Suche nach Verantwortlichen im Silikon-Skandal

30. Dezember 2011, 17:45

Chef des beschuldigten Unternehmens wollte in neuer Implantatsfirma arbeiten

40.000 Frauen zittern in England, 30.000 in Frankreich, 25.000 in Brasilien, 13.000 in Argentinien. Sie alle tragen Silikoneinlagen der Marke PIP, die vielleicht krebserregend sind, häufiger als andere platzen und Entzündungen auslösen können. Die französische Regierung hat eine beispiellose Rückrufaktion gestartet. Auf der ganzen Welt schließen sich viele der insgesamt 300.000 PIP-Opfer zu Vereinen zusammen, um Sammelklagen einzureichen.

Diese Woche wurde bekannt, dass die US-Behörden schon im Jahr 2000 vor Produkten der südfranzösischen Firma Poly Implants Prothèses (PIP) gewarnt und sie teilweise als "gefälscht" bezeichnet hatten. Die Firma PIP, zeitweise die drittgrößte der Branche, machte 2010 Konkurs; ihr Gründer Jean-Claude Mas (72) ist unauffindbar. Sein Anwalt ließ allerdings verlauten, sein Klient sei nicht auf der Flucht, sondern in Frankreich.

Gegen Mas wird unter anderem wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Die französische Krankenkasse - die für die Entfernung von 30.000 PIP-Doppelimplantaten in Frankreich wohl sechzig Millionen Euro zahlen muss - hat Anzeige wegen Betrugs eingelegt. Mas ist zwar auf der Homepage der internationalen Fahndungspolizei Interpol ausgeschrieben, dies aber nur wegen eines Verkehrsunfalls in Costa Rica, wo er betrunken einen Bus gerammt hatte.

Druck auf die Herstellerfirma

Am Freitag berichtete die Zeitung Nice-Matin, zwei Söhne von Mas hätten noch in diesem Sommer ein neues Unternehmen namens France Implant Technologie ins Handelsregister von Toulon eintragen lassen. Der PIP-Gründer sei als kaufmännisch-technischer Berater vorgesehen gewesen.

In anderen französischen Medien meinte ein ehemaliger PIP-Geschäftspartner anonym, Mas habe auf Fragen immer erklärt, die Zahl der Defekte seiner Brustkissen läge im Durchschnitt. Nach der Auflösung der Firma im März 2010 seien die gut hundert Angestellten entlassen worden. "Alle machten sich eilends aus dem Staub", fügte er an.

Die Schönheitskliniken hätten allerdings einen enormen Druck auf die Herstellerfirmen ausgeübt, damit diese den Preis der Silikonkissen senken. PIP soll unter anderem industrielles statt medizinisches Silikon für seine Implantate verwendet haben. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Printausgabe 31.12.2011/1.1.2012)

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