Kuscheln unter dem PCness-Mäntelchen

Kommentar | Beate Hausbichler, 6. September 2011, 07:00
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    foto: epa/facundo arrizabalaga

    Die Charta wünscht sich, dass Medienleute ihr Rollenverständnis neu sortieren.

Zu wenig Verpflichtung und zu viel Selbstverpflichtung - Auch eine Medien Charta gegen Rollenklischees formuliert nur "Wünsche" - Ob das was nützt?

Die Zahl der Beispiele für Sexismus in den Medien wächst praktisch stündlich. Ob es das Gratis-Wochenendmagazin "Weekend" mit ihrem "Aufreger der Woche" ist, der aus Soft-Porno-Posen von Frauen besteht, oder öde aber dauerpräsente "Männer sind so - Frauen sind so"-Plattitüden im öffentlichen wie im privaten Fernsehen. Von "Sexismus" will eine Charta, die von "Frau in der Wirtschaft" initiiert wurde (dieStandard.at berichtete: Medien-Charta: Dem medialen Sexismus abschwören - falls er erkannt wird), aber ohnehin gar nicht reden. Klingt vielleicht zu sehr nach Feminismus, zu unkonkret. Stattdessen soll eine "Charta für rollenbildneutrale Mediendarstellung" künftig für mehr Sensibilität im Umgang mit Geschlechterattributen sorgen. JournalistInnen sollten laut Charta "diskriminierende Darstellungen klar ablehnen" und jegliche Zuschreibungen aufgrund von Geschlecht sein lassen. Wobei "Frau in der Wirtschaft" hier vorwiegend die Zuschreibungen in den Bereichen "Beruf" und "Leistung" im Visier hat.

Keine Selbstverpflichtungen mehr

Fraglos ein wichtiges und dringliches Thema. Aber gerade deshalb sollte endlich von "Selbstverpflichtungen", die auch bei der Charta wieder die treibende Kraft sein sollen, Abschied genommen werden. Diese funktioniert nämlich gerade in frauenpolitischen Belangen denkbar schlecht. Dafür gibt es viele Gründe, drei drängen sich in puncto Medienarbeit besonders auf: Erstens erklärt sich trotz himmelschreiender Unkenntnis praktisch jeder/jede zur ExpertIn in Sachen diskriminierende Darstellungen. Sie glauben ganz genau zu wissen, was herabwürdigend ist bzw. fallen ihnen tausend Argumente ein, warum das offenkundig Sexistische völlig in Ordnung sei. Dann gibt es jene Medienleute, die Frauenfeindlichkeit gezielt platzieren, um es sich bei der eigenen Zielgruppe nicht zu verscherzen. An solchen bewussten Entscheidungen und der weit verbreiteten Fehleinschätzung, Frauenfeindlichkeit zu erkennen, dürfte die Charta wenig ändern. Von den Darstellungen via Sprache ganz zu schweigen. Obwohl gerade JournalistInnen die Befähigung zu einem kreativen und versierten Umgang mit Sprache sehr wohl für sich beanspruchen, verweigern sie eine geschlechtergerechte Sprache konsequent - aus Überzeugung bleibt es bei "den Patienten" (selbst wenn es um die von GynäkologInnen geht) oder "den Studenten". Für sie wäre eine Selbstverpflichtung gegen diskriminierende Darstellungen widersinnig - denn sie meinen zu wissen, dass an der Sprachkritik von LingustInnen oder SoziologInnen ohnehin nichts dran ist.

Und was ist mit den Werbesujets?

Und drittens wäre da noch die Sache mit der Werbung. Es ist ja nicht gerade so, dass der Handlungsbedarf in den Medien in erster Linie und ausschließlich bei den redaktionellen Beiträgen läge. Die Werbebranche scheint nach wie vor in Klischees das gesellschaftlich Verbindende zu sehen. "Er tut, kann und will das" - "sie tut, kann und will etwas anderes", manchmal soll's lustig sein, manchmal ist es ernst gemeint und manchmal meint man sich einfach mit "Realitätsabbildung" abputzen zu können. Gegenüber stereotypen Zuschreibungen in redaktionellen Beiträgen Besserung zu geloben, währenddessen sexistische Sujets zwecks Werbeeinnahmen weiterhin abgedruckt werden - das geht sich irgendwie auch nicht aus. 

Außer Zweifel steht, dass Initiativen wie die "Charta für rollenneutrale Mediengestaltung" den kritischen Blick für die Selbstverständlichkeit des unterschiedlichen Umgangs mit Männern und Frauen in den Medien etwas schärfen. Allerdings fühlen sich mit der zu dehnbaren "Selbstverpflichtung" aber gerade MedienmacherInnen (unterschrieben haben die Charta zum Beispiel die Krone Tirol oder der Tiroler Tageszeitung) angesprochen, von denen nicht allzu viel zu erwarten ist. Sie nützen wohl eher die Chance, um sich mal schnell ein Political Correctness-Mäntelchen umzuwerfen. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 6. September 2011)

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19 Postings
Nennt mich Loretta
 
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Politisch korrekte Medienzensur also.

Denkt eure Vorschläge doch mal bitte unter Berücksichtigung realistischer Umstände zu Ende.

Lilly Rush
 
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Hat eigentlich der/die Standard die Charta schon unterschrieben?
Ein Punkt ist unter anderem:
"Die traditionellen Rollenbilder sind noch immer sehr stark vorhanden. Ein gutes Beispiel sind Karriereinterviews. In denen werden Frauen ständig nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gefragt, Männer aber so gut wie nie."
Elisabeth Zehetner in http://diestandard.at/131465268... kannt-wird
In dem Zusammenhang erinner ich an das Standard Interviem mit Sabine Seidler: http://derstandard.at/130868007... kein-Thema

Eine neue TU-Rektorin wird bestellt und sie wird über die Vereinbarkeit von Kindern und Kariere befragt.

gebt den stevia frei
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ja, und.

solange auch die männer nach der vereinbarkeit von beruf und familie befragt werden, ist alles in ordnung.

Amelia Earhart
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Im Übrigen finde ich auch, dass Stevia freigegeben werden sollte.

Im Kräuterbeet habe ich schon einen ;-)

Amelia Earhart
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Theoretisch ja. Bringens mir bitte einen Link aus einem Standard - Interview. Danke!

Mathias Steinlaus
 
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Wein trinken und Wasser predigen ...

Lilly Rush
 
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So ist es!
Aber wenn wir uns selber an der Nase nehmen:
Es ist nicht immer leicht unsere Idealvorstellungen auch tatsächlich 100% umzusetzen.

Mathias Steinlaus
 
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Idealvorstellung

Daran krankt doch die ganze Diskussion.

Die einen Frauen sehen es nicht als verwerflich an, wenn sie sich sexy vor der Kamera räckeln, andere bewerfen solche Frauen dann mit "Schmutz" und "bösen Wörtern".

Dabei kommen aber "Idealvorstellungen" zur Anwendung, die grundsätzlich männlicher Moralvorstellungen entsprechen.

Lilly Rush
 
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Sie sind mir noch eine Antwort schuldig und bitte nicht kneifen oder ausweichen.

Lilly Rush
 
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Ich hab zwar mit Idealvorstellungen andere moralische Werte gemeint, aber gut ihr Einwurf ist dikussionswürdig.

Nun vielleicht sollten wir nicht in Frauen unterscheiden, die das "sich räkeln" verwerflich finden, sondern das wie und wo des sich räkelns.
Ich glaube es würde kaum jemand (außer extrem Konservative) die Bilder eines Rudolf Koppitz http://en.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Koppitz anstößig finden.
Und in einschlägigen Magazinen ist es auch recht und billig. Aber die meisten Frauen stoßen sich daran, dass nackte Frauen in billiger (! nicht ästhetischer!) Art und Weise zwecks Werbung für Produkte verwendet werden, die mit Sex nichts zu tun haben.
Definieren sie bitte männliche Moralvorstellungen, ich bin gespannt!

TRockenmilch
01
12.9.2011, 12:25

sie wollen ästhetik doch nicht wirklich zu einem moralindikator machen?
dadurch zwingen sie den frauen genauso ein rollenbild auf, wie jene männer die frauen nur in pornoposen akzeptieren.

ich kann ja auch nicht von andren männern verlangen meinem idealen selbstbild zu entsprechen.

Lilly Rush
 
00
12.9.2011, 13:47

Scheint so, dass sie mich absichtlich falsch verstehen wollen:
Ästhetisch heißt nicht, dass die Person die darauf abgebildet ist schlank und schön sein muss, sie soll nicht in herabwürdigender Weise fotografiert werden. Das gilt übrigens für beide Geschlechter.
Ich zwinge niemandem ein Rollenbild auf. Palmers und Triumphwerbung mit fast nackten Mädels ist ok.
Aber für ein Brieflos muss ich nicht mit einem Dirndldekoltee werben.

TRockenmilch
00
12.9.2011, 15:29

nach den dritten drüber lesen hab ich dann doch den satz mit den sexuellen zusammenhang gelesen. also hab ichs falshc verstanden und sie habens sehr wohl so gesagt ;)

TRockenmilch
00
12.9.2011, 15:27
"Ich zwinge niemandem ein Rollenbild auf. Palmers und Triumphwerbung mit fast nackten Mädels ist ok. Aber für ein Brieflos muss ich nicht mit einem Dirndldekoltee werben."

sorry, aber so haben sie das nicht gesagt.
denn da kann ich ihnen nur zustimmen.

trotzdem sind imho das größte problem an der werbung nicht nackte frauen oder männer, sondern die (ganz sexualfreien) rollenbilder die von bestimmten joghurts(frauen dürfen nicht essen), kindersüßigkeiten(papa-mama-50jahre-rollenbild) und alkoholerzeugern (frauen müssen immer party machen wollen und das mit highheels etc) verbreitet werden.

das halte ich für wesentlich schlimmer.
aus irgendeinen grund werden solche sachen aber sehr selten kritisiert.

deswegen reagier ich sehr alergisch darauf wenn jemand sexismus mit nackter haut gleichsetzt.

man sehe sich nur mal die ziele der vergeben zitronen an :/

Lilly Rush
 
00
12.9.2011, 15:40

Bei den Rollenklischees gebe ich ihnen Recht.

Mir stellts z.B. immer die Haare auf wenn ich die dümmliche "Herbert trink das" Werbung sehe.
Das wäre jetzt Sexismus auf männlicher Seite.

TRockenmilch
00
14.9.2011, 17:14

naja, das ist eher herbertismus =)

man glaubt nicht wie diese armen männer jetzt leiden müssen! ;)

insertnamehere
 
00

Wenns leicht wäre, wären es ja auch keine Idealvorstellungen, sondern Realität.

Lilly Rush
 
00

Schon, aber bei anderen tut man sich immer leichter mit dem Finger auf jemanden zeigen.

insertnamehere
 
02

"Frau in der Wirtschaft" klingt irgendwie selbst verdächtig nach einem Rollenbild.

Just saying ...

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