Eine Spiele-App will für die Problematik der Mitgift-Praxis in Indien sensibilisieren: Denn alle vier Stunden stirbt deshalb eine Frau
Schon "Angry Brides" gespielt? Sie haben richtig gelesen, hier geht es nicht um das Erfolgsspiel "Angry Birds", sondern um das indische Quasi-Pendant zur Hit-App des Jahres 2010. Seit letzter Woche werfen die zornige Bräute nicht mit Vögeln, dafür mit Schuhwerk, Tomaten oder dem Nudelholz um sich. Die Zielscheiben: Bräutigam 1 bis 3 - ein Pilot, ein Bauarbeiter und ein Arzt -, an denen jeweils ein Preisschild hängt, das mit jedem Treffer billiger wird. Während deren Wert so abnimmt, wird der "Anti-Mitgift-Fund" der Spielerin/des Spielers aufgefettet.
Töchter kosten Mitgift
Über diesen spielerischen Zugang sollen die NutzerInnen auf die Problematik der in Indien zwar seit fünf Jahrzehnten offiziell verbotenen, aber nach wie vor weit verbreiteten Praxis der Brautmitgift gestoßen werden. Die muss von der Familie der Braut für die zukünftigen Schwiegereltern samt Gatten aufgebracht werden, kann Auto, Schmuck, andere Luxusartikel und Geld beinhalten - und somit äußerst teuer kommen. Darin liegt auch die Problematik: Weil eine Tochter viel kostet, ein Sohn dafür viel einbringt, werden Mädchen und Frauen in Südostasien als die unliebsameren Nachkommen gesehen.
Mitgift kostet Leben
Das kann ihnen ihre Gesundheit oder das Leben kosten. Die Statistik des indischen "National Crime Records Bureau" (NCRB) zeigte für 2007, dass alle vier Stunden ein Mensch weiblichen Geschlechts stirbt, weil Familien fürchten, durch die Tochter zu verarmen - auch weil die Familie des Ehemanns weiterhin Geldforderungen an die Familie der Ehefrau stellen kann. 2008 verzeichnete das NCRB knapp 2.000 Verurteilungen und knapp 4.000 Freisprüche vor dem Hintergrund der Mitgift-Praxis. 2010 wurden 8.391 Todesfälle landesweit registriert und 90.000 Fälle von Folter und Grausamkeit gegenüber Frauen durch ihre Ehemänner oder Schwiegereltern.
Der Druck auf die Frauen aufgrund der Mitgift ist so groß, dass Suizid oft der einzige Ausweg ist. Auch eine weitere schwere Form der häuslichen Gewalt hat sich durch die Mitgift etabliert: Frauen, deren Familien nicht zahlen, werden mit Brennstoffen wie Petroleum überschüttet und angezündet.
Viel zu wenige Frauen
Weiterhin werden auch unverhältnismäßig viele weibliche Föten abgetrieben, auch wenn die missbräuchliche Geschlechtsbestimmung im Mutterleib sowie selektiver Abbruch bereits verboten ist. Die indischen GesetzgeberInnen haben damit auf das krasse Ungleichgewicht von Frauen und Männern reagiert: In Indien kommen auf 1000 Buben nur mehr 914 Mädchen, macht Shaadi.com aufmerksam, eine indische Heiratsvermittlungsagentur mit zwei Millionen Mitgliedern, die hinter "Angry Brides" steckt. Das Spiel sei ihr Beitrag, auf die schwere Lage der Frauen hinzuweisen, betont Ram Bhamidi von Shaadi.com. Ein Beitrag, der bereits bei vielen InternetuserInnen angekommen ist: Die "Angry Brides" gefallen bisher knapp 270.700 Leuten. (Reuters/red)