Veranstaltungsreihe in Linz für mehr interkulturelle Kompetenz: Beratung soll Fokussierung auf Kultur als Problemdefinition bei Krisen vermeiden
Häusliche Gewalt ist die am weitesten verbreitete Todesursache von Frauen. Weltweit sterben mehr Frauen an den Folgen von Misshandlungen als an Krebs. Gewalt in der Familie beziehungsweise Beziehung ist weltweit gesehen die häufigste Form von Gewalt gegen Frauen. Sie zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten und kennt keine kulturellen, religiösen oder schichtspezifischen Grenzen. Allein in Österreich ist laut Schätzungen jede fünfte Frau einmal in ihrem Leben von Gewalt durch einen nahen männlichen Angehörigen betroffen.
Jahresthema Interkulturelle Kompetenz
Frauen mit Migrationshintergrund sind entgegen vieler Vorurteile nicht öfter Opfer häuslicher Gewalt, bei ihnen kommen aber zusätzlich noch strukturelle und soziale Benachteiligungen zum Tragen. Die ganzjährigen Vortrags- und Workshopreihe zum Thema "Interkulturelle
Kompetenz bei häuslicher Gewalt an Frauen und Kindern" stellt die
Situation von Migrantinnen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, in
den Mittelpunkt, mit dem Ziel der Sensibilisierung und interkulturellen
Öffnung von Beratungs- und Schutzeinrichtungen.
"Frauen mit
Migrationshintergrund sind Unterstützungs- und Hilfsangebote und
Gewaltschutzeinrichtungen oft nicht bekannt. Viele Beratungsstellen und
psychosoziale Unterstützungsangebote sind zu hochschwellig, um sie zu
erreichen", erklärt Maria Schwarz-Schlöglmann, Geschäftsführerin
des Gewaltschutzzentrums OÖ. Dass es sich bei gewaltbetroffenen
Migrantinnen jedoch nicht um eine einheitliche Gruppe handelt, es aber
dennoch einige Berührungspunkte gibt, führt Dagmar Andree,
Vorsitzende des Frauenhaus Linz, aus: "Die Gemeinsamkeiten gewaltbetroffener
Migrantinnen betreffen deren Migrationsstatus, die damit verbundenen
Lebensbedingungen, wie zum Beispiel der unsichere Aufenthaltsstatus,
alltägliche Rassismuserfahrungen, keine Arbeitserlaubnis, geringere
Chancen auf dem Arbeitsmarkt, interkulturelle Differenzen,
Sprachprobleme, schlechte beziehungsweise keine medizinische und
psychologische Versorgung und die Erfahrung mit häuslicher Gewalt".
Bitte keine einseitigen Fokussierungen
Dass für die Beratungsarbeit dennoch
notwendig ist, sich die Offenheit für Selbstdeutungen, Interpretationen
und Sichtweisen der Betroffenen zu erhalten, erläutert Gülcan Gigl,
Abteilungsleiterin der Abteilung Interkulturelle Bildung und Integration
der Volkshilfe OÖ: "Von Seiten vieler professionellen HelferInnen gibt
es immer wieder das Bedürfnis, bei der Thematik Interkulturalität zu
kategorisieren. Es wird der Wunsch geäußert, etwas über die kulturellen
Hintergründe von Migrantinnen zu erfahren." Einseitige Fokussierungen in
der Beratung auf Geschlecht, den Status als Migrantin oder auf Kultur
als Problemdefinition bei Krisen, wie beispielsweise häuslicher Gewalt,
könnten jedoch zur Folge haben, "dass die komplexen Erfahrungen und die
damit verbundenen Problemlösungsstrategien von gewaltbetroffenen
Migrantinnen nicht wahrgenommen werden können". Dass dies von den
Beratungseinrichtungen und deren MitarbeiterInnen besondere
interkulturelle Kompetenz verlangt, sind sich Gigl, Schwarz-Schlöglmann
und Andree einig.
Nächstes Thema
Beim nächsten Vortrag der Veranstaltungsreihe wird Rada Grubic vom interkulturellen Frauenhaus Berlin auf den Begriff "Interkulturelle Kompetenz" eingehen und erläutern, welche Fähigkeiten erforderlich sind, um einen beidseitig zufriedenstellenden Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen herstellen zu können. (red)