Amanda Knox

Jö schau, so a Sau

Kommentar | Birgit Tombor, 11. Oktober 2011, 07:00
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    foto: ap/dapd/angelo carconi

    Amanda Knox ist durch die Berichterstattung zum Mordfall Meredith Kercher zum jüngsten Opfer journalistischen Voyeurismus' geworden, der die Sensationsgeilheit der KonsumentInnen vorwegnimmt statt auf Fakten zu setzen.

Und die Massen sahen hin und machten sich ihr (Vor)Urteil: Die Berichterstattung zum Mordprozess in Perugia ermöglichte einen Schauprozess, der nach sexistischen Mustern ablief

Aus dem Fall "Meredith Kercher" ist schon längst der Fall "Amanda Knox" geworden. Die wegen des Mordes an der jungen Britin angeklagte, zu 26 Jahren verurteilte und im Berufungsverfahren nun freigesprochene US-Studentin avancierte wider Willen zum Hot Topic vor allem in der britischen und italienischen Presse. Knox bot eine altbewährte Projektionsfläche: Jung, schön, weiblich. Und diese Fläche wurde in den letzten vier Jahren fleißig beschrieben - in sexistischer und vorverurteilender Manier.

Eine, die zur falschen Zeit lächelt, kann auch morden

Früh schon setzte eine Sexualisierung der Figur Knox ein. Ständige Bezugnahmen auf ihr Äußeres und Spitznamen wie der eingedeutschte "Engel mit den Eisaugen" oder das hervorgekramte "Foxy Knoxy" würzten den suggestiven Brei aus Beschuldigungen und Legitimationen von Spekulationen, warum Knox eine heiß(aussehend)e, kalt(blütig)e Mörderin sein könnte. Früher banale, plötzlich brisante Details aus ihrem kurzen Leben wurden der LeserInnenschaft serviert, um sie entsprechend zu interpretieren: Die sexuelle Aktivität einer jungen Frau war genug Grund, um ihr in den Medien Paraphilie, also schädigendes Sexualverhalten, zu unterstellen, die zur sadistischen Ermordung eines Menschen reichte.

Knox wurde zur Femme Fatale stilisiert, ein braves All American Girl-Image mit konstruierten Kausalzusammenhängen erfolgreich demontiert - schon vor der juristischen Verurteilung. Wenn sie schon Marihuana raucht, dann wird sie auch zu einem rauschhaften Aggressionsausbruch fähig sein. Wenn sie schon Sex mit wechselnden PartnerInnen hat, wird sie auch fähig sein, eine Vergewaltigung zu verüben. Wenn sie lächeln kann auf der Anklagebank, wird ihr das wohl kaum vergangen sein beim Morden. Allein die Tatsache, dass sie vor Gericht gestellt wurde, war Grund genug, sie öffentlich gleich zu verurteilen.

Freier Sex macht Frauen verdächtig

Was so mit Amanda Knox in den Medien passierte, ist nur der jüngste Fall einer auf Halbwahrheiten und Hörensagen fußenden Nachrichtenflut, die ein "Trial by media" ermöglicht und vorallem eine Skandalisierung der potenziellen Täterinnen bewirkt (und die bei männlichen Verdächtigen in diesem Ausmaß nicht einsetzt). Erst kürzlich hat das auch Casey Anthony erfahren: Wie bei Knox stellte die Boulevardpresse Verdächtigungen auf Aussehen und Vergangenheitsmomente, in sozialen Netzwerken oder privater Korrespondenz festgehalten, ab. Neben dem Mord an ihrer Tochter wurden auch Anthony mögliche sexuelle Ausschweifungen zur Last gelegt, die bei Frauen allemal äußerst suspekt und zutiefst unmoralisch sind - wie um zu untermauern, dass solche Frauen auch töten können. 

Geil statt faktenorientiert

Natürlich sagt eine sexualisierende Aufgeladenheit der Berichterstattung mehr über die Sensationsgeilheit der BerichterstatterInnen aus als über welche-Geilheit-auch-immer der Beschuldigten. Aber damit können die Verantwortlichen gut leben und gut verdienen und leicht vergessen, dass hinter den so geschaffenen Medienfiguren echte Menschen stecken, die wohl ungemein schlechter mit den Konsequenzen einer (Vor)Verurteilung umgehen können, die unausweichlich auf sie zukommt, im sozialen Nahfeld und in der öffentlichen Wahrnehmung.

Dass die Medien immer wieder, immer weiter in unwürdiger - für den Berufsstand der JournalistInnen wie für die Opfer, ob nun getötete oder beschuldigte - Weise über Prozesse und Umfeld berichten, ist nicht zuletzt der Öffentlichkeit und ihrem Interesse an, ja, Hexenjagden zu schulden. Aufsehen wird so vorweggenommen und gelenkt, fällt aber auf fruchtbaren Boden: Denn ein sich über Monate-, ja Jahre ziehendes Thema, das "Sex" - womit sexuelle Gewalt so oft gleichgesetzt wird! - und "Crime" verheißt, lenkt von umfassenderen Problemen ab. Und: Bei einem zum Schauprozess entblößten Fall kann Medienkonsument/in Ermittler/in und Richter/in zugleich spielen. Und wenn ein persönliches Urteil nur aufgrund "kalter" Augen getroffen wird - es wird gefällt.

"Unsexy" als Ausschlusskriterium

Trotzdem entlässt ein breites Interesse die Berichtenden nicht aus ihrer Verantwortung der Befütterung eines solchen. Es geht ja nicht um Aufklärung, es geht um blindes Mitziehen mit Konkurrenzmedien, für das man auch unzureichende, wenn überhaupt existente, Recherche in Kauf nimmt. So replizieren sich Fehler, subjektive Annahmen werden zu Realitäten, Banales im konstruierten Kontext zu Dämonischem.

In diesen Kontext passt auch, wie in Knox' Fall, keine intensivere Auseinandersetzung mit den männlichen Mitangeklagten, ihrem damaligem, nun ebenso freigesprochenen Freund Raffaele Sollecito und dem in einem seperaten Verfahren wegen Mordes an Kercher verurteilten Rudy Guede. Die wurden - außerhalb Italiens - zu absoluten Randfiguren. Ein so grelles Schlaglicht auf die zum unheimlich geilen Monster stilisierte Frauenfigur wirft eben lange Schatten, in dem sich weniger "sexy" Verdächtigungen, dafür banale Fakten verstecken können. (bto/dieStandard.at, 11.10.2011)

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PatriotInnen sind IdiotInnen
00
11.11.2011, 12:06

Super Artikel, danke war wirklich dringend nötig!

Mynnia
00
3.11.2011, 13:37
Paraphilie=schädigend?

AFAIK sind Paraphilien zunächst einmal "nichtnormale" sexuelle Präferenzen, alternative Praktiken und Objekte...Und ob es da überhaupt sowas wie eine Norm gibt, ist die Frage...

Das mit schädlich gleichzusetzen ist ein bisschen krass. Wem schadet einE Sub? Wem schaden Latex- oder Wollfetischisten? Dendrophile?

PatriotInnen sind IdiotInnen
00
11.11.2011, 12:05

Genau das ist das Problem in der Öffentlichen Wahrnehmung vom med. Begriff "Paraphilie" denn diese beschreibt IMMER NUR eine "abweichende Präferenz" welche AUCH IMMER schädliche Auswirkungen auf sich selbst oder Dritte haben MUSS ... sonst ist es keine Paraphilie.
D.h. SM, Latex-Fetisch usw. welche nicht zu einem eindeutigen klinischen Bild der Selbstschädigung oder dritt-Schädigung führt ist KEINE PARAPHILIE!

Mynnia
00
11.11.2011, 15:20

Puh, grad bei SM wohl eine Gratwanderung.

PatriotInnen sind IdiotInnen
00
11.11.2011, 15:36

ja das war auch lang der Grund warum SM autom. als Paraphilie angesehen wurde. Mittlerweile sind wir da zum Glück weiter und die Definition hat sich mehr in die Richtung verschoben das es für die Person selbst ein Problem sein muss bevor konsensuale Praktiken als Paraphilie angesehen werden. Daher, nur wenn die Person unter ihrere eigenen Präferenz leidet z.b. weil sie anders keine erfüllte Beziehung/Sexualleben haben kann UND die Person das stört wird es zu einem "klinischen" Problem und damit zu einer Paraphilie! Das ist also eher eine normative Definition bei welcher die "Norm" das eigenen Empfinden ist, imo eine gute Sache!

Robert Schein
05
27.10.2011, 14:58

"Die sexuelle Aktivität einer jungen Frau war genug Grund, um ihr in den Medien Paraphilie, also schädigendes Sexualverhalten, zu unterstellen" usw.

ja nun - ist das denn was neues?

war ja bei einem gewissen wettermoderator nicht anders

Langer Hans1
00
22.12.2011, 12:08

Ja, habe ich mir auch gedacht, dass könnte man über den Kachelmann auch schreiben. Aber der ist ja ein Mann und daher sowieso gleich mal schuldig.

navrat pospischil
 
02
23.10.2011, 23:12
Weder ist sie schuldig weil sie eine Frau ist.

Noch ist sie unschuldig weil sie eine Frau ist.

Silvio Lackner
00
21.10.2011, 15:14
Naja, ich frag mich, wie eine Richterin über einen Mann geurteilt hätte,

wenn er bekannt für sadistische Sexspiele gewesen wäre und neben einer Ermordeten aufgefunden wird. Freispruch? Also dass die Fox jetzt eine Bedauernswerte ist, finde ich nicht.

Tutenchmamuu
03
13.10.2011, 23:09
der punkt ist

die alte ist einfach geil, und sie mag dreckigen sex. mehr will ich nicht wissen.

pimpf1
 
04
13.10.2011, 09:00
Wenn alles nur eien moderen Hexenjagd war

bleiben dennoch die vielen ungereimtheiten.
Warum hat Ms Knox nicht einfach zu Protokoll gegeben: "Sorry ich und mein Freund waren stoned. Waren auch nicht da, sondern in Rafaeles Wohnung. Haben nichts gehört, nichts gesehen & nichts verdächtiges festgestellt.
So um 10:00, als ich keimkam, habe ich die Mess gesehen und zuerst, weil ich groggy war, das nicht richtig verarbeiten können. Danach schlich es mir und ich habe die Polizei gerufen!"
Rafaele hätte das nur zu bestätigen gebraucht, und der Käse wäre für beide gegessen gewesen.
Warum aber dann dieses Hickhack?
Diese vielen nach wie vor von ihr und ihm unbeantwortete Fragen?

AlBundyFan
 
22
13.10.2011, 13:23
woher weißt du, da sie das nicht gesagt hat?

sie wurde in den ersten 4 tagen allein 40h verhört....

du bist ganz schön naiv wenn du glaubst, daß die polizei dann nichts mehr tut und du aus dem schneider bist.

und das gilt nicht nur für diesen fall - wenn die polizei bzw. die ermittlenden beamten dich schon vorverurteilt haben dann kommst du ganz sicher nicht mit so einem "billigen" gschichtl aus der sache raus.

eher würden sie sagen: "stoned -> man weiß nicht mehr was man tut -> du bist schuldig selbst wenn du dich selbst nicht erinnern kannst".

Wieviel Demokratie ist es bitte?
02
12.10.2011, 17:31
Ah

wieder zensiert.

milo66
71
12.10.2011, 17:25

Einer der besten Artikel über Amanda Knox, der bis jetzt zu lesen war.
Ich stimme zwar auch den postern zu, die meinen, ähnliches hätte es auch in jenen fällen geben müssen, in denen männer vorverurteilt wurden, aber das ist diesem artikel hier nicht anzulasten.

maxmilgram
123
12.10.2011, 15:24
Wo waren eigentlich...

... die Artikel gegen mediale Vorverurteilung in den Fällen DSK und Kachelmann?

Wo die Plädoyers für "Im Zweifel für den Angeklagten"?

Oder kommen die noch?

Eine kleine Hilfe für einen möglichen ersten Absatz:

"DSK bot eine altbewährte Projektionsfläche: Alt, erfolgreich, männlich. Und diese Fläche wurde im letzten Jahr fleißig beschrieben - in sexistischer und vorverurteilender Manier."

Mynnia
01
3.11.2011, 13:39

Da habe ich einige gelesen...Also nur, weil Sie sie nicht gefunden haben, müssen Sie nicht so tun, als ob es sie nicht gab.

peter schmidt
 
09
12.10.2011, 15:17
Und hat sich Alice Schwarzer schon zu Wort gemeldet und engagiert

gegen Vorverurteiltung, mediales Begleitgetöse und das Einbeziehen von für den Prozess nicht wichtigen Fakten aus dem Privatleben Stellung genommen?

Réunion
116
12.10.2011, 13:19
"und die bei männlichen Verdächtigen in diesem Ausmaß nicht einsetzt"

was ist mit Kachelmann?

ich teile Ihre Meinung zur medialen Vorverurteilung, aber diese ist nicht auf Frauen beschränkt!

verinus
116
12.10.2011, 12:50

zweifellos sexistisch.

wenn meine informationen stimmen gibt es statistiken die belegen, dass frauen für die gleichen vergehen weniger stark bestraft werden als männer- das is ja mal sexistisch.

ich unterstelle, dass wenn fr knox ein mann gewesen wär und eventuell nicht so hübsch, sie jetzt einsitzen würd ohne dass es jemanden interessiert...

gertrude
00
15.10.2011, 21:59
aber ist doch in der tat seltsam

-und legitim, das an der gesellschaft zu kritisieren- dass es niemanden interessieren würde, wenn sie ein hässlicher mann gewesen wäre.

die rote baronin
62
12.10.2011, 13:34
A. Knox war nicht die einzige, die freigesprochen wurde.

Ebenso traf es ihren Ex-Freund. Sie werden staunen: er ist ein Mann. Weder gegen ihn, noch gegen sie lagen eindeutige Beweise vor. Deshalb der Freispruch. Anders sah es bei dem 3. Angeklagten aus, der bei der Tat zumindest in der gleichen Wohnung war. Hier sprach alles gegen ihn. Deshalb die Verurteilung.

gertrude
01
15.10.2011, 22:03
was "alles" sprach genau gegen ihn?

ich unterstelle ihnen jetzt mal, genauso eine vorverurteilung zu fällen, da sie nicht ganau um die umstände wissen!

zabia
 
00
12.10.2011, 12:36
... lenkt von umfassenderen Problemen ab.

Da ist viel dran.

Taschenkalender
122
12.10.2011, 12:34
ach nein, sowas aber auch

ist das "Opfer" eine Frau auf der Anklagebank ist alles rundherum böse und man muss doch der Frau glauben

Geht es um mutmaßliche Vergewaltiger, die schwerwiegenden Beschuldigungen ausgesetzt sind und auf der Anklagebank sitzen muss man auch der Frau glauben..

sehr toll DIEstandard..

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