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Aus dem Archiv: Ausschnitt vom Veranstaltungsplakat zu einer wissenschaftlichen Tagung vom Netzwerk Essstörung 2001 in Innsbruck.
Linz - Ein Speiseplan an der Pinnwand, daneben die Wocheneinteilung, wer wann den Besen zu schwingen hat. Ein gemütliches Wohnzimmer, ein Küche mit großem Esstisch, mehrere Zimmer für die Bewohnerinnen. Nichts scheint die Wohngruppe "Kaya" in der Linzer Innenstadt von einer österreichischen Durchschnitts-WG zu unterscheiden. Und doch verbirgt sich hinter dem scheinbar Gewöhnlichen ganz Spezielles. "Kaya" ist die erste Wohngruppe für Mädchen und junge Frauen mit Essstörungen.
Seit gut einem Jahr bietet das Diakonie-Zentrum Spattstraße betroffenen Mädchen einen geschützten Rahmen, um wieder langsam in den Alltag zurückzufinden. "Für die meisten unserer Bewohnerinnen wäre der Sprung von einem stationären Aufenthalt im Krankenhaus zurück ins normale Alltagsleben zu groß. Bulimie und Anorexie sind heimtückisch. Du glaubst, du hast die Krankheit im Griff, und plötzlich braucht es nicht viel, und die Krankheit hat wieder dich im Griff", erzählt Wohngruppen-Leiterin Verena Rameseder im Gespräch mit dem STANDARD.
Keine geschlossene Station
Derzeit werden sieben Mädchen in der "Kaya" (Indianisch für "Große Schwester") von einem Team aus SozialarbeiterInnen, PsychologInnen, DiätologInnen und FachärztInnen betreut. 18 Monate können die Mädchen in der Wohngemeinschaft bleiben. In der auch der Alltag so normal wie nur möglich gestaltet ist. Rameseder. "Wir sind keine geschlossene Krankenstation. Die Bewohnerinnen können, so weit sie gesundheitlich in der Lage sind, die Schule besuchen und Ausbildungen machen. Und es scheint ein großes Unwort zu geben: Kontrolle. "Wir spionieren unseren Mädchen sicher nicht bis auf die Toilette nach. Uns geht es darum, Vertrauen aufzubauen. Völlig ohne Zwang - und wenn jemand nur ein kleines Müsli isst, dann ist das auch in Ordnung", erzählt die Sozialpädagogin. Ganz ohne Kontrolle geht es letztlich aber nicht: Einmal pro Woche steht ein Medizin-Check samt Abwaage auf dem Programm.
Genuss statt Problem
Doch wie merkt man, dass die Krankheit akut wird? Rameseder: "Natürlich kennen wir unsere Mädchen und merken es meist, wenn es ihnen nicht gut geht. Ziel ist aber, dass ein Mädchen, das nach einer Mahlzeit erbricht, uns das von sich aus mitteilt."
Eingekauft, gekocht und gegessen wird vor allem am Abend gemeinsam. "Die Gemeinsamkeit und der Austausch helfen, dass essen langsam wieder mehr Genuss als Problem wird."
200.000 Menschen in Österreich sind laut Gesundheitsministerium zumindest einmal in ihrem Leben schon einmal an einer Essstörung erkrankt. Betroffen sind vor allem sehr junge Menschen, 90 bis 97 Prozent sind Mädchen und junge Frauen. Innerhalb von 20 Jahren hat sich die Zahl der Erkrankungen mehr als verzehnfacht. Die Dunkelziffer dürfte noch deutlich höher sein.
In der "Kaya" setzt man an diesem Dienstag auf ein erwärmendes Abendprogramm. Nach dem gemeinsamen Essen fällt spontan die Entscheidung für einen Wellness-Abend. Mit einer WG-eigenen Infrarotkabine samt Entspannungs-Liegewiese kein Problem. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD, Printausgabe 28.11.2011)
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