"Angst vor Armut wird in Form von Körperfett bekämpft"

Interview | Birgit Tombor
4. September 2011, 18:00
  • Stephanie von Liebenstein ist Wissenschaftslektorin für Geisteswissenschaften und lebt in Berlin. Neben ihrem Engagement in der GgG arbeitet sie an ihrem Doktorat über den dicken Körper in der englischen Literatur der frühen Neuzeit.
    foto: von liebenstein/privat

    Stephanie von Liebenstein ist Wissenschaftslektorin für Geisteswissenschaften und lebt in Berlin. Neben ihrem Engagement in der GgG arbeitet sie an ihrem Doktorat über den dicken Körper in der englischen Literatur der frühen Neuzeit.

Stephanie von Liebenstein von der "Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung" über die alltägliche Ausgrenzung von Dicken, Abgrenzungsmechanismen der Mittelschicht und "Quotendicke"

Dicke Menschen müssen Tag für Tag mit Vorurteilen leben: Irgendwie, so die allgemeine Zuschreibung, stimmt mit ihnen etwas nicht. Die müssen ein Problem haben, und mehr noch: Sie sind selber eines und selbst schuld daran. Stephanie von Liebenstein ist selber dick und lässt die negativen Gedankenketten, die sich um dicke Körper wickeln, nicht gelten. In ihrem Verein "Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung" (GgG) geht sie gemeinsam mit vielen anderen deutschen DickenaktivistInnen das Thema von wissenschaftlicher und gesellschaftspolitischer Seite an und versucht über Pressearbeit, Einmischung in aktuelle Diskurse und Vernetzung mit anderen dickenfreundlichen Organisationen den Blick auf Dicke zu verändern. Birgit Tombor sprach mit ihr über die Problematik des Dicken-Bashings, Formen der Diskriminierung und warum es "Quotendicke" braucht.

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dieStandard.at: Warum haben Sie eine "Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung" gegründet?

Stephanie von Liebenstein: Im Gründungsjahr 2005 gab es in Deutschland wenig dickenfreundliche Berichterstattung und praktisch noch keine deutschsprachigen Informationen über Gewichtsdiskriminierung im Internet, was mich dazu veranlasst hat, ein paar Leute zusammenzutrommeln, um gemeinsam die US-amerikanische Webseite des "Council on Size and Weight Discrimination" (CSWD) zu übersetzen. Damals hatte ich gerade einige Monate in New York gearbeitet und die "Fat-Acceptance"-Bewegung und damit auch Menschen wie Miriam Berg vom CSWD direkt kennengelernt. Diese hat mir erlaubt, die Inhalte der CSWD-Webseite auf Deutsch zu publizieren. Die Übersetzung der bestimmt hundert Dokumente war die erste Amtshandlung der GgG.

Wichtig war für uns zunächst, auf die Diskriminierung dicker Menschen aufmerksam zu machen, den Ernst der Problematik zu verdeutlichen und ein deutsches Wort dafür zu finden: Gewichtsdiskriminierung. Ich finde es gut, dass dieses Wort, das durch uns in die Diskussion eingebracht wurde, inzwischen ein üblicher Begriff zu sein scheint.

dieStandard.at: Mit welchen Formen der Diskriminierung sehen sich Dicke konfrontiert? 

Von Liebenstein: Gewichtsdiskriminierung gibt es in vielerlei Form, sei es in Gestalt der pauschalen Standpauke, der dicke Menschen beim Arztbesuch regelmäßig ausgesetzt sind, sei es in Form der sogenannten Downward Mobility im Arbeitsmarkt, der Dicke in vielen Fällen unterliegen: Dicke Menschen sind eher arm, eher arbeitslos, stecken eher in schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen.

Gewichtsdiskriminierung kommt aber auch in vielen Alltagsdingen zum Ausdruck, z.B. zu kleinen U-Bahn- und Flugzeugsitzen, Anfeindungen auf der Straße und im Schwimmbad, in nicht benutzbaren Fitnessgeräten für Menschen ab einem bestimmten Gewicht und vielem anderen. Vieles davon, u.a. medizinische Diskriminierung, erleben unsere Mitglieder regelmäßig. Einige Fluglinien verlangen inzwischen die Buchung eines zweiten Sitzes von Menschen, die wegen ihres Gewichts ihren Sicherheitsgurt nicht schließen können. Schwangere und Behinderte zahlen weiterhin nur einfach.

In Deutschland gab und gibt es zudem Probleme bei der Verbeamtung, wenn man einen BMI von über 30 hat. In viele dieser Dinge, speziell das Verbeamtungsproblem, kommt zurzeit glücklicherweise Bewegung, z.B. durch die jüngsten Urteile beispielsweise des OVG Nordrhein-Westfalen oder des VGH Baden-Württemberg, die für dicke VerbeamtungsanwärterInnen positiv ausfielen.

Nicht so leicht zu ändern sind die ganz alltägliche, auch unterschwellige Diskriminierung durch KollegInnen, ChefInnen, die Schule, ÄrztInnen, ErzieherInnen, zum Teil sogar die eigenen Eltern, aber auch die permanente Medienhetze und politische Maßnahmen wie z.B. den Nationalen Aktionsplan "In Form" für gesunde Ernährung und mehr Bewegung in Deutschland. In diesem werden Dicke schon rhetorisch massiv abgewertet, indem sie mit "unsportlich", "faul", "verfressen" und "unterschichtig" in Verbindung gebracht und damit ohne jede wissenschaftliche Grundlage in eine moralisch minderwertige Ecke gestellt werden.

Das Problem ist, dass die meisten Menschen glauben, sofort zu wissen, was mit einem dicken Menschen los ist, wenn sie ihn sehen: Sie/er ist disziplinlos, faul, krank, hat emotionale Probleme, ist unterschichtig, uninformiert, unbeliebt, unsportlich, schlampig, dreckig, hat ihr/sein Leben nicht im Griff usw. Das sind Zuschreibungen, die vor allem eins zeigen sollen: Ihr seid anders, ihr seid nicht wie wir. Das ist das Grundproblem, wogegen es zu kämpfen gilt.

dieStandard.at: Was - denken Sie - steckt hinter diesen Vorurteilen?

Von Liebenstein: Dicke Menschen so zu sehen hat eine sehr lange Tradition. Schon in der frühen Neuzeit hat man bestimmte Stereotypen mit dicken Menschen verbunden, z.B. Triebhaftigkeit, Faulheit und Verweichlichung. Schon Heinrich VIII. wurde als "fettes Schwein" bezeichnet, auch Händel und der englische Dichter Ben Jonson: Der Topos ist also nichts Neues. Auch die Rhetorik vom "Terror von innen" kennen wir schon von Thomas Morus. Was allerdings zunächst nicht mit Dicken verbunden wurde, ist ein vorrangig medizinischer Diskurs. Diese Entwicklung begann erst im 19. Jahrhundert. Aus dieser Ära haben wir ganz viel, was wir heute über dicke Menschen glauben. Und manche Dinge haben sich verschärft in den letzten zehn, fünfzehn Jahren.

dieStandard.at: Welche Verschärfungen denn?

Von Liebenstein: Die Probleme des Gesundheitssystems zum Beispiel, für die irgendwer verantwortlich gemacht werden muss. Am besten ist es, diejenigen zur Kasse zu bitten, die vermeintlich selbst schuld sind an ihrem Gesundheitsrisiko. Dass Dicke zumindest weitestgehend "selbst schuld" sind, wird erst einmal als selbstverständlich angenommen, denn man müsste ja einfach nur weniger essen und sich mehr bewegen, so das allgemeine Credo. Auch Hobbyfußballer sind zwar verantwortlich für ihr Gesundheitsrisiko: Der größte medizinische Kostenfaktor bei Männern unter 40 sind Sportverletzungen. Das jedoch ist vollkommen unproblematisch, denn im Bewusstsein der Öffentlichkeit gilt: Sport ist gut, Übergewicht ist schlecht.

Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass wir immer älter und gesünder werden. Von irgendetwas müssen aber ÄrztInnen, die Pharmaindustrie und die Fitness- und Diätindustrie auch noch leben. So wurde der riesige Markt der Präventivmedizin entdeckt, neue Risikogruppen werden erfunden. Dass die Mehrzahl der Menschen angeblich zu dick ist, einen vermeintlich zu hohen Blutdruck, Cholesterin- und Blutzuckerspiegel hat und diversen anderen "Risikogruppen" angehört, hat hauptsächlich etwas damit zu tun, dass es ein immenses wirtschaftliches Interesse daran gibt, Vorsorgeuntersuchungen, Blutdruckmedikamente, cholesterinsenkende Margarine, Diätjoghurt und Sportstudiomitgliedschaften zu verkaufen. Wenn die Mehrzahl der Menschen mit ihrem Körper zufrieden wäre, würden ganze Branchen zusammenbrechen.

dieStandard.at: In den Medien hört und liest man von der Fett-"Epidemie", das Bild einer mehrheitlich zu dicken Gesellschaft wird gezeichnet und problematisiert. Diskriminieren/problematisieren wir uns also selbst?

Von Liebenstein: Meiner Meinung nach gibt es einen Zusammenhang zwischen der Diskriminierung von Dicken und der Diskriminierung von Menschen aus der sogenannten "Unterschicht". Durch immer mehr prekäre Lebensverhältnisse, die inzwischen auch die Mittelschicht betreffen, gibt es ein erhöhtes Bedürfnis der mittleren Einkommensschichten nach einer Abgrenzung von der "Unterschicht". Symptomatisch dafür ist zum Beispiel das Einkaufen in Bioläden, der Kult um gesundes Essen und das selber Kochen, das ja angeblich so gut für den Körper ist. Solche Dinge werden einfach nur zelebriert, um zu zeigen: Wir sind anders als die "Unterschicht". Und die ist natürlich dick, hängt den ganzen Tag vorm Fernseher rum und stopft sich mit Chips voll. Die eigene Angst vor Armut wird also in Form von Körperfett bekämpft.

Natürlich geht es bei der Diskriminierung von dicken Menschen nicht nur gegen die "Unterschicht", sondern auch gegen andere Gruppen, die im Durchschnitt dicker sind als die klassische Mittelschicht: Menschen mit Migrationshintergrund und ältere Menschen. Im Kampf um immer knapper werdende Arbeitsplätze gibt es ein Interesse daran, diese Gruppen mit Adjektiven in Verbindung zu bringen, die sie für die Arbeitswelt eher disqualifizieren: nicht so leistungsfähig, ständig krank, unbeweglich und unflexibel und wegen ihres unerwünschten Äußeren nicht in der Lage, ein Unternehmen nach außen zu repräsentieren. Die Diskriminierung von Dicken kann so auch die Gestalt einer mittelbaren Diskriminierung von älteren Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund annehmen, da diese durchschnittlich dicker sind.

dieStandard.at: Gibt es auch Schnittpunkte von Frauen- und Dickendiskriminierung?

Von Liebenstein: Selbstverständlich: Schon Susie Orbach schrieb "Fat is a Feminist Issue". Frauen leiden in ungleich höherem Maße als Männer unter dem Druck, dünn sein zu müssen. Der Irrglaube, Frauen seien von Natur aus leichter als Männer, ist ja nicht aus den Köpfen zu bekommen. Tatsache ist: Frauen vertragen selbst erhebliches Übergewicht wesentlich besser als Männer und müssen schon 180 kg wiegen, um annähernd dasselbe Erkrankungs- und Sterberisiko zu haben wie ein normalgewichtiger Mann. Es verwundert daher nicht, dass es auch wesentlich mehr adipöse Frauen gibt als adipöse Männer.

Doch nicht nur dicke, sondern gerade auch dünne Frauen sind permanent mit ihrem Körper beschäftigt und haben das Gefühl, noch nicht dünn, fit und schön genug zu sein. Wie gut für die männlichen Kollegen, wenn die 42-jährige promovierte Juristin, die ihnen ihr Projekt zu klauen droht, sich plötzlich lieber den ganzen Tag mit Gesundheit, Fitness und Schlankheit auseinandersetzen möchte und eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin macht. Gewichtsdiskriminierung ist eben nicht nur ein Problem von Dicken, sondern mindestens in gleichem Maße von Dünnen. Gleichzeitig werden Frauen eben auch im Beruf immer noch viel zu sehr über ihren Körper bewertet. Sich dann zurückzuziehen und zu sagen: Die gesunde Ernährung meiner Familie ist mir wichtiger als mein Beruf - damit machen sich Frauen selber so viel kaputt.

dieStandard.at: Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach die Medien dabei, dass das "Fett = schlecht und ungesund-Paradigma" unwidersprochen Eingang in unsere Köpfe gefunden hat?

Von Liebenstein: Eine Studie von Anja Hilbert, Winfried Rief und Elmar Braehler von der Universität Marburg zeigt, dass 75 Prozent der Deutschen stigmatisierende und 25 Prozent stark stigmatisierende Vorurteile gegen Dicke haben. Die Rolle der Medien ist in diesem Zusammenhang natürlich sehr wichtig, weil Informationen über sie stark gefiltert werden bis hin zur massiven Verzerrung von beispielsweise Studienergebnissen. Fakt ist, dass die meisten Medien fast nur negative Berichterstattung über Dicke bringen und dass Dicke fast ausschließlich im medizinischen oder politischen Themenumfeld auftauchen: als medizinisches oder volkswirtschaftliches Problem. Besonders bezeichnend sind die dazugehörigen Abbildungen: der klassische "headless fattie", also dicke Körper ohne Kopf, Fokus auf Fettröllchen oder einen bildfüllenden Hintern. Auch beliebt: Ein dickes Kind, das sich einen Burger in den Mund schiebt.

Was ich besonders fatal finde, ist, dass Zahlen und Studienergebnisse, die Dicksein betreffen, von den Medien auf unseriöseste Weise effekthascherisch aufgebläht werden. Als die Nationale Verzehrsstudie II zum Beispiel Thema war, titelte die Stuttgarter Zeitung "Dicke unterschätzen die Gefahren des Übergewichts". Die Studie selbst untersuchte diesen Zusammenhang jedoch noch nicht einmal. Wir haben aus diesem Grund einen Flyer für die Presse herausgebracht, der Hinweise gibt, wie man Katastrophenrhetorik, stigmatisierendes Bildmaterial und diskriminierende Zuschreibungen vermeiden kann. Der Flyer hilft auch dabei, Statements von ÄrztInnen und der Wissenschaft richtig einzuordnen: Was ist der Unterschied zwischen Korrelation und Verursachung, was ist eine relative Wahrscheinlichkeit, warum sollte lieber mit absoluten Zahlen gearbeitet werden - da braucht es Aufklärungsarbeit nicht nur für JournalistInnen.

dieStandard.at: Stört Sie eigentlich der Begriff "Dick/e"?

Von Liebenstein: Im Gegenteil, "dick" ist für uns ein wertneutraler Begriff, im Gegensatz zu anderen wie "übergewichtig" oder "adipös": Der Erstere behauptet, dass es ein "abnormales Gewicht" gäbe, der zweite ruft einen medikalisierten Diskurs auf, der schon viel zu oft verwendet wurde, um uns klein zu halten. Das Wort "fett" wiederum ist im Deutschen negativ besetzt, "fat" im Englischen nicht eindeutig, es bedeutet "fett" und "dick". Wirklich schade, dass es ein Wort wie "fat" im Deutschen nicht gibt, denn es ist einerseits ganz neutral, andererseits hat es ein wunderbar subversives Potenzial. Zwar könnten wir uns auch "fett" nennen (das Wort "schwul" war ja auch einmal ein Schimpfwort, das sich eine Subkultur angeeignet hat, gerade weil es ein Schimpfwort war).

Ich fände den Gedanken ganz reizvoll, befürchte aber, dass die deutschsprachige Dickenbewegung noch zu sehr in den Kinderschuhen steckt, um derart subversiv zu sein. Subversiver Humor wird hier noch nicht genug verstanden: genau das zu tun, was das Vorurteil von einer/m erwartet, nur noch etwas extremer; also öffentlich Essen in sich hineinzustopfen, überquellende Fettrollen in engen Höschen zu präsentieren und dergleichen. Die Comedienne Cindy aus Marzahn geht ja ein wenig in diese Richtung. Ich persönlich fände ein Sahnetorten-Eat-In eine schöne Idee oder grellpinke T-Shirts mit der Aufschrift "FETTE SAU".

dieStandard.at: Was sagen Sie denen, die meinen, alle wollen eigentlich schlank sein und Dicke belügen sich selbst?

Von Liebenstein: Die "Wohlfühlfigur" ist ja eine Illusion. Mich hat keiner gefragt, ob ich so sein will, wie ich bin. Ich finde es nicht toll, dick zu sein, ich bin einfach so; andere haben vielleicht eine große Nase oder sind nur 1,40 m groß. Wahrscheinlich wäre mein Leben einfacher, wenn ich "schnipp" machen könnte und dünn wäre. So einfach ist das aber nicht. Dünn zu sein ist für Menschen wie mich mit einem Einsatz verbunden, der sich für die allermeisten kaum lohnen dürfte: ein Leben lang ununterbrochen zu hungern wie ein/e Magersüchtige/r. Dazu habe ich aber keine Lust, der Preis ist mir zu hoch. Warum sollte ich mir künstlich eine psychische Erkrankung antrainieren, Energie verschwenden auf etwas, das mir Lebensfreude und Leistungsfähigkeit raubt, nur weil irgendwer mich lieber dünn sähe? Lieber lebe ich mit meiner Figur und achte nur ein wenig darauf, gesund zu essen, mich zu bewegen und Spaß am Leben zu haben.

dieStandard.at: Gibt es für Sie eine Gewichtsgrenze, ab der Sie sagen würden: Es muss was passieren.

Von Liebenstein: Eine generelle Gewichtsgrenze, die für alle - oder auch nur für mich selber - gilt, gibt es für mich nicht. Ab wann das Gewicht für den einzelnen Menschen ungesund oder auch nur unangenehm wird, ist wohl eine höchst individuelle Angelegenheit. In unserem Verein gibt es Leute mit 160 kg, die fit sind wie ein Turnschuh und sich wohlfühlen. Andere brechen schon mit 90 kg unter ihrem Gewicht fast zusammen und kommen keine Treppe mehr hoch. Für mich ist alles eine Frage von Alternativen: Leide ich mehr, wenn ich so bleibe, wie ich bin, oder leide ich mehr, wenn ich - auf welche Weise auch immer, denn eine funktionierende Therapie gibt es bisher nicht - mein Gewicht reduziere.

Menschen, die sich mit ihrem Gewicht schlecht fühlen, rate ich zuerst einmal zu ein wenig Sport, denn aus eigener Erfahrung weiß ich: ob man die 762 Stufen des Stuttgarter Fernsehturms hinaufkommt, hat weniger mit dem Gewicht zu tun als mit Training. Wichtig ist natürlich auch die Frage: Bin ich wirklich "zu schwer" oder sind es irgendwelche anderen, die mir das Leben schwer machen? In den allermeisten Fällen ist die Umwelt das gewichtigere Problem.

dieStandard.at: Diät ist keine Option?

Von Liebenstein: Natürlich nicht. Wenn Diäten und Ernährungsumstellungen funktionieren würden, gäbe es nicht so viele davon. Sogar das Kompetenznetz Adipositas, das von der Bundesregierung finanziert wird, zeigt mit der Forschung von Prof.in Martina de Zwaan: Abnehmen ist - langfristig gesehen - ein Ding der Unmöglichkeit. Der Prozentsatz an Diät haltenden, die ihr Gewicht um mehr als fünf Prozent reduzieren und die Abnahme über mehr als ein Jahr halten, ist verschwindend gering. De Zwaan spricht schon vom sogenannten "false hope syndrome" der Dicken, d.h. dem pathologischen Glauben daran, dass die Gewichtsabnahme diesmal endlich gelingen wird. Fazit: Diät ist eine nicht funktionierende Therapie für eine nicht existente Krankheit. Der fast zwangsläufig einsetzende Jojo-Effekt ist gesundheitlich wesentlich schlimmer als das Dicksein selbst.

dieStandard.at: Was braucht es für die Dicken stattdessen?

Von Liebenstein: Wichtig wäre ein gesellschaftliches Klima, das Dicke nicht zu VersagerInnen stempelt, sondern einsieht, dass es von der Natur vorgesehen ist, dass es Menschen ganz unterschiedlicher Kleidergrößen gibt. Dick zu sein ist kein Problem, Dicke haben kein charakterliches oder gesundheitliches Manko - jedenfalls nicht mehr als die meisten Dünnen. Dicke sollten in den Medien, in der Politik, Wirtschaft und im Schwimmbad öfter vertreten sein. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass es dicke Menschen gibt und dass diese genau dasselbe tun wie dünne: Unternehmen repräsentieren, Reden halten, mit FreundInnen ausgehen, mit ihren Kindern toben, flirten, sich schick anziehen.

Die Modeindustrie könnte eine ganze Menge beitragen, aber nicht einmal die Hersteller für Übergrößen setzen wirklich dicke Models ein: Wenn ein Model Größe 42 hat, gilt es schon als "Plus-size". Es braucht attraktive dicke Identifikationsfiguren, kompetente Dicke in gesellschaftlichen Schlüsselpositionen, dicke ForscherInnen! Forschung von Dünnen über Dicke, das hat etwas von Kolonialisierung. "Nichts über uns ohne uns" ist nicht umsonst ein GgG-Motto. Ein paar "Quotendicke" in den Medien und der Öffentlichkeit können überhaupt nicht schaden. (bto/dieStandard.at, 5.9.2011)


WISSEN: Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung

Die Schwerpunkte der Vereinsarbeit liegen im Bereich Recht, Kinder, Kultur und Medizin. Neben einer professionellen, anonymen und kostenlosen Rechtsberatung setzt sich die GgG u.a. im Bereich Verbeamtung für ein Umdenken in den Gerichten ein, veröffentlicht Informationen für Kinder und ErzieherInnen, u.a. eine Kinderwebseite (www.dickduenn.de) und ein Kinderbuch, das in den nächsten Monaten erscheinen soll, stellt eine regelmäßige aktualisierte Presseschau zum Thema "Gewicht" zur Verfügung und unterstützt dickenfreundliche Projekte im Bereich Kultur und Forschung. Die AG Medizin der GgG bietet Informationen und Aufklärung für medizinisches Personal, insbesondere in den Bereichen Pflege und Umgang mit dicken PatientInnen, und betreibt ein noch laufendes Projekt zur Recherche dickenfreundlicher Krankenhäuser in Deutschland.

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Einige Fluglinien verlangen inzwischen die Buchung eines zweiten Sitzes von Menschen, die wegen ihres Gewichts ihren Sicherheitsgurt nicht schließen können

Na und? Ich muss beim Gepäck draufzahlen weil ich immer einkaufe wie ein Verrückter auf ausgedehnten Reisen & Dicke müssen aber nichts aufzahlen, obwohl sie genau die selbe Menge oder sogar noch mehr an Übergepäck auf den Rippen tragen - ernsthaft, ich fühle mich da sowas von diskriminiert & finanziell benachteiligt

schon ein bisschen übers ziel hinausgeschossen...

dass diäten nie funktionieren und gewichtsreduktionen nicht möglich sind stimmt einfach nicht. hatte selber mal fast 90 kg und seit mittlerweile 10, 15 jahren beständig um die 60... die sich ohne selbstkasteiung und hungern halten lassen. den höchststand hatte ich übrigens, als ich in den usa gelebt hab, und mit den mengen an jederzeit verfübarem junkfood nicht zurecht gekommen bin. und nein - wohlgefühlt hab ich mich damals überhaupt nicht.

das für mich augenscheinlichste und logischte argument dafür

daß hauptsächlich das zuviele essen für die steigerung des prozentenuellen anteiles dicker menschen ist, ist das, daß je besser und höher der lebensstandard ist, desto höher ist der.

das ist in allen ländern zu beobachten - 2.welt-länder,die gerade auf der schwelle zur industrialisierung stehen, haben den größten zuwachs.

einfach weils überall was zu futtern gibt an allen ecken und das nutzen die menschen.

auch bei uns gabs 1950 wenige fette menschen-einfach weil der großteil der menschen nicht genug möglichkeiten zur futteraufnahme hatte.

die dicken waren jahrehunderlang in den adelsgeschlechtern vorherrschend-eben weil die dauernd essen konnten.
also hört auf das auf irgendwelchen blödsinn zu schieben.....die 2% sind vernachlässigbar

und trotzdem sind fette menschen nur eine kleine untergruppe der hässlichen menschen

auch dünne menschen können mordshässlich sein und werden an noch viel mehr orten diskriminiert.

auch ist hässlichkeit zu diskriminieren auch bei vielen bevölkerungsschichten en vogue die zb. empört reagieren würden, würde man irgendetwas gegen fette, oder noch schlimmer homosexuelle, sagen.

hässliche menschen sind die waren diskriminierten....sowohl im persönlichen bereich(partnersuche) als auch am arbeitsmarkt.

hässliche fratze und das bewerbungsschreiben ist im papierkorb.
hässliche fratze und du bekommst ein "hau ab" oder "zieh leine" entgegengeschleudert wennst ein mädl ansprichst in der bar.

damit haben fette menschen viel seltener zu rechnen.

ausreden??

es ist fakt, dass ein zu hoher oder zu niedriger BMI nicht GESUND ist. da braucht man nicht lange darueber diskutieren.
weiters werden ALLE menschen, die ungepflegt erscheinen, "diskriminiert". es ist egal, ob man dick oder duenn ist, man kann ungesund, schlampig, ungepflegt,... aussehen und das ist nicht zurueckzufuehren auf das koerpergewicht.
vielleicht ist eine gewichtsbeschraenkung bei fitnessgeraeten sinnvoll, weil es sonst eine zu grosse verletztungsgefahr darstellt?!?
ich finde es toll, dass es initiativen gibt, die der breiten bevoelkerung lernen, was gesunde ernaehrung ist, wie gut sport fuer den koerper ist und bewusstsein dafuer schaffen! das sollte nicht kritisiert werden!

Es ist Fakt,

dass es nicht gesund ist eine Frau zu sein und Denise zu heißen! SCNR

What the fakt?

Troll - definitiv. Fakt.

quotendicke??? aaaaargghhhh!

schlechte idee.
quoten sind immer die einzementierung jeglicher diskriminierung. wer in einer quotengruppe ist, ist nie per se gut genug, zumindest steht er immer im verdacht, es nicht zu sein. quoten-xxx sind nie gut.
bewußtseinsbildung und toleranz sind besser.

nebenbei erwähnt:

interessant finde ich auch, wie sich die Kleidungsindrustrie bezüglich der Größen entwickelt hat; ich hab mal ein paar Sachen von früher hervorgekramt, da hatte ich eine Größe 36 Bluse - die mir heute auch noch genau passen würde. Aber: diese Bluse wird heute in der Variante Größe 38 verkauft. Die heute von mir getragenen Größe 38-Sachen sind genau gleich groß wie die Größe 36 von damals!
(muss jetzt nicht auf alle Kleidungsstücke zutreffen, aber hier fiel es mir besonders auf)

Seit ein paar Jahren gibt es ja auch die Größe 34 im Handel, die es früher nicht gab.
Ich habe die gleiche Erfahrung mit "Teenie-Läden" wie Pimkie, New Yorker o.ä gemacht, wo ich als junge Erwachsene mit Luxushintern, breiten Schultern und C-Körbchenbusen grade noch in Größe 42 passte, während ich anderswo mit 38 das Auslangen fand.

wohl eher im gegenteil

gerade modeketten wie h&m verkaufen größe 40 als 38, mindestens. wohl damit sich die leute besser fühlen beim shoppen...

Midlife Crises?

Hat sich dein Alter ein junges Pupperl geangelt, weil du dich nun in dein Erstkommunionsgewand hineinhungerst?

so kennt man das knurrhoernchen

einfach kein benehmen und andere ohne grund utner der gürtellinie angreifen.....

... zum subversiven Humor fällt mir ein, dass ich letzten eine Frau gesehen habe, die so dick war, dass zwei kleiner Frauen in Umlaufbahnen um sie herum wirbelten! Das wäre vielleicht als Motiv für ein T-Shirt recht schön.

toleranz

hier geht es um akzeptanz und toleranz. dicke haben genau so ein recht, sich attraktiv zu fühlen, ins schwimmbad zu gehen, essen zu genießen - ohne dass jemand daherkommt und ihnen willensschwäche unterstellt, ihnen vorschriften macht oder sie gar beschimpft.
warum schreit niemand so laut, wenn es in eine diskussion um gesundheitliche folgen des alkohols oder der zigaretten geht? oder des falsch oder zu exzessiv ausgeübten sports? die gesundheitsschäden durch umweltgifte? belastet das nicht ebenso das gesundheitssystem? hat nicht jeder von uns irgendein laster, das ungesund ist?
immer auf die dicken, wie damals in der schule schon. wenn man ins forum schaut, weiß man, woher die kinder das haben.

aha

wäre mir bis jetzt nicht aufgefallen, daß man sich mit den folgen von alkohol und zigaretten nicht beschäftigt (besonders tabak - da gibts tausende postings bei jedem artikel dazu hier im standard).

und bei unweltgiften - also wer hier in den medien niemals was hört davon, der muß am berg ohne strom leben.

weniger urteile über andere fällen, mehr bei sich selbst anfangen. vielleicht mal mit der frage, ob die eigenen äußerungn vielleicht verletzend sein könnten für leute, die aus welchen gründen auch immer nicht der norm entsprechen.

ähem

in Österreich sind Dicke die Norm...

ich hoffe, Frau von Liebenstein, Sie sind hier falsch zitiert worden:

"der Kult um gesundes Essen und das selber Kochen, das ja angeblich so gut für den Körper ist. Solche Dinge werden einfach nur zelebriert, um zu zeigen: Wir sind anders als die "Unterschicht""
Das ist Diskriminierung hin in die andere Richtung, hoffe, dass Sie das nicht so gemeint haben.
Dass Diskriminierung gegen Dicke aufhört, ist sicher nur der erste Schritt. Es tut mir leid zu sagen, dass Dicke meist doch ein und leider meist mehrere gesundheitliche Probleme haben. Und es ist schrecklich als Angehörige oder gute Freunde mitanzusehen, wie sie unter Blutdruckhochdruck, Diabetes II, rheumatoide Arthritis und überhaupt Schmerzen aller Art (Gelenke durch die Überbelastung) leiden und dem quasi ausgeliefert sind, solange sie dick sind.

klar geht's wenn man will. sport, ernährung etc. theoretisch alles kein prob. andererseits auch verständlich wenn jemand keinen zugang zu diesen themen hat. und es ist letztendlich auch keine geldfrage, aber durchaus eine bildungsfrage. ernährungsphysiologie schon in jungen jahren kennenlernen könnte was bringen. aber letzendlich hat sie schon recht, denn es verlangt umstellung, und die mag anfänglich keinen spass machen. ist gleich wenn ich vom alk oder drogen weg will...
also ihre kommentare schön und gut, und einsetzen für dicke auch.

ABER: nicht jeder der weisse mäuse sieht muss deshalb auch mit mausefallen ausgestattet werden. wenn sie beschließt dick zu sein ok, aber letztenlich ists schon privatvergnügen.

warum die aufregung?

wenn irgendjemand von staatlicher seite diskriminiert wird, ist das zu bekämpfen, der rest ist privatautonomie.

rechte wurden nie vom staat verliehen, sondern immer erkämpft.

"Dicksein mit negativen Assoziationen wie faul und disziplinlos zu verknüpfen ist alles andere als neu."

Und auch alles andere als falsch in den meisten Fällen - wer sich mehr bewegt und weniger in sich hineinstopft, der wird vermutlich nicht so dick sein.

"Dicke Menschen sind eher arm, eher arbeitslos, stecken eher in schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen."

Trifft auf Alkoholiker auch zu - brauchen die jetzt auch eine Lobby, um endlich als leiwand anerkannt zu werden?

"[...] zu kleinen U-Bahn- und Flugzeugsitzen"

Auf wie viel Kilo legen wir die dann aus? 600?

"Anfeindungen auf der Straße"

Das darf allerdings wirklich nicht sein, da stimme ich zu.

Nun, ohne die Dicken jetzt in Schutz nehmen zu wollen, Flugzeugsitze, etc. sind nicht fuer Menschen ausgelegt, die etwas von den Durchschnittswerten abweichen.

Ich bin 193cm gross, ein Transatlantikflug in der Holzklasse wuerde wohl das Ende fuer meine Knie und Wirbelsaeule bedeuten.

Irgendwo muß aber ein Durchschnitt und ein Standardwert gewählt werden, und mit verlaub mit 193cm sind sie bereits eine Ausnahme die man nicht mehr berücksichtigen kann.
Btw. Ich bin 180cm und wiege knapp 100 wobei mein BMI wegen meiner Muskelmasse nicht im ungesunden Bereich liegt, und Flugzeugsitze passen mir ganz gut.

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