Aggression ist keine Anmache: Die Autorin Tristane Banon über ihre Rolle in der Affäre Dominique Strauss-Kahn
Standard: Frau Banon, Sie wurden, wie gerichtlich bestätigt ist, in einem Privatbüro Opfer eines sexuellen Übergriffs. Trotzdem empfangen Sie Journalisten allein zu Hause. Macht Ihnen das keine Angst?
Tristane Banon: Als die Affäre DSK im Mai platzte, zog ich sechs Monate lang von einer Adresse zur anderen; Journalisten, sogar Bekannte empfing ich in anonymen Cafés. Langsam habe ich genug davon. Aber ich würde Sie gerne in einem Büro empfangen, wenn ich mir eines leisten könnte.
Standard: Wie ist es, sich sozusagen über Nacht mitten in einem Medienwirbel planetaren Ausmaßes vorzufinden?
Banon: Auch wenn ich selbst Journalistin bin - man ist nie darauf vorbereitet, schon gar nicht auf die am stärksten mediatisierte Affäre seit 9/11, wie jemand geschrieben hat. Als ich am 15. Mai geweckt wurde, entdeckte ich überall, auf Internetseiten in Japan, Italien, den USA, mein Bild. Dabei war es zu Beginn die Affäre zwischen DSK und Nafissatou Diallo. Aber da es von der Zimmerfrau kein Bild gab, ja nicht einmal einen Namen, kam ich überall ins Bild. Die Journalisten auf der ganzen Welt hatten mit ein paar Klicks entdeckt, dass ich ein paar Jahre zuvor in einer Fernsehsendung meine eigene sexuelle Aggression durch Dominique Strauss-Kahn erzählt hatte.
Standard: Wie fühlten Sie sich dabei?
Banon: Wie jemand, dem nichts mehr gehört. Meine Worte, mein Bild gehörten mir nicht mehr. Die Leute sprachen an meiner Stelle - Psychologen, Journalisten, Philosophen erzählten im Fernsehen über mich, über meinen Vater, den ich "nie gesehen" habe, und über mein "schwieriges Verhältnis" zu Mutter. Sie erfuhren, dass ich Romane schreibe und fragten, ob vielleicht Realität und Fiktion verwechsle. Und so weiter. Mein Bild gehörte mir nicht mehr. Deshalb habe ich bis heute keinen einzigen Spiegel in meiner Wohnung.
Standard: Sie wollen sich nicht mehr anschauen?
Banon: Wenn einem sein eigenes Bild abhanden kommt, droht man sich zu verlieren. Erinnern Sie sich, wie sich Britney Spears einmal kahlrasierte und tätowierte? Ich verstand das erst, als ich selbst in die DSK-Affäre geriet - ein Medienbild kann einen verrückt machen. Um dieser Gefahr zu begegnen, gibt es nur eines: Man muss zu seinem Inneren finden, man muss sich selbst bei jedem Entscheid ständig fragen, wer man ist, was man selbst will, welchen Sinn das macht - persönlich, nicht für die anderen, das Image, nicht für die Kommunikationsberater, wie bei Strauss-Kahn. So habe ich die Affäre überstanden, überlebt.
Standard: Bot man Ihnen Geld?
Banon: Das taten vor allem Fernsehstationen in Frankreich, Italien und Spanien. Ein US-Sender bot mir 50.000 Dollar plus Flugticket und Hotel, wenn ich ihm exklusiv erklären würde, dass ich gegen DSK einreichen würde. Ich glaubte, die Welt stehe kopf! Bei einer Kundgebung in diesem Herbst am Pariser Châtelet-Platz stürzten sich Journalisten aus Spanien, China, Holland fast physisch auf mich; meine drei Leibwächter - die mir ihre Dienste eine Zeitlang von sich aus unentgeltlich anboten - hatten alle Hände voll zu tun und warfen sogar einen Pressemann in den Brunnen.
Standard: In Ihrem Gerichtsfall steht Aussage gegen Aussage. Dominique Strauss-Kahn sagte aus, er habe Sie bei dem fraglichen Treffen 2003 nur zu küssen versucht.
Banon: Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Spitzenpolitiker, einer der wichtigsten Funktionäre der Welt, bald Präsidentschaftsanwärter. Dann geben Sie nicht zu, Sie hätten bei einem Interview die Journalistin zu küssen versucht. Es sei denn, wenn viel mehr vorgefallen ist.
Standard: Die Gerichtsklage ziehen Sie allerdings nicht weiter.
Banon: Der Staatsanwalt befand auf "sexuelle Aggression". Das ist das Wichtige - für mich eine Anerkennung. Der Tatbestand ist aber verjährt. Und für den noch nicht verjährten, weil härteren Tatbestand der versuchten Vergewaltigung fehlen die Beweise. Ich hätten unter anderem einen "Beginn der Ausführung", das heißt eine Erektion, belegen müssen . ..
Standard: Litten Sie unter den Folgen?
Banon: Am Anfang spürt man keine Folgen. Dann begannen Probleme mit Männern mit Bett. Und meine Berufsprojekte kamen plötzlich nicht mehr weiter. Bis ich merkte, dass daran Einfluss von oben schuld war, zum Beispiel der Lagardère-Konzern oder Strauss-Kahns Kommunikationsagentur Euro RSCG. Sie blockierten prophylaktisch meine Karriere, damit ich nicht aufstieg und zu wichtig wurde. Das Verrückte daran ist, dass sie das vorbeugend machten, für den Fall, dass irgendwann mal etwas rauskäme!
Standard: War es rückblickend ein Fehler, dass Sie vor acht Jahren keine Klage gegen DSK eingereicht hatten?
Banon: Das war damals schlicht unmöglich. Die Justiz wäre nicht einmal auf die Klage eingegangen. Damals gab es in Paris noch nicht einmal eine Brigade für Sexualdelikte. Und selbst wenn, hätte ich die Attacken als unbedarfte 24-Jährige kaum überstanden. Auch jetzt, da ich immerhin 32 Jahre alt bin, verdanke ich es nur meinem Anwalt, dass ich durchkam.
Standard: Sie sind fast eine Ikone der Feministinnen geworden. Sind Sie selbst Feministin?
Banon: Ich weiß nicht, ich bin politisch nicht festgelegt. Aber ich übernehme einzelne Forderungen wie etwa die Anerkennung der anonymen Aussagen von Frauen vor Gericht oder den Gesetzesvorschlag einer kommunistischen Abgeordneten, die die Verjährungsfristen bei sexueller Belästigung verlängern will. Noch wichtiger ist aber die öffentliche Debatte. Ich höre immer wieder, dass die beteiligten Frauen vielleicht nicht ganz unschuldig seien. Oder dass es unmöglich sei, eine Frau zu einer Fellatio zu zwingen - schließlich könne man ja zubeißen. Diese Leute haben keine Ahnung von der Bestürzung, der Angst, wenn so etwas passiert.
Standard: In Paris hörte man auch Stimmen, die Franzosen seien halt geborene Verführer.
Banon: Ja, man spricht von der "Drague" (wörtlich: Anbaggern) in den lateinischen Ländern. Das geht in Ordnung. Auch Gruppensex oder Sadomaso-Spiele, selbst wenn das nicht mein Ding ist. Absolute Voraussetzung ist aber das gegenseitige Einverständnis - sonst ist es schlicht ein Rechtsverstoß. Eine sexuelle Aggression ist keine Anmache.
Standard: In Frankreich scheint mächtigen Männern aber mehr erlaubt zu sein - wie etwa bei Ex-Präsident Chirac, der für seine Eskapaden "zwanzig Minuten inklusive Dusche" berühmt war.
Banon: Das erklärt das enorme Schweigen der etablierten Parteien in der DSK-Affäre. Die Rechte schoss sich nie auf die Linke ein, der DSK entstammt. Denn diese Praktiken sind in den hohen Sphären der Politik, aber auch der Kultur sehr verbreitet. Die kleine Pariser Verlagswelt unterstützte mich nie. Man fand das "nicht so schlimm". Bezeichnenderweise nennt man in Frankreich alles, was sich um Sex dreht, "une bagatelle". Ich glaube, im Italienischen gibt es einen ähnlichen Begriff. Sex in welcher Form auch immer ist in diesen Ländern "etwas Leichtes". Und die Opfer? Warum berichtet man so häufig über Serienkiller, aber nicht über Serienvergewaltiger?
Standard: Sie sagen, Sie hätten den damaligen Sozialistenchef - und heutigen Präsidentschaftskandidaten - François Hollande 2003 informiert, dass Dominique Strauss-Kahn Sie angegriffen habe.
Banon: François Hollande hat mich enttäuscht, dass er so tut, als wüsste er von nichts. Er wusste alles, er kannte meine Geschichte. Doch ich billige ihm zu, dass ihm die Hände gebunden waren, solange ich nicht selbst Klage einreichte. Er hätte immerhin eine interne Debatte darüber starten können. Man hätte darüber reden sollen. Andererseits war Hollande einer der Einzigen, der sich nach meinem Befinden erkundigte. Das rechne ich ihm hoch an.
(Die Fragen stellte Stefan Brändle, DER STANDARD Printausgabe 19./20.11.2011)
Tristane Banon ist eine französische Journalistin und
Schriftstellerin.
Hintergrund:
Im Zuge der New Yorker Sofitel-Affäre von Dominique Strauss-Kahn
reichte sie im Sommer selbst Klage wegen versuchter Vergewaltigung ein.
Im Oktober ließ sie sie fallen, nachdem der Staatsanwaltschaft eine
"sexuelle Aggression" anerkannt hatte. In Lille (Nordfrankreich) laufen
indes Ermittlungen wegen Zuhälterei gegen einen Callgirlring, zu dem Strauss-Kahn Kontakte pflegte. Die Polizei verfügt über Abrechnungen und
SMS-Kopien, in denen Strauss-Kahn einem Organisator etwa vorschlug: "Ich
bringe eine Kleine für die Klubs in Wien mit." Diese Woche drohte der
Ex-Währungsfondschef und -Präsidentschaftsanwärter mit seiner Gattin
Anne Sinclair mit Klagen gegen Pariser Medien, die weiter über die
Callgirlaffäre und eine angebliche Scheidung des Paares spekulieren.
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