50-jährige Gambierin war bisher Vize-Anklägerin in Den Haag: "Wollte immer für Gerechtigkeit sorgen und Afrikas Opfern eine Stimme geben"
Den Haag - Im Büro von Fatou Bensouda hängt ein großes Fahndungsplakat an der Wand: Die bisherige Vize-Anklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) in Den Haag schaut bei ihrer Arbeit Despoten wie Sudans Präsident Omar Al-Bashir und Libyens Ex-Machthaber Muammar al-Gaddafi in die Augen. Das Poster zeigt alle 25 Menschen, die der Haager Gerichtshof wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt oder verurteilt hat. Sie kommen alle aus Afrika, so wie Bensouda.
Die Juristin aus Gambia, die seit 2004 stellvertretende Chefanklägerin am IStGH ist, soll im Sommer 2012 die Nachfolge ihres Chefs Luis Moreno-Ocampo antreten. Bensouda wuchs als Tochter eines Beamten und einer Hausfrau in der gambischen Hauptstadt Banjul auf. Auf die Frage, ob sie Brüder und Schwestern habe, antwortet die elegante 50-Jährige lachend: "Sagen wir es so: Ich komme aus einer großen Familie". Ihr Vater sei "polygam" und habe mehrere Frauen.
Nach der Schule verließ Bensouda das kleine westafrikanische Land, nach einem Jura-Studium im nigerianischen Lagos kehrte sie 1987 jedoch zurück. Bensouda arbeitete zunächst als Staatsanwältin und machte schnell Karriere: 1998 wurde sie Generalstaatsanwältin und Justizministerin.
Völkermord in Ruanda untersucht
Nach ihrem Ausscheiden aus dem Staatsdienst eröffnete Bensouda ihre eigene Rechtsanwaltskanzlei und war kurzzeitig auch Geschäftsführerin ein Privatbank. "Das war nicht mein Ding. Ich habe das Gericht vermisst", erzählt Bensouda heute. Schon nach wenigen Monaten kehrte sie der Finanzwelt wieder den Rücken und ging an den Internationalen Strafgerichtshof (ICTR) für Ruanda.
"Solange ich denken kann, wollte ich so etwas machen", sagt Bensouda. "Ich wollte immer für Gerechtigkeit sorgen." Für das Sondertribunal untersuchte sie fast drei Jahre lang den Völkermord in Ruanda, wo 1994 bei Massakern bis zu 800.000 Menschen ermordet wurden. "Du versucht einfach zu verstehen, warum das in so einem Maßstab passieren konnte", sagt Bensouda über ihre Arbeit mit AugenzeugInnen und ErmittlerInnen.
2004 wurde die Mutter zweier erwachsener Söhne und einer Adoptivtochter als Vize-Chefanklägerin nach Den Haag geholt. Auf den Vorwurf, dass sie in diesen sieben Jahren stark im Schatten ihres Chefs Moreno-Ocampo gestanden habe, erwidert Bensouda lapidar: "Ich bin seine Stellvertreterin."
Afrikas Opfern Stimme geben
Das Mandat Moreno-Ocampos endet im Juni 2012 nach neun Jahren und auf seine Nachfolgerin warten große Herausforderungen: Sie muss weiter versuchen, den sudanesischen Präsidenten Baschir vor Gericht zu bringen, außerdem stehen Milizenchefs aus der Demokratischen Republik Kongo und kenianische Politiker auf der Liste der IStGH-AnklägerInnen. "Ich mag das, was ich tue", sagt Bensouda. "In dieser Position kann ich Opfern die Stimme geben, die sie brauchen."
Dass sie als Chefanklägerin des Strafgerichtshofs vor allem AfrikanerInnen vor Gericht bringen wird, ist für sie kein Problem, sondern eher ein Ansporn: "Ich arbeite für die Opfer Afrikas, sie sind Afrikaner wie ich. Daraus ziehe ich meine Inspiration und meinen Stolz." (APA)