Männlichkeitskult

Lateinamerikas Machos in der Sinnkrise

9. Jänner 2012, 18:34

Bis vor wenigen Jahren galt Lateinamerika als Hort des Männlichkeitskults. Inzwischen bestimmen immer mehr Frauen die Regeln, in Wechselwirkung zwischen Politik und Gesellschaft

Latinas sind rassig, heißblütig und gehorsam - so glaubt die Männerwelt von Buenos Aires bis Vancouver, von Havanna bis Tokio. Und sie haben ihr Pendant im hypermaskulinen, selbstverliebten Macho. Stereotype, die sich hartnäckig halten. Doch auch in Lateinamerika währt nichts ewig. Das größte Land des Kontinents, Brasilien, wird von einer Präsidentin regiert, und in den Familien zwischen Rio Bravo und Feuerland stellen die Frauen neue Regeln auf. Eine der letzten Bastionen des Männlichkeitskults ist ins Wanken geraten.

Nach zwölf Jahren Ehe und vier Kindern witterte Dora Estela Rivas aus Nicaragua eine Zukunft jenseits von Herd und Heim: Mit knapp 30 Jahren begann sie ein Jus-Studium. Finanziell kein Problem, da ihr Mann ein erfolgreicher Holzhändler war; um die Kinder kümmerten sich nach Schule und Kindergarten Angestellte.

Doch Rivas hatte eines nicht berücksichtigt: den Machismo. Eine Frau, die selbst Geld verdienen, in der Berufswelt ihren Weg machen will - das passte nicht ins Weltbild ihres Gatten. Er spionierte ihr nach, schlug sie, hetzte die Kinder und die Familie gegen sie auf.

Dem klassischen Skript zufolge hätte Rivas klein beigeben müssen. Doch sie verpasste ihrem Mann kurzerhand den Laufpass, zog aus, studierte weiter und ist nun eine erfolgreiche Anwältin und Verteidigerin von Frauenrechten. "Von allein werden die Männer keinen Deut nachgeben", hat die 47-Jährige festgestellt. "Wir Frauen müssen sie zwingen und den Mund aufmachen." 40 Jahre nach der Frauenbewegung in Europa geschieht das auch in Lateinamerika immer häufiger.

Angefangen hat der Wandel an den Universitäten. Vor sieben Jahrzehnten durften Frauen weder an die Unis, geschweige denn wählen. Heute studieren in Lateinamerika genauso viele Mädchen wie Burschen. Entsprechend drastisch ist die Geburtenrate gesunken, in Mexiko etwa von 5,7 im Jahr 1976 auf aktuell zwei Kinder pro Frau. Die katholische Sexualmoral ist in Lateinamerika längst nicht mehr dominant.

Besser als Europa

Geholfen bei der Emanzipation haben die Quotenregelungen, die sich in den 1990er-Jahren ausbreiteten. Durch sie hat sich der Frauenanteil in den Parlamenten seit 1995 von zehn auf 22 Prozent erhöht; Lateinamerika steht damit im Schnitt besser da als Europa.

In den Kabinetten hat sich in 15 Staaten der Anteil an Ministerinnen in nur drei Legislaturperioden verdoppelt, von 12,8 auf 27 Prozent - ganz ohne Quote. In den Bürgerbewegungen und in der Kommunalpolitik sind Frauen ebenfalls auf dem Vormarsch.

2011 war es ausgerechnet eine Studentin, die dem chilenischen Präsidenten Sebastián Piñera das Regieren vermieste: die charismatische, attraktive Camila Vallejo, die sich an die Spitze der Massenproteste gegen die geplante Bildungsreform stellte und soeben zur "Persönlichkeit des Jahres" in ihrem Heimatland gekürt wurde.

Gerade in Chile, einem extrem konservativ-katholischen Land, in dem bis vor kurzem weder Scheidung noch die Pille danach erlaubt waren, ging der Umbruch besonders rasant vonstatten. Großen Anteil daran hatte natürlich eine Frau: Michelle Bachelet, Präsidentin von 2006 bis 2010 und nun Chefin der neuen UN-Organisation UN-Woman. Während ihrer Amtszeit richtete sie Kinderkrippen ein und schuf eine Hausfrauenrente. Sie war so beliebt wie kein männlicher Präsident vor - und bisher auch nach - ihr.

Ihren Platz am lateinamerikanischen Politikerinnenhimmel hat vor einem Jahr eine andere übernommen: Dilma Rousseff, Präsidentin des größten lateinamerikanischen Landes und der siebtgrößten Wirtschaftsmacht weltweit. Die Brasilianerin war die erste Frau, die eine UN-Generalversammlung eröffnete - im vergangenen September. Forbes führt sie auf Platz 16 der einflussreichsten Persönlichkeiten weltweit.

Aber nicht nur international wird die 64-Jährige hofiert, auch intern hat sie ihren KritikerInnen gezeigt, wer die Hosen anhat. Ihr erstes Amtsjahr verbrachte sie vor allem damit, den Augiasstall der Korruption auszumisten. Eine Mammutaufgabe, an die sich keiner ihrer männlichen Vorgänger gewagt hat. Sechs Minister mussten bereits gehen.

Kein schmückendes Beiwerk

In Argentinien wurde gerade Cristina Fernández de Kirchner mit absoluter Mehrheit wiedergewählt; in Peru, El Salvador, der Dominikanischen Republik, Guatemala und Nicaragua sind die First Ladies kein schmückendes Beiwerk, sondern starke Persönlichkeiten mit eigenen politischen Vorstellungen - und Machtambitionen. In Nicaragua hat Präsidentengattin Rosario Murillo so viele Frauen wie nie zuvor auf die Parlamentsliste setzen lassen, und in Bachelets und Rousseffs Kabinetten saßen und sitzen mehr Ministerinnen denn je.

Selbst in der Hochburg der Machos, Mexiko, greift eine Frau nach der Macht. Die Konservative Josefina Vázquez Mota hat dabei - im Gegensatz zu Bachelet, Rousseff und Kirchner - keinen Mentor, der sie vom Präsidentenamt aus unterstützt. Dennoch liegt sie in Umfragen weit vorn - auch in Mexiko ist die Bevölkerungs- und Wählermehrheit weiblich.

Und was halten die Männer vom Vormarsch der Latinas? Die hinkten der Entwicklung hinterher und hielten noch immer am Modell des starken Versorgers fest, so der argentinische Sozialpsychologe Hugo Huberman. Wenn sie mehr im Haushalt zur Hand gingen oder ihren Frauen mehr Freiheiten zugestünden, dann nur auf Drängen der Frauen, nicht aus Überzeugung. "Die Männer sind Opfer eines kulturellen Wandels, den sie bis heute nicht wirklich verstanden haben und für den ihnen niemand die nötigen Werkzeuge in die Hand gibt", sagt die mexikanische Journalistin Lydia Cacho. "Und diese latente Überforderung äußert sich in Gewalt." Die steigende Zahl der Frauenmorde in Lateinamerika hat nach Auffassung der Autorin des Buchs "Sklaven der Macht" diesen unverstandenen Kulturumbruch zum Hintergrund. (Sandra Weiss aus Puebla/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.1.2012)

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Posting 1 bis 25 von 28
1 2
Pygar
 
11

Eine sehr erfreuliche Entwicklung! Sehr Gut! Weiter so!

Möge die Zeit rasch kommen, wo das in den Geschichtsbüchern steht:
There was a time while Earth was ruled by men. We had nothing but war, barbarism and greed. With Women we have for centuries peace and progress.

Protheus
 
22

Oja, auf diese wunderbare Zeit freue ich mich auch schon!

...in welches Paralelluniversum muss ich dafür umziehen?

waunsinn
15
Endlich!

Höchste Zeit, dass diese unsägliche Machismokultur ein Ende findet. Nur Gesellschaften mit starken, gleichberechtigten Frauen sind solide und nachhaltige Gesellschaften.

Pygar
 
22

Die Realität zeigt, dass es allen (Frauen & Männern) umso besser geht, je mehr Frauen Machtpositionen inne haben.

R.M. S.
31
11.1.2012, 10:31

Aber auch nur in ihrer Phantasie, oder haben sie irgend welche harte fakten die diese position belegen?

Michael Wehse
02
In der Tat gibt es nichts Gutes in einer Welt mit "Machtpositionen"

Die kooperativen und konstruktiven Verhaltensmuster schaffen den Raum für Leben. Menschen die der eigenen Einsicht und der Überzeugungskraft von VordenkerInnen folgen schaffen Raum für Leben. Machtstrukturen sind Parasiten der menschlichen Gesellschaft, die um diese Ressourcen kämpfen.

Demnach zeigt die Realität vielmehr, dass es allen (Frauen & Männern) umso besser geht, je mehr kooperativ statt dominatorisch sozialisierte Menschen der Mehrheit Vorbild und WegweiserIn sind. Das sind in den meisten Gesellschaften öfter Frauen als Männer. Das sagt etwas über geschlechtlich determinierte Rollenbilder aus, nicht über Frauen und Männer. Modelle der gesellschaftlichen Organisation sind zu verändern, nicht Projektionsfiguren.

zahnloser Tiger
30
11.1.2012, 13:29
sie werfen hier Perlen vor die Säue

ist ihnen das klar?

sie haben zu 100% recht, allein es ist vergebene Liebesmüh jemanden davon überzeugen zu wollen, dass die bloße Verschiebung von Machtpositionen nach dem Geschlecht der sie okkupierenden Personen keine Verbesserung für unsere diversen Gender- und Rollenklischee-Dillemata bringt.

Macht korrumpiert. Auch Frauen. Aber davon will HIER ganz sicher keine etwas wissen.

Michael Wehse
00
11.1.2012, 21:33
Danke - Aber!

Danke, ich freue mich über Zustimmung.
Aber! - es ist mein Eindruck, dass in diesem Forum sehr wohl viele offen sind für eine differenzierte Sichtweise.

zahnloser Tiger
10
12.1.2012, 09:31
ja, jene die hier ohnehin nicht gerne gesehen sind

und regelmässig zensiert werden...

mich wundert es wirklich dass ihr Kommentar nicht bereits gelöscht wurde

Michael Wehse
00
12.1.2012, 20:38
Sache

Nun, mein Feuer lege ich wohl in manche meiner Postings ... und Werte. Theodor W. Adorno habe ich falsch zitiert und dieses Zitat dann noch polemisch verallgemeinert. Quellenangaben fehlen.

Aber ich habe mich zur Sache geäußert ohne Menschen im einzelnen oder als Gruppe abzuwerten. Und den Kern meiner Aussage finden Sie bei Riane Eisler abgeleitet und belegt.

Vielleicht deshalb wurde mein Posting nicht gelöscht.
Einfach mal zum nachdenken ...

mr. z
01

Was sind "solide und nachhaltige Gesellschaften"?
Wenn ich es jetzt interpretieren darf: Beständige und stabile Gesellschaften, die selbst überleben können.
Und dazu braucht es nicht zwangsweise eine Gleichberechtigung, eine Gesellschaft wird entweder stabil od. instabil organisiert - Das kann aber auch an Frauenrechten vorbei gehen.
Beispiel: Saudi-Arabien ist durchaus "solid" und auch "nachhaltig" - Gleichberechtigung ist dort aber keineswegs zu finden.
Und wenn viele europäische Länder jetzt den Bach runtergehen (da sie nicht unbedingt mehr stabil & nachhaltig sind), dann liegt das auch nicht an der Gleichberechtigung, sondern an anderen Faktoren.

Kuni bert
12
Rassig schon, gehorsam nicht

"Latinas sind rassig, heißblütig und gehorsam - so glaubt die Männerwelt von Buenos Aires bis Vancouver, von Havanna bis Tokio. "

Die Vorstellung, die Latinas seien "gehorsam", ist völliger Unsinn. Gleichzeitig "heißblütig" und "gehorsam" zu sein, ist ein Widerspruch in sich.

Richtig ist aber ohne jeden Zweifel, dass sie ihre Weiblichkeit weitaus mehr betonen als Europäerinnen. Was nicht immer nur von Vorteil sein muss - z.B. wenn die Frau 3 Stunden beim Friseur sitzt...Und das mehrfach in der Woche.

Pygar
 
21

Das Patriarchat ist voll von Widersprüchen und Unsinn. Diese unlogische Irrationalität macht das Patriarchat aus!

Ob eine Frau 3 Stunden, 1 Stunde oder gar nicht beim Friseur sitzt, ist alleine ihre Sache. Es ist ja schon mehr als vermessen, wenn irgendein Kerl, tausende Meilen entfernt, dann definieren will, ob das von Vorteil für diese Frau ist oder nicht.

Poldi Fesch
00
mehrfach in

der Wo wird eher teuer. Ansonsten, ja

her mit den Strichen!
92
Hinter einem erfolgreichen Macho...

...steht eine starke Frau.

PS: Die Latinos sind nicht "männlicher", die Latinas sind nur viel weiblicher als unsere Wollsocken und Baumwollunterwäsche tragenden österreichischen Frauen mit Achsel- und Beinbehaarung.

Jane Lane
 
01
12.1.2012, 00:33

Naja, für viele zahlt sich beim Anblich unserer österreichischen Männer der Aufwand an waxen und umziehen halt einfach nicht aus >;P

her mit den Strichen!
10
12.1.2012, 09:57
Das stimmt natürlich Jane...

...nur haben diese Frauen dann auch kaum Chancen bei anderer Länder Herren ;-)

Jane Lane
 
00
12.1.2012, 11:01
Waren Sie schon einmal in anderen Ländern?

Also bei meinem letzten Aufenthalt im "Ausland" konnten wir uns (wenn wir nicht noch rechtzeitig geflohen sind) die Suderei von der Tischnachbarinnendamenkegelrunde im vorgerückten Fastpensionsalter anhören, dass sie sich die jungen Herren hier ja fast schon mit der Sonnenschirmstange vom Leibe halten müssten:D

Hat natürlich die selben Gründe wie vice-versa, aber es sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt;)

her mit den Strichen!
00
12.1.2012, 12:48
!Como no! ?A tú?

Poldi Fesch
01
:)

ja, aber schon ab Bologna wirds besser

Arne Karlsson
01
Nicht zu vergessen: Der Frotteepyjama

auch wenn mir das nun massenhaft rote Stricherln einbringen wird.

diesmalnicht0
01

jaja... DIE männer und DIE latinas...

der burli
13
der machismo

war für mich ein grund, nichts so gern in die angesprochenen länder zu reisen, oder in islamische....

Pygar
 
21

Ja, für mich auch. Da fühle ich mich einfach nicht wohl.

zahnloser Tiger
30
11.1.2012, 09:18
.... was diese Länder andererseits sehr sympathisch macht

sag' sind deine islamophoben Rülpser wirklich nötig?

dein Geschwafel ist ja schon fast Hetze, hast du keine Angst angezeigt zu werden bei so einem Schandmaul?

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