Bewusstseinsbildung sei wichtig, harte Fakten zu schaffen aber auch, sagt Martin Adam, der ehemalige Gender- und Diversity-Beauftragte der FH St. Pölten
Standard: Sie waren bis vor wenigen Wochen Gender- und Diversity-Beauftragter der FH St. Pölten. Insgesamt haben Sie sich über fünf Jahre lang dieser Aufgabe gewidmet. Wenn Sie heute rückblickend Ihre Arbeit gewichten, was war das Wichtigste überhaupt?
Martin Adam: Die Bewusstseinsbildung! 2006 waren wir hier alle in einer Aufbauphase, das Thema war in den Köpfen überhaupt nicht präsent. Als sich die Geschäftsführung dazu entschlossen hat, zwei Beauftragte für Diversity und Gender zu installieren, haben sich viele gefragt: Wofür brauchen wir die überhaupt?
Standard: Wie sind Sie an die Aufgabe herangegangen?
Adam: Wir haben ein ganzes Konzept von Maßnahmen entwickelt, die wir umsetzen wollten. Ein Kernstück des Katalogs war ein Sprachleitfaden, der dann auch 2008 von der Geschäftsführung und dem Kollegium beschlossen wurde.
Standard: Worum geht es darin?
Adam: Wir wollten, dass in der Kommunikation, etwa im E-Mail-Verkehr oder bei Pressetexten, auf geschlechtsneutrale Formulierungen geachtet wird, sie sollte einfach zur selbstverständlichen Kultur werden. Wir haben verschiedene Schreibweisen vorgeschlagen. Jeder konnte sich für die eine oder andere Variante entscheiden, sollte aber dann bei "seiner" Lösung konsequent bleiben. Das hat anfänglich zu einigen Widerständen und auch Missverständnissen geführt.
Standard: Inwiefern?
Adam: Um ein Beispiel zu nennen: Im Englischen gibt es nur den Begriff "user". Wir hatten in unserem Leitfaden User und Userin normiert. Manchen ist die Unterscheidung lächerlich erschienen, die sagten: Dann schreiben wir zukünftig unsere Arbeiten gleich nur mehr auf Englisch, das ist unkomplizierter.
Standard: Wozu es aber nicht gekommen ist.
Adam: Nein. Heute muss man jeden Forschungsantrag, sei es auf EU-Ebene, sei es im Inland, geschlechtsneutral formulieren. Die Kritiker mussten schnell erkennen, dass unsere Vorgaben Sinn machen.
Standard: Sie haben auch versucht mehr Frauen für die technischen Studiengänge zu interessieren. Ist das gelungen?
Adam: Wir haben etwa Summercamps veranstaltet, die es jungen Mädchen ermöglichen, bei uns in die Technik hineinzuschnuppern. Sie sind sehr gut angenommen worden. In einigen Studienlehrgängen hat sich die Anzahl der Frauen tatsächlich massiv erhöht, und zwar in jenen, bei denen stark gestalterische Elemente im Vordergrund stehen. Jene Studienrichtungen, die IT-lastig sind, finden allerdings immer noch keine sehr große Resonanz, nicht nur hier, sondern auch sonst. Gesellschaftliche Realitäten können wir auch an der FH nicht verändern.
Standard: Heute sind Sie zwar nicht mehr Gender-Beauftragter, aber als Leiter für Personal und Recht dem Anliegen der Gleichbehandlung immer noch sehr verpflichtet.
Adam: Das bin ich, und das erwartet die Geschäftsführung auch von mir. Jetzt geht es mir darum, für die Gleichstellung von Mann und Frau im Recruitingprozess zu sorgen. Gleichbehandlungsbeauftragte müssen in den Auswahlprozess einbezogen werden, bei dem Verfahren ihren fixen Platz haben.
(Die Fragen stellte Judith Hecht, DER STANDARD, Printausgabe 17./18.12.2011)
Martin Adam begann 2004 seine Tätigkeit an der FH St. Pölten als
Assistent der Geschäftsführung. 2006 wurde er zum ersten Diversity- und
Gender-Beauftragten dieser FH. Heute ist er Leiter für Personal und
Recht.