Transpersonen zwischen rechtlichen Verbesserungen und brutaler Transphobie: Weltweit wurden heuer schon 116 Menschen wegen ihrer Transidentität ermordet
Katherine Cummings wusste schon immer, dass sie im "falschen" Körper steckte. "Soweit meine Erinnerungen zurückreichen, solange weiß ich, dass ich transident bin", erzählt die heute 76-Jährige, die früher John genannt wurde und im australischen "Gender Center" arbeitet. "Mit etwa vier Jahren war mir das schon klar."
Vier Jahre alt war sie in den 1930ern. Mit 51, lange nach Hochzeit und Erziehung dreier Kinder, war Cummings
schließlich bereit für eine Geschlechtsanpassung. Seitdem hat sich für Transgender- und transsexuelle Personen weltweit vieles zum Besseren gewandt. Aber Diskriminierung und allgemeine Transphobie bleibt, auch in ihrer schlimmsten Ausformung: Jedes Jahr werden hunderte Transpersonen ermordet und tausende leben in ständiger Angst vor Angriffen. "Transgender leiden unter Gewalt, psychischer und sozialer, und die geht oft von ihren eigenen Familien aus, ihren PartnerInnen, Eltern, Kindern und Geschwistern", sagt Cummings.
Verfolgt und ermordet
Zum öffentlichen Thema wird die Verfolgung und Ermordung von Menschen
aufgrund ihrer Transidentität insbesonders am 20. November, dem
International Transgender Day of Remembrance (Internationalen Transgender Tag des Erinnerns). Er wurde 1998 nach dem
Mord an Rita Hester, einer Transfrau aus dem US-Bundesstaat
Massachusetts, ins Leben gerufen.
Auch heuer, in den ersten neun Monaten 2011, wurden weltweit 116 Transpersonen
ermordet, in den letzten zwölf Monaten 221 Menschen; seit 2008 wurden 681 Mordfälle aus 50 Staaten gemeldet. Zahlen, die
"Trans Murder Monitoring" (TMM) der Non-Profit-Organsiation "Transgender
Europe" sammelt und veröffentlicht. Sieben der 2011 verübten Morde sind in den USA passiert. In Washington D.C.
machte eine Serie von Anschlägen auf Transpersonen Schlagzeilen; einer
davon ging tödlich aus: Die 23-jährige Myles Mclean wurde erschossen.
Sensibilisierung notwendig
"Ich warte auf den Tag, an dem sich niemand mehr verstecken muss,
niemand mehr ermordet, gedemütigt oder zurückgewiesen wird, nur weil er
oder sie die Person ist, die er oder sie nunmal ist", sagt Eva-Genevieve
Scarborough, die im kalifornischen Riverside den diesjährigen
Transgender Tag des Erinnerns mitorganisiert hat. "Die Gesellschaft muss
sich bewusst werden, dass diese abscheulichen Verbrechen an
Transpersonen überall auf der Welt tagtäglich passieren."
Mit ihrem Appell ist sie nicht allein: Auch UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay prangerte im Mai den weltweiten Anstieg
der Gewalt gegen Trans- wie Homo- und Bisexuelle an.
Die meisten Morde an Transpersonen sind 2011 in Zentral- und
Südamerika passiert: 29 in Brasilien, 22 in Mexiko, elf in Venezuela,
zehn in Kolumbien und zehn weitere in den restlichen
lateinamerikanischen Ländern. TMM verzeichnete auch Ermordungen in der
Türkei, Polen, Pakistan, Indonesien, Philippinen und Malaysien.
Strafen für Transidente in Afrika
"Transpersonen sehen sich schlimmen Herausforderungen
gegenüber, egal, wo und in welchem sozialen Umfeld sie leben", sagt auch
Liesl Theron, Geschäftsführerin von "Gender dynamiX", einer
Organisation, die Transgender- und Transsexuellen-Rechte in Südafrika
vorzuantreiben versucht. "Transpersonen werden an den Rand der
Gesellschaft gedrängt und marginalisiert." In einem Bericht aus dem Jahr
2008 hat sie Beispiele von Transfrauen quer über den afrikanischen
Kontinent angeführt, die misshandelt und ins Gefängnis geworfen wurden.
"Die meisten afrikanischen Länder haben immer noch die ein oder andere
Gesetzgebung, die es erlaubt, gegen Homosexualität und Sodomie
vorzugehen", schreibt sie dort. Unter "Sodomie" fällt auch, trans zu
sein.
Die größte Hürde für Transpersonen in Afrika sei überdies der
schlechte Zugang zu medizinischer Versorgung. Es sei keine Ausnahme,
dass ÄrztInnen es ablehnen, Transgender zu untersuchen und zu behandeln;
im Gegenteil würden sie die Polizei verständigen, damit sie
Verhaftungen vornimmt. In Uganda hat dieses Vorgehen laut Theron zu
einer verbreiteten Praxis der Selbstmedikation unter Transpersonen
geführt, was für viele Langzeitgesundheitsschäden bedeutet.
Errungenschaften hier wie dort
In Südafrika selbst konnte die Transgender-Community einige Siege
erringen: Im Oktober erlaubte das Innenministerium einer Transfrau die
Änderung ihres Vornamens und Geschlechts in ihren Papieren. Gleichzeitig
sind die Wartelisten für geschlechtsanpassende Operationen lang: Sieben
Jahre beträgt die Wartezeit im Schnitt.
Auch wenn
Diskriminierungen am Arbeitsplatz, bei Behörden, im Gesundheitswesen und im sozialen Umfeld fortdauern: GenderaktivistInnen gewinnen seit einigen
Jahren wichtige Schlachten. So kann seit Kurzem in australischen Pässen
das Geschlecht als weiblich, männlich oder unbestimmt angegeben werden -
ohne, dass man sich einer operativen Geschlechtsanpassung unterziehen
muss. In Österreich sind seit 2009 keine Operationen mehr notwendig, um
bei Behörden im eigentlichen Geschlecht anerkannt zu werden. Wien hat
zudem das Zwangsouting über die Reihenfolge der Namensnennung in
Heiratsurkunden - der (frühere) Mann steht immer an erster und die
(frühere) Frau immer an zweiter Stelle - beendet. Andererseits kämpfen AktivistInnen nach wie vor um die Streichung der "Gender Identity Disorder" von der offiziellen Liste psychischer Krankheiten (mehr dazu hier).
Langsamer Prozess
"Alles in allem verbessern sich die Zustände über die Jahrzehnte
hinweg langsam aber stetig", konstatiert Cummings, deren Buch über ihre
geschlechtliche Identität "Katherine's Diary" 1992 mit dem Preis der
australischen Menschenrechtskommission ausgezeichnet wurde. Das sagt sie mit Betonung auf langsam: "Die Menschheit hat ein starkes Bedürfnis nach einer sozialen Hackordnung, die manche über andere stellt. Transpersonen werden deshalb für Bigotte weiterhin Zielscheibe sein."
Dass den Betroffenen heutzutage aber mehr Zuspruch und Unterstützung als früher entgegengebracht wird, zeigt auch das Beispiel der britischen Kinderhilfsorganisation "Mermaid". Dort kümmern sich die MitarbeiterInnen um Kinder, die so wie Cummings siebzig Jahre zuvor wissen, dass sie ins falsche Geschlecht hineingeboren wurden. Auf der Webseite des Vereins schreiben die Kinder über ihre Ängste und Verletzungen durch andere. "Als Kind konnte ich ich selbst sein, aber dann haben die Einschüchterungen begonnen", liest sich ein Gedicht, das "Sophie" mit 15 Jahren dort hinterlassen hat. Es endet mit der Zeile: "Warum wurde ich als Lüge geboren?" (Reuters/red)