Mit der ersten von 14 Weltcup-Konkurrenzen dieser Saison ist das Skispringen der Frauen endgültig im Spitzensport gelandet
In Lillehammer war kein Grund zu sehen, warum es dort nicht blühen und gedeihen sollte.
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Die Zeit der Kaspereien ist vorüber. Der Sorge, skispringenden Frauen könnte es bei der Landung die Gebärmutter zerreißen, würde heute selbst Gian-Franco Kasper, der Präsidenten-Dino des internationalen Skiverbandes (Fis), nicht mehr öffentlich Ausdruck verleihen. Es geht fast als Fortschritt durch, dass die Ablehnung der Gleichberechtigung auf Schanzen nur noch in müden Herrenwitzen zum Ausdruck kommt.
Warum, frug ein Fis-Funktionär in Lillehammer off the records, sei den Springerinnen ein Training in den frühen Abendstunden nicht zuzumuten? "Na weil sie da noch in der Küche gebraucht werden" - schenkelklopf! Nach der Weltcupwerdung des "Drachenfliegens" (schenkelklopf!) in der Olympia-Stadt von 1994 hätte es schon einiger Mühe bedurft, Gründe dafür zu finden, warum der Sprunglauf der Frauen über kurz oder lang nicht ebenso populär sein sollte wie jener der Männer.
Zwei Rechenbeispiele
Das Argument der mangels Leistungsdichte fehlenden Spannung zog am Samstagabend, nachdem die 17-jährige US-Amerikanerin Sarah Hendrickson auf dem kleinen Lysgardsbakken das allererste Weltcupspringen überlegen gewonnen hatte, nicht. Zwischen der Ersten und der Zwanzigsten lagen 65,6 Punkte. Klingt nach viel, ist aber mit Blick auf das Ergebnis der Männer, die ebenfalls bei schwierigen Bedingungen und abwechselnd mit den Kolleginnen von der Normalschanze sprangen, aller Ehren wert. Zwischen Andreas Kofler und dem Zwanzigsten tat sich eine Kluft von 57 Zählern auf. Nimmt man Siegerin und Sieger aus den Rechnungen, war das Springen der Frauen vergleichsweise sogar ein Thriller mit 19 Athletinnen innert 36,3 Punkten, während dem Zwanzigsten der Männer 51 Zähler fehlten.
Der Blick auf ältere Ergebnislisten verrät zudem, dass das Leistungsniveau der Frauen seit der Kür der ersten Weltmeisterin 2009 in Liberec dramatisch gehoben wurde. Lindsey Van, die wie Lillehammer-Siegerin Hendrickson aus Park City, Utah, stammt, deklassierte damals die Zwanzigste um 112 Punkte. Im Februar, als die Steirerin Daniela Iraschko in Oslo zu Gold sprang, war dieser Wert bereits halbiert.
Für den Fernsehsport Skispringen ist es dagegen völlig irrelevant, dass die Frauen aus athletischen Gründen deutlich mehr Anlauflänge als die Herren brauchen, um auf Weite zu kommen. Einmal in der Luft, ist selbst für Experten kein Unterschied zwischen den Besten und den Besten ihres Faches auszumachen - auf den Siegerschecks aus wirtschaftlichen Gründen allerdings schon. Hendrickson kassierte umgerechnet 2430 Euro, Kofler 8100.
Die Eröffnung neuer Perspektiven, allen voran die Aufnahme ins olympische Programm für Sotschi 2014, hat aber nicht nur für einen sportlichen Schub gesorgt. Unternehmen wie die OMV oder der Heiztechnik-Entwickler Viessmann investieren nicht nur des schlanken Fußes wegen, den die Beschäftigung mit Genderfragen macht, in den Einbruch in die letzte Skisport-Männerbastion.
Der österreichische Skiverband (ÖSV) sieht sich als Vorreiter der Entwicklung. Seit acht Jahren gibt es ein Budget für die weibliche Abteilung des Skisprungs, die rund 100 Mädchen und Frauen umfasst - Tendenz stark steigend. Der Steirer Harald Rodlauer (45) brauchte im vergangenen Mai keine Bedenkzeit, um seinen Posten als Chefcoach der italienischen Kombinierer zugunsten eines Engagements bei Österreichs Skispringerinnen aufzugeben.
Ein Wiedersehen
Eine Rolle hat dabei gespielt, dass der teilweise dienstfreigestellte Polizist vor bald zwei Jahrzehnten in Eisenerz ein Mädchen namens Daniela Iraschko bei deren ersten Absprüngen unterstützte. Heute ist Iraschko, die in Lillehammer drei Wochen nach einer Meniskusoperation den tadellosen vierten Platz belegte, die Nummer eins ihres Sports.
Die 28-Jährige profitiert wie das gesamte Team vom technischen Know-how der Mannen von Trainer Alexander Pointner, die in Materialfragen allerdings nicht immer helfen können. Erst seit dieser Saison gibt es eigene Anzüge für die Frauen. Der die körperliche Entwicklung berücksichtigende Lady-Cut gibt zwar den Scherzbolde wieder Stoff, die Zeit der Kaspereien ist aber vorüber. Sigi Lützow aus Lillehammer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 05.12.2011)