"Warum wurde ich als Lüge geboren?"

23. November 2011, 07:00
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    foto: reuters/edgard garrido

    Tätliche Angriffe auf Transsexuelle und Transgender gehen nicht immer so "glimpflich" aus wie bei dieser jungen Honduranerin: Sie hat eine lange Narbe von einer Messerattacke zurückbehalten.

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    Remembering: Im indischen Bangalore wurde der Internationale Transgender Tag des Erinnerns mit einer Demonstration am 22. November begangen.

Transpersonen zwischen rechtlichen Verbesserungen und brutaler Transphobie: Weltweit wurden heuer schon 116 Menschen wegen ihrer Transidentität ermordet

Katherine Cummings wusste schon immer, dass sie im "falschen" Körper steckte. "Soweit meine Erinnerungen zurückreichen, solange weiß ich, dass ich transident bin", erzählt die heute 76-Jährige, die früher John genannt wurde und im australischen "Gender Center" arbeitet. "Mit etwa vier Jahren war mir das schon klar."

Vier Jahre alt war sie in den 1930ern. Mit 51, lange nach Hochzeit und Erziehung dreier Kinder, war Cummings schließlich bereit für eine Geschlechtsanpassung. Seitdem hat sich für Transgender- und transsexuelle Personen weltweit vieles zum Besseren gewandt. Aber Diskriminierung und allgemeine Transphobie bleibt, auch in ihrer schlimmsten Ausformung: Jedes Jahr werden hunderte Transpersonen ermordet und tausende leben in ständiger Angst vor Angriffen. "Transgender leiden unter Gewalt, psychischer und sozialer, und die geht oft von ihren eigenen Familien aus, ihren PartnerInnen, Eltern, Kindern und Geschwistern", sagt Cummings.

Verfolgt und ermordet

Zum öffentlichen Thema wird die Verfolgung und Ermordung von Menschen aufgrund ihrer Transidentität insbesonders am 20. November, dem International Transgender Day of Remembrance (Internationalen Transgender Tag des Erinnerns). Er wurde 1998 nach dem Mord an Rita Hester, einer Transfrau aus dem US-Bundesstaat Massachusetts, ins Leben gerufen.

Auch heuer, in den ersten neun Monaten 2011, wurden weltweit 116 Transpersonen ermordet, in den letzten zwölf Monaten 221 Menschen; seit 2008 wurden 681 Mordfälle aus 50 Staaten gemeldet. Zahlen, die "Trans Murder Monitoring" (TMM) der Non-Profit-Organsiation "Transgender Europe" sammelt und veröffentlicht. Sieben der 2011 verübten Morde sind in den USA passiert. In Washington D.C. machte eine Serie von Anschlägen auf Transpersonen Schlagzeilen; einer davon ging tödlich aus: Die 23-jährige Myles Mclean wurde erschossen.

Sensibilisierung notwendig

"Ich warte auf den Tag, an dem sich niemand mehr verstecken muss, niemand mehr ermordet, gedemütigt oder zurückgewiesen wird, nur weil er oder sie die Person ist, die er oder sie nunmal ist", sagt Eva-Genevieve Scarborough, die im kalifornischen Riverside den diesjährigen Transgender Tag des Erinnerns mitorganisiert hat. "Die Gesellschaft muss sich bewusst werden, dass diese abscheulichen Verbrechen an Transpersonen überall auf der Welt tagtäglich passieren."

Mit ihrem Appell ist sie nicht allein: Auch UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay prangerte im Mai den weltweiten Anstieg der Gewalt gegen Trans- wie Homo- und Bisexuelle an.

Die meisten Morde an Transpersonen sind 2011 in Zentral- und Südamerika passiert: 29 in Brasilien, 22 in Mexiko, elf in Venezuela, zehn in Kolumbien und zehn weitere in den restlichen lateinamerikanischen Ländern. TMM verzeichnete auch Ermordungen in der Türkei, Polen, Pakistan, Indonesien, Philippinen und Malaysien.

Strafen für Transidente in Afrika

"Transpersonen sehen sich schlimmen Herausforderungen gegenüber, egal, wo und in welchem sozialen Umfeld sie leben", sagt auch Liesl Theron, Geschäftsführerin von "Gender dynamiX", einer Organisation, die Transgender- und Transsexuellen-Rechte in Südafrika vorzuantreiben versucht. "Transpersonen werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt und marginalisiert." In einem Bericht aus dem Jahr 2008 hat sie Beispiele von Transfrauen quer über den afrikanischen Kontinent angeführt, die misshandelt und ins Gefängnis geworfen wurden. "Die meisten afrikanischen Länder haben immer noch die ein oder andere Gesetzgebung, die es erlaubt, gegen Homosexualität und Sodomie vorzugehen", schreibt sie dort. Unter "Sodomie" fällt auch, trans zu sein.

Die größte Hürde für Transpersonen in Afrika sei überdies der schlechte Zugang zu medizinischer Versorgung. Es sei keine Ausnahme, dass ÄrztInnen es ablehnen, Transgender zu untersuchen und zu behandeln; im Gegenteil würden sie die Polizei verständigen, damit sie Verhaftungen vornimmt. In Uganda hat dieses Vorgehen laut Theron zu einer verbreiteten Praxis der Selbstmedikation unter Transpersonen geführt, was für viele Langzeitgesundheitsschäden bedeutet.

Errungenschaften hier wie dort

In Südafrika selbst konnte die Transgender-Community einige Siege erringen: Im Oktober erlaubte das Innenministerium einer Transfrau die Änderung ihres Vornamens und Geschlechts in ihren Papieren. Gleichzeitig sind die Wartelisten für geschlechtsanpassende Operationen lang: Sieben Jahre beträgt die Wartezeit im Schnitt.

Auch wenn Diskriminierungen am Arbeitsplatz, bei Behörden, im Gesundheitswesen und im sozialen Umfeld fortdauern: GenderaktivistInnen gewinnen seit einigen Jahren wichtige Schlachten. So kann seit Kurzem in australischen Pässen das Geschlecht als weiblich, männlich oder unbestimmt angegeben werden - ohne, dass man sich einer operativen Geschlechtsanpassung unterziehen muss. In Österreich sind seit 2009 keine Operationen mehr notwendig, um bei Behörden im eigentlichen Geschlecht anerkannt zu werden. Wien hat zudem das Zwangsouting über die Reihenfolge der Namensnennung in Heiratsurkunden - der (frühere) Mann steht immer an erster und die (frühere) Frau immer an zweiter Stelle - beendet. Andererseits kämpfen AktivistInnen nach wie vor um die Streichung der "Gender Identity Disorder" von der offiziellen Liste psychischer Krankheiten (mehr dazu hier).

Langsamer Prozess

"Alles in allem verbessern sich die Zustände über die Jahrzehnte hinweg langsam aber stetig", konstatiert Cummings, deren Buch über ihre geschlechtliche Identität "Katherine's Diary" 1992 mit dem Preis der australischen Menschenrechtskommission ausgezeichnet wurde. Das sagt sie mit Betonung auf langsam: "Die Menschheit hat ein starkes Bedürfnis nach einer sozialen Hackordnung, die manche über andere stellt. Transpersonen werden deshalb für Bigotte weiterhin Zielscheibe sein."

Dass den Betroffenen heutzutage aber mehr Zuspruch und Unterstützung als früher entgegengebracht wird, zeigt auch das Beispiel der britischen Kinderhilfsorganisation "Mermaid". Dort kümmern sich die MitarbeiterInnen um Kinder, die so wie Cummings siebzig Jahre zuvor wissen, dass sie ins falsche Geschlecht hineingeboren wurden. Auf der Webseite des Vereins schreiben die Kinder über ihre Ängste und Verletzungen durch andere. "Als Kind konnte ich ich selbst sein, aber dann haben die Einschüchterungen begonnen", liest sich ein Gedicht, das "Sophie" mit 15 Jahren dort hinterlassen hat. Es endet mit der Zeile: "Warum wurde ich als Lüge geboren?" (Reuters/red)

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17 Postings
M L3
21
24.11.2011, 12:12
Warum soll es keine psychische Krankheit sein, wenn die Psyche das genetische Geschlecht nicht akzeptieren will?

Natürlich darf man diese Personen nicht diskriminieren oder schlimmeres. Ich wundere mich ja, daß seit einiger Zeit von "geschlechtsanpassender" statt "geschlechtsumwandelnder" oder "-verändernder" Operation gesprochen wird. Im Allgemeinen (von seltenen Entwicklungsstörungen abgesehen) passt das körperliche Geschlecht zu den Chromosomen, da kann man nichts mehr "anpassen". Aber wenn eine Person mit einer solchen "Body Modification" glücklicher ist, dann soll sie.
Ich würde ihn mir niemals abschneiden lassen wollen, obwohl ich Männer liebe. Es ist doch schade um jeden mann, der so verloren geht. :-)

Pantera
10
25.11.2011, 16:37
Warum soll es keine psychische Krankheit sein, wenn die Psyche das genetische Geschlecht nicht akzeptieren will?

Gegenfrage: Warum soll es eine psychische Krankheit sein? Was ist überhaupt "Krankheit"? Und wann gilt etwas als Krankheit?

marius müller
00
17.12.2011, 20:58

"Warum soll es eine psychische Krankheit sein? Was ist überhaupt "Krankheit"? Und wann gilt etwas als Krankheit?"

Krankheit ist definiert als Leiden, Schwäche, Not, Funktionsstörung. Daraus ergibt sich logischerweise, dass das die Funktiosstörung der Psyche, massiv am eigenen Körper/ Geschlecht zu leiden, eine Art Krankheit ist. Wäre Transsexualität gesund, bräuchten die Betroffenen keine medizinische Hilfe. Sie könnten einfach Kleider anziehen, und die Sache wäre erledigt.

Mir fällt übrigens kein Grund, warum Transsexuelle so vehement bestreiten, krank zu sein. Krankheiten sind ja an sich völlig normal. Und normal wollen sie ja sein. Vielleicht würde es auch die Akzeptanz erhöhen, wenn man dieses Phänomen nicht euphemisieren würde.

Sternchen100
00
28.3.2012, 10:51
"Normal" ist üblicherweise das, was der Norm, d.h. der Mehrheit entspricht, und mind. 90% der Bevölkerung ist hetero und auch nicht transgender.

Wir wissen aber, dass alle höheren zweigeschlechtlichen Lebewesen auf diesem Planeten einen gewissen Prozentsatz an Homosexualität etc. aufweisen - 5-10%, wie bei den Menschen, ist offenbar von der Natur her "normal". Es ist ganz offensichtlich so, dass nicht nur Chromosomen und Genitalien, sondern auch Gehirnstruktur und Psyche gemeinsam Geschlecht und Geschlechterverhalten definieren; Zwang und Operationen reichen dazu nicht aus.

Solange diese Menschen niemandem schaden, muss man sie einfach so lassen und annehmen, wie sie nun einmal sind. Sie haben es sich NICHT ausgesucht; Strafen sind somit extrem unfair und gemein und ändern an den bestehenden Fakten gar nichts. In verschied. Kulturen betrachtet man sie einfach als 3. Geschlecht.

noirc80
01
24.11.2011, 21:33

ja, also du liebst männer? dann finde ich, wir sollten das auch wieder zur krankheit machen wie es damals halt auch gehandelt wurde, natürlich ohne euch zu diskriminieren:)

bevor du das nächste mal postest, informiere dich bitte über das, wozu du deinen senf abgibst. das mit den chromosomen ist ein bisschen veraltet, wenn du jetzt das leidige xx, xy zeugs meinst und von trans* hast du 0 , in buchstaben, null ahnung.

BastiGross
131
23.11.2011, 14:19
Was ist das für eine Welt, wo

psychische Krankheiten zur Norm erhoben werden?

sternwerk
00
28.3.2012, 13:02
Was ist das für eine Welt,

in der Leute polemisieren und hetzen wollen und mit "Normen" argumentieren und dafür nicht einmal eine Definition parat haben bzw. wissen, ob sie von statistischer Normalität im Sinne einer Verteilung, von Tradition, einer gesellschaftlichen Norm im Sinne eines Soll-Verhaltens, einer "gottgewollten" absoluten Norm oder einer sachlich gerechtfertigten Industrienorm reden? Wo Leute nur wegen ihrer eigenen Minderwertigkeitskomplexe anderen Leuten vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben und bei Abweichung auch Strafen und Gewalt anwenden wollen?

Sternchen100
00
28.3.2012, 11:02

Es gibt nun mal Mutationen, Verhaltenswesen und "Krankheiten", die kann man nicht "heilen", d.h. der Norm zwangsweise unterwerfen. Sie sind zu gravierend. Warum sollte man also diese Leute schikanieren für Dinge, wofür sie nichts können? Solange sie niemanden schaden, mögen sie in Frieden so leben, wie sie müssen und wollen.

Da man vor 1500-3000 Jahren keine Ahnung von Wissenschaft, Medizin und Biologie hatte, betrachtet man alles Normwidrige als gottlosen Frevel und Bosheit und hat alle Abweichler umgebracht. Heute sollten wir es besser wissen!!!

Pantera
01
25.11.2011, 16:40

Es ist die gleiche Welt, in der von der Norm abweichende Phänomene reflexartig als psychische Krankheit eingestuft werden.

noirc80
01
24.11.2011, 21:34

nun ja, eine, in der du frei herum laufen und posten darfst.

Tethys
02
24.11.2011, 12:17

Was konkret haben Sie jetzt nicht verstanden?

Tastafariahs fliegendes Zehnfingermonster
02
24.11.2011, 01:44

Eine mörderische Welt ist das, oder können sie nicht lesen?

Eine Welt, in der einem Menschen das Leben genommen wird, der es wagt, bestimmte Wäschestücke zu tragen.

Eine Welt voll Menschenmüll, die sich selbst für normal halten und den Rest ermorden, oder, lapidare Bermerkungen dazu absondern, wenn es geschieht.

Aber auch eine Welt, die sich zum positiven ändert.

Eine Welt, in der sie nicht mehr leben wollen, bestimmt.

:)=

sternwerk
13
23.11.2011, 23:02
Was ist das für eine Welt

in der man eine Norm braucht, wie man zu leben hat?

halvar van flake
11
23.11.2011, 18:55
seufz.

weit weniger grauslich als die ihrige.

Chris Quast
00
23.11.2011, 11:45

gibts da eine aufstellung wo ermordet wurde.
sprich, darf man hoffen, dass man in europa weiter ist oder ist dass ziemlich gleichverteilt.

spielt rel. grundprägung der gesellschaft eine rolle.

im kath. polen mehr als im laizistischen frankreich und im moslemischen iran wiederum mehr als in polen, z.b.

R.M. S.
00
24.11.2011, 11:03

Was auch relevant währe ist ein vergleich mit der Mordrate in den untersuchten Ländern generell.

So wie ich den Bericht lese müste die Mordrate unter Transgender Personen signifikant höher sein als die Landesübliche.

Zwei Und Vierzig
00
23.11.2011, 16:18
Gerade der moslemische Iran ...

ist zumindest unter den islamischen Staaten eine Ausnahme.

Im Iran ist es zumindest kein Problem eine Geschlechtsumwandlung durchzuführen.

Operationen werden problemlos durchgeführt - und viele Personen in den Nachbarstaaten reisen zu diesem Zweck in den Iran - was für die Regierungen der Region ein Problem zu sein scheint.

Natürlich kämpft man als "Minderheit" auch im Iran mit der iranischen Kultur und der iranischen Gesellschaft.

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