Von den Forderungen des Feminismus sind heute nur noch jene nach mehr Kindergartenplätzen und besseren Aufstiegschancen übrig
Von "Working Mum" Kate Reddy stammt der Satz, früher hätten die
Frauen
den Orgasmus gefakt, heute fakten sie per Fertigbackmischung die Kuchen.
In den letzten Jahrzehnten hat das weibliche Geschlecht zwischen den
Bettlaken einen nicht für möglich gehaltenen Sieg errungen. Frauen, so
konstatiert beispielsweise der Sexualwissenschafter Volkmar Sigusch,
hätten heute eher das Heft in der Hand und bestimmten in puncto
Beischlaf, wo es langgeht.
Angesichts der nicht zu bezweifelnden Erfolge der sexuellen Befreiung
der Frauen scheint es nicht verwunderlich, dass sich die öffentlichen
feministischen Debatten, wenn es denn noch welche gibt, heute
allerhöchstens um Karrierechancen, Kindererziehung und Kaufkraft drehen.
Bezeichnend war beispielsweise die Debatte, die die ehemalige taz-Chefin
Bascha Mika mit ihrem Buch Die Feigheit der Frauen im Frühjahr in
den
deutschen Feuilletons auslöste. Die aufgeregte Polemik gegen
karriereflüchtige Latte-macchiato-Mütter drehte sich um das gegenwärtig
einzig sensible Feld: Beruf, Erfolg, Selbstoptimierung und Macht.
So weit, so richtig. So weit, so eigenartig aber auch. Denn kann es
wirklich sein, dass der berühmt-berüchtigte "Kampf der Geschlechter"
nichts mehr mit Sexualität zu tun hat? Und Sexualität nichts mehr mit
Politik? Die Sache sieht zu glatt aus, es ist, als gäbe es da einen
blinden Fleck oder etwas, das wir schlicht vergessen haben.
Der kleine Unterschied
In Alice Schwarzers Klassiker Der kleine Unterschied aus dem
Jahr 1977 (siehe dazu: Interview mit Alice Schwarzer) findet sich
die Aussage, dass "die Sexualität der Angelpunkt der Frauenfrage" sei.
Das war damals, 1977, Common Sense und klingt heute eher befremdlich.
Aber warum eigentlich? Wie ist dem Feminismus auf dem Weg der letzten 40
Jahre das Thema Sex abhandengekommen? Feminismus war immer eine sexuelle
Sache, auch wenn die allgemeine Öffentlichkeit ihn meistens wenig sexy
fand. Fragen des Körpers und der sexuellen Selbstbestimmung gehören
notwendig zu der rund 150 Jahre alten Geschichte der Frauenbewegung,
schon früh gab es die Diskussionen um Sittlichkeit und Mutterschaft
oder Prostitution und Abtreibung. Die Phase allerdings, in der Sex zum
vorzüglichen Kampfinstrument wurde, zum Kern der Sache sozusagen, war
vermutlich nur recht kurz.
Sie fällt zusammen mit der sogenannten zweiten Frauenbewegung, die im
einzigartigen Klima der 1960er-Jahre entstand. Sexuelle Liberalisierung
traf mit der beginnenden medialen Vermarktung von Frauenkörpern und der
antiautoritären Studentenbewegung zusammen. Vielleicht war "Nacktheit"
damals die passende Metapher für eine Befreiung auch vom langen
Nachkriegsschweigen, und so wurde nackter Sex zum Ort der Wahrheit.
Eigenartig ist, wie sehr sich eine sexistische Attitüde damals durch
alle Positionen von kritisch bis affirmativ zog. Der Protest von
Studentinnen war genauso oben ohne wie die Covergirls des Stern,
der
überdies in gezeichneten Witzen Politiker auch gerne nackt darstellte,
so war der Humor.
Im Nachhinein erschrickt man über beides, über die Naivität und die
ungewaschene Radikalität dieser Zeit. Auch die Selbstdarstellung der
Frauen, die endlich zu Akteurinnen ihres eigenen Körpers werden wollten,
wirken von heute aus betrachtet verblüffend drastisch. Nahezu ikonisch
sind die Bilder von Valie Export, die sich breitbeinig mit
Maschinengewehr und entblößtem Geschlecht in Panikhosen
präsentierte,
Peter Weibel am Hundehalsband durch Wiens Straßen führte oder mit dem
legendären Tapp- und Tastkino männliche Passanten aufforderte,
ihr
öffentlich an die Brüste zu fassen.
Feministische Kunst von damals hat etwas unerhört Massives und
Schmerzhaftes, in ihrem sexualisierten Pathos reinszenierte sie
erfahrene Verletzungen. Aus ihr sprach eine enorme Fühlbarkeit der
Körper, die heute noch berührt, obwohl - oder auch weil - sie
gegenwärtig so nicht mehr möglich wäre.
Von der Penetration aufs Patriachat schließen
Was die feministischen Aktionen der 1970er- und frühen 1980er-Jahre
so
mächtig macht, ist ihr Glaube an die Wahrheit des nackten Körpers. Die
Geschlechterdifferenz galt als eine eindeutige und vornehmlich
physiologische Tatsache, weswegen es nur logisch war, von der
Penetration direkt aufs Patriarchat zu schließen.
Dieses naive Vertrauen in die natürliche Essenz des Geschlechts ist
der
Frauenbewegung - und der ganzen Gesellschaft - spätestens seit Mitte
der 1980er-Jahre gründlich verlorengegangen. Was sich seitdem verändert
hat, könnte man unter die Stichworte Aufklärung, Ausdifferenzierung,
Artifizialisierung und Angst fassen.
Viele Forderungen der zweiten Frauenbewegung scheinen sich
mittlerweile
erübrigt zu haben. Die Bewegung führte zur Aufklärung vor allem über die
Funktionsweisen weiblicher Sexualität, die sich als eine eigenständige
Form neben der männlichen etablieren konnte und auf ihre Lust als Recht
pochte. Zumindest theoretisch ist das so. In der Praxis bestehen, wie
wir wissen, Prostitution, sexuelle Gewalt, Ausbeutung und Abhängigkeit
trotzdem fort. Zugleich hat sich die Gesellschaft, was die möglichen
Lebensstile und Rollenmuster angeht, auf beinahe unvorstellbare Weise
liberalisiert. Es ist genauso möglich, verschiedene Stile von
Männlichkeit und Weiblichkeit zu leben wie ausgefallene Familienmodelle.
Homosexualität steht kaum mehr unter öffentlichem Tabu und genießt
Rechtsschutz. Ein wichtiger Faktor in dieser Entwicklung war nicht die
Politik, sondern die Logik des Konsums, die sich wenig um Inhalte und
noch weniger um Moral schert. Dass Kaufkraft zum dominanten
Gesellschaftsfaktor wurde, hat sich für etliche Gruppen, allen voran
Homosexuelle, durchaus befreiend ausgewirkt.
Die Lage ist komplexer
Die Lage ist also komplexer geworden, das Denken verspielter und der
Sex
leichter und lustiger - er wird zur Komödie, wie das
Geschlechterverhältnis selbst. Auch die feministische Theorie hat sich
grundsätzlich verändert. Maßgeblich dafür waren vor allem die Ideen der
amerikanischen Philosophin Judith Butler Anfang der 1990er-Jahre. In dem
Klassiker Gender Trouble betrachtet sie Geschlecht und Sex
radikal als
eine kulturelle Performance, als eine Imitation, die gegebenenfalls
durch Parodie auszuhebeln ist. Seither traut sich keine Feministin mehr,
die Große Mutter oder das Matriarchat als Utopie anzurufen. Der
feministisch-biologische Ernst ist unmöglich geworden. Stattdessen
versuchen nun Heerscharen engagierter Kulturwissenschafter/-innen zu
ergründen, ob die Serie Sex and the City nun ironisch subversiv
sei oder
doch nur alte Rollenklischees zementiere - der Unterschied ist nämlich
nicht mehr so einfach auszumachen, und im Zweifel stimmt genau beides.
Wo sich nicht so einfach sagen lässt, was Maskerade ist und was nicht,
hat der Rigorismus keinen Platz mehr.
Es ist, als hätte sich der schwere, dunkle Klotz Sex in den
westlichen
Gesellschaften nach und nach wie in einem großen Wasserbecken aufgelöst.
Er schwimmt, dispers in schillernden Partikeln über die gesamte
Oberfläche verteilt, er ist überall und doch schlecht greifbar,
omnipräsent und sehr flüchtig.
Die Entwicklung des Themas Sex im Feminismus spiegelt diesen
Dispersionsprozess. Die Diskussion drehte sich seit den 1980er-Jahren
einerseits um sexuelle Gewalt und Pornografie, andererseits genereller
um den weiblichen Körper und Gesundheit. Die Forderungen nach "radical
sexual politics" und alternativen Formen der Sexualität wanderten in die
Queer- und GenderStudies ab.
Generell aber hat sich das kräftige Lila in Rosa aufgelöst. Es
herrscht
die Lust an einer frechen Weiblichkeit, die zwar ihr Recht fordert, aber
gleichzeitig die Geschlechterbilder von Mann und Frau nachhaltig bejaht.
Im Jahr 2008 forderten die Publikationen Wir Alphamädchen und Neue
deutsche Mädchen einen definitiven Generationenwechsel in Sachen
Feminismus. In den Alphamädchen geht es viel um Sex und um die
alten
Themen: Kondom statt Pille, Abtreibungsrecht, Schönheitszwang. Die
Autorinnen Meredith Haar, Susanne Klinger und Barbara Streidl arbeiten
sich noch am alten Emanzenschreckbild ab und betonen, dass der
runderneuerte Feminismus gemeinsam mit den Männern arbeite, dass er sexy
sei und schön mache. Zentrale Begriffe im Text sind Spaß und
"Knallersex".
Hier kommt die Angst ins Spiel. Zwischen 1970 und dem Beginn des 21.
Jahrhunderts haben Ernst und Spiel die Positionen getauscht. Vorbei ist
es mit der großen Empörung übers Patriarchat - die Dinge sind zu komplex
geworden, als dass sie in die klare Logik von Unterdrückung und
Aufbegehren passen würden. Vorbei ist es aber auch mit einer bestimmten
Form beherzter Libertinage. Der alte Feminismus hatte keine Angst, gegen
Männer zu sein, er hatte keine Angst, hässlich zu wirken, er machte sich
weniger Sorgen um beruflichen Erfolg und fürchtete sich offenbar nicht
so sehr vor Geschlechtskrankheiten, wie das heute die Alphamädchen tun.
Die nehmen zwar den Sex und auch die Männer nicht mehr so ernst, dafür
aber die Gefahr des sozialen Abstiegs, der Erfolglosigkeit, des Alters
und der Krankheit. Aus Neue deutsche Mädchen von Jana Hensel und
Elisabeth Raeter spricht die Melancholie gegenwärtiger
Liebesbeziehungen, in denen keiner der Verlierer sein darf. Unterm
kecken Spaß riecht es nach Angst, beispielsweise jener, ein Opfer zu
sein, und nach einer gewissen Disziplin der sexuell erfolgreichen Frau.
"Knallersex" klingt daher auch wie Workout für die Klitoris.
Die Angst im Spiel
Irgendetwas ist schief an der Kommunikation zwischen der Generation
der
alten und der neuen Feministinnen. Es ist, als tanzten die
Kontrahentinnen um einen blinden Fleck, um ein Missverständnis, für das
beide Seiten keine Sprache haben, oder als sei etwas "unbenennbar",
"desartikuliert" worden, wie es die britische Kulturwissenschaftlerin
Angela Mc Robbie zeigt. In ihrem 2010 auf Deutsch erschienenen Buch Top
Girls, einer beeindruckenden Abrechnung mit dem Postfeminismus,
spricht
McRobbie von einer "doppelten Verquickung". Die neuen Frauen müssten den
Feminismus für tot erklären, um gleichzeitig seine Erfolge für sich in
Anspruch nehmen zu können. Der Gewinn aber gelte nur für eine ganz
bestimmte Gruppe, die Top-Girls eben, zumeist weiße aufstiegsbereite
junge Frauen der Mittel- und Oberschicht.
Ihnen werde tatsächlich ein "neuer Geschlechtervertrag" angeboten,
der
sexuelle Freiheiten, Kaufkraft, beruflichen Erfolg und mediale
Sichtbarkeit beinhalte. Alleinerziehende Mütter aus der Arbeiterschicht,
Migrantinnen, arbeitslose und alte Frauen fielen heraus aus dem Modell.
Spielt Sexualität eine Rolle?
Kann und soll nun Sexualität für Feminismus eine wesentliche Rolle
spielen? Die gegenwärtige Welt ist beides, liberaler und prüder
geworden, homosexualisierter und heterosexueller, offener und
konventioneller. Der Aufweichung der Geschlechtsrollen auf der einen
Seite entsprechen starke versichernde Inszenierungen der
Geschlechterbilder als männlich oder weiblich auf der anderen. Auch
Ernst und Spiel geben sich die Hand. Geschlechtlichkeit wird zwar als
Inszenierung verstanden, aber gleichzeitig ist es ein Spiel mit klaren
Regeln, an denen sich nur in Grenzen rütteln lässt. Die
Geschlechterarrangements sind offen und unter der Hand doch starr
geblieben.
Die unbequeme Rolle des Feminismus war immer, an diesen Arrangements
zu
rütteln, und Sexualität bleibt ein neuralgischer Punkt, ein Hebel, der
das Geschlechterverhältnis auf den Kopf stellen könnte. Natürlich, die
Idee, durch befreiten Sex auch die Welt zu retten, hat sich als falsch
erwiesen, Sex als politisches Mittel wurde maßlos überschätzt. Und doch
stimmt an dem heute befremdlichen Satz, Sexualität sei der "Angelpunkt
der Frauenfrage", doch mehr, als wir glauben wollen. Er birgt ein
politisches Potenzial, das im Riss zwischen altem und neuem Feminismus
offenbar vergessen oder unsichtbar wurde.
Eigenartigerweise rückt nun ausgerechnet Charlotte Roche das Thema
wieder ins Zentrum. Denn obwohl sie sich als altbackene Neufeministin
geriert und man die Schoßgebete als eine Ode an die weiblich
heterosexuelle Fügsamkeit lesen könnte, ist Roche ungleich radikaler als
ihre Kolleginnen. Dass sie Sex ernst nimmt und den Körper auf so
penetrante Weise ins Zentrum stellt, ist dem Impuls des alten Feminismus
näher, als sie selbst wahrhaben möchte.
"Sex haben wie ein Mann - ohne Gefühl" ist ein berühmter Ausspruch
von
Samantha aus Sex and the City, der für sehr emanzipiert gilt und
der den
Alphamädchen bestens gefällt. In ihm fehlt allerdings mehr als
die
Hälfte. Wie wäre es, wenn Frauen selbstverständlich und mit Gefühl Sex
hätten wie ein Mann, und wenn Männer selbstverständlich und mit Gefühl
Sex haben könnten wie eine Frau - einmal so herum und dann auch wieder
umgekehrt? Sexuelle Praktiken stellen über Körpersensationen Lust- und
Machtkonstellationen her, und die Wette gilt: Solche Praktiken haben
Einfluss auf die Quote, Karriere und auf Lebenssinnfragen generell. Eine
Gesellschaft, in der die sexuellen Rollen wirklich rotierten, würde
anders aussehen.
Die - alte - Forderung nach "anderem Sex" war immer kontrovers, sie
hat
auch heute vermutlich noch mehr Sprengkraft, als den meisten lieb ist.
Denn die vorhandenen Geschlechterarrangements sind - mit Bascha Mika zu
reden - eine einzige Komfortzone, in der sich beide Geschlechter
einrichten, um sich gegebenenfalls in die Schmollecken der
Frauenzeitschriften und Stammtische zurückzuziehen, statt Macht und
sexuelle Lust wirklich miteinander auszuhandeln. An dieser Komfortzone
ließe sich immer noch trefflich rütteln. (Andrea Roedig, DER STANDARD, Printausgabe 1./2.10.2011)
- Allison Pearson, "Working Mum. Roman". € 9,95 / 480 Seiten.
Rowohlt-Taschenbuchverlag, 2004
- Bascha Mika, "Die Feigheit der Frauen. Rollenfallen und
Geiselmentalität."
- Eine Streitschrift wider den Selbstbetrug. € 15,50 / 256 Seiten.
Bertelsmann-Verlag, Februar 2011
- Meredith Haaf / Susanne Klingner / Barbara Streidl, "Wir
Alphamädchen.
Warum Feminismus das Leben schöner macht". € 19,95 / 256 Seiten.
Hoffmann & Campe, März 2008
- Jana Hensel / Elisabeth Raether, "Neue deutsche Mädchen. Roman". €
16,90 / 224 Seiten. Rowohlt-Verlag, Reinbek 2008
- Charlotte Roche, "Schoßgebete. Roman". € 17,50 / 288 Seiten.
Piper-Verlag, 2011