Studie: "Typisch Frau?"

Was wir glauben und wie wir leben

Gastkommentar | 2. Dezember 2011, 12:46

Fristen Frauen, nachdem sie Kinder bekommen haben, ihr Leben in traditionellen Mustern? - Eine Kritik zur jüngst veröffentlichten Studie

"Kinder gewinnen für Frauen an Bedeutung" titelte die Presse am 29.11.2011 und auch die Kleine Zeitung brachte ihr Cover 50er-Jahre-mäßig, das Frauenzeichen zur Bratpfanne umstilisiert in Händen einer beschürzten Frau, Marke Heimchen am Herd.

Die Studie "Typisch Frau? - Wie Österreichs Frauen leben und glauben - 1970 bis 2010" wurde im Auftrag der katholischen Zeitschrift "Welt der Frau" erstellt, und zwar nicht von Paul Zulehner allein. Der Soziologin Petra Steinmair-Pösel widerfährt ein typisch weibliches Schicksal - im online-Presse-Artikel fällt ihr Name leider unter den Tisch. Typisch Frau?

Aus der Studie geht hervor: "Die Frau gibt es nicht mehr". Als Geschäftsführerin einer Frauenberatungsstelle am Land und als vierfache, berufstätige Mutter unterstelle ich: "Die Frau" hat es nie gegeben, zumindest genau so wenig oder so häufig, wie "den Mann". Es hat immer schon modernere und traditionellere Frauen gegeben - und auch Männer.

"Einer" bleibt zuhause

Dass Frauen nun statistisch eher dahin tendieren, den häuslichen Herd der unselbständigen Erwerbstätigkeit vorzuziehen, hängt wohl damit zusammen, dass zusätzliches Familieneinkommen bestraft wird. Dass Transferleistungen für Mehrkindfamilien seit Jahren stagnieren und es sich für Familien dennoch lohnt, wenn "einer" zu Hause bleibt sollte uns gesamtgesellschaftlich gesehen zu denken geben. Denn "derjenige, der" zu Hause bleibt und die Kinder versorgt, wird auch derjenige sein, der mit großer Wahrscheinlichkeit die Altenpflege innerhalb der Familie übernehmen wird und sich damit der akuten Altersarmutsgefährdung aussetzt.

Der ökonomische Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben in unserer Gesellschaft ist die Berufstätigkeit. Wahrscheinlich haben sich gut ausgebildete Frauen zwischen 1970 und 2002 erhofft, für gleiche Arbeit gleichen Lohn zu bekommen und mit der Zeit auch infrastrukturelle Unterstützung bei der Betreuung ihrer minderjährigen Kinder. Ernüchterung hat sich allerdings eingeschlichen. Frauenemanzipation hat sich als notwendige aber anstrengende Entwicklung für beide Geschlechter erwiesen.

37 Prozent der befragten Frauen sind der Ansicht, ein Kind gehört zu einem erfüllten Frauenleben. Der Prozentsatz der Männer, die ebenfalls dieser Meinung sind, ist in etwa gleich hoch. Kinder erfüllen ein Frauenleben. Seltsamerweise wurde nicht erhoben, wie viele Frauen und Männer der Ansicht sind, dass ein Kind zu einem erfüllten Männerleben gehört. Im 21. Jahrhundert sind die Themen Frauen und Kinderkriegen offensichtlich in unseren Gehirnen stringent verlinkt, genauso wie Männer und Vollzeit-Erwerbsarbeit.

Die Wahlfreiheit der Männer

So wird inner- und außerkirchlich viel über die Wahlfreiheit der Frauen gesprochen, ohne dass sich an bestehenden Machtverhältnissen innerhalb der letzten 40 Jahre etwas verändert hätte. Die Wahlfreiheit der Männer scheint keiner Erörterung zu bedürfen. Aus den rückläufigen Zahlen jener Frauen, die sich selbst als modern bezeichnen, schließen wir nicht etwa, dass institutionalisierte Gleichstellungsbestrebungen unter dem Vorwand erlahmen, wir könnten uns berufstätige Frauen nicht leisten, weil ihre Lohnkosten zu hoch wären, ebenso wenig aber seien arbeitslose Frauen, egal ob jung oder alt, finanzierbar, sondern wir folgern wieder einmal: für den Staat ist wohl die günstigste Variante, Frauen würden Kinder großziehen und Alte pflegen, für Ruhm und Ehr und wie eh und je.

"Pluralitätskompetenz" fordert die Studie. Ein neues Lerndesign, geschaffen für die Net-Generation, in einer alten Gesellschaft? Positive gesellschaftliche Entwicklung beginnt dort, wo wir uns über Prioritäten einig sind, egal ob in Kirche, Familie oder PartnerInnenschaft. Gleichstellung, ein demokratisches Recht auf Mitbestimmung und der Mut zu einem selbstgewählten und mir finanzielle und emotionale Sicherheit verheißenden Lebensentwurf sind Werte, die modernen Menschen wichtig sind, egal ob Mann oder Frau.

Wenn der Entschluss, Kinder zu haben, Armut und Überlastung zur Folge hat, wenn der Entschluss Katholikin zu sein, Unterwürfigkeit und Mitspracherecht nur bei Nebensächlichkeiten bedeutet, dann sind die Würfel schon gefallen. (Eva Surma, dieStandard.at 02.12.2011)

Eva Surma ist Geschäftsführerin der Frauenberatungsstelle "Verein Freiraum" Leibnitz. 

Link

Verein Freiraum

Welt der Frau

Ndugu
01
8.12.2011, 08:26
Danke - ein Artikel, der die Dinge auf den Punkt bringt.

Gernot Schandl
33
5.12.2011, 10:23
Ein bisschen weniger feministische Vorurteile bitte!

Ihre Aussage: "...hängt wohl damit zusammen, dass zusätzliches Familieneinkommen bestraft wird."
steht im diametralen Gegensatz zum Österreichischen Steuerrecht, vielmehr bringt eine Aufteilung des Familieneinkommens auf zwei Individualeinkommen massive steuerliche Vorteile!

Als scheinbares Gegenargument führen Sie an: "...wir könnten uns berufstätige Frauen nicht leisten, weil ihre Lohnkosten zu hoch wären..."
Das gegenteil ist der Fall! Der Wirtschaftsflügel der ÖVP setzt sich genau deswegen für die Subventionierung von Betreuungseinrichtungen ein, weil die rasche Berufsrückkehr von Frauen besonders in typischen "Frauenberufen" das Arbeitskräfteangebot erhöht und die Löhne drückt!

Mütter bleiben TROTZ ALLER GEGENTEILIGEN ANREIZE zu Haus

strangerinastrangeland
 
00
14.12.2011, 12:02

Manche bleiben selbst dann lieber selbst zu Hause, wenn der Partner anbietet bzw. wie in meinem Fall, darauf drängt, in Karenz zu gehen.

Das wäre auch finanziell von Vorteil gewesen, weil ich meine Arbeit sehr unabhängig von den üblichen Bürozeiten erledigen und auch relativ flexibel den Umfang steuern kann.

Aber wie gesagt wollte sie nicht und hat die weibliche Prärogative der Wahl in Anspruch genommen.

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