Haiti

Raus aus Armut und Abhängigkeit

Isabella Lechner, 19. Jänner 2012, 08:14

Mütter gebären auf der Straße, Mädchen verkaufen ihren Körper für Essen, sexuelle Gewalt ist Alltag: Zwei Jahre nach dem Beben leben Hunderttausende Haitianerinnen prekärer denn je

Florence ist 15 und im fünften Monat schwanger, nachdem sie ihr ehemaliger Arbeitgeber im Notlager vergewaltigte. Schwangerschaftsvorsorge und die Fahrt zu Hilfseinrichtungen kann sie sich nicht leisten. Mona hat ihr Kind allein auf dem Boden im Lager entbunden, ohne Schmerzmittel und ärztliche Versorgung. Gheslaine muss ihren Körper für Essen verkaufen, um ihre drei Kinder zu ernähren. Zugang zu Verhütungsmitteln hat sie keinen.

Florence, Mona und Gheslaine sind Beispiele für die Alltagssituation Tausender Frauen in Haiti nach dem verheerenden Erdbeben vom Jänner 2010. "Die meisten Frauen sind auf sich allein gestellt oder aus wirtschaftlicher Not von Männern abhängig, es mangelt ihnen an Bildung und das System unterstützt patriarchale, machistische Strukturen", schildert Yvonne Uwimana, Beraterin in Sexual- und Verhütungsfragen für die Entwicklungshilfeorganisation CARE in Haiti, gegenüber dieStandard.at.

Armut und sexuelle Gewalt

CARE engagiert sich gemeinsam mit anderen NGOs bereits seit Jahren im Kampf gegen die Armut und für mehr Rechte von Frauen und Mädchen in Haiti. Über 55 Prozent von ihnen sind Analphabetinnen. Seit dem Erdbeben leben Hunderttausende noch immer in Notlagern, prekärer als je zuvor: "Mangelnder Zugang zu medizinischer Versorgung und sexuelle Gewalt zählen zu den Hauptproblemen, mit denen die Frauen neben extremer Armut zu kämpfen haben", sagt Yvonne Uwimana. "In den ungesicherten Camps kommt es besonders häufig zu Vergewaltigungen und sexuellem Missbrauch, die oft zu ungewollten Schwangerschaften führen."

Laut einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) sind die Schwangerschaftsraten in den Camps dreimal höher als in den Stadtgebieten vor dem Erdbeben. Oft sind die Frauen mit ihrer Situation alleingelassen und wissen nicht, wo sie Rat suchen können. Sie bringen ihre Kinder ohne medizinische Hilfe im Zelt oder auf der Straße zur Welt, die Kinder- und Müttersterblichkeit in den Notlagern ist entsprechend hoch, berichtet HRW: "Für die ärmsten Frauen und Mädchen ist eine Fahrt zu den Einrichtungen, die kostenfreie Hilfe anbieten, zu teuer oder es fehlt ihnen an grundlegenden Informationen, welche Möglichkeiten ihnen wo zur Verfügung stehen. Einige brechen die Behandlung ab, weil sie Untersuchungen wie Sonografien nicht bezahlen können oder weil sie - zu Unrecht - glauben, dass sie ohne Ultraschallbild nicht zum Krankenhaus zurückkehren können."

Schutz und Versorgung

Da die Regierung kaum auf die Missstände reagiert, versuchen NGOs und lokale Frauenorganisationen, Schutz und Versorgung zu bieten. CARE etwa arbeitet mit 20 Gemeindekomitees in Haiti zusammen, um Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu verhindern. "Es wurden Gemeindezentren eingerichtet, die auch für Frauen in den Camps gut zu erreichen sind", sagt Uwimana. „In diesem sicheren Umfeld können sie sich untereinander austauschen, medizinische und psychologische Hilfe in Anspruch nehmen und sich zu Fragen der sexuellen Gesundheit und Verhütung beraten lassen."

Eigens von CARE ausgebildete Frauenschutz-Komitees zu je 12 Personen, hauptsächlich Männer, sorgen für Sicherheit in den Notlagern. Sie begleiten Frauen in der Nacht mit Taschenlampen und überwachen die Zelte. Sie registrieren Vergewaltigungsfälle und kümmern sich um die Betreuung der Opfer und die Strafverfolgung der Täter. In Carrefour etwa, einer der vom Erdbeben besonders betroffenen Gemeinden, setzt die Polizei nun weibliche Beamte zur Bearbeitung von Fällen sexueller Gewalt ein. In von CARE gegründeten Väterklubs werden Männer zudem über sexuelle Gewalt, Gesundheit und Familienplanung aufgeklärt, auch in der Hoffnung, dass sich das Wissen so unter Männern verbreitet.

Finanzielle Autonomie als Ausweg

"Die Erfahrung zeigt, dass Frauen, die das Angebot in den Gemeindezentren nutzen, mehr Kontrolle über ihr Leben bekommen, besonders was Verhütung und Familienplanung betrifft", berichtet Yvonne Uwimana. Ein weiterer Schlüssel zur Eigenständigkeit seien Bildungsprojekte, in denen Frauen unternehmerisches Wissen beigebracht wird, um ihnen den Aufbau eigener Geschäfte zu ermöglichen. CARE startete im Herbst mit 100 Frauen ein solches Pilotprojekt: In Zusammenarbeit mit einem Geldinstitut vor Ort erhält jede von ihnen 120 US-Dollar Startkapital. In sogenannten "Village Savings and Loans Associations" (VSLA) sollen Frauen sich zu Wirtschaftsgemeinschaften zusammenschließen, um soziale und finanzielle Sicherheit und Autonomie zu erlangen.

Langfristig gesehen müssen sich jedoch auch die gesellschaftspolitischen Strukturen im Land ändern, um den Frauen Haitis mehr Rechte, Sicherheit und Eigenständigkeit zu ermöglichen. Das Frauenministerium hat im Herbst auf den Vorwurf, Frauenorganisationen würden zu wenig in die politische (Wiederaufbau-)Arbeit eingebunden, reagiert. Um den Anliegen der Frauen Stimme zu verleihen, wurde laut CARE im Dezember 2011 eine Serie von über 300 Themen-Gruppenworkshops gestartet, deren Ergebnisse bei einem Frauenforum am 12. März in Haiti präsentiert werden sollen. (isa/dieStandard.at, 19.1.2012)

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