model für Väter in unserem Unternehmen." (Karin Bauer, DER STANDARD Printausgabe 20./21.8.2011)

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21 Postings
molekühl
01
22.8.2011, 08:55

Wenn es sich organisieren lässt und in die Betriebsabläufe passt - warum nicht?
Andererseits: Gehälter in der Führungsebene werden ja gerne mit 70-Stunden-Wochen und rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit begründet. Wie verträgt sich das mit der geregelten 3/4- oder Halbbeschäftigung?
Und die Frage ist halt, ob die Toleranz gegenüber Karenz sich auch im Falle der kleinen Sekretärin findet - oder obs hier nur um ein zusätzliches Luxuspaket geht für die, die es "geschafft" haben.

The Chaos Path
00
22.8.2011, 10:13
Gehälter in der Führungsebene werden ja gerne mit 70-Stunden-Wochen und rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit begründet.

wer das tut, ist ein dummkopf. der grund für höheres gehalt sollte höhere verantwortung sein. ist es natürlich nicht immer - aber ich vermute mal, dass vor allem jene, die fürs anwesend sein (und nicht für verantwortung) ein hohes gehalt beziehen, eben dieses behaupten.

Hamstray
00
22.8.2011, 00:44

Führungsebene und Vollzeit, soll das ein Scherz sein?

klein adlerauge
 
01
21.8.2011, 14:54

das funktioniert genau dann wenn dich der arbeitgeber nicht ersetzen KANN... genau wie im beispiel. alles andere ist leider wunschdenken für 95% der firmen.

knurrhoernchen
00
22.8.2011, 09:13
Volle Zustimmung

aber es stellt sich auch die Frage "Sagt wer, dass die Arbeitgeberin eine Arbeitnehmerin nicht ersetzen kann?"
Vielleicht ist es auch ganz angenehm, wenn jemand nicht viel mitbekommt aber die volle Verantwortung trägt.
"...Pharmariese ... Frauen ... Führung in Teilzeit ... " lässt bei mir sofort sämtliche Alarmglocken läuten :)

1116er
02
21.8.2011, 14:51
@"dass Chefs nur rund um die Uhr ihrer Führungsrolle gerecht werden können,"

dazu fällt mir ein ausspruch eines ex-chefs ein:

"was ohne mich nicht geht, geht auch mit mir nicht!"

wie recht er doch hatte:
wenn er gelegentlich (absichtlich!) abteilungsmeetings 'schwänzte', war unsere anstrengung und der output meist größer als normal.
und wenn entscheidungen von uns mitarbeitern mal allein getroffen wurden, haben wir uns auch nicht öfters geirrt als der chef.

Pygar
 
12
20.8.2011, 20:19

Sicher geht das!

BTW ...

Ich kenne eine Weibliche Führungskraft, die sich zum Stillen das Baby von ihrem Mann zu Hause ins Büro fahren lässt. Und es geht auch umgekehrt, dass eine Weibliche Führungskraft ihre Assistentin vom Büro zum Home Office fahren lässt, wenn etwas zu unterschreiben ist beispielsweise.

Man muss es nur organisieren!

Julian Bashir
01
22.8.2011, 10:17
Hört sich nach einem tollen ökologischen Fingerabdruck an!

knurrhoernchen
20
22.8.2011, 09:18
Hahaha, vergiss es!

Ist die Vorgesetzte aus dem Haus, feiern die Mitarbeiterinnen Kirtag. Kommt die Vorgesetzte gegen Mittag, dann wird am Vortag bis in die Puppen gefeiert, weil der Rausch eh in der Firma auskuriert werden kann.
Geht die Vorgesetze früher, wird ebenfalls gefeiert.
Schon mal was vom Studentinnensyndrom gehört?

Pygar
 
10
22.8.2011, 14:27

Naja, das muss eben organisiert werden. Ich kann das schwer beurteilen, aber es kann schon Büros geben, wo es dann so ist, wenn die Mitarbeiterinnen niemand haben, an die sie sich wenden können.

Ich selbst muss meine Arbeit erledigen und brauche niemand, der mir sagt wann ich was machen muss.

knurrhoernchen
00
22.8.2011, 17:04
Einen habe ich noch und du kannst das sehr wohl beurteilen.

Stelle dir vor, du baust ein Haus und beauftragst eine Teilzeitführungskraft. Würde es dir gefallen immer mit unterschiedlichen Personen, die Koordination zu bequasseln? Meistens weiß dann die eine Hand nicht, was die andere gesagt/getan/versprochen hat.
Oder gefiele dir die Aussage "Die Teilzeitmitzi ist gerade daheim und kocht für ihren Alten!"?
Wir berücksichtigen schon, dass eine Teilzeitführungskraft, auch die Kundinnen zu Teilzeitkundinnen macht? Wenn mir eine Ansprechpartnerin nur Teilzeit zur Verfügung steht, dann suche ich mir, als Vollzeitler, aber ziemlich schnell eine Vollzeitlerin! Sollte ich wirklich meine Projekte für die Befindlichkeiten einer Teilzeitlerin gefährden?

knurrhoernchen
00
22.8.2011, 16:33
Gar nichts kannst du organisieren!

Keine Arbeitnehmerin wird 2 Herrinnen akzeptieren.
Ich wäre der Erste der zur Oberinstanz gehen würde und fragen würde, ob sie nun total deppert geworden sind?
Die Sache mit der Teilzeitführung funktioniert maximal in einem öffentlichen Betrieb, weil dort den Geprügelten einfach ein Maulkorb verpasst wird und sowieso niemand hackelt.
In der Privatwirtschaft, gäbe/gibt es damit enorme Probleme.
Da zeigen dir ganze Teams den Stinkefinger :)
Du brauchst dir nur vorzustellen, dass die Teilzeitkraft Lob für die Arbeit bekommt, die in Wahrheit Vollzeitlerinnen geleistet haben! Nie im Leben würde ich eine Teilzeitlerin als Führungskraft akzeptieren! Neinneinnein!

Pygar
 
00
22.8.2011, 17:50

Das kommt immer auf die Umstände, die Branche und vieles mehr an. So generell kann man das glaube ich nicht sagen.

Aber wieso sollte eine Arbeitnehmerin nicht 2 Herrinnen akzeptieren? Ich habe damit auch kein Problem. Es sei denn man ist ein Team und dann ist immer jemand anderes dabei. Das funktioniert dann wahrscheinlich nicht.

knurrhoernchen
00
22.8.2011, 18:56
Glaube es mir, dass das nicht funktioniert

Das ist wie bei der gemeinsamen Obsorge!
Deutschland = gemeinsame Obsorge
Österreich = alleinige Obsorge
Wo sind die Jugendlichen daheim, denen es den Vogel raus haut?

The Chaos Path
01
22.8.2011, 10:18

wenn man in einem kindergarten arbeitet, mag das sein. ich habe bisher in keiner firma erlebt, dass nichts mehr gearbeitet wird, sobald der chef weg ist. abgesehen davon: wenn der chef teilzeit macht, kann er die ergebnisse/den output immer noch kontrollieren. nichts spricht deutlichere worte, als ein ergebnis (oder ein nicht vorhandenes ergebnis) ;)

knurrhoernchen
00
22.8.2011, 10:37
Naja, ich habe da halt so meine Erfahrungen

Bin ja selbst Arbeitnehmer :)
So ein Unglückspech aber auch, wenn ich für mein Weiterarbeiten eine wichtige Info von der Teilzeitchefin brauche.
Es gibt dann 2 Möglichkeiten:
Entweder ist die Teilzeitchefin ständig erreichbar oder meine Mühle steht, für die Vollzeit-Teilzeit Differenz! (Kein Problem, ich kann ja einstweilen posten :))
So und jetzt soll mir jemand erklären, dass eine Teilzeitchefin, die in ständiger Bereitschaft sein muss, "Teilzeit" arbeitet.
Der Schwachsinn "Führungskraft in Teilzeit - ja, es geht" kann wirklich nur Frauen ohne Selbstbewusstsein eingeredet werden :)

Die rote Laterne
00
24.8.2011, 10:29

Offenbar Arbeitnehmer in einem Kindergarten, da muss ich Chaos Path recht geben. In meinem Betrieb hängt die Produktivität auch nicht mit der Anwesenheit des Chefs zusammen, Gott sei Dank bringe ich auch ohne das Gefühl der Kontrolle im Nacken meine Leistung :-)

Was die Verfügbarkeit des Chefs betrifft: Was tun Sie eigentlich, wenn der Chef mal in einem längeren Meeting ist? Oder krank? Oder Gott bewahre 3 Wochen auf Urlaub? Steht dann der Betrieb still, weil Ihre Fragen nicht beantwortet werden können? Uh, mein Fehler, in diesem Fall wird ja Party gemacht... Mir wär ein Teilzeitchef/eine Teilzeitchefin tausendmal lieber als Kollegen mit dieser Einstellung ;-)

knurrhoernchen
00
25.8.2011, 10:15
Yepp! Ist der Chef mal in einem längeren Meeting, krank oder auf Urlaub,

dann ist Party-Time!
Im Prinzip lügst du dir und deinem Betrieb in die Tasche. Die Chefitätinnen der KMU wissen es eh, dass wir feiern, sobald sie ihren Hintern aus der Tür bewegen.
Wieso kommst du eigentlich auf "Gefühl der Kontrolle im Nacken" und "meine Leistung"? Ich bringe genauso meine Leistung.
Du kennst es, wenn Arbeitsanweisungen unklar formuliert werden? Dann sitzt du plötzlich vor 2 Möglichkeiten. Um die richtige Entscheidung zu treffen, wird die Meinung der Chefin benötigt. Ist sie nicht verfügbar, dann ist Party-Time besser, als an einer falschen Entscheidung zu arbeiten!
Der Hammer ist ja Teilzeitchefin und Gleitzeit. Mit ein bisserl Talent, kann der Kontakt zwischen Chefin und Mitarbeiterin vermieden werden... Fulltime-Party

Bitte bewerten Sie mit "rot"
00
20.8.2011, 22:22
Vielen Firmen fehlt einfach der Mut

So mancher Mann würde gerne Teilzeit arbeiten und die Karriereplanung der Frau überlassen, wenn es ginge.

knurrhoernchen
00
22.8.2011, 10:40
Yepp, z. B. Männer die gemobbt werden,

die mit ihrer Arbeit überfordert sind, die blöde Vorgesetzte haben ... also generell Männer denen ihre Arbeit nicht taugt!

Bitte bewerten Sie mit "rot"
01
20.8.2011, 16:03
Hoffentlich macht das Beispiel Schule!

Teilzeit sollte beiden Geschlechtern auch in der Führungsetage offen stehen. Leider wird Flexibilität meist nur vom Arbeitnehmer erwartet, die Firmen selbst sind oft sehr unflexibel wenn es in die umgekehrte Richtung gewünscht wird. Generell ist Arbeit sehr ungleich verteilt - die einen arbeiten sich mit pauschalierten All-in Verträgen zu Tode (oder zumindest zum Burn-out und Magengeschwürd) und die anderen stecken zum Teil unfreiwillig in der Teilzeitfalle...

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