Noch keine Hosen für Türkinnen

18. Oktober 2011, 16:27
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    foto: reuters/bektas

    Zutritt zum Plenarsaal im türkischen Parlament in Ankara haben Frauen derzeit nur im Rock. 78 Abgeordnete, so viele wie noch nie zuvor in der Türkei, sind weiblich.

Das türkische Parlament wollte Hosen auch für weibliche Abgeordnete erlauben. Doch dann verzettelten sich die Männer

Für Safak Pavey ist das alles einfach nur unangenehm. In das Plenum des türkischen Parlaments in Ankara muss die Abgeordnete mit einem Rock bekleidet gehen. So schreibt es die Geschäftsordnung der Großen Türkischen Nationalversammlung vor. Weil Pavey aber eine Kunststoffprothese trägt, die ihr linkes Bein ersetzt, hat auch die konservativ-muslimische Regierungspartei AKP ein Einsehen. Das jahrzehntealte Hosenverbot für Frauen sollte vergangene Woche schnell per Gesetz beendet werden. Doch dann fiel jemandem ein, dass man auch gleich Kopftuchverbot und Krawattenzwang aufheben könnte. Das war zu viel. Jetzt ist die Moderevolution erst einmal abgeblasen worden.

Safak Pavey von der säkularen sozialdemokratischen CHP fühlt sich nun von den anderen Oppositionsparteien benutzt. Ein kurdischer Abgeordneter hat beim Verfassungsausschuss des Parlaments den alternativen Gesetzesvorschlag mit Kopftuch und Krawatte eingereicht. Die rechtsnationalistische MHP gab als Linie vor: wenn Hose, dann auch muslimisches Kopftuch. Jetzt sei alles komplexer geworden, stellte der Ausschussvorsitzende fest. Man müsse sehr viel mehr überlegen. Denn Kleider machen Staat in der Türkei.

Vorsicht beim Kopftuchthema

78 Frauen zählt das türkische Parlament heute, 14 Prozent aller Abgeordneten - mehr als jemals zuvor. Das Kopftuch ist dabei das eigentlich politisch explosive Thema. Es rührt an den Grundfesten der Republik von Kemal Atatürk und der Trennung von Religion und Staat. Einmal schon war die Regierungspartei AKP mit der Aufhebung des Kopftuchverbots in öffentlichen Einrichtungen vor dem Verfassungsgericht gescheitert und kam dann selbst gerade noch um ein Parteiverbot herum. Seither ist Premierminister Tayyip Erdogan bei dem Thema vorsichtig.

Während die Geschäftsordnung des türkischen Parlaments ein Hosenverbot für Frauen und Krawattenzwang für Männer festlegt, ist das muslimische Tuch aber nur de facto untersagt.

Merve Kavikçi hat das nach der Parlamentswahl 1999 ausgetestet. Die Abgeordnete der damaligen islamistischen Tugend-Partei ging mit Kopftuch (und Rock) ins Plenum und wurde von einem Chor rasender Männer empfangen, die "Hinaus!" riefen. Kavikçi verlor ihren Sitz und später auch ihre Staatsbürgerschaft. Das ist inzwischen auch vielen säkularen Kemalisten peinlich. (Markus Bernath aus Istanbul/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.10.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 35
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Pygar
 
211
19.10.2011, 00:35

Erdogan tritt das Erbe von Atatürk sowieso regelmässig mit Füssen. Die Gegner seiner islamistischen Umgestaltung (die Generäle) hat er schon vor einem Jahr ausgeschaltet. Ich glaube nicht, dass Erdogan "vorsichtiger" agiert. Seine Umgestaltung geht voran, denn die EU hofiert ihm selbst jetzt noch, wo er seine kriegslüsternen Hetzreden kundtut.

crowfoot
52
19.10.2011, 09:53
so blöd das für sie jetzt klingen mag

aber die akp und erdogan haben es doch geschafft, ob im positiven oder negativen sinne, das überlasse ich ihnen selbst zu bewerten, starre Strukturen innerhalb der Türkei aufzubrechen und die Türkei auf den Weg Richtung Moderne, bzw. näher an Europa zu bringen. viele menschen die vom land in die metropolen gezogen sind befinden sich in der Lage Moderne und Tradition auf die eine oder andere sinnstiftende weise zu verbinden, dass das ganze nicht ohne konflikte abgeht sollte eigentlich klar sein.

Pygar
 
311
19.10.2011, 10:37

Kriegstreiberei, kein Einsehen im Fall Zypern, dauernde Hetze gegen Israel, Aufhebungsversuche des Kopftuchverbots, Verstärkung der Zensur in der Türkei, immanentes Unterdrücken der Kurden, Kooperation mit dem Regime im Iran, Kaltstellen der Offiziere die eine Meinung gegen Erdogan haben ...

Ist das "die Moderne"? Ist das die Richtung in die es in Europa geht?
Wünschen tue ich mir das allerdings keinesfalls!

anders and
 
50
19.10.2011, 21:32

was soll "immanentes Unterdrücken" sein,
was ist an der Aufhebung des Kopftuchverbotes so schlimm,
und was ist an einer Kooperation mit dem Iran schlimmer als an einer mit Saudi Arabien?

Es gibt viel an der Türkei zu kritisieren, aber die Vorstellung, dass Erdogan aus einer halbwegs guten eine durch und durch böse Türkei gemacht habe, ist doch ein wenig eigenartig.

Nelly Niedlich
 
00
19.10.2011, 23:03
anders and
 
10
20.10.2011, 06:09

Zwischen Zwang zum Kopftuch und Verbot des Kopftuchs liegt ein gewaltiger Raum.
In dem Artikel geht es doch um den staatlichen Zwang zum Kopftuch -ansonsten wäre der Vergleich mit dem Judenstern doch sinnlos!

Nelly Niedlich
 
00
20.10.2011, 13:51
anders and
 
10
20.10.2011, 13:55
wurm83
 
61
19.10.2011, 15:50
na und?

die usa sind auch kriegstreiber, hatten kein einsehen, dass der irak keine atomwaffen hat und gegen islam und sozialisten hetzen sie auch pausenlos...

der kreationismuss wird wieder in den schulen gelehrt (trennung von staat und religion) und was mit soldaten passiert die ihre eigene meinung nennen oder gar brisantes material an leaks weiterleiten wissen wir auch alle...

ich kann mich an einen fall erinnern bei dem die regierung einfach alle daten ihrer agentin bekanngemacht hat (und sie und ihre familie damit hochgradig gefährdet hat) weil die irgendwas gemacht hat was der regierung nciht gepasst hat...

und auch eine atombombe haben die türken noch nicht geworfen...

Pygar
 
24
19.10.2011, 16:51

Da endet die Diskussion mit dir auch schon. Die USA hat sicher viele Leichen im Keller liegen und vieles gehört verbessert, aber eine durchschnittliche Amerikanerin hat mit Sicherheit mehr Freiheit und eine höhere Lebensqualität als eine durchschnittliche Türkin. Man sollte sich nicht nach 'unten' orientieren.

zahnloser Tiger
04
19.10.2011, 12:35
Ist das die Richtung in die es in Europa geht?

die Türkei sieht sich ja nicht unbedingt als Teil "Europas"

der türkische Nationalismus drängt ja in Richtung (Pan-)Turanismus bzw (Pan-)Türkismus ergo in Richtung zentralasiatischer Wurzeln.
Dass unsere "westlichen" Werte da nicht unbedingt Priorität geniessen liegt sicherlich auch darin begründet.

sie haben übrigens die Weigerung gegen die eigene Vergangenheitsbewältigung (Genozid an den Armeniern) und die schleichende aber stetige theokratisierung der Demokratie vergessen.

Allerdings sollten sie auch bedenken, dass wir auch eine vollkommen andere Perspektive geniessen.

Bei langjährigen Strafgefangenen beobachtet man auch öfters eine "Angst" vor der Freilassung. wenn man die den Menschen inhärente Xenophobie benutzt kommt sowas raus.

Pygar
 
12
19.10.2011, 13:36

Die Türkei gehört auch nicht zu Europa.

Ich habe auch den Versuch Erdogans vergessen, die Verfassung zu ändern, damit er sich auch das Präsidentenamt einverleiben kann. Das ist im noch nicht gelungen.

Die Perspektive mag hier anders sein, dennoch gibt es einfach Werte im Lebenszyklus der Menschen, die universal sein sollten, weil sie besser sind. Die Menschenrechte.

Nelly Niedlich
 
22
19.10.2011, 16:11
Pygar
 
22
19.10.2011, 16:57

Sharia ? Menschenrechte.

Das ist ja nun ein gutes Beispiel und alle sollten dem Link folgen und das lesen. In der Türkei gilt die Sharia zum Glück nicht für alle Bereiche des Lebens. Aber die Sharia ist ein Fluch für alle Frauen und Männer die in einem islamischen Land geboren wurden.

wurm83
 
21
19.10.2011, 15:51

das schaffen wir ja nichtmal in österreich --> gleichberechtigung (menschenrecht) frauen dürfen keien priester werden --> kirche kann sich noch immer über menschenrechte hinwegsetzen...

Pygar
 
22
19.10.2011, 16:54

Im realen Alltag ist das sicher ein grosses Leiden für eine österreichische Frau, dass sie nicht Priesterin einer patriarchalen Religion werden kann. Zudem wird sie sicher auch gezwungen dieser Religion anzugehören.

Genug Sarkasmus.
Vielleicht solltest du mal mit türkischen Frauen sprechen, die sich von der islamischen Lebensrealität befreien konnten.

zahnloser Tiger
20
19.10.2011, 15:15
übrigens gehört die Türkei GEOGRAFISCH sehr wohl zu Europa...

was das kulturelle Selbstverständnis betrifft teilweise ebenso.

"Die Türkei gehört auch nicht zu Europa." ist eine Aussage ihrerseits, der allerdings auf eine gewisse ausgrenzende Haltung schliessen lässt.

Ob sie das Recht haben solche Zuordnungen zu treffen, wenn sie dort gleichzeitig die Einhaltung UNSERER Werte fordern???

wie würden sie reagieren wenn der Rest Europas - HYPOTHETISCH - Österreich ausschlösse, weil wir nicht bereit wären neoliberale Politik in noch stärkerem Ausmaß als derzeit zu bedienen?

wir haben nicht das Recht anderen unsere Lebensart aufzudrängen, wenn diese Menschen sich ausserhalb unserer Staatsgrenzen befinden. Dies ist maximal bei eklatanten Verstößen gegen bestimmte Menschenrechte legitim.

Der Waehlerwille
 
01
20.10.2011, 09:52
geografisch gehören maximal 3 prozent der türkei zu europa.

Selbst kasachstan hat mehr landfläche in europa als die türkei. Aber ob geografisch oder nicht ist ohnehin irrelevant. es geht maximal darum ob die EU-Staaten sich noch einen Nettoempfänger leisten könnten. Und ja .. trotz Wirtschaftswachstums wäre die Türkei nach wie vor ein massiver Nettoempfänger.

Pygar
 
32
19.10.2011, 17:04

Für Diskussionen über Grenzen von Nationalstaaten bin ich der falsche Diskussionspartner. Nationalstaaten interessieren mich nämlich überhaupt nicht. Auch ist mir die Religion egal. Mir geht es nur um die Menschen. Wenn die Menschen unter irgendetwas leiden müssen, was nicht sein müsste, bin ich sehr wohl der Meinung, dass andere denen helfen müssen, die nicht darunter leiden müssen.

Das mit dem Nichteinmischen ist auch Unsinn, denn es ist ignorant und grausam. Damit wird auch oft FGM ignoriert und vieles andere. Die Nichteinmischung bei relevanten Dingen (wenn Menschen leiden müssen) ist eine widerliche Politik, denn sie stützt immer die wenigen Fanatiker, die allen anderen etwas aufzwingen (wollen).

zahnloser Tiger
10
20.10.2011, 11:36
na sie sollten schon sinnerfassend lesen

Die Nichteinmischung gilt ja nicht immer. "Dies ist maximal bei eklatanten Verstößen gegen bestimmte Menschenrechte legitim."

mich interessiert es auch nicht was sie genau einmischenswert finden, sie haben nicht das recht anderen zu erklären wie diese zu leben haben

wenn sie diesen Teil der Freiheit (nämlich die Freiheit anderer) nicht verstehen, dann sind sie auch nichts anderes als ein Ewiggestriger...

was rauskommt wenn die "besten" allen anderen diktieren wos langgeht und wie der Hase zu laufen hat hat man ja schon mehrfach gesehen...

übrigens glauben viele Islamisten nämlich genau wie du "die Weisheit" mit dem Löffel gefressen zu haben, weshalb sie uns beibringen wie es "wirklich" läuft... mit Theokratie und Scharia...

zahnloser Tiger
10
19.10.2011, 15:10
dennoch gibt es einfach Werte im Lebenszyklus der Menschen, die universal sein sollten, weil sie besser sind.

das zu behaupten steht uns subjektiv nicht zu

die "Werte" unserer Gesellschaft entstehen aus tradierten ehtischen Überzeugungen, die im historischen Kontext gewachsen sind

wenn z.B. die ChinesInnen damit zufrieden sind von einer authoritären kommunistischen Diktatur in einer Pseudodemokratie gehalten zu werden, so ist das deren Sache.

"Unsere" Werte sind nur für uns gültig weil wir in einem souveränen Nationalstaat diese fordern. Ein "globales" Richtig und Falsch kann und wird es niemals geben.

sie sollten bedenken dass es eine "Objektivität" niemals geben kann, bestenfalls einen Intersubjektiven Querschnitt von "Richtigkeit", dieser ist jedoch sozial und kulturell bedingt ausgeformt.

Der Rest liegt im Auge der BetrachterInnen.

Pygar
 
20
19.10.2011, 22:06

Wie kommen die Chinesinnen, die sich Freiheit wünschen, dazu sich dem totalitären Establishment unterzuordnen?

Wobei es natürlich ein dreister Vergleich ist China mit der Türkei in einen Topf zu werfen. Die Türkei hat noch nicht die technischen Möglichkeiten der totalen Zensur. Ansonsten kann man in China auch gut leben. In der Türkei hat man als Frau aber staatlich verordnet die schlechteren Karten.

zahnloser Tiger
10
20.10.2011, 11:41
rofl

also sorry, aber du bist ja wirklich sehr stereotypbelastet

die Türkei ist kein unterentwickelter Agrarstaat mehr, wach endlich auf.

das mag in manchen ländlichen Gebieten noch so aussehen, aber bitte wage doch einen Blick ins "heilige Land" Tirol....

da laufen auch noch genug herum die ausschauen als wären sie erst gestern draufgekommen wie man Feuer macht.

wie kommen ChinesInnen dazu sich von DIR(!) vorschreiben zu lassen was richtig oder falsch wäre?

wie kannst du es wohl wagen deren Freiheit zu unterlaufen indem du ihnen irgendwas diktierst?

die sind länger Kommunisten als du auf der Welt bist, also was glaubst du denn eigentlich wer oder was du bist daß du denen was vorschreiben willst?

mr. z
21
19.10.2011, 07:25

Erdogan ist, wenn auch ganz anderer politischer Coleur, Atatürk eigentlich nicht unähnlich.
Beide sind/waren Machtpolitiker, die gerne den starken Mann spielen und recht autoritär veranlagt sind. Beide hatten auch kein Problem, sich über die Stimme des Volkes hinwegzusetzen, um ihre Prinzipien durchzupeitschen.
Irgendwie geht mir diese Atatürk-Verklärung mächtig auf den Wecker.
Ja, Erdogan hat komische politische Ansichten, aber warum immer Atatürk als Contrastpunkt beschworen wird, ist mir ein Rätsel. Nur weil er pro-westlich war?

G.G.White
03
19.10.2011, 11:08
Nur weil er westlich war?

Nein, weil er in einem muslimischen Land die Trennung von Kirche und Staat durchgesetzt hat, und dass ist was im aufgeklärten Europa als Fortschritt gilt (den leider Österreich auch noch nicht vollständig umgesetzt hat). Der Einfluss von Religion auf die Politik ist mittelalterlicher Anachronismus.

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