Am schlechtesten kommen die Frauen weg

  • Elfriede Jelinke bei einem Interview im Jahr 2004, nachdem bekannt wurde, dass ihr der Literaturnobelpreis zuerkannt wird.
    foto: apa/roland schlager

    Elfriede Jelinke bei einem Interview im Jahr 2004, nachdem bekannt wurde, dass ihr der Literaturnobelpreis zuerkannt wird.

Die produktive Nobelpreisträgerin wurde 65 Jahre alt - Mit der Frauenbewegung hält sie es wie mit ihrer Mitgliedschaft bei der KPÖ

Teilnehmendes Abstandhalten: So hält es Elfriede Jelinek mit der Frauenbewegung ebenso wie mit ihrer Mitgliedschaft bei der KPÖ. Anschluss zur Frauenbewegung hat die Schriftstellerin allerdings von Anfang an gesucht. Sie hielt Vorträge über Geschlechterrollen, besuchte Tagungen zu "Frauen Macht Körper" und bewies, dass ihr etwa Luce Irigaray keine Unbekannte ist. Tatkräftig etwa arbeitete sie 1976 an der feministischen Zeitschrift "Die schwarze Botin" mit. Das Wort "Frauensolidarität" oder Selbsterfahrungsgruppen in den 1970er Jahre fand sie jedoch abstoßend. Ihre feministische Heimat fand Jelinek im intellektuellen Feminismus.

Die Literaturnobelpreisträgerin kann auf eine lange Liste an Auszeichnungen blicken - diese reicht von Büchner- und Lessing-Preis, Mülheimer Dramaturgie-Preis bis eben zum 2004 zuerkannten Literaturnobelpreis.

Zum Wunderkind dressiert

Auf ihrer sorgsam betreuten Homepage ist davon freilich nichts zu lesen: Elfriede Jelinek wurde am Donnerstag 65 Jahre alt. Geboren wurde sie am 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag in der Steiermark. Ihre "ungemein leistungsbezogene" Mutter habe sie zum Wunderkind dressieren wollen, erklärte Jelinek einmal. Mit sechs Jahren begann sie ihren Klavierunterricht und übte schon bald an einem eigens angeschafften Steinway-Flügel. Mit 13 wurde sie jüngste Schülerin in der Musikhochschule und begann ein Orgelstudium. Später lernte sie auch Bratsche und Gitarre, mit 16 auch noch Komposition.

Nach der Matura, die sie an einer Klosterschule ablegte, studierte sie am Wiener Konservatorium Klavier und Komposition, belegte daneben aber auch Sprachen, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität. Aus der für sie von der Mutter Ilona Jelinek geplanten Musikerinnen-Karriere wurde allerdings nichts: Elfriede wurde Autorin und schon als Studentin veröffentlichte sie 1967 ihren ersten Gedichtband "Lisas Schatten". Bis zum Tod (2000) jedoch hatte Ilona Jelinek großen Einfluss auf das Leben ihrer Tochter - verewigt in "Die Klavierspielerin".

Polarisierende Wirkung

Sowohl ihr Romandebüt "wir sind Lockvögel, baby" (1970) als auch die Romane "Die Ausgesperrten" (1980) und "Die Klavierspielerin" (1983) begeisterten die KritikerInnen, stießen jedoch in gleichem Maße auf heftigen Widerstand. Jelinek übt in ihrer Arbeit immer wieder scharfe Kritik an der Männer- und Klassengesellschaft und setzt sich kritisch mit dem Thema Sexualität, Macht und Gewalt auseinander. Aufsehen, Neugier und Widerspruch erregte besonders der Roman "Lust" (1989).

Schon ihre Ankündigung zu "Lust", nämlich einen weiblichen Gegenentwurf zur männlichen Pornografie zu beschreiben, schwörte die KritikerInnen gegen sie ein: "Dieses Buch zeigt nichts, es ist eine einzige nervtötende Behauptung", schrieb etwa "Die Zeit". Die schlechten Besprechungen zu "Lust" beeinträchtigten den Erfolg des Buches aber nicht. In den ersten sechs Wochen wurden immerhin 42.000 Exemplare verkauft. Und gerade weil das Buch so intensiv besprochen wurde und so sehr polarisierte, hieß das Thema der Buchsaison 1989: Der weibliche Sex.

Kollaboteurinnen von Männern

Doch in Jelineks Werken kommen nicht nur die Männer schlecht weg. Am schlechtesten ergeht es den Frauen, die sich abhängig machen oder zu Kollaboteurinnen von Männern werden. Für diese Frauen kennt Jelinek, die alles daran gesetzt hat, finanziell unabhängig zu sein und sich von keinem Mann aushalten lassen zu müssen, kein Pardon. Für ihre Werke musste sie auch deshalb immer wieder heftige Kritiken einstecken. Zeitungen (etwa die "Kronen Zeitung") und politische Gegner (die FPÖ plakatierte 1995 sogar den Slogan "Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk... oder Kunst und Kultur?") griffen Elfriede Jelinek immer wieder an.

Angriffsflächen boten eben ihr Bestseller "Lust" (1989), die Uraufführungen ihrer Porno-Satire "Raststätte oder Sie machen's alle" durch Claus Peymann (1994) und von "Ein Sportstück" durch Einar Schleef (1998) sowie die Verfilmung ihres 1983 erschienenen Romans "Die Klavierspielerin". Durch die Verfilmung von "Die Klavierspielerin" (Michael Haneke) fand sie weit über die Grenzen des Literatur- und Theaterbetriebs Beachtung.

Monologartige Textflächen

Zunehmend wurde Jelinek mit ihrer Verweigerung von klassischer Dramaturgie und der Entwicklung von monologartigen Textflächen zur Herausforderung der Theater, die Regisseure mit immer größerer Begeisterung annahmen. Zu Jelineks wichtigsten Regisseuren wurden Christoph Schlingensief ("Bambiland"), Jossi Wieler ("Macht nichts", "Rechnitz (Der Würgeengel)") und vor allem Nicolas Stemann ("Das Werk", "Babel", "Ulrike Maria Stuart", "Die Kontrakte des Kaufmanns" u.a.).

Literaturnobelpreis "Im Abseits"

Als ihr "opus magnum" bezeichnet sie selbst "Die Kinder der Toten" (1995). Im Jahr 2000 erschien "Gier", ein vieldeutiger Kriminalroman aus der österreichischen Provinz. Ihren bisher letzten Roman "Neid" (2008) veröffentlichte sie - dank der hohen Nobelpreisdotierung auf herkömmliche Buchverkäufe nicht mehr angewiesen - nur im Internet.

Ihr Rückzug aus dem öffentlichen Diskurs erfolgte etwa zeitgleich mit der Verleihung des Nobelpreises - tut allerdings ihrer Produktivität als auch der Dichte an Rezeption ihrer Werke keinen Abbruch. Erst Ende September wurde ihr bisher jüngster Text "Licht." - eine Auseinandersetzung mit der Atom-Katastrophe von Fukushima -, in Köln uraufgeführt. "Im Abseits" (wie sie ihre Nobelpreisrede nannte) fühlt sie sich deutlicher wohler. Der Nobelpreis habe sie "vollkommen und endgültig von der menschlichen Gesellschaft abgeschlossen", sagte sie ein Jahr danach. "Ich finde das aber nicht so schlecht. Jetzt fühle ich mich frei." (eks, APA, dieStandard.at 19.10.2011)

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